Frankfurter Gemeine Zeitung

Frankfurt: Kein Sieg der Kritischen Gesellschaftstheorie

Akademische Gesellschaftskritiker in Frankfurt sehen ihre Ideen im Deutschland von heute in großem Umfang realisiert. Nach 80 Jahren “Kritischer Theorie” gründet dieses erstaunliche Urteil wohl eher in deren Perspektivenwechsel, denn in der Realität europäischer Gesellschaften.

Zugestanden: wer heute “Frankfurt” hört, denkt zuerst an die EZB. Dann vielleicht an das Museumsuferfest. Oder auf Dauer gestelltes Schwarz-Grün. Gut, in Frankfurt studieren 50 – 60 Tausend Leute, also müssen noch die Hochschulen ran: als “Leuchtturm” in den Medien und anderswo gilt das “House of Finance“, ganz oben im Ranking. Meist ignoriert wird das nur gut 1000 Meter entfernte und gerade neu renovierte “Institut für Sozialforschung“, eine Institution mit langer Geschichte und weltweiter Ausstrahlung.

An eine dort situierte, sogenannte “Frankfurter Schule” erinnert sich aber kaum jemand, höchstens an die “neue” satirische Variante, die deren ursprünglichen gesellschaftskritischen Impuls einen guten Schuß Zeitgeist mitgab, meist in Form von Zeichnungen. Das originale Institut wurde vor der nationalsozialistischen Machtübernahme gegründet, und zwar aus einem stark antikapitalistischen Impuls, der sich gegen marxistische Orthodoxie wendete. Die heutige Frankfurter Akademie lässt davon nicht mehr viel übrig, am ehesten noch ein Denkmal in Nähe der Bockenheimer Uni. Aber die wird bald abgerissen, und das Denkmal wird durch Eigentumswohnungen vom Institut abgeblockt.

Adorno Platz

Da steht er nun ganz abgeschottet, der Schreibtisch Adornos

Die Gründergruppe, mit den Namen Adorno, Horkheimer, Benjamin, Fromm, Marcuse und weiteren Gesellschaftskritikern verbunden, versuchte in allen ihren Untersuchungen und Schriften den kritischen Fokus zu schärfen. Das Projekt einer “kritischen Theorie” mit praktischer Reichweite sollte auf dem Verständnis der Funktionsmechanismen unseres Lebens unter kapitalistischen Bedingungen gründen. Dabei drängte die Sozialwissenschaftler und Philosophen die Frage nach dem erstaunlichen Umstand, dass so viele Menschen durch kapitalistische Mechanismen in Not geraten und doch so wenig gegen sie rebellierten. Den ganzen Kanon des gesellschaftlichen Klimas für Funktionsmechanismen und weitgehendem Stillhalten von Betroffenen rund um “Kapital” wollten die kritischen Theoretiker bis in die letzten Ecken ausleuchten und damit einen Beitrag in Richtung politischer Unruhe für diese Mechanismen liefern. Ihre Konzeption regte in Frankfurt und anderswo vor 40 Jahren viele zu gehöriger Unbootmäßigkeit auf, auf längere Sicht jedoch mit geringem Erfolg.

Ihr konzeptioneller Gründungstext positionierte kritische Theorie gegen die sogenannte “traditionelle Theorie“, deren Habitus und Methode dem herrschenden Spiel des Kapitalismus und seiner ergebenen Wissenschaft entspricht. Sie selbst wollte sich dem nicht unterwerfen. Der Text Max Horkheimers ist genau vor 75 Jahren erschienen (hier als pdf), und zu diesem Anlaß wurde der Chronist Frankfurter Schule Rolf Wiggershaus jüngst im Radio interviewt. Er versteht sich nicht nur als sympathisierender Geschichtsschreiber der Wechselfälle des Instituts, sondern auch als Beiträger, der reflexive Ansprüche der Theorie durch seine Untersuchungen ihrer langjährigen Kontinuität herzustellen versucht. So begreift Wiggershaus in diesem Interview tatsächlich kritische Theorie heutzutage weitgehend realisiert – im Angesicht einer wirtschaftlichen Dauerkrise, einer erheblichen Verschlechterung der Lebensbedingungen großer Bevölkerungsteile hier und in der ganzen Welt. Bei soviel Chuzpe “kritischer Theorie” im heutigen Frankfurter Geist empfindet sogar der dickfellige Zuhörer gehörige Irritationen. Es drängt sich der Eindruck auf, als ob die wohlwollende Gesellschaftskritik hier vor Ort ein Stück weit Frankfurts Wendung hin zum großen Finanzplatz gefolgt wäre.

