Frankfurter Gemeine Zeitung

Unglaubwürdigkeiten

Müde plätschern Meldungen über Pro- und Kontra-Argumente zu einem möglichen NDP-Verbot von den großen Web-Portalen der Tageszeitungen ins Gedruckte, lahm wie schon seit Jahren. Dazwischen huschen Meldungen über eigenartige, illegale Vorgänge bei der Polizei in Sachsen, auch zum wiederholten Male, ohne Folgen, als kleine Notizen. Nach den großen Reden zur Nazi-Mordserie quer durch Deutschland, zum ideologiefreien Kampf gegen Rechts- genau so wie Linksradikalismus fordert die CSU jetzt in einer Art ausgleichenden Gerechtigkeit das Verbot der Partei die Linke. Kaum jemanden interessiert auf diesem Hintergrund, dass die Berliner Regierung aktiv gegen anti-nazistische Gruppen agiert, oder sogar „die Linke“ ein bevorzugtes Ziel gerade solcher Nazigruppen bietet, die als Etappe der Mörderbanden funktionieren. Mit Erstaunen registrieren die wenigen Interessierten nach ein paar Wochen „wichtig!“, dass keine investigativen Scharen das Gemenge von braunem Alltag und passendem Milieu in der Exekutive millimetergenau ausmessen, ein Gebräu, das so vielen Menschen in den letzten Jahren das Leben kostete.

Die große Medienschar beschäftigt sich seit einem Monat schlicht andernorts: die mächtigen deutschen Pressekonzerne kämpfen gegen die Verknüpfung von Wirtschaft und Politik und für die Pressefreiheit, Glaubwürdigkeit bei ganz oben und für ganz Deutschland. Diesen Kampf bestreiten sie allerdings auf Zwergenniveau, zum tölpelhaften Verhalten einer Präsidialfigur, die in Deutschland nur zu besinnlichen Reden dient; einer etwas armseligen Figur, die sich in Vorgänger wie Lübke einordnet, der als KZ-Konstrukteur Gäste mit „Liebe Neger“ ansprach, oder einem Nachfolger, der sein Amt über den Gesang eines „Hoch auf dem gelben Wagen“ in unserer Erinnerung bewahrte.

Ein Witz von Ersatzhandlung bietet sich uns allen, eine Realsatire der Berliner Medienrepublik: es geht um ein paar tausend Euro unter einem günstigem Kredit, und einen daran gekoppelten Aufreger auf einer Mailbox. Aus solchen Geschichten über einen Repräsentanten aus der Welt der vielen bunten Bilder kann in Deutschland leicht viel Quote kommen, die Währung im großen Mediengeschäft.
Sie funktioniert im Idealfall sogar als wohlfeile Selbstdarstellung. Man fasst es kaum: der Schrei nach Pressefreiheit ertönt für den Axel Springer Konzern, die Bild-Zeitung. Diese Verteidigerin der Pressefreiheit zeigt allerdings lässig „den Leuten draussen im Lande“, dass sie über einzelne Sätze in ihre Tele-Apparate hinein schnell die höchsten Ämter umpflügen kann.

Mehr noch: nachdem der Spiegel-Konzern Jahre rund um Bundeskanzler Schröder das Gesumpfe um Unternehmer-Clans südlich von Hamburg aufhübschte und mit passenden Kampagnen gegen Gewerkschaften garnierte, stößt sogar die Augstein-Familie liberale Entsetzensrufe über das Ende der Demokratie in die bundesweite Öffentlichkeit aus. Während SZ-Franziska in der Art von Angela Merkel konstatiert, dass wir doch hier nicht im lottrigen Frankreich seien, wo der (mächtige) Präsident mit harrschen Mitteln gegen unbotmäßige Blätter vorzugehen versucht, sieht der Freitag-Verleger Jakob Augstein tatsächlich Deutschland durch den (machtlosen) Wulff in ein Berlusconi-Land verwandelt! Der hypotheken-belastete Besitzer eines kleinen Einfamilienhauses nimmt die deutschen Medienkonzerne in die Zange, toppt sie gar alle zusammen durch einen Mupfer? Welch ein Schwachsinn, Inkompetenz, ja Verlogenheit im Klima der Großmedien.

