Frankfurter Gemeine Zeitung

Willkommen im Europaviertel

Redebeitrag der “Stadtteilinitiative Koblenzer Straße” (Frankfurt-Gallus) zur WemgehoertdieStadt/Occupy Demo am 17. Dezember 2011

Es geht uns heute um die Dynamik der Vertreibung.
Vertreibung von dort wo man nicht weggehen will.
Vertreibung von dort wo man nicht hin will.
Die Ordnungsgeschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Vertreibungen. Und wir sind lange noch nicht in dem Paradies angekommen, in dem Vertreibung nicht mehr möglich ist und nicht mehr möglich sein wird.
Auch die Geschichte des Gallus ist eine Geschichte der Vertreibungen. Und indem die Bankentürme, die Hotels und Prachtstraßen des Europaviertels immer näher kommen, wirkt diese Geschichte nun über die letzten Jahre, ästhetisch wie materiell, extrem zugespitzt.
Wir dürfen darüber aber nicht vergessen, dass die Geschichte des Gallus – vielleicht mehr als die der meisten anderen Stadtteile in Frankfurt – immer schon eine Geschichte der Vertreibung von der Peripherie in die Stadt war. Die Vertreibung in das Arbeiterviertel der Großindustrie von Adlerwerke, Höchst bis Braun. Es ist die Geschichte derjenigen, die sich in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft hier niedergelassen haben. Die Arbeitsmigranten und Migrantinnen, die das Gallus bis heute so geprägt haben und weiter prägen bis sie jetzt nach und nach aus dieser ihrer heutigen Heimat vertrieben werden. Wohin? Sicher nicht in die schicken neuen Europaviertelwohnungen oder sonst irgendwohin in einer unbezahlbaren Innenstadt.

Europaviertel - das Gallus kann man von hier aus fast nicht mehr sehen

Europaviertel - das Gallus kann man von hier aus fast nicht mehr sehen

In den letzten Jahren verdichtet sich die Geschichte des Stadtteils auf einmal extrem. Es ist die bekannte Beschleunigung der Stadtteilentwicklung, bei der, in nur kurzer Zeit, auf die Studenten, Künstler und die prekären Scheinselbstständigen die Penthouses des Europaviertel folgen.

Bis dato hatte niemand viel vom Gallus erwartet. Viel Infrastruktur lag seit Jahrzehnten brach. Im Gegensatz zu den aufgehübschten östlichen Stadtteilen Nordend oder Bornheim, gab es und gibt es hier wenige, die sich um Spielplätze, Grünanlagen, nette Cafes, oder gar Zentren der Sub- und Alternativkultur kümmern würden.
Noch vor wenigen Jahren bezeichnete eine Frankfurter Zeitung das Gebiet zwischen der Galluswarte und dem Galluspark als regelrechte “no go” Zone, in der die Migrantenmafia ein völlig vom Rest der Welt abgekoppeltes Leben führen würde und der deshalb stadtteilentwicklungstechnisch und zivilisationstechnisch eigentlich nicht mehr zu retten ist.

Gallus, “a failed” Stadtteil? Das war vor gerade mal 3 Jahren. Heute würde sowas wohl niemand mehr in die Zeitung setzen, assoziieren doch viele mittlerweile neben den altbekannten Vorurteilen auch ganz andere, positiv besetzte Entwicklungen. Die Kioske an der Galluswarte werden zu Glasfasadencafes umgebaut und das Kiosk in der Koblenzer Straße wird wohl höchstwahrscheinlich einem Hotelbau für Messegäste zum Opfer fallen.
Wie sich die Zeiten ändern – Wer heute im Internet im Stadtteil Gallus, nach einer Wohnung sucht wird überschwemmt mit Angeboten hoch- und neuwertiger Penthousewohnungen im schon bestehenden oder noch zu bauenden Europaviertel; für über tausend Euro kalt pro Monat, versteht sich. Es gibt Wohnungen, noch und nöcher an der halben Millionengrenze und darüber zu kaufen. Und die HausbesitzerInnen überschlagen sich plötzlich in einem bisher nicht gekannten Drang ihre Hausfasaden zu verschönern, in der Hoffnung endlich für die lange Durststrecke reich entlohnt zu werden.
Aufbruchstimmung also im Europaviertel Gallus. Aufbruchstimmung, das heisst also auch: die nächste Runde der Vertreibungen steht an! Wer ist schuld an dem ganzen Scheiß?