Derartiges Beruhigungsspiel ist nicht ganz neu: echte Kontinuität der kritischen Gesellschaftstheorie in Frankfurt, am Institut für Sozialforschung wurde nämlich immer wieder bestritten, und nicht wenige sehen in den siebziger Jahren und den Veröffentlichungen danach einen tiefen Riß. Die Neuorientierung bestritt der Hauptprotagonist der “zweiten GenerationJürgen Habermas, dessen kritisches Konzept einer konsensuell organisierten Gesellschaft uns heute oft wie ein Totentuch folgenlosen Geredes anmutet. Besonders löste sich der Sprachphilosoph von jeder substantiellen Kritik am Kapitalismus und diese Grundeinstellung hat sich bis heute im Gebäude am Alleenring bewahrt.

Die gegenwärtigen Hauptprotagonisten einer “dritten Generation” fixieren sich einerseits auf Zeitläufte der “Anerkennung” (Axel Honneth), deren stärkere oder schwächere Erfüllung in den Lebensumständen Impulse für Verbesserungen der Situation liefern sollen. Die große gesellschaftliche Linie der Lebensumstände zeichnet aber allein die bestehende Marktgesellschaft, und die in ihr verbauten Haupt-Kriterien passender sozialer Ordnung, quasi der Mainstream gegenwärtiger Weltwirtschaft werden von Honneth letztlich ins Unabsehbare fortgeschrieben.

Während Honneth um eine Minderung des großen Rationalismus Habermas (“Argumente“) durch die Berücksichtigung der emotionalen Verfassungen Betroffener bemüht ist, kann das für den zweiten Protagonisten Rainer Forst kaum behauptet werden. Gerade in ihm sieht der interviewte Wiggershaus die Akzeptanz kritischer Theorie bestätigt, wurde er doch jüngst zum Leibniz-Preisträger gekürt, immerhin dem höchsten wissenschaftlichen Förderpreis Deutschlands. Er setzt sich aber weniger mit kapitalistischer Gegenwartsdiagnose auseinander, sondern mit Bedingungen von Prozeduren der “Rechtfertigung” zwischen engagierten Akteuren, die sich um gesellschaftliche Belange kümmern. Auch für dieses gesellschaftspolitische Verständnis scheinen eher Umstände im Alltag universitärer Seminare die Feder zu führen, als die Ratings und Hochgeschwindigkeitsprofite in den Konzernen ein paar Meter vom Institut entfernt oder den vielen Privat-Insolvenzen, bei denen als Argument allein Bargeld zählt.

Eine verblüffende Situation: während die europäischen Gesellschaften nach neuen Erklärungen oder Alternativen für das ganze gesellschaftliche Geschäft des Kapitalismus suchen, und kritische Gesellschaftstheorien dazu wenig bis gar nichts liefern können, begreift man unter Freunden des “Instituts des Sozialforschung” die kritische Sache mit einem “Exzellenzcluster normative Ordnungen” an der Frankfurter Universität fast als erledigt. Kritiker an diesem akademischen Zuschnitt mögen mutmaßen, dass es hier eher um einen passenden Raum für Dissertationen und den Science Citation Index geht, also um die eigene Anerkennung, das exzellente Ranking in der Wissenschaft, die Karrieremöglichkeiten denn um eine diagnostisch wirklich effektive Gesellschaftstheorie, die kräftigeres kritisches Geschütz gegen Mißstände in Stellung bringt.

Solch ein Urteil schärft sich auch daran, dass im kleinen Frankfurter Occupy-Camp vor der EZB zwar ein Handbuch für Rechtfertigungs-Prozeduren bei Lagerversammlungen erstellt wurde, das einzige längere Statement zu unserer Wirtschaft und Gesellschaft allerdings von einem Manager der Deutschen Bank AG geschrieben wurde. Nicht zuletzt deswegen finden sie genauso wie die heutige Kritische Theorie an Frankfurts Institut für Sozialforschung immer weniger politisch Interessierte. Es bleiben Zweifel, ob wir das beim gegenwärtigen Zustand wirklich bedauern sollten.


Ein Kommentar zu “Frankfurt: Kein Sieg der Kritischen Gesellschaftstheorie”

  1. bcfaij

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