Frankfurter Gemeine Zeitung

“Laßt uns über unsere Zukunft reden. Jetzt!” Ein offener Brief an Occupy Frankfurt

Wir haben Euer Papier “Laßt uns über unsere Zukunft reden!” wie andere Medien auch sofort auf unserer Site “Frankfurter Gemeine Zeitung” dokumentiert, weil das “occupy Frankfurt”- Label dranklebt.
Ich habe es heute zum ersten Mal gelesen und bin, wie soll ich sagen, a little shocked. Und zwar weil es sich um eine konventionell wirtschaftswissenschafliche Lesart des Themas handelt. Euer Text ist “Wirtschaftswissenschaft for Dummies”, ein Schnellkurs mit Grafiken, Literaturverweisen, mitgedachtem Powerpoint. Der Begleittext behauptet: “Ein zentrales Problem der gegenwärtigen Wirtschaftskrise ist die Komplexität der Sachverhalte und die generelle Unkenntnis über deren Zusammenhänge. ” Und Ihr verheißt dem “einfachen Bürger” wie dem “Bundestagsabgeordneten“, der nie so genau weiß, worüber er abstimmt, eine “Übersicht über Lösungsansätze, sowie die Zukunftswahrscheinlichkeit der Eurokrise und eine Analyse des Europäischen Bankensystems“. Das ist gut paternalistisch-aufklärerisch a la 18. Jahrhundert formuliert, oder im Newsspeak: “alles, was ist, ist nur ein Kommunikationsproblem” und wenn wir mehr von Betriebswirtschaft verstünden, wüßten alle, was zu tun ist. Erklär dem prekären Zelter vor der EZB und dem hochbezahlten Banker in der EZB die “Eurokrise” und sie werden erkennen, dass sie beide in EINEM Zelt sitzen.
Ihr fordert am Ende ultimativ: “Fange an Fragen zu stellen!” und das tue ich jetzt. Euer Paper fängt damit an, “die wirtschaftliche und finanzpolitische Situation der Eurokrise objektiv darstellen” zu wollen. Wieso? Gibts zum Faktischen der Eurokrise nicht schon bergeweise Artikel? Sind die nicht objektiv und ihr seids? Ich dachte: occupy wäre eine engagierte politische Bewegung, die bestimmte Interessen verfolgt, nämlich die der 99%. Aber o.k., angenommen: Ihr seid objektiv, warum ist an keiner Stelle dieses 29 Seiten langen Papiers von der Schere zwischen Arm und Reich in Europa und der Welt die Rede, an keiner Stelle davon, dass Banken z.B. über Nahrungsmittelspekulationen am Hunger von Millionen verdienen, an keiner Stelle von Machtverhältnissen, von unterschiedlichen Lagen und individuell verschiedenen wirtschaftlichen Interessen der Bevölkerung EINES Landes? Warum ist überhaupt nirgends die Rede von lebenden Menschen, stattdessen lese ich von “Griechenland”, “Irland”, “Portugal” “Belgien” “Spanien”, “Italien”. Im Occupy- Frankfurt-Original Sound klingt das so:
Wir gehen davon aus, dass Griechenland, Irland, Portugal und voraussichtlich auch Belgien ihre Verpflichtungen nicht einhalten können und einen Schuldenschnitt erhalten. Wie oben genannt, ist das Hauptproblem, dass Investoren nicht bereit sind, Italien und Spanien weiterhin Geld zu leihen. Italien und Spanien sind somit nicht in der Lage, ihre Schulden zu refinanzieren.”
Mein Hauptproblem ist: Es langweilt mich zu Tode, was Euer “Hauptproblem” ist, denn das habe ich schon überall gelesen. Aber: Worin bitte bestehen die “Verpflichtungen” sagen wir einer belgischen Putzfrau Europa gegenüber? Von wem redet Ihr, wenn Ihr von Griechenland, Spanien, Italien redet, als wären das jeweils einheitliche Subjekte? Warum wird an keiner Stelle in Eurem Papier gefragt, wie Gerechtigkeit jenseits von Investoreninteressen geschaffen wird? Die “Eurokrise” wird in Eurem Papier wie von CDU und FDP nur als eine plötzlich auftauchende “Schuldenkrise der Staaten” definiert – und nicht als Krise der Banken, der Finanzmärkte, der Demokratie, des Kapitalismus oder gar als “Krieg der Banken gegen das Volk” wie das inzwischen selbst in der FAZ zu lesen ist-und zwar von einem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler, der in der amerikanischen Occupy-Bewegung mitarbeitet. Warum findet sich davon nichts in Eurem Papier?
Warum übernehmt ihr kommentarlos Grafiken der berüchtigten Ratingagentur “Standard & Poors”, als würden sie eine quasi objektive Realität abbilden? Worauf beruhen “Zukunftswahrscheinlichkeits”- Berechnungen von 14 oder 60 oder 21 Prozent? Warum sind es nicht zum Beispiel 15 oder 61 oder 20 Prozent? Mit welcher Art von Exaktheit arbeiten solche Berechnungen?  (Und schreibt sich dieser “Dirk Benzemer”, dessen Buch zur Krise ihr am Ende tatsächlich ALS EINZIGES empfehlt, nicht eigentlich ohne “n”?)
Ich lese auf Eurer Facebooksite , dass das Papier von nur drei Autoren verfasst wurde. Dem Papier selbst ist dazu keinerlei Informnation zu entnehmen. Warum nicht? An uns und andere Medien verschickt wurde es als “OCCUPY FRANKFURT BIETET SZENARIOANALYE DER EUROKRISE”-für die internationalen Medien auch gleich noch auf Englisch, obwohl ihr schön paradox auf S. 3 schreibt: “Diese Übersicht repräsentiert keine Ansicht der Occupy-Bewegung.” Ja, was nun? Hat jemand von occupy außer den drei Autoren vorher mal in das Papier geschaut?
Ich lese weiter auf Eurer FB-Site, ein Banker habe mitgearbeitet an dem Papier, dafür “seinen Job riskiert” usw. Das ist schön, aber offen gesagt: ich kann in dem Papier nichts entdecken, wofür ein Banker seinen Job riskieren müsste. Warum habt ihr Euch nicht den Sachverstand von anderer Seite geholt, z.B. von Wissenschaftlern, die sich seit Jahrzehnten mit dem Finanzsystem beschäftigen?
Aber sei´s drum. Ich möchte dem beteiligten Banker zu seinem persönlichen Mut und Engagement gratulieren. Das Papier als Papier eines Bankers ist wahrscheinlich mutig.
Aber: das Papier als Papier von occupy Frankfurt ist feige.Ich möchte keine “Diskussion anregen”. Ich wünsche mir: mehr Mut. Von Euch, von uns, von mir, von allen.
Wir gehören nicht zu dem “wir”, das dieses Papier verkündet.
Wir aber, das imaginäre WIR sollten uns ein Motto vom Erzkapitalisten Steve Jobs zu Herzen nehmen. Das hieß nicht: “Laßt uns uns Apples Gewinne steigern”, sondern:

