Frankfurter Gemeine Zeitung

North by Northwest

weisse_punkte

Eins
“Bevor ich etwas zu mir nehme, verlange ich, dass eine Identitätsprüfung gemacht wird.”
“Aber ich weiss, wer sie sind”.
“Wer bin ich denn?”
“Sie sind Herr Heise”.
“Es gibt zwei: Der eine trägt eine Brille, der andere keine”.
“Sie sind Herr Heise, sie müssen das jetzt nehmen”.
“Nein, ich berufe mich auf mein Menschenrecht auf Verweigerung.Mein Körper ist vertauscht worden, ich verlange, dass das geprüft wird”.
“Wollen sie etwas trinken?”
“Erst nachdem meine Identität überprüft wurde. Das ist nicht mein Körper. Das weiß ich doch. Meinen Körper kenne ich doch”.

Zwei
“Herr Nachbar,Herr Nachbar”
” Ja, was ist?”
“Kommen Sie mal her. Schlagen Sie die Decke zurück. Das läuft nicht richtig.”
“Ich rufe jemand.”
“Rufen Sie niemand. Schlagen Sie die Decke zurück. Weiter. Decken Sie mich auf! Weiter, weiter, weiter!”
“Ich werde das nicht machen.”
“Warum? Sie haben doch auch mal gevögelt.”
“Ich werde das nicht machen.”
“Ich spüre, da läuft etwas nicht richtig..Etwas läuft hier nicht richtig.”

Drei
“Wieso bist Du ganz aufgedeckt, Papa? Warum deckt Dich keiner zu? Da hab ich ja schon wieder genug, wenn ich so was sehe. Da, Du mußt etwas essen, etwas trinken, Du siehst furchtbar aus.”
“Ich will nichts.”
“Aber dann wirst du immer schwächer, Papa.”
“Ich werde nichts essen, bevor nicht eine Identitätsprüfung gemacht wurde.”
“Quatsch. Hier iss das! Ich esse auch davon. Schokoladenpuding. Ich esse auch davon jeden Tag.”

Vier
“Heute abend will ich ausgehen, wir wollen tanzen und springen. Springen und singen, lalalla.
lalala….die Sonne tut gut….Warum tragt ihr alle die gleichen Sachen?”
“Was sollen wir denn sonst tragen?”
“Kleider. Bunte Kleider.”
“Ja, wenn sie mir ein Kleid kaufen, Herr Heise, dann komme ich morgen so.”
“Ja, natürlich, ihr seid Engel. Engel!”.
“Nicht ganz, oder bist Du ein Engel, Irina?”
“Manchmal schon.”
“Ihr Engel, bindet micht los!”
“Das dürfen wir nicht! Denn wenn wir das tun….”
“…reißen sie sich alles raus.”
“…und tun sich weh, sehr weh.”
“Die Menschen bereiten sich immer Schmerzen.”
“Das aber dürfen wir als Engel….”
“…nicht zulassen.”
“Ihr seid so blöd ! Bindet mich los! Los! Sofort!”
“Na, jetzt bestimmt nicht mehr!”
“Bindet mich los!”
“Zuerst müssen Sie “Eure Hohheit” sagen”
“Eure Hohheit.”
“Wir dürfen sie nicht losbinden.”

Fünf
“Herr Nachbar!”
….

“Herr Nachbar, warum antworten Sie nicht?”
“Ich telefoniere grade.”
“Beenden Sie das Telefonat!”
“Ich beende das Telefonat nicht einfach, weil sie das sagen.Ich ruf Dich später noch mal an, Schatz.”


“Und?”
“Binden Sie mich los!”
“Ich kann Sie nicht losbinden, Sie werden sich das Zeug rausreißen und sterben.”
“Unsinn, hier…binden Sie mich los!”
“Lassen Sie mich in Ruhe mit ihrem Kram. Sie müssen essen, trinken, das Zeug nehmen.”
“Sie sind ein Unmensch!”
“Hören Sie auf!”
“Ein Unmensch, sie werden in der Hölle braten!”
“Halten sie den Mund! Sie sind nicht der einzige Patient hier. Ich bin auch krank.”
“Unmensch! Unmensch!Scheusal!”