Im Wichtigtuerklima werden auch schnell mal Hilfskräfte wie Vera Lengsfeld angeführt, die niemand mehr kennt, aber als erste CDUlerin mit ihrer Rücktrittsforderung dauerzitiert wird. Schreibt sie doch bei der „Achse des Guten“, dem rechtspopulistischen Blog des Axel Springer Kolumnisten Henryk M. Broder, welch ein Zufall! Zu Lächerlichkeiten wie Rechnungen für Übernachtungen an eigene Freunde, wie sie der mediale Speckgürtel in Berlin absondert, schweigt man besser.
Während nach Rot-Grün ein Regierungs-Kabinett problemlos wohldotierte Jobs in der Großindustrie akquirierte, üben gegenwärtig Hundertschaften aus Partei- und Zeitungsbüros zwischen Mailboxen und Anwaltskanzleien den Austausch einfacher Dateien und Dokumente um einen günstigen Häuslekredit, anschließend am besten garniert mit einem gemeinsamen Talk beim Austernitaliener, später am Abend. Mit den paar Dokumenten um Herrn Wulff machen sich die Edelfedern und Parteimanager bei ihrer großartigen Verteidigung der Glaubwürdigkeit die Hände gewiß nicht schmutzig.

Gänzlich anders präsentiert sich die Presselandschaft dagegen bei den relevanten Umständen von Herrschaft: selbst die moderate Wissenschaftler der Otto-Brenner-Stiftung bescheinigen dem deutschen Wirtschaftsjournalismus ein fast komplettes Versagen in den ökonomischen Umwälzungen der letzten Jahre, eine Hörigkeit der Berichterstatter bei Bilanzpressekonferenzen – gerne austaffiert mit informativen Weltreisen auf Kosten des Hauses.
Problemlos räsonieren auch Involvierte die Tage rund um Berlin, dass Minizinsen für Millionäre selbstverständlich sind. Ganz anders als bei klammen Hypothekern oder gar HartzIVlern, bei ihnen sind 19% im Jahr schon mal gerechtfertigt – gelobte Marktwirtschaft, hier ist die Welt noch in Ordnung. Noch eine andere Attitude passt zu solch trüber Brühe: Politik und Medien bearbeiten einträchtig die deutsche Öffentlichkeit mit großen Vorbildern für Disziplin, sie himmeln China, Singapur und andere autoritäre Wirtschaftsdemokratien regelrecht an. Auf dass es endlich auch über uns Verwöhnte komme!

Keine Frage: für die Glaubwürdigkeit gibt die Maschmeyer-Provinz halt eine bessere Bühne als Frankfurt, lieber AWD als UBS oder Deutsche Bank. Aus Frankfurter Perspektive ein Witz, die Millionen des Drückerchefs gegen die Milliarden am Main. Selbst als Personalie kommt das gegenwärtige Berliner Lüftchen lächerlich daher: hier in Rheinmain wurde ein Ministerpräsident in den Vorstand der Schweizer Bank UBS, des größten Vermögensverwalters der Welt gewählt; und zwar nachdem seine Landesregierung als kriminelle Vereinigung agierte und ein ganzes Team von Steuerprüfern mit Berufsverbot belegte, das mit Vergehen bei eben solchen Vermögensverwaltungen in Frankfurt beschäftigt war. Die Kaltstellung geschah in stalinistischer Manier mit einem betrügerischen Psychiater, der willig staatlichen Instanzen diente.

(Ach so, dieser (ein bißchen mächtige) Ex-Ministerpräsident wurde gleich noch Chef des Bau-Multis Bilfinger&Berger, aber den kennt er sicher schon aus der Zeit, als seine Familie die standortgerechte Planierung des Frankfurter Vororts Eschborn politisch besorgte)

Was ist dagegen das gegenwärtige Berliner Affärchen? Wo sind die 100 recherchierenden, gut ausgestatteten Journalisten am Main für diese Sachen?

