Frankfurter Gemeine Zeitung

Politische Öffentlichkeit im Web: eine Sache der Konsumenten und Konzerne

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Revolutionen in der westlichen Welt von Firmen ausgerufen werden, sie scheinen die einzigen zu sein, die dazu heute noch effektiv in der Lage sind. Die erfolgreichsten kamen von Apple, dem beliebten Laden für Ich-Design. Apple meint als erfolgreichste Company der Welt gerade, es wäre schon wieder soweit. Es geht diesmal um Bildung, Wissen um das Lesen, die Produktion schriftlichen Materials für und durch alle. Apples Produkt: du kannst Bücher mit einer smarten Software fix als Selbstverlag herstellen. Selbstproduzierte Bücher sollen nach Maßgabe der IT-Profitmaschine aus den USA schon in Kürze das Schulwesen prägen, dann uns alle. Das klingt toll, hat aber einen kleinen Haken, denn es geht für die Schüler nur über den Apple-Shop, respektive mit Verwendung eines iPads. Das nennt man großes Productplacement und frühe Kundenbindung, wer es sich denn leisten kann.

Eine Facette im globalen Geschehen, denn die Persönlichkeit wird sowieso zunehmend im Web erzogen. Solche Sozialisation gilt nicht nur in der Pflicht, sondern auch bei den spontanen Äusserungen: beeindruckend, wie weit sie heute tragen, aber mit ihnen baut sich das Selbst im Modus von Facebook auf. In Kürze bin ich als öffentliches Web-Tagebuch erfahrbar, zu rastern, von Crawlern nach passenden Japsern auszuspähen. Die Folgen sind absehbar: ich werde mich diesen Bedingungen zunehmend anpassen, nicht explizit, aber mit einer bestimmten Art von Vorsicht, damit mir niemand von irgendwoher etwas kann, irgendwann.

User Content

Wie kontrastieren derartige Produktofferten, Firmenöffentlichkeiten doch zu früheren Fantasien über vermeintliche Potentiale des Internets: in den 90ern wurde über freie kollektive Betätigung mit echtem politischen Impetus und neuen Ideen palavert. Technogetriebene Grasswurzelbewegungen erwarteten für die Zukunft mehr Inhalte von allen, als sie teure politische Zeitungen aus dem Printzeitalter bieten, die als Gatekeeper des “Mainstreams“ agieren.

Wie anders sollte doch alles werden, realiter rüsteten Blogs als öffentliche Instanz für „Content“ jedoch im Laufe der Zeit eher ab als auf: private Katzenerlebnisse haben eindeutig den ersten Platz, anspruchsvollere kulturelle und politische Blogs rangieren ganz weit hinten. Die Konzentration auf wenige, jetzt noch mächtigere Companies reguliert den Zugang der Öffentlichkeiten, und von den erträumten „Communities“ der Aktivisten vor 20 Jahren sind Consumer Communities geblieben, die sich mit Trend zum „Prosuming“ meist auf Firmenplattformen versammeln. „Guerilla“ bekommt dabei einen ganz neuen Klang, er verweist auf virale Kaufsymbole, die in Konsumer-Öffentlichkeiten immer mitlaufen, eben Guerilla-Marketing.

Die Web-User agieren meist eingebettet in Status und Konsum, schärfen ihr Gefühl fürs Branding, lernen das Handling der passenden Performance-Tools, üben die Selbst-Vermarktung, produzieren für den Store oder das Networking. Solche breiten Dispositionen komplettieren sich durch fehlende kollektive Aktivitäten, die etwas mehr Substanz und damit Zeit verlangen.

Orga“-Maßnahmen um technische Hilfsmittel und der Traffic der User werden im Web zum primären Kriterium, und zwar bis in die verbliebenen zivilgesellschaftlichen Aktivitäten hinein. Die Blickverengung wird an Bewegungen wie Occupy besonders in Deutschland deutlich, die ihre Power und das Fehlen Interpretationsstärke durchs „Gefällt mir“, das kleine Klick ohne viel Gedanken und Aufwand ersetzen. Den meisten erscheint es bei der nun folgenden Abwärtsbewegung schon zu mühselig, „gefällt mir nicht mehr“ zu anzutippen.

Fast aller Aufwand – im Web wie vor Ort – funktioniert inzwischen vollkommerzialisiert: arbeiten Interessierte denn bloß noch mit dem Wunsch nach Teilnahme am karrierenützlichen „Leuchtturm“ oder gegen Bezahlung? Mit welchen dauerhaften Folgen?

