Frankfurter Gemeine Zeitung

„Wir sind ein Bild aus der Zukunft“

Wie schnell man die Zukunft schon hinter sich hat

Das Motto ist gut gewählt, die Regionen dieser Welt bewegen sich in denkwürdiger Gleichförmigkeit aufeinander zu – und dies keineswegs zum Besseren für die Mehrzahl der Betroffenen. Die Ungleichzeitigkeit dieser Entwicklung gibt uns Gelegenheit, an hand verschiedener Regionen einmal darzustellen, was uns erwarten könnte – nicht muss, da wir immerhin die Möglichkeit haben, andere Richtungen einzuschlagen. Das TINA-Gewäsch können wir getrost Merkel und Konsorten überlassen.

Wer immer meint, Hauptsache es trifft die anderen und wenn ich nur fest genug mit draufschlage, wird mir auch nichts passieren, wird sich bald mit Niemöllers damaliger Einsicht konfrontiert sehen: „…als sie die Kommunisten geholt haben, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist, als sie die Sozialdemokraten geholt haben, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie mich geholt haben, war keiner mehr da….“

…ein Deutscher, der auf einen Griechen schaut, der auf einen Inder blickt.

Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun? Nun, auf den ersten Blick nicht viel, so will es scheinen. Was hat dieser fleissige Deutsche schon mit dem listigen Griechen und vor allem dem im Aberglauben steckenden Inder gemein. Da ist dieser Exportweltmeister, der sich verwundert die Augen reibt, dass nicht alle anderen auch Weltmeister sind, der Grieche, der nur zusieht, wie er ohne Risiko seinen Vorteil ergattert und schliesslich, der langsam in den Genuss der westlichen Segnungen kommende Inder, der sich halt erst daran gewöhnen muss, dass die Mango nicht einfach in den Mund wachsen.

Indian Dreams

Es gibt da ein Gefälle. Dabei wird leicht übersehen, dass man, einmal auf diese schiefe Ebene geraten, sich sehr schnell am vermeintlich weit entfernten Fusspunkt wieder findet. Und dass aus Futur ebenso rasch Futur II werden kann.

Folgt man der gerade in Deutschland vorherrschenden Lesart, so sind für die Unterschiede „nationale Tugenden“ ursächlich und fatalerweise stösst dies auf breite Zustimmung hierzulande. Vergessen sind die langen und frustrierenden Kämpfe und Auseinandersetzungen, vergessen die Tatsache, dass Armut stets relativ zu messen ist. vergessen wird auch, dass es die gleichen Spieler sind, die mit verschiedenen Taktiken zwar, doch im Ziel einig, diese Zustände befördern. Was immer auch unterscheidet, der Angriff bleibt der gleiche.

Es scheint hilfreich, dass es noch einen gibt, der weiter unten angesiedelt ist, weil man ihm unbedenklich in die Fresse treten kann.

Was macht den Unterschied aus

Die grosse Masse der Inder ist und wird auch vermutlich in nächster Zeit nicht in den Genus solcher „Errungenschaften (sic!)“ wie Versicherung im Alter und Krankheitsfall kommen, rechlich bindender Tarifverträge, sie wurden und werden vom Feudalismus direkt  in die neoliberale Ökonomie gestossen, deren neofeudale Züge sich kaum übersehen lassen; die Griechen durften sich in der Illusion Europa wähnen, solange sie genügend Kredite bekamen, um hauptsächlich deutsche Waren damit zu finanzieren.

Die Deutschen sind mehrheitlich wahre Weltmeister in nationaler Borniertheit, die keinen zusätzlichen rechtspopulistischen Spieler benötigen, weil das die Herschaften in den neoliberalen Parteien zur Gänze allein bewerkstelligen.

Sie sind die Vorreiter des freiwilligen Verzichtes, den sie mit aller moralischen Rigidität den anderen aufzwingen. So entwickelt sich dieses Land zu einem Straflager in den Köpfen.

Ist es wirklich so unterschiedlich, wenn sich in Indien die Ärmsten der Armen daran begeistern, dass sich ihre eigenen Repräsentanten auf Schamloseste bereichern (und damit auf ihre Kosten), si es geradezu von ihnen zu verlangen scheinen oder die Deutschen ins Schwärmen geraten, ob der Erfolge der Exportindustrien, zu dem sie durch Verzicht beigetragen haben?

So ist man denn allenthalben zufrieden, dass den Griechen jetzt endlich eingebläut wird, wie das zu laufen hat, wie die protestantische Moral sie zu besseren Lohnarbeitern macht, dass Arbeitsethos noch immer vor Arbeitslohn kommt. So und nur so werden sie ihren angemessenen Platz in der globalen Hierarchie einnehmen lernen.

Das Dumme ist nur, dass diese Entwicklung sich nicht auf Griechenland begrenzen lässen will. Es ist eben nicht nur das Finanzkapital in seiner „schrecklichen Gier“, das sich hier austobt. Wenn „wir“ endlich diese Südländer zur Räson gebracht haben, dann werden die Überschüsse zurückgehen und damit die Einkommen und deren Kontinuität sowieso, dann ist die nächste Verzichtsrunde angesagt, weil ohne Profite nichts läuft. Dann bleibt niemand mehr, von dem wir Solidarität erwarten könnten und treffen uns mit der Mehrzahl der Inder und Griechen in Suppenküchen.

Dass sich zig Millionen Inder an einem Generalstreik beteiligen, macht Hoffnung, dass sich die Mehrheit der Griechen dem neoliberalen Ansinnen verweigert, ist für sie eine Existenzfrage; dass sich in Deutschland immer noch die Mehrheit der Solidarität entzieht, wird hier zu einer Existenzfrage werden. Grenzenlos dumm ist es allemal.


Ein Kommentar zu “„Wir sind ein Bild aus der Zukunft“”

  1. gaukler

    Die rechtspopulistische Bemerkung zur “Deutschland-Lage” scheint mir treffend: die schwarz-gelb-rot-grüne Einheitsfront trieft schon dermaßen neokonservativ, dass vermutlich selbst Willi Brandt als “irregeleiteter Sozialist” heute nirgends mehr einen Termin bekäme, selbst