“Laßt uns eine Bresche schlagen ins Universum!”

Well, das, my friends, ist die Aufgabe.


11 Kommentare zu ““Laßt uns über unsere Zukunft reden. Jetzt!” Ein offener Brief an Occupy Frankfurt”

  1. Florian

    Cooler Text. Es ist aber, glaube ich, immer das Problem von jungen politisch Aktiven, dass sie meinen, die Komplexität der Welt längst durchschaut zu haben und jetzt nur noch allen erklären zu müssen. Ist aber irgendwie auch sympathisch, dass zwei bis drei Experten, die schon mal angefangen haben, das Manifest der Occupybewegung zu schreiben, kurz vor Versenden an die Medien der Welt darauf hingewiesen wurden, dass das aber nicht die Meinung von ganz Occupy-Frankfurt ist. Und das dann eben noch schnell mit reingenommen haben.

  2. EZBfern

    Oh, die naiven, jungen politisch Aktiven! Warum jung?
    Die “Komplexität der Welt” könnte auch von Minister Schäuble stammen.

  3. Wohlgemuth

    Es ist schon eigenartig, dass Inhalte und beworbene Gesprächspartner bei Occupy Frankfurt oft so unideologisch sind wie Redner bei der Industrie- und Handelskammer oder bei einem Proseminar Wirtschaftspolitik am Deutsche-Bank-Lehrstuhl.
    Mal was wirklich anders als das übliche Blätterwald-Bla-Bla kommt dabei nicht zustande, obwohl es andere Stimen gibt. Traurig.

  4. Bert Bresgen

    Habe eine kleine Diskussion dazu auf der Facebooksite von occupy geführt: http://www.facebook.com/#!/OccupyFfM/posts/174203982677955?notif_t=feed_comment
    Ich glaube nicht, dass der Verfasser ein junger politischer Aktivier ist, dazu hat das Paper oberflächlich eine zu professionelle Anmutung: alles schön mit Schaubildern etc. Verschiedenes deutet darauf hin, dass der Anteil des Bankers an dem Papier größer ist, als ich angenommen habe. Andererseits habe ich das Angebot bekommen, einen Thread dazu in einem occupy forum an zu legen

  5. Florian K.

    Naja… schockiert bin ich nun weniger. Und im Übrigen glaube ich, dass die Autoren tatsächlich junge politisch Aktive sind. Unter die optisch ansprechende Aufmachung haben sich dann doch recht viele Fehler in Bezug auf Rechtschreibung und Grammatik in den Text geschlichen. Außerdem würde dies erklären, warum die Autoren so überzeugt davon sind, mit diesem Text eine bahnbrechende “Szenarioanalyse” geschaffen zu haben.
    Aber eigentlich ist das Nebensache.