Der Umbau der politischen Wochenzeitung Freitag, eines der wenigen anspruchsvolleren Medien mit höherer Reichweite, liefert ein Lehrstück für das Gesagte: bei ihr kommt im „Online Journalismus“ die Enttäuschung kritischer Öffentlichkeit, die Herrschaft der Finanzsteuerung mit angeschlossener Gleichgültigkeit und die Community als Produktplacement zum Tragen: die Beteiligung Vieler im Web führte in den letzten Jahren zu einer wertvolleren Marke „Freitag“, einem einträglichen Standing für den Verleger. Sie wird nach Vorarbeit geschlossen, respektive nur noch für Zahlende zugänglich.

Der Alleinbesitzer der Zeitung aus Berlin, Millionenerbe Jakob Augstein bringt es auf den Punkt: „Wir werden über kurz oder lang die kostenlose Bereitstellung des Freitag erst einschränken und dann beenden und wir wollen die User an der Planung und Erstellung der Seite teilnehmen lassen und dafür in verschiedenen Abstufungen Geld nehmen.“ Wie schön: die User bezahlen noch für ihre eigene Arbeit. Der Duktus der Firma wird eindeutig, wenn wir den Kulturchef des Blatts hören. Er kommentiert zynisch politische Ansprüche an das sogenannte „Meinungsmedium“ Freitag: „der Chef druckt doch hier nichts für sein Geld, was ihn kritisiert !“ Aus einem politischen Blatt wird ein Product, sonst nichts, ganz einfach, was sonst.

In diesen Maßnahmen wiederholen sich Einstellungen und Prozeduren, welche die Leiharbeitsbranche seit Jahrzehnten übt, und die sich jetzt quer durch die Gesellschaft verbreiten: billige Hilfskräfte arbeiten über Hoffnung auf längere Bindungen, auf Edelfeder und Exzellenz, von den Medien bis in die Universities. Sie funktionieren für wenig Geld, wenn es um die Karrierehoffnung geht, und sie bestimmt schon fast das komplette Leben. Diese allgegenwärtigen Aktivitäten stärken unser Wettbewerbsgefühl und schotten gleichzeitig ab: „bloß nicht ausnutzen lassen“ lautet deshalb die andere Parole, gegen den „Altruismus“ vermeintlich naiver Gutmenschen und in Richtung Stärkung der persönlichen „Performance“. Passt zum Billigjob für die Karriere.

Natürlich produziert das ganze Gefüge derartiger Dispositionen auch Probleme für politisch-kulturelle Blogs/Zeitungen ohne Kommerz wie die Frankfurter Gemeine. Es fällt schwer, interessierte Autoren zu gewinnen, wir erhalten selten kontinuierlichen Input, selbst in der RheinMain Region mit ihrer Millionen-Bevölkerung. Auch 70 Tausend Studenten in der Stadt helfen dabei kaum. Sie scheinen sich in dem beschriebenen Schema dauerhaft eingerichtet zu haben, und bald lebt es sich über den Apple-Store dort noch besser. Heißt es.

Mit anderen Worten: trotz einigen Ausreissern in diesem großen Karussell bietet die gegenwärtige politisch-mediale Situation vielleicht noch schlechtere Bedingungen als vor dem Aufbau des Internets, mit Dominanz ganz weniger Großmedien. Zumindest spricht manches für diese Vermutung.

PS.: in einer neueren Verlautbarung bei einer Diskussion mit der Freitag-Community vor wenigen Tagen äusserte Jakob Augstein: “Ich fände es gut, wenn man das Eigentumsmodell ändern könnte. Aber vorher müssen wir Gewinne machen. Z. B. wäre eine Genossenschaft – nach dem Beispiel der taz – ein Modell oder auch das Mitarbeiter-Modell des „Spiegel“.  Wenn wir entsprechende Entscheidungen treffen, müssen wir das, was wir machen, in sich konsequent machen. Wir können nicht links sein wollen und inhabergeführt sein.  Das geht auf Dauer nicht, weil wir sonst nicht glaubwürdig sind.” Man wird sehen, zu was das führt.



Ein Kommentar zu “Politische Öffentlichkeit im Web: eine Sache der Konsumenten und Konzerne”

  1. Florian K.

    Also diesen Abschnitt kann ich vollstens unterschreiben:

    „Eine Facette im globalen Geschehen, denn die Persönlichkeit wird sowieso zunehmend im Web erzogen. Solche Sozialisation gilt nicht nur in der Pflicht, sondern auch bei den spontanen Äusserungen: beeindruckend, wie weit sie heute tragen, aber mit ihnen baut sich das Selbst im Modus von Facebook auf. In Kürze bin ich als öffentliches Web-Tagebuch erfahrbar, zu rastern, von Crawlern nach passenden Japsern auszuspähen. Die Folgen sind absehbar: ich werde mich diesen Bedingungen zunehmend anpassen, nicht explizit, aber mit einer bestimmten Art von Vorsicht, damit mir niemand von irgendwoher etwas kann, irgendwann.“

    Den Trend zu sauberen und geradlinigen Lebensläufen sieht man jetzt schon. Er macht sich nicht nur in der Bewerberauswahl von Unternehmen, sondern auch in der Politik deutlich. Es besteht ein wachsendes Interesse an privaten Verfehlungen von Politikern und Prominenten, welches durch die technologische Entwicklung (z.B. digitale Kameras allerorten) verstärkt und befriedigt wird.
    Wenn sich dies mit der Bereitschaft der Leute, jeden Furz von sich online zu stellen, kombiniert wird, entsteht eine Mischung unter der sich der neue, nützliche, kapitalistische Mensch praktisch selbst erzieht.
    Auf diesen Gedanken bezog sich damals auch mein Artikel über die Rating-Agentur für Menschen.

    In Bezug auf die politischen Potentiale des Internets würde ich allerdings nicht ganz so schwarzsehen.
    Dass im Internet mehr über private Katzenerlebnisse, als über anspruchsvolle Themen gesprochen wird, hat 2 gewichtige Ursachen:

    1. Das Internet ist aus Katzen gemacht.

    2. Auch im Alltag unterhalten sich Personen (selbst die höchststudiertesten Chefintellektuellen) hauptsächlich über Unpolitisches und Unverfängliches. Während es im Fernsehen oder Druckmedien vergleichsweise große Zugangshürden für die Verbreitung von Informationen gab, kann im Internet jede Person beliebige Informationen relativ einfach veröffentlichen. Aus diesem Grunde bildet das Internet in wesentlich stärkerem Maße unsere Alltagskommunikation ab, welche sich, wie gesagt, meist um Belanglosigkeiten dreht.

    Politische Blogs und andere politische Internetprojekte haben trotzdem eine massive Bedeutung gewonnen und beeinflussen die herkömmlichen Medien und auch die Realpolitik in ungeahnter Weise, wie sich in den politischen Entwicklungen des „Arabischen Frühlings“ aber auch an der „Tea Party“ in den USA zeigte.
    Die ausgeprägte Vernetzung ultrarechter und rechtskonservativer Kräfte in Deutschland ist ein bedenkliches Phänomen und tatsächlich funktionieren diese auch oft auf einem „grassroots“- oder „nonprofit“-Gedanken.
    Ich habe eher den Eindruck, dass die politische Einflussnahme via Internet nicht nur im vollen Gange ist, sondern auch noch weiter an Fahrt gewinnt.

    Leider sind es aber gerade die Linken (nicht nur in Deutschland), die diese Entwicklung verschlafen, wobei es diesen weniger an Inhalten, als an deren ansprechender Präsentation mangelt.

    Und ganz ehrlich: Einen Snickers-Riegel, den jemand in Klopapier eingewickelt hat, hält man auf den ersten Blick nun einmal für eine Kackwurst.

    Wenn die Präsentation linker Inhalte im Internet genauso aussieht, wie die Flyer und Pamphlete auf dem Grabbeltisch irgendeines linken Studentencafés (was leider oft der Fall ist) ist es kein Wunder, dass sich kein Schwein dafür interessiert.
    Für linke Medien gälte es meiner Meinung nach, endlich eine mediumangemessene Kommunikationsstrategie zu entwickeln, um Inhalte publikumswirksam unter die Leute zu bringen. Trockene Theorie ist notwendig, aber sie so zu vermitteln, dass sie catchy wird, ist etwas, das nicht nur ein guter Mathelehrer, sondern jeder beherrschen sollte, der versucht, medial über Facebook hinaus zu kommunizieren.

    In Bezug auf die FGZ sehe ich übrigens ganz positiv in die Zukunft, wie auch unsere kontinuierlich steigenden Nutzerzahlen zeigen.
    Neulich war ein Kumpel von mir in Wuppertal auf einem Seminar. Neben ihm saß ein unbekannter Kollege irgendwo aus Norddeutschland und hatte kein Interesse daran, dem Dozenten zu folgen.

    Er las lieber in der FGZ.

Einen Kommentar schreiben

Comment moderation is enabled. Your comment may take some time to appear.

 

Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.