Noch mehr gilt der Befund einer strukturellen Schwäche bei kritischer Medienarbeit an den Verstrickungen der Wirtschaft, den Zusammenhängen der Lohnarbeit von unten her, den fragwürdigen Rollen von ökonomischer Wissenschaft – nur um einige Beispiele zu nennen. Die Macht baut sich durch ökonomische Kontexte zwischen 4 Euro Putzkraft im Euro-Tower und den klandestinen Freudenfeiern in den Kronberger Villen auf, vom House auf Finance bis in die Frankfurter Zukunftsstiftung.
Aber solches Tiefbohren bringt wenig Quote, und in den diskreten Etagen riecht es einfach zu oft nach dem eigenen Stall. Daher verteidigt die „vierte Gewalt“ die Demokratie lieber mit Schrebergartengeschichten – keine Hände schmutzig machen, nicht durch Sümpfe waten.
Dabei habe ich noch nicht einmal damit angefangen zu fragen, wie es in der Mediengesellschaft angeblicher Post-Privacy möglich wird, dass ohne längeres Nachfragen meist benachteiligte Leute in öffentlichen Institutionen erschossen, verbrannt oder erschlagen werden. Es ist möglich, ohne dass die entsprechende Kultur umgepflügt wird.


3 Kommentare zu “Unglaubwürdigkeiten”

  1. Bernhard

    Zum Thema Sachsen ein sehens- und empfehlenswertes Video (via Youtube):
    http://www.youtube.com/watch?v=1IyyHfczgA8&list=PLE42F91D57F812DA5&index=2&feature=plpp_video

    Schönes Neues Jahr!
    Greetz
    Bernhard

  2. Bert Bresgen

    Es erscheint mir problematisch, die Berichterstattung über Maschmeyersche Umtriebe gegen die über die UBS oder die Deutsche Bank auszuspielen. Maschmeyer ist über Bernd Rürup direkt in die Privatisierung der Altersversorgung und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung verwickelt- und 650 Millionen Euro Privatvermögen sind m. E. auch kein Pappenstil. Die Rechercheprobleme des NDR gegenüber Maschmeyer, wo es um “einstweilige Verfügungen” gegen Ausstrahlungen ging, laßen sich nicht mit der Anrufbeantworterskandalisierung von BILD vergleichen. Und die FR hat andererseits ausführlich über die Psychiatrisierung der Steuerfahnder in Hessen recherchiert und berichtet.
    Ein allgemeines Thema der “Leitmedien” jenseits der FR wie jetzt Wulff ist es aber nicht geworden- und da bin ich nun ganz BEI Deinem Artikel: das-zum Beispiel- ist/ wäre ein “wahrer Skandal” (gewesen). Warum wurde es von den anderen Medien nicht skandalisiert? Warum sind da nicht Leute zurück getreten, angeklagt worden? Wahrscheinlich weil der Gegner zu mächtig ist. Wulff ist der Watschenaugust, auf den sich die Wut focussiert; aber er-man muss es leider sagen- er tut viel dazu, um das zu sein.

  3. gaukler

    Mir ging es primär nicht um Maschmeyer, sondern um den Häuslekredit, zu dem der das weitere Ambiente bietet. Zu Maschmeyer wird jetzt, Jahre danach ein bißchen in den Medien erzählt, und wir haben seinen Freundeskreis hier in der FGZ ja vor ein paar Wochen in einem Artikel aufgelistet. Die Hauptscheisse, da stimme ich dir voll zu, ist um die Privatisierung der Altersversorgung gelaufen. Das hat aber nichts mit Wulf zu tun, sondern mit Rot-Grün – und zwar heftig. Zudem waren die Verstrickungen sehr offensichtlich, hat aber niemanden um das Jahr 2000 gekümmert. Der Kampf gegen die Gewerkschaften war damals wichtiger, besonders um Hamburg herum: was fieberte dort z. B. der “Spiegel”, ob es dem tapferen Kanzler aus Hannover gelingt, zusammen mit Peter Hartz (ja der) unsere soziale Neuordnung gegen die Geister des 19. Jahrhunderts (Gewerkschaften und ein paar soziale Widerstände) zu besiegeln.
    659 Millionen ist nicht schlecht, aber um nur bei der UBS zu bleiben: die verwaltet Privatvermögen von 2.000.000 Millionen. Da sind Maschmeyers Summen Peanuts, wie man in Frankfurt zu sagen pflegt. Zudem habe ich nicht nur von Machmeyer und UBS gesprochen, sondern vom Main und Niedersachsen. Man denke an den Autokanzler…
    Zur Berichterstattung: klar, da gibt es Pit Bebenburg von der FR einiges zu verdanken, aber halt nur ihm und nicht den unzähligen “Edelfedern”.
    Wenn ich richtig informiert bin, ist Maschmeyer aus dem operativen Geschäft raus, was bei Koch nicht gilt, um bei den Personen und den Relevanzen zu bleiben?!

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