    Viel nachdenklicher stimmt mich die Tatsache, dass wir das “Papier “Laßt uns über unsere Zukunft reden!” wie andere Medien auch sofort auf unserer Site “Frankfurter Gemeine Zeitung” dokumentiert [haben], weil das “occupy Frankfurt”- Label dranklebt”.

    Dies sollten wir insbesondere mit Dokumenten von Occupy nicht tun.
    Denn im Vergleich zu dem, was andere Personen schon im Rahmen von Occupy propagiert oder unter der Hand mittransportiert haben, erscheint mir das Manifest der drei netten mutmaßlichen Jung-FDPler doch eigentlich richtig niedlich.
    Ich möchte da nur einmal an Georg Schramm und seine Arbeitslager und “mittelalterlichen Geldverleiher”, die Zeitgeistler oder die Querverbindungen von einzelnen Occupisten zu den Freien Wählern & Co. erinnern.

    In diesem Sinne sollten wir doppelt genau prüfen, wenn das Label Occupy daranklebt.

    Dies spricht allerdings nicht gegen die Bewegung Occupy selbst, die sich bewusst als heterogene Bewegung aufgestellt hat.

    Traurig an dem Manifest ist aber, dass es gewissermaßen eine Kapitulationserklärung darstellt. Für die darin gewonnenen “Erkenntnisse” hätte man nicht vor der EZB campieren oder das Bankenviertel umzingeln gebraucht.

    Doch die Frage bleibt: Was hätte Occupy im Idealfall erreichen können?
    Die Antwort “Fragen stellen und sich informieren”, die im Text gegeben wird, ist nicht das schlechteste Ergebnis.

  6. hi

    Du meinst, diese Zeitung sollte einen Dokumentarfilm nicht zeigen, weil da in Minute 17 ein gefilmter was falsches sagt? Na klasse!M

  7. Bert Bresgen

    Wir sollten ihn natürlich zeigen, aber dann eben auch kommentieren, wo´s nötig ist, und das hat Florian im Bezug auf den “Partei der Vernunft”-Menschen u. die Schramm-Äußerung getan und Bernhard im Bezug auf Fiedler vom DGB. Der Dokumentarfilm ist ja kein bloßes Dokumentieren dessen, “was war”, sondern hat eine Tendenz. Der Schrammsatz kommt im Ausschnitt mißvertändlich rüber, dazu schreibe ich aber lieber noch etwas unters Video direkt als hier.
    Generell : was wichtig ist, dokumentieren, aber kommentieren if necessary. Damit zeigen wir nebenbei, das wir das, was wir posten, auch tatsächlich gelesen oder angeguckt haben :-)
    Das Szenario haben wir dokumentiert, weil es die Occupies
    selbst so hoch gehängt haben: “wollen damit Diskussion anstoßen, Debatte anregen usw.”… Wie auch immer: da wir es kommentiert haben, wie es ihm gebührt, sehe ich kein Problem. Würde es aber trotzdem nicht als “Manifest” bezeichnen u. jetzt Grabgesänge auf occupy Frankfurt anstimmen. Es ging ihnen wohl eher darum, sich überhaupt einmal “substantiell” zu Wort zu melden (bescheiden genug).
    Das Papier wurde auch von Occupies kritisch aufgenommen u. soll ergänzt, bzw. um ein neues Papier erweitert werden. Dazu soll/kann ein occupyForum eingerichtet werden. offenbar haben die Frankfurter, anders als die Ami-Occupys wenig Input von symphatisierenden Wissenschaftlern usw.

  8. gaukler

    Na ist doch alles super: es wurde occupy dokumentiert und dann diskutiert, was will man mehr.
    Bei der fehlenden Unterstützung weiss ich nicht so recht: da gibt es viel Gerede bei Occopy um “unideologisch”, das selektiert vor.

  9. Florian K.

    Ich habe zu der Rede von Georg Schramm in dem entsprechenden Artikel auch noch einen Kommentar angefügt.

  10. gaukler

    Nebenbei: in der Mitte Occupy Canp vor der EZB dient dieses Papier, verteilt auf einer mehreren Quadratmeter großen Fläche tatsächlich immer noch als zentrale “Selbstdarstellung”.

  11. rails

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