Frankfurter Gemeine Zeitung

Ein Gegenstandpunkt unter Roten

Marxist Coolface

Mit diesem Artikel stelle ich mich wahrscheinlich der politischen Überzeugung der einiger FGZ-Autoren diametral entgegen und ich weiß, dass ich auch den einen oder anderen unserer geschätzten Leser vergrämen könnte.
Trotzdem hoffe ich, dass Ihr alle Eure Freude am Lesen dieser Zeilen und dem was eigentlich zwischen ihnen steht, habt.

Damit die werten Leser nun meinen Standpunkt einordnen können, sollte ich mich an dieser Stelle vielleicht einmal selbst politisch verorten.

Ich bin liberal im angloamerikanischen Sinne, nicht im deutschen Sinne in dem Liberalismus oft als Synonym für Marktradikalität missverstanden wird:

Politisches Viereck

Ich vertrete eine möglichst ausgeprägte Freiheit im persönlichen Bereich, bin aber der Auffassung, dass demokratische Einflussnahme auf wirtschaftliche Prozesse nur mit Hilfe starker und gut ausgestatteter staatlicher Institutionen möglich ist. Der Staat hat für mich auch eine Umverteilungsfunktion von Waren und Ressourcen, wobei sich diese Umverteilung an allgemein akzeptierten ethischen Grundsätzen und nicht an Gesichtspunkten der Markttauglichkeit orientieren darf.

Ich wage zu bezweifeln, dass eine solche Umverteilung immer ohne Druck und auf freiwilliger Basis erfolgen kann.
Aus diesem Grunde glaube ich, dass ein gewisser staatlicher Zwang das Ausleben von persönlicher Freiheit des Einzelnen überhaupt erst möglich macht.
Ich halte es für eine unabdingbare Notwendigkeit, dass Staat und Gesellschaft weiterhin über Machtmittel verfügen, die starke Gruppen und Einzelindividuen daran hindern können, ihre überlegene Position zu Lasten des Schwächeren auszunutzen.

In diesem Sinne kann ich mich auch nicht mit Theorien anfreunden, die versuchen, Herrschaft, Zwang oder dergleichen gänzlich abzuschaffen, auch wenn ich einsehe, dass bei der politisch gegenwärtigen Überbetonung der Yang-Aspekte, Gruppen, die eine Überbetonung der Yin-Aspekte betreiben, zur Verbesserung der Harmonie förderlich sind.

Innerhalb mancher dieser Gruppen stockt allerdings der politische Chi-Fluss, bis er aufgrund der Verleugnung des, dem Yin innewohnenden, Aspekt des Yangs, gänzlich versiegt und so zum Absterben der Gruppe führt.
Wie heilsam wäre hier, einen Gegenstandpunkt innerhalb der Gruppe zu eröffnen um zu verhindern, dass solche Gruppen resignieren oder, schlimmer noch, in der geistigen Sackgasse des neomarxistischen Scholastizismus enden?

Die Wogen des Wandels spülten mich neulich an einen Ort, an dem es mir bestimmt war, Teil des kosmischen Ausgleichs zu sein und inmitten einer Lesung der „herrschaftskritischen“ Mitglieder eines marxistischen Bibelkreises (pardon: Kapital-Lesekreises) ein paar Lanzen für die freiheitlich demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland zu brechen.
Und so kam ich, liberale Gedanken im Kopfe und das Feuer junger Leidenschaft in meiner Brust, zu einer Veranstaltung an der Uni, mit dem Titel: „Wer oder was herrscht, wenn das Recht herrscht?“

