Frankfurter Gemeine Zeitung

Touris verwursten

Frankfurter, die öfters durch die Gemeinde ziehen oder die passenden Stadt-Postillen lesen, kennen die Warnung: die Kellner in den Apfelweinkneipen am Ort, die etwas auf sich halten sollte man nicht von der Seite anquatschen, da gibt es einiges zurück: sie sind ausgewählt unfreundlich, Muffigkeit als Frankfurter Markenzeichen. Doch diese Zeiten sind einigermaßen passé, besonders seit Gast in diesen Etablisements Bier (!) bestellen kann und sogar bekommt. Und dann noch die Rede von der “Servicewüste”…

Davon haben sogar Touri-Führer was läuten hören. Und sie wissen, was seit Jahren den Stadtbewohnern offenbar ist. Das Kneipenviertel in Sachsenhausen ist out, runtergekommen, kein gutes Ziel mehr. Professionals und Erben aus dem Umland suchen “Authentizität”, Restbestände lokalen Lebens abseits der Finanz-Italiener ums Bankenviertel und noch nicht entdeckt von den Chinesen.  Deswegen kam die Bergerstrasse zu einem Haufen neuer Kundschaft, umso besser für die Hausbesitzer, die Mieten klettern ins Uferlose.

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Als Bernemer setze ich mich auch gerne mal in eine der vielen Kneipen vor Ort, kann aber die Zonen von Lebensweisen in der Bergerstrasse gut unterscheiden: nämlich nach  unten und oben, Tasse Kaffee für 2,20 oder für 1,80. “Unten” meint zunächst eine rein geografische Differenzierung, nämlich das Stück ab der Höhenstrasse hin zur Innenstadt. Das Nordend-Viertel mit den Boutiquen, den teuren Spaniern und den vielen Offroadern mit HG.

Bei einem der Spanier war ich mal vor Jahren: dort wurde mir zuerst von einer Aushilfe (und es gab natürlich fast nur Aushilfen in dem Laden) eröffnet, dass es nur eine sehr eingeschränkte Karte gebe, weil die Gefrierschränke im Keller ausgefallen waren. Auf meine Frage, warum denn die Küche dann nichts frisch zubereite entgegnete sie, dass immer alle ihre Essen fertig in den Kellertruhen einlagern. Ich hatte bereits registriert, dass ein Glas Navarra hier 8 Euro kostet, und zwar ein solcher, der sonst für 4,50 die Flasche verkauft wird, Faktor 7, messeunabhängig.

Na, die Authentizität ist hier eh ein Fake, die “Best Worscht”, von der manche Banker glauben, sie wäre Lokalkolorit und die es hier für 3 Euro plus x das Stück gibt ist eine Kette, die besonders in Einkaufszentren und in Eschborn zwischen Deutscher Bank und Deutscher Börse ihren Cash Flow generiert.

Also: nördlich der Höhenstrasse, besser noch nördlich des Uhrtürmchens jenseits der Phalanx von Fabrikbrotanbietern, hinter dem Wackers, da kann man die Lokalwelt noch in Ordnung wähnen, das ist “oben”, Bernem, nicht Nordend.

So dachte ich, auch wenn hier inzwischen scharenweise Projekter, Web-Designer und ähnliche Freelancer ihre Projektmanagements durchdiskutieren. Da kriecht schon ein Stück Einfallslosigkeit durch die Gänge.

Solches Besucherprofil funktioniert auch immer häufiger in einer von mir frequentierten Kneipe, die ihre Preise bereits auf Publikum mit gut Cash eingemessen hat und in der ich vor Tagen neben einem älteren ITler zu Sitzen kam. Der sah weniger nach Finanzbranche sondern nach altem Hacker-Freak aus und wartet seit Jahren auf den Vorruhestand. Entsprechend orderte er eine vergetarische Pizza, die es in dem Laden schon ab 10 Euro gibt, immerhin.

Das Ding sah gut aus, war knusprig, aber in einem einzigen Stück. Ganz schwer zu schneiden, besonders mit zartem Besteck. Aus dieser Misslichkeit entwickelte sich eine Szene, die als gewichtiges kulturelles Zeichen für sozio-kulturelle Umwälzungen im Stadtgebiet gelten kann. Der Software-Mensch fragte nämlich hinterm Tresen nach, ob die Küche nicht mit einem Schneidegerät das runde Stück vierteln könne, das würde ihm dann richtiges Essen ermöglichen. Der etwas phlegmatisch agierende Servicemann deklarierte nach einer Minute, dass die Küche solches Material nicht besitze und deswegen die Pizza auch nicht teilen könne.

Sichtlich verblüfft tracktiert der etwas verängstigte ITler weiter das harte, runde Stück, das Messer rutscht ab und fällt auf den Boden der Kneipe. Wieder eine Bitte an das Personal: “geben sie mir doch einfach ein passendes Messer aus der Küche, dann teile ich das gute Stück selbst”. Der Tresenmann kommt aus der Küche zurück und erklärt stoisch: “”Küchenmesser kommen grundsätzlich nicht in den Gastraum!”. Ob soviel Chuzpe wollte unser braver Pizzakunde gerade anheben, da ergänzte die Stimme hinterm Tresen großzügig: “Sie können das Essen aber gerne zurückgeben”. Ich vermute, das entsprang dem ersten Sieg des FSV seit 10 Monaten, konnte die Situation aber nicht wirklich beruhigen. Nach wenigen weiteren Schneideversuchen ohne echten Erfolg gab der Programmierer die Pizza zurück und verlangte zu zahlen.

