Frankfurter Gemeine Zeitung

Politischer Klezmer-Punk in der Brotfabrik

Am Donnerstag Abend endete in der Brotfabrik ein ungewöhnlicher Auftritt mit der Aufforderung des Band-Chefs: „und verlasst nicht euren verlorenen Posten“! Nach zweieinhalb Stunden einer Musik, die furios quer durch Klezmer, Punkrock und deutsche Kinderlieder raste, zurrte Daniel Kahn damit das Band für das ganze Konzert, für seine Gruppe „The Painted Birds“ fest. Sie zeigte uns nämlich eindrücklich, dass sich politische Artikulation in die künstlerische einweben lässt, ohne gleich in langweiligen Agit-Prop Sound zu verfallen.
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Ob Daniel Kahn an dem Spielort in Hausen, der eher durch Salsaabende bekannt ist auf einer Blech Drehorgel Lili Marleen auf Jiddisch mit der Internationale mixt, eine Hardrockversion eines Berliner Kampfliedes aus den frühen 30er Jahren bringt oder sein Geiger den tiefen Schmerz bei seinem Klagelied ausdrückt – die Zuschauer staunen wegen der spielerischen Wechsel und dem Tempo des Sets.
Die Vielfalt der Gruppe mit jüdischen Wurzeln ist in der Tat beeindruckend: Kahn stammt aus dem amerikanischen Rust Belt, ist wie andere Gruppenmitglieder Amerikaner, lebt aber seit Jahren als Wahlberliner in der Hauptstadt. Er kommt eher aus der Tradition der amerikanischen Arbeiterbewegung als der von aschkenasischen Juden, singt Englisch, Jiddisch und Deutsch über Ghettos in den USA, Deutschland oder dem europäischen Osten, seien sie sozial, politisch oder aus der Liebe herrührend. Ein erstaunlich engagierter Internationalismus kam mit der Gruppe in die Stadt am Main, deren Internationalismus sonst eher vom Business beherrscht wird. Die Painted Birds vertraten dabei gleichsam die hier lebenden Immigranten, die mit ihrer Arbeit die Abfälle der internationalen Geschäfte wegräumen.
Einen Mißgriff gibt es allerdings zu vermelden: Daniel Kahn and The Painted Bird wurde am Abend von einer HR-Vertreterin der Preis deutscher Musikkritiker verliehen und in der Begründung davon gesprochen, dass es der Combo gelungen sei, aus dem Ghetto der Klezmer-Musik auszubrechen. Wem in der Jury dieser extrem dümmliche Link eingefallen ist wissen wir nicht, Daniel Kahn reagierte jedenfalls während des Spiels darauf, indem er sich für uns alle wünschte, niemals aus dem einzigen großen Ghetto ausbrechen zu müssen, in dem wir alle sitzen: die ganze Erde. Und dies schließt eben die Aufforderung ein: „verlasst nicht euren verlorenen Posten“.
Ein solidarischer Gruß nach Berlin: macht weiter so!

Der verlorene Posten oder der Titel der DVD “Lost Causes” könnten auch auf Slavoi Zizek und eines seiner jüngeren Bücher (deutsch) anspielen. Wir wissen es nicht, aber der Clip für ihre neue DVD lässt die Nähe zu dem kämpferischen Slovenen spüren.

Wir wissen aber, dass die Scheibe der folgende Satz von Walter Benjamin schmückt: “Nicht an das gute Alte anknüpfen, sondern an das schlechte Neue


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