Eingeladen hatten dazu eine Gruppe namens „farbeROT“ und der „GegenStandpunkt Verlag“ und in einer Erklärung der Veranstaltung hieß es:
„Die Gewalt des Rechts ist nicht zufällig und nicht unberechenbar; sie hat System und Regeln, so dass der Mensch weiß, was ihm erlaubt und was verboten ist. Aber ist eine berechenbare Herrschaft denn keine Herrschaft?
Das kümmert die bürgerlichen Menschen nicht, denn sie schätzen diese Herrschaft als einen nötigen und wohltätigen Zwang gegen ihre eigene Unvernunft: Die Gewalt des Rechts, so sehen sie es, sorge für die Gewaltlosigkeit der Gesellschaft, erzwinge den Frieden unter den Bürgern und regle Konflikte. Die Freunde des Rechts wären weniger begeistert, wenn sie wüssten, dass das Recht nur solche Konflikte regelt – übrigens nicht löst! -, die es selbst in die Welt setzt.“

Diese Auffassung konnte und kann ich nicht teilen.

Richtig ist, dass das Recht uns oft vor unserer eigenen Unvernunft bewahrt. Dies weiß ich aus eigener Erfahrung, denn ich garantiere, dass ich in meinem Leben eine ganze Menge mehr gefährlichen Unsinn angestellt hätte, wenn ich nicht die strafende Hand von Vater Staat fürchten müsste.
Nicht unterschreiben kann ich allerdings die kühne Behauptung, dass die Konflikte, die das Recht regelt, erst durch dieses selbst geschaffen worden seien.

Der Vortragende schien die Auffassung zu vertreten, dass Probleme, die durch das Recht geregelt werden, ausschließlich oder zumindest hauptsächlich Probleme seien, die durch die Eigentumsverhältnisse geschaffen wurden, welche selbst Produkt des Rechtes seien.

Dies halte ich aus 2 Gründen für baren Unsinn:

1. Es gibt viele Situationen, die durch das Recht geregelt werden und die mit Eigentum aber auch rein gar nichts zu tun haben.
2. Eigentumsverhalten, also das Aneignen und Verteidigen von Boden oder materiellen Gütern existierte bereits vor jeder formalisierten Rechtsordnung und sogar im Tierreich, ist also mitnichten durch das Recht geschaffen worden.

Diese beiden Gedanken erregten bei der Gruppe das rege Bedürfnis zum Widerspruch, insbesondere letztere, denn gegenüber einem Neomarxisten die These zu äußern, menschliches Verhalten könne nicht nur in der Gesellschaft, sondern teils auch in dessen Biologie begründet sein , ist als wolle man einen mittelalterlichen Scholastiker in einer philosophischen Diskussion dazu bringen, die Möglichkeit einer Nichtexistenz Gottes in seine Erwägungen miteinzubeziehen.
Dieser würde solche „absurden“ Ideen umgehend mit einer ausgefeilten Synthese aus Aristoteles und der Bibel zu kontern wissen.

Auch andere meiner Auffassungen erregten das Publikum, da ich in den Beispielen, die meine philosophischen Ansichten verdeutlichen, gerne auch das Leben auf einsamen Inseln oder Typen mit Gatling Guns in meine Überlegungen miteinbeziehe.
Doch wie sollte man auf dem Gebiet der Ethik argumentieren, wenn nicht durch verdeutlichende Gleichnisse, so man nicht dem Trugschluss verfallen wollte, Tautologien, die sich aus dem Wesen des eigenen Sprachgebrauches ergeben, zu apriorischen Erkenntnissen zu verklären?

Natürlich stieß auch sehr sauer auf, dass ich, nachdem das Recht selbst in der Veranstaltung negativ dargestellt wurde, die Frage nach Alternativen zum Recht stellte.
Denn die Überlegung, man müsse nur das System fundiert genug kritisieren und könne es damit dergestalt dekonstruieren, dass sich auf wundersame Weise eine messianische Erlösung einstelle, wenn erst eine kritische Masse von Nörglern erreicht sei, muss selbst einem Menschen wie mir, der Konzepte von Yin und Yang in seinen politischen Überlegungen verwendet, quasireligiös und esoterisch anmuten.