Als die Rechnung mit dem vollen Preis der Pizza auf dem Tresen lag, der Chef vom Dienst erklärte, dass die Pizza in der Küche “für gut befunden” wurde, wusste ich, dass die Zunahme der Offroader mit MTK im letzten Jahr ein Menetekel war, ebenso wie die kaum noch erträgliche Fressstanddichte auf dem letzten Bernemer Mittwoch.

Es gibt markante Anzeichen, dass der Staffelstab des “da muß man gewesen sein” vom Sachselhausenviertel an die obere Berger übergeben wurde, fragt sich bloß, wo die Touribusse dann halten. Am Prüfling wurde ja schon gehörig Parkplatz geschaffen, nur 200 Meter weg. Was heißt hier eigentlich “Gentrifizierung”?


10 Kommentare zu “Touris verwursten”

  1. Florian K.

    Guter Artikel!

    Nur den Abschnitt über “Best Worscht” finde ich ein Wenig unfair.
    Zu einer Kette haben die erst expandiert, nachdem ihre scharfen Würste derart reißenden Absatz gefunden haben.
    Vor nicht allzu langer Zeit hat Lars Oberndorfer (der Chef und Gründer) tatsächlich mit einem Imbisswagen im Westend angefangen. In dem Sinne kann man “Best Worscht” durchaus noch als Frankfurter Original bezeichnen.

    Meines Wissens nach bezahlen die aber außerdem (im Gegensatz zu vielen anderen Imbissketten) ihr Personal fair und achten bei dem Fleisch, das in die Wurst kommt, auf Qualität.
    Daraus erklärt sich zumindest teilweise auch der höhere Preis.

    Potentiell bedenklich ist allerdings, dass “Best Worscht” inzwischen auch mit Franchise-Nehmern arbeitet. Wie sich das entwickelt, wird die Zukunft zeigen.

  2. Wohlgemuth

    Thanxs für die Info: also eine freundliche Kette! Oder ein Franchising. Auch im Isenburg-Zentrum (seit Jahren ausserhalb Frankfurts) und anderswo (in Eschborn, ausserhalb Frankfurts).
    Allerdings gilt auch in diesem Fall bzgl. Berger unten und oben, wie beim Kaffee: oben, am Uhrtürmchen auf dem Markt verlangt Hegmann für seine Wurst 50 Cent weniger, die ist hervorragend und er steht da auch nicht für 5 Euro die Stunde.

  3. Florian K.

    So weit ich weiß, werden nur einige der Filialen als Franchising betrieben.
    Der im Text genannte Laden auf der Berger fällt, glaube ich, nicht darunter.

    In Bezug auf Deine Aussage zu Hegmann und “Best Worscht” im Vergleich, möchte ich fast vermuten, dass Du noch nie bei “Best Worscht” gegessen hast.

    Es gibt außer der hervorragenden Wurst noch einige andere Gründe, die aus meiner Sicht den höheren Preis mehr als rechtfertigen:

    1. Best Worscht bietet die Currywurst nicht nur als 08/15-Standard an, mit dem geschmacklosen gelben Pulver, welches in D als “Curry” verkauft wird, sondern man kann zwischen vielen verschiedenen Geschmacks-Varianten wählen.

    2. Man kann zwischen verschiedenen Schärfegraden der Wurst wählen, zwischen A (harmlos) bis F (eher eine Mutprobe als ein Lebensmittel).

    3. DAS BROT! Statt Industriebrötchen gibt es immer frisches graues Roggenbrot, das herrlich duftet und extra für den Laden von einer Bäckerei hergestellt wird.
    Wenn man möchte und der Vorrat reicht, kann man sich immer noch 2-3 Scheiben davon ohne Aufpreis zur Wurst nachbestellen.
    Und manche sagen, dieses Brot wäre das beste Brot, das man in Frankfurt bekommen kann. (ich vertrete diese Meinung auch)

    4. Auch die Soße zur Wurst ist eine Eigenkreation von “Best Worscht” und keine Industriepampe.

    5. Ein Bisschen Smalltalk mit den “Worschtdealern” ist immer inklusive.

    Als ich noch in Bornheim gewohnt habe, war ich bei “Best Worscht” Stammkunde.

  4. Wohlgemuth

    Klingt fast wie Guerilla-Marketing.
    Bin kein echter Wurst-Fan, und Soßen aller Art dazu sind nicht so mein Fall. Habe nur Wurst selbst, so als Wurst verglichen (Best/Hegmann).
    Und dazu habe ich gerne ein Brötchen. Brot ist eine ganz komplizierte Sache, überhaupt, im allgemeinen Verzehr.
    In Isenburg macht mir all das mit Best übrigens nicht so den Eindruck, werde es geflissentlich prüfen.
    Übrigens hat schon meine Oma bei Hegmann am Türmchen gekauft, da lass ich auch nix drauf kopmmen, selbst wenn der Laden weggebeamt wurde.

  5. goadzs

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