Schuld sind nicht die Banker, nicht die Finanzhaie, nicht die Heuschrecken. Schuld sind auch nicht die Immobilienspekulanten und auch nicht die Politiker, schon gar nicht “die da Oben!”.
Schuld ist der Kapitalismus!

Schuld ist diese symbolische Ordnung von der wir alle ein Teil sind und die deswegen existiert, weil 99% sie stützen; weil 99% zu denen wir alle auch immer wieder selbst gehören. Wir sprechen diese Ordnung immer wieder aus. Wäre dem nicht so, gäbe es diese Ordnung nicht, und dann gäbe es auch keinen Kapitalismus der jegliche Lebensaspekte durchdringt!
Denn drei Mal dürft ihr raten wer vor den coolen Typen und Mädels von der SIKS hier in der Koblenzer Straße gewohnt hat. Dreimal dürft ihr raten, wer vor den ganzen Studenten, Kulturschaffenden, Linken, Punks, Künstlern hier im Gallus gewohnt hat.
Als wir vor vielen Jahren in die Koblenzer 11 eingezogen sind, wurde nur wenige Monate später die letzte Familie aus diesem Haus abgeschoben. Gerade in diesen Monaten wird das letzte “offensiv migrantische” Haus in der Koblenzer kernsaniert und dessen Bewohner mussten nur vor wenigen Wochen schließlich reiß aus nehmen, während Teile unseres und eures Engagement im Stadtteil ganz sicher in Zukunft dazu inspirieren werden Bäume zu pflanzen, Kreisel zu begrünen, und ganz allgemein zur „lebbaren Stadt“, heißt: zur Innenstadtbefriedung, bei zu tragen.

Für die Generation der GallusbewohnerInnen vor uns sind in den letzten Jahren einfach entschieden zu viele Menschen in die Stadt gekommen, die eigentlich aufs Land gehören, weil ihnen die Stadt eigentlich zu laut, zu dreckig, zu gefährlich ist. Es gibt hier zu viele Autos, and allen Ecken wird man beklaut, mit Drogen beworfen und ständig machen die Nachbarn eine Art Krach, der einem kulturell nicht genehm erscheint. Deswegen muss heute alles begrünt, befriedet, befußgängerzont, und kulturell bearbeitet werden.
An all dem kann man sehen, dass wir im Kapitalismus immer schon selber Teil des Problems sind. Und wenn wir uns dessen nicht bewusst sind werden wir das System niemals überwinden können. Wir sind auch Teil des Problems wenn wir glauben, dass wenn “die da Oben” weg sind, die Banken abgeschafft, die Finanzhaie und Spekulanten an die Wand gestellt wurden, dass dann das Problem gelöst wäre.
Wenn “die da Oben” weg sind und der Ackermann zum Teufel gejagt wurde, dann sind nämlich die ganzen Anderen da Oben! Also genau die 99%, die schon vorher diese symbolisch Ordnung waren und diese bisher doch auch schon immer gestützt haben. Und dann geht der ganze Scheiß von vorne los.
Genau deswegen müssen wir die 1% werden. Also genau diejenigen, die der ewigen Wiederkehr des Immergleichen, der immergleichen Fahnen, Slogans, Ressentiments, und Vorurteile, der ewigen Tretmühle des “die da Unten gegen die da Oben” etwas entgegensetzen, und erst dadurch die ewige Widerkehr der immer gleichen Vertreibungen stoppen können.
Dazu müssen wir erst die Selbstgewissheiten und Selbstgefälligkeiten unserer eigenen inneren, basisdemokratischen Mehrheitsmeinung überwinden. Bunt, schrill, laut, schräg und leise, nicht nur gegen die Anderen sein, sondern auch gegenüber unseren eigenen Selbstsicherheiten.
Denn nur so können wir durch das immer alles zum normativen Normalen machende System des Kapitalismus hindurch gehen. Einen anderen Weg gibt es nicht. Ein langer und steiniger ZickZack-Weg ist das, bei dem man nicht oft genug über die eigenen Hacken stolpern sollte.
Aber es ist unserer Meinung nach der einzige Weg im Angesicht der perfiden Logik des Immergleichen und der Vertreibungen.

SIKS – Stadtteilinitiative Koblenzer Straße


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