Als ich dann auch noch nach einem konkreten Verteilungsmodus für knappe Güter, der nicht auf einem allgemeinen Recht basiert, fragte, hatte ich das vollkommene Unverständnis des Publikums sicher.
Eine junge Studentin, die zum Veranstalterkreis der Vorlesung gehörte, sprang auf und protestierte im Brustton tiefster Überzeugung (und auch wohl in Unkenntnis des ökonomischen Konzeptes der „knappen Güter“), die Knappheit sei doch erst durch das wirtschaftliche System verursacht und in Wahrheit gäbe es überall Überfluss, wenn nur diese geheimnisvollen Wesen, genannt „der Staat“ und „die Wirtschaft“ nicht wären .
Einen kurzen Moment war ich regelrecht überwältigt von der herzergreifenden Tragik dieser Jeanne D´Arc der Empörung, mit der sie im tiefen Bewusstsein unschuldiger Güte einen der gängigsten Allgemeinplätze politisch engagierter Linker intonierte, so dass ich vor Rührung kaum wusste was ich sagen sollte.

Doch natürlich musste ich eines zugeben: Auf der Welt läuft vieles beschissen. Und an vielen dieser Probleme ist die derzeitige Ausgestaltung des politischen Systems schuld.
Dies gab ich nicht nur aus Mitgefühl mit dem sensiblen jugendlichen Herzen der Studentin und Harmoniebedürfnis mit den anderen Teilnehmern zu, sondern aus tiefster Überzeugung.
Nur lässt sich eine bessere Welt nach meiner Auffassung eben nicht in vollkommener Ablehnung des Bestehenden erreichen, sondern nur in konstruktiven Gedanken zu seiner Verbesserung.

Trotzdem… und das muss ich, bei allem was an diesem Artikel vielleicht als spöttisch empfunden werden könnte, anmerken:

Einen kleinen Vorgeschmack auf eine bessere Welt konnte ich in der Gruppe und ihrem herzlichen und respektvollen Diskussionsstil erhaschen, der auch meine gänzlich abweichende Meinung zu Wort kommen ließ!

In diesem Sinne: Diskutiert weiter, Ihr lieben Hochschulmarxisten! Mein Segen sei mit Euch!

Und lasst Euch von einem kleinen Troll wie mir nicht ärgern^^


8 Kommentare zu “Ein Gegenstandpunkt unter Roten”

  1. gaukler

    Na, ich denke da geben sich beide Seiten an Verständnis nicht viel, so wie sie hier präsentiert werden.
    Nur eine Bemerkung zum “Recht” und “Rechtsordnungen”: Welt und Geschichte bestehen nicht nur aus der “demokratischen Grundordnung” der Bundesrepublik, was immer man von “Konsensbildung” der Legislative und den Formen konstitutioneller Gründungsakte hält.
    Und im wesentlichen geben sich die wissenschaftlichen Richtungen nicht viel darin, dass die Genese rechtlich-politischer Formen natürlich eine Gewaltgeschichte bietet, was auch sonst. Hat wenig mit “Marxismus” zu tun, was immer das heute noch sein mag, Es sei bei diesen Streitfragen an die politisch weit auseinandeliegenden Hannah Arendt, Walter Benjamin und Carl Schmitt und ihre Texte zu erinnern, sicher Koryphäen zum Thema.

  2. Florian K.

    Dein Beitrag lässt ein gewisses Unbehagen gegenüber den von mir formulierten Ideen erkennen.

    Ich gebe ja auch zu: Ein solches Unbehagen zu erzeugen, war künstlerisch durchaus beabsichtigt.

    Doch eventuell können wir einzelne Aspekte der Ursachen Deiner Missstimmung bezüglich meines Beitrages auch diskutieren, ohne dass ich mich erst durch das literarische Gesamtwerk der bei diesen Streitfragen weit auseinandeliegenden Hannah Arendt, Walter Benjamin und Carl Schmitt quälen müsste.

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