Frankfurter Gemeine Zeitung

Pie in the Sky- Eine Brücke zwischen der Wirklichkeit und der Utopie

Pits

Ist es ein utopisches Versprechen oder gar eine illusionäre Idee, wenn der Songwriter Joe Hill den Arbeitern Anfang des 19. Jahrhunderts zynisch prophezeit:

“You will eat, bye and bye,
In that glorious land above the sky;
Work and pray, live on hay,
You’ll get pie in the sky when you die”

Wo verläuft die Grenze zwischen dem Gewünschten und der Wirklichkeit? Wie gelingt es, künstlerisch diese Thematik aufzugreifen und darzustellen?

Flaka

Basim Magdy und Flaka Haliti, zwei Künstler, die aus zwei Positionen eine Brücke zwischen Utopie und Wirklichkeit bauen. Beide schaffen einen Dialog mit der Intention, das (un)sichtbare sichtbar zu machen. Sie präsentieren in der Plattform Sarai zwei Videoinstallationen.

Die Videoinstallation von Haliti besteht aus zwei Teilen. Bereits beim Betreten des Raumes wird der Zuschauer durch die melancholischen Klänge des ersten Videos in den Bann gezogen. Dann entdeckt man die Projektion auf der Wand: ein Musikvideo der albanischen Band „Jericho“, gedreht 2005, lange Zeit in den Musikcharts. Das Video spielt auf einer öffentlichen Straße. Es sind weniger die Musiker, die die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich ziehen, sondern die Bilder im Hintergrund: Fotos von „Missing people“, Opfern des Kosovo-Krieges (1998-99). Denn den Hinterbliebenen widmet sich das Lied „Kur do t’pushojë kjo kangë“ (“When is this song goint to rest?“).

Dem gegenüber steht ein kleiner Monitor, der erst auf den zweiten Blick dem Betrachter ins Auge fällt. Nachdenklich sehen die Menschen aus, die sich mit Kopfhörern davor niedergelassen haben. Auf dem schwarzen Monitor ist nichts anderes zu sehen außer leuchtente Zeilen mit englischen Untertiteln: die Übersetzung einer Diskussion in albanischer Sprache über die ethische Vertretbarkeit der Darstellung von Kriegsopfern in der modernen Kunst.

Durch die Gegenüberstellung dieser beiden Elemente gelingt es Haliti einmal anders über die Ethik der künstlerischen Darstellung nachzudenken, wenn es um die mediale Ausbeutung der Opfer (victimization of victims) geht.

Der Titel des Songs “When is this song goint to rest?” ist vermutlich auch die Schnittschnelle zu dem Film von Basim Magdy.

Magdy

Inspiriert durch Diogenes’ Suche nach einem ehrlichen Menschen setzt sich der Künstler Magdy in seinem Film „Mein Vater sucht nach einer ehrlichen Stadt“ mit der Thematik der idealistischen Suche auseinander.

Diogenes von Sinopes, ein griechischer Denker, Philosoph, ein Schüler Sokrates war bekannt für seine provokante und zynische Art des Infragestellens des allgemein Anerkannten. Er war im antiken Griechenland kein gewöhnlicher Gelehrter, der lange Reden hielt und unzählige Schriften verfasste; sein Verständnis von Lehre war die Aktionsphilosophie. Zum Beispiel suchte er mit einer Laterne am helllichten Tag auf dem überfüllten Athener Marktplatz provokant nach einem ehrlichen Menschen: Nicht einmal das Tageslicht reichte für seine vergebliche Suche aus. In seinem auf Super 8 gedrehten Film begibt sich der Vater des Künstlers Magdy auf die Suche nach einer ehrlichen Stadt:

Ein alter Mann, der mit seiner Taschenlampe durch menschenleeren Straßen läuft, im Hintergrund das Rauschen des Windes und des Wassers. Die Tonspur klingt nach prasselndem Regen, doch auf dem Videobild ist im grellen Sonnenlicht nur eine Wasserfontaine aus einem Erdloch zu sehen. Weit und breit nichts als streuende Hunde, triste Bauten, eine unwirtliche, fast unbewohnte Stadt. Ort und Zeit scheinen irrelevant zu sein. Die Frage, ob Magdys Vater bei seiner Suche nach einer ehrlichen Stadt fündig wird, lässt dieser Film offen.