Sechs
“Herr Heise, ich bins, Herr Wagner. Erkennen Sie mich? Herr HEISE? Ich bin´s aus ihrem Arbeitskreis! Aus ihrem Arbeitskreis, verstehen Sie mich? Da waren Sie doch immer gern.Alle lassen Sie grüßen.Sie haben mir gesagt, das Sie hier nichts essen und trinken. Was ist denn das? Was sind denn das für Anwandlungen? Sie sind doch ein kluger Mann. Hier, ich habe Ihnen hier Zwieback mitgebracht…”
“Ich will nicht! Lassen Sie mich in Ruhe! In Ruhe!”
“Was ist das denn für ein Zwergenaufstand? Als erstes lassen Sie meine Hand los!Lassen Sie meine Hand los!”
“Binden Sie mich los.”
“Erst lassen Sie meine Hand los!LOS! LOS!LOS! Ich bin stärker als sie! Wenn ich mal abgehe, dann ist aber was los!”
“Was denn?”
“Das werden Sie dann schon sehen! Dann fährt ein Schiff ab! Da hat sich schon mancher verwundert die Augen aus den Augenhöhlen gerieben, wenn ich erst mal….”
“Ach, lassen Sie mich in Ruhe!”
“Was ist denn jetzt?”
“Lassen Sie mich in RUHE! RUHE!RUHE!”
“Okay, lassen Sie uns Frieden schließen, den Frieden von Brest Listowsk. Den kennen Sie doch, oder?Wo wurde der geschlossen? Ich weiss es selbst nicht, aber Sie! Sagen Sie es mir!”
“In England.”
“Ja, genau.”
“In RUUUUUHE!”
“Na, na, wir haben doch grade den Frieden von Brest Litowsk geschlossen, Herrn Heise.

Sieben
“Ach Herr Heise, alles voller Blut, sogar der Zwieback, haben sie sich wieder alles rausgerissen, man wird sie wieder anschliessen, man wird ihnen wehtun, das haben sie sich selbst zuzuschreiben,ach mein Gott, und ich muss alles aufschreiben, alles dokumentieren, denn das Fräulein Tochter ist ja Anwältin, da muss man aufpassen, alles aufschreiben,seit 20 Jahren mache ich das schon, ich weiss, was ich tue, aber das Blut, das Blut, so eine Schweinerei.”

Acht
“Sie sind der Nachbar, nicht wahr? Für sie ist es sicher auch nicht leicht…tut mir leid.”
“Das ist egal. Ich finde, Sie sollten ihn öfter besuchen, etwa alle zwei Tage. Das beruhigt ihn.”
“Ich weiss, aber ich bin beruflich sehr eingespannt grade.Unsere Mutter ist ja grade erst vor zwei Monaten gestorben. Wir dachten ja, dann kehrt erst mal Ruhe ein.”

Neun
“Herr Nachbar.”
….
“Herr Nachbar”.
“Ja?”
“Was machen Sie grade?”
“Ich schaue aus dem Fenster….Sterne….Wollen sie nicht etwas schlafen?
“Wie finden Sie das Leben?”
“Na, ja, wir haben grade mit ein paar Einschränkungen zu kämpfen, aber das geht vorbei, das ist normal.”
“Wieso? Sie können doch alles.”
“Ich bin gelähmt”
“Also, ich verstehe jetzt die Zusammenhänge.”
“Welche Zusammenhänge?”
“Wir sind vertauscht worden.”
“Das glaube ich kaum.”
“Die füllen uns hier Benzin in die Schläuche.Deshalb sind sie gelähmt.Und ich sterbe.”
“Warum sollten die so was machen?”
“Woher soll ich das wissen?”

Zehn
“Schwester, ich will etwas zum einschlafen.
“Ich bringe ihnen etwas.”
“Das von gestern hat gut gewirkt.”
“Ja, aber das macht schnell süchtig. Ich gebe ihnen heute etwas pflanzliches.”
“Was ist denn mit Herrn Heise passiert? Haben Sie ihn aus dem Zimmer gefahren?”
“Er ist gestorben. Habe Sie das nicht gemerkt?”
“Nein.Ich habe DVD gesehen mit Kopfhörer. Wann war es?”
“Zwanzig vor Zehn. Gute Nacht”
“Gute Nacht.”


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