Frankfurter Gemeine Zeitung

Die Wochenzeitung Freitag: Mission completed

Natürlich ist es kein Menetekel, nicht das Ende kritischen Journalismus, anderswo. Dafür dauern die Aufreger über Wenden und Untergangsszenarien rund um die Wochenzeitung Freitag schon zu lange an. Der Duktus eines reichen Alleinbesitzers namens Jakob Augstein, der das Blatt zuschneidet, setzte sich in den letzten Wochen allerdings so weit durch, dass die dreijährige Umbauphase des Blattes wohl abgeschlossen ist.
Die Meldung „completed“ kam durch den Ticker mit der Info über einen Brief vom Chef an das seit vielen Jahren existierende Herausgeber-Quartett. In diesem teilte ihnen Augstein kurz mit, “dass das Institut der Herausgeber sich für den Freitag überlebt hat“. Der Rausschmiß der links gewirkten und intellektuell anspruchsvolleren Herausgeber geschah ohne weitere Gespräche nach einem Verleger-Herausgeber-Treffen, in dem es kontrovers um die künftige Zusammenarbeit zwischen Herausgebern, Redaktion und Eigner ging. Die Mit-Herausgeberin Daniela Dahn formuliert ihre Einschätzung zum Blatt in einem Interview recht deftig: „Der Freitag hat an intellektueller Substanz verloren.

Zu klein für den Job ?
Den Chef wird es nicht sonderlich kümmern: die Wochenzeitung Freitag möchte weiterhin linksliberalen Charme über das Branding „Meinungsmedium“ kultivieren, das ihr zwischen Süddeutscher Zeitung und der Zeit eine passende Marktnische baut. Die Nische heißt „im Zweifel links“, und soll eine „ganz normale Zeitung“ aufnehmen, d. h. strikt marktgesteuert respektive marktkonform agieren.
Als der Millionenerbe Augstein vor 3 Jahren das linke Wochenblatt kurz vor dem Exitus übernahm, gab es bereits einige Aufregung unter Lesern, man befürchtete einen Drift in den Mainstream. Die Befürchtung realisierte sich schleichend, manchmal mehr mal weniger. Gebrochen wurde dieser Trend ein Stück weit durch die Web-Initiative des Blattes, mit der sich eine recht aktive Web-Community entwickelte, deren Diskussionen jedoch sukzessive intellektuelle Beiträger verloren hat. Der zunehmend flachere Kontext der Artikel der Zeitung hält gewiß manche von ihnen davon ab, sich dort an Diskursen zu beteiligen. Inzwischen hat die Zeitung nämlich einiges von ironischen „Cultural Studies“, die mit vielen Geschichten um Alltagshermeneutik in leichten Schnittchen genießbar sind, garniert mit einigen schmackhaften Happen von externen Autoren, die etwas Tiefgang vermitteln.
An der breiteren inhaltlichen Verwurstung hat der Kulturchef Michael Angele keinen geringen Anteil, der inspiriert vom Spiegel-Jargon ein Funktionsprinzip des Blattes installierte, das mit Ironie nach kurzer Aufmerksamkeit heischt, öfters durch eigene, zwanghaft witzige, faktisch nur peinliche Beiträge zugespitzt (aktuelles Beispiel hier). Sie werden vermutlich passend zum Zeit- und Lebensgefühl der anvisierten Kunden  zubereitet. 20 Jahre früher gingen schon manche bundesdeutsche Blätter diesen Weg und verendeten dabei zumeist (Frankfurter remember: „Pflasterstrand“). Sie deklarierten die Verheißungen des damals noch frischen Neoliberalismus keck in der Öffentlichkeit, kulturelle Ironie erklimmte seinerzeit gerade die postmodernen Gipfel. Eigentlich sind diese Zeiten doch vorbei, oder?

Augstein ein linker Exzentriker?
In den Kommentaren und Interviews (hier, hier, hier) um die Augsteinsche Freitag-Mission wird gerne dessen erstaunliche Risikobereitschaft und sein Mut angeführt, das Blatt mit weniger als 10.000 verkauften Exemplaren (gegenwärtig 14.000) zu übernehmen und bis heute zu betreiben. Das verblüfft mich wirklich. So sehr den beim Freitag Beschäftigten die Rettung durch einen Investor zu gönnen ist, es sollte doch die Kirche im Dorf bleiben.
Augstein ist Erbe des Spiegel, mithin Multi-Millionär – ohne dass man die Finanzen genau kennen muß. Abgesehen davon, dass die zugewiesenen Verluste aus der Investition steuerlich geltend gemacht werden können, kann ich seine Geschäftsübernahme, die sich schließlich allein einem Erbe und den einzigartig niedrigen Erbschaftssteuern verdankt, mitnichten als „Risiko“ einordnen. Im Unterschied zum armen Lohnschlucker vor der Insolvenz bleiben Augstein wohl noch ein paar Milliönchen, nicht wahr!
Augstein hat schlicht eine Investition in passendes Milieu getätigt (und z. B. keine Stiftung ohne inhaltliche Regulationsrechte gegründet), Er baute sich als knallharter Unternehmer wie Verleger, als Person von Interesse und als Marke in der bundesdeutschen Medien-Öffentlichkeit auf. In dieser Position wird er inzwischen durch die unsäglichen Talkshows gereicht und darf im Spiegel gegen rechtskonservative Kolumnisten anpfeifen, da passt es links ganz gut. So viel Selbstmarketing geht genau mit dem „Mut“ zum „im Zweifel links“ durch, denn der Mann kann locker sagen: “ich hab doch den Freitag…..”

Trotz allem: es sind immer mal einige der im Web fast vollständig zugänglichen Texte der Zeitung eine Verlinkung wert, vermutlich auch zukünftig.


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