Die gemeinsamen Schnittpunkte der Werke werden nach der kurzen Einführung der Kuratorin Didem Yazici deutlicher. Haliti und Magdy begreifen die Sensibilität und Komplexität der sozialen Konflikte. In der Verarbeitung dieser Wirklichkeit steckt die Utopie der Wünsche, aber auch die Darstellung dessen, was mit diesen Wünschen passieren kann, wenn die Träume auf die Realität stoßen. Die Wunden des Kosovokrieges werden nie heilen, auch wird die Suche von Magdys Vater nie aufhören. Genauso wenig erwartet uns der von Joe Hill zynisch zugesicherte „Kuchen im Himmel“. Doch obwohl es zunächst nach einem aussichtslosen Dilemma aussieht, scheint die Suche selbst doch etwas Hoffnungsvolles zu haben. Die Ausstellung lässt genug Raum für unendliche Interpretationen. Sie hat keine direkte politische Botschaft. Magdys Arbeit widmet sich eher den Problemen der Urbanität, als den der generellen Politik und Flakas Installation thematisiert die Frage, inwieweit es ethisch vertretbar ist, die Opfer von Politik in einem Kunstwerk zu „instrumentalisieren“. Für den Betrachter gilt: Jede gestellte Frage ist auch der Anfang für etwas Neues!

Pie in the sky wartet noch auf Ihre Interpretation!

FLAKADIDEM

Was: Pie in the Sky, curated by Didem Yazici
Wo: Platform SARAI, Schweizer Str. 23 HH, 60594 Frankfurt am Main
Wann: bis zum 10.01.2012
Medien: http://nichewo.net/
In den nächsten Wochen erscheint ein Ausstellungskatalog.
https://www.facebook.com/events/203884846352772/.


Basim Magdy
Born in Assiut, Egypt in 1977, Basim Magdy currently lives and works in Basel, Switzerland and Cairo, Egypt. Magdy works with different media including drawing, painting, animation, installation, sculpture, film, video, sound and printed matter. He is particularly interested in creating narrative structures that explore the space between reality and fiction and its influence on science, history, global culture and the dissemination of knowledge. His work appeared recently in solo and group exhibitions Argos Art Center, Brussels; Kunsthalle Wien, Vienna; Institut Mathildenhöhe, Darmstadt; 1st D-O ARK Underground Biennial, Konjic/Sarajevo; Massachusetts Museum of Contemporary Art (MASS MoCa), North Adams and 2nd Ateliers de Rennes Biennale d’art contemporain, Rennes among others.

Flaka Haliti
Born in Pristhina in 1982, Flaka Haliti lives and works in Frankfurt am Main. She graduated from the Academy of Fine Arts, Pristina University (2005), and is currently continuing her studies at Staedelschule, Frankfurt. Haliti works with conceptual language, and uses various mediums including video, sound, installation, photography and performance Her work has been shown in solo and group exhibitions, presentations, symposiums and workshops internationally. Flaka Haliti is the winner of the First Prize in “Agriculture and Banking”, organized by Staedelschule Frankfurt/Main and Rentenbank, Frankfurt am Main (2009).

Didem Yazici
Didem Yazici (1986) is a freelance writer and curator, living in Kassel and Frankfurt. She contributes to exhibition catalogues, and art magazines and publications including RES Art World, Artam Global Art, Nowiswere,Sanat Dunyamız and the Turkish daily newspaper Radikal. Currently she is studying at the Curatorial Studies MA in Staedelschule and Goethe University (Frankfurt) and working in Public Programs in dOCUMENTA(13).

Fotos & Mitarbeit: Merzmensch


8 Kommentare zu “Pie in the Sky- Eine Brücke zwischen der Wirklichkeit und der Utopie”

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