Frankfurter Gemeine Zeitung

“Deutsche Opfer- Fremde Täter”- Anatomie einer Hetzseite

In Deutschland herrscht nach wie vor ein seltsamer Sprachgebrauch in Bezug darauf, wer als „Deutscher“ zu betrachten ist.
Dabei ist die Legaldefinition dessen, wer Deutscher ist und wer nicht eindeutig und klar:
Deutscher ist, wer die deutsche Staatsbürgerschaft hat.
Dabei spielt es keine Rolle welche Hautfarbe der betreffende Deutsche hat oder aus welchem Land er oder seine Eltern ursprünglich kamen.
Als ich bei der Bundeswehr in Idar-Oberstein meine Wehrdienstzeit verbrachte, hatten viele meiner Kameraden eine andere Hautfarbe als ich. Einer von ihnen war beispielsweise Kind philippinisch-stämmiger Mormonen und sah eher asiatisch aus, ein anderer hatte Eltern, die ursprünglich aus Marokko kamen und wir hatten sogar einen, dessen einer Elternteil Mexikaner indianischer Abstammung war.
Überflüssig zu erwähnen, dass es in der Kaserne auch ein paar Schwarze und sogar Rothaarige mit Sommersprossen gab.
Das spielte aber alles keine Rolle, schließlich waren sie allesamt deutsche Staatsbürger und mussten aus diesem Grund den gleichen Dienst ableisten.

Im Vergleich zu einigen deutschen Medien ist scheinbar sogar die „gute alte“ Armee regelrecht fortschrittlich.

Nehmen wir einmal an, ein 17-jähriger deutscher Staatsbürger mit türkischen Eltern verprügelt einen 20-jährigen deutschen Staatsbürger ohne türkische Eltern, so dass dieser ins Krankenhaus muss.
Sehr wahrscheinlich liest sich der Vorfall in der Schlagzeile deutscher Zeitungen so: „Türkischstämmiger Jugendlicher schlägt jungen Mann krankenhausreif“.
Die Abstammung wird in Deutschland betont und viele Deutsche sind sich dessen nicht einmal bewusst, sondern tun und denken es reflexhaft.
Wobei der letzte Satz nichts als ein Euphemismus für das ist, was eigentlich dahintersteckt: Struktureller Rassismus, der schon deshalb so schwer zu überwinden ist, weil er derart im deutschen Denken angelegt ist!

Betrachten wir noch einmal das eben genannte hypothetische Beispiel und ersetzen wir die türkischen Eltern des 17-jährigen Schlägers durch Dänen, Holländer oder Briten.
Würden wir dann mit der gleichen Wahrscheinlichkeit etwas über seine Abstammung in der Zeitung lesen? Wohl eher nicht, denn das gemeine Bild eines Dänen, Holländers oder Briten entspricht dem eines „nordischen Rassetyps“, wobei dieser Begriff schon wie ein geistiger Ausflug in finsterste Nazizeiten klingt.
Wer diesem (optischen) Typus entspricht hat es in Deutschland offenbar leichter als Teil der Gemeinschaft wahrgenommen zu werden, während jemand, der diesem Typus nicht entspricht, immer „der Schwarze“, „der Türke“ oder „der Südländer“ bleiben wird, egal wie sehr er sich um Unauffälligkeit im gesellschaftlichen Mainstream bemüht.
Ähnliche Erfahrungen machte auch Ferdos Forudastan, die in ihrer Kolumne in der Frankfurter Rundschau am 01.02.2012 schrieb: „Manchmal frage ich mich, wie lange man in Deutschland leben, wie sehr man sich anpassen muss, um nicht immer über die Herkunft eines vor Jahrzehnten hier eingewanderten Elternteils definiert zu werden.“

Das vielen Deutschen eigene, latent rassistische, Denken machen sich auch neurechte Autoren wie Michael Paulwitz und Götz Kubitschek mit ihrem Buch „Deutsche Opfer, fremde Täter. Ausländergewalt in Deutschland. Hintergrund – Chronik – Prognose“ zu Nutze um migrationsfeindliche Ressentiments weiter zu schüren und dabei Geld am Verkauf zu verdienen.
Das Buch erschien 2011 im Verlag Edition Antaios, der Bücher von Autoren aus dem ultra-rechtskonservativen Spektrum anbietet, darunter sogar eine deutsche Übersetzung der Texte des norwegischen Bloggers Fjordman, dessen Schriften Anders Behring Breivik als eine der Inspirationsquellen für seine Taten dienten.
Götz Kubitschek ist Chef des Verlages, einer der Gründer einer neurechten Denkfabrik namens „Institut für Staatspolitik“ und ehemaliger Redakteur der, nach Rechtsaußen tendierenden Wochenzeitung Junge Freiheit.
Michael Paulwitz hat in dieser Zeitung noch immer eine Kolumne und ist außerdem politisch bei den Republikanern aktiv.

Um das Buch „Deutsche Opfer, fremde Täter“ zu promoten und, wie die Autoren sagen, einen“ Ort der Nachweise für die Chronik, die im Buch abgedruckt ist“ zu schaffen, wurde eine gleichnamige Internetseite ins Leben gerufen, die auch in den Kommentarspalten von PI recht gerne zitiert wird.
Auf der Seite werden Fälle von angeblicher Ausländergewalt gegen Deutsche aufgelistet und die Orte des Geschehens mit Markierungen auf einer Deutschlandkarte eingezeichnet.
Doch wenn wir uns das Eingangs gesagte noch einmal durch den Kopf gehen lassen, stellt sich die Frage: Handelt es sich bei den Fällen wirklich um Beispiele von „Ausländergewalt“ oder sind hier etwa auch Fälle gelistet, die auf bloßen Vermutungen basieren, weil der Täter gegebenenfalls „südländisch“ aussah und nicht dem, von den Autoren favorisierten, „weißen Rassetyp“ entsprach?

Ich habe mal auf der Seite nachgeschaut, auf einen zufällig gewählten Fall geklickt und kam auf diesen hier.
Eine Gruppe von angeblich ausländischen Mädchen soll in Heilbronn zwei 19-jährige Frauen angepöbelt und danach verprügelt haben. Als Quelle wurde eine Regionalzeitung namens Heilbronner Stimme angegeben, die mir bis dato nicht bekannt war.
Im Bericht zu dem Angriff hieß es: „Die Täterinnen sollen alle Ausländerinnen gewesen sein, zumindest zum Teil handelte es sich vermutlich um Italienerinnen.“
Ich betone hier einmal die Worte „vermutlich“ und „sollen Ausländerinnen gewesen sein“.
Fakt ist also, dass das was die Internetseite „Deutsche Opfer- Fremde Täter“ hier als einen dokumentierten Fall von Ausländerkriminalität angibt, lediglich auf Vermutung und Hörensagen beruht. Identität und tatsächliche Nationalität der Täterinnen waren zumindest zum Veröffentlichungszeitpunkt nicht abschließend geklärt.

Nehmen wir einen anderen Fall:
Der Fall datiert vom 16.11.2011 und es sollen vier nicht näher bestimmte „Südländer“ einen 15-Jährigen beraubt haben.
Als Quelle wird ein Polizeibericht angegeben, in dem die Täter mit den Worten „alle südländischen Aussehens“ beschrieben werden.
Und auch in diesem Fall kann man wohl schwer von einem dokumentierten Fall von Ausländergewalt ausgehen. Mein langjährigster Freund Christian kann mit seinen dunklen leicht gelockten Haaren auch ein Bisschen südländisch aussehen und stammt einer alt eingesessenen Frankfurter Familie und sein Opa beherrschte noch ein Original-Frankfurterisch das Unsereins heute kaum noch verstehen würde.
Wäre es auch ein Fall von Ausländergewalt, wenn mein Freund Christian jemanden verprügeln würde?
Wenn man der Logik von „Deutsche Opfer- Fremde Täter“ folgen würde, dann schon.

Aber prüfen wir weiter und nehmen wir einmal einen Fall aus der Kategorie „sexuelle Gewalt“:
In Ratingen soll angeblich ein Osteuropäer Frauen von hinten attackieren, ihnen den Mund zu halten und sie dann sexuell befummeln. In der angegebenen Quelle findet sich eine Beschreibung des Täters, die unter anderem folgende Merkmale enthält „sportliche athletische Figur, mittelblonde bis braune kurze Haare, spricht akzentfrei Deutsch, osteuropäischer Typ“.

What the FUCK soll eigentlich „osteuropäischer Typ“ in diesem Zusammenhang heißen? Was bitte habe ich mir bei einem mittelblonden kurzhaarigen Typen, der akzentfrei Deutsch spricht, darunter vorzustellen? Etwa, dass seine „Schädelmaße“ der „ostischen Rasse“ entsprechen?!?!

Für „Deutsche Opfer- Fremde Täter“ wurde aus dieser, doch recht fragwürdigen, Personenbeschreibung jedenfalls ein einwandfrei identifizierter Osteuropäer und damit ein neuer Fall von „Ausländergewalt“.
Mein Verdacht, dass die Seite Rassismus statt Journalismus betreibt, bestätigte sich immer mehr. Und je mehr von den weiteren Einzelfällen ich überprüfte, desto mehr verstärkte sich der Eindruck.
Wenn das auf der Seite beworbene gleichnamige Buch mit der gleichen „Recherchearbeit“ und „Qualität“ von Fakten aufwarten kann, so ist es um das arme unschuldige Papier schade, auf dem es gedruckt ist.
Ich konnte es mir dann allerdings doch nicht verkneifen und lud mir eine Leseprobe des Buches auf meinen Rechner.
Diese lieferte mir den endgültigen Beweis dafür, dass die Autoren unter dem Deckmantel des aufklärenden Journalismus reine rassistische Hetze betreiben.

Ein paar Zitate:

- „Deutschland teilt diese Schwäche [Anm.: den demographischen Wandel]mit den anderen weißen Völkern und Nationen und ist aufgrund seiner Niederlage und eines zunächst implementierten, dann übernommenen Schuldstolzesin einer extrem schwachen Verteidigungsposition.“
- „Diese Konflikte sind weder eine Variante des sozialen Konflikts innerhalb der Gesellschaft, noch identisch mit dem Thema »Jugendgewalt« und keineswegs das Ergebnis von Vorurteilen. Es handelt sich vielmehr tatsächlich um ethnisch-kulturelle Unvereinbarkeit und um Urteile, die sich auf die individuelle Erfahrung fremder Aggression und die das gesamte Ausmaß erfassenden statistischen Daten stützen können.“
- „Ein extrem schwieriger Punkt ist die notwendige Reduzierung des Ausländeranteils.“
- „Der deutsche Sozialhilfeempfänger ist eben immer noch einer von uns, und die Erziehungskraft unseres Volkes reicht – wie oben beschrieben – derzeit noch nicht einmal für die eigenen Leute aus. Wir oder Nicht-Wir, das ist bei allen fließenden Rändern der Maßstab.“

Damit reicht es nun!
Ich habe, um meinen Rechner mit diesen geistigen Blähungen nicht weiter zu beschmutzen, das verdammte PDF gelöscht.


2 Kommentare zu ““Deutsche Opfer- Fremde Täter”- Anatomie einer Hetzseite”

  1. Merzmensch

    Gut aufgegriffen… Denn Rassismus ist leider immernoch sehr präsent hierzulande. Die Berichterstattung ist höchst selektiv – und nur diejenigen wenigen werden das nachvollziehen können, die schon mal mit so einem mh-Menschen (mh steht hier für Migrationshintergrund und wird angeblich in Kindergärten für die Kinderklassifizierung verwendet) gesprochen haben.

    Doch da die Medien keine bürgerlichen Pflichten erfüllen, und nur der Quote her nach jagen, werden beispielweise die “ausländischen” Filme kaum gezeigt (abgesehen von den US-Produktionen). Daher denken die Meisten hierzulande, dass die Ausländer dreiköpfig und mit Riesenflügel um die Grenzen unherziehen, unbekannte Ungeheuer, deren Leben sich keineswegs mit dem hiesigen Leben vergleichbar ist. Und wenn sie sich in Deutschland infiltr… -tschuldigung- integrieren, dann sind sie nie richtig zugehörig. Und tragen ihre Riesenflügel gut verborgen unter den Mänteln, um in dem nächsten Moment einen weiteren Deutschen zu “opferisieren”. Die ewige nationalistisch-rassistische Angst ist eine unheilbare Krankheit, die ganze Generationen frisst.

  2. Florian K.

    Hier noch ein Link http://www.infobuero.org/2012/02/koblenz-rechtspopulistische-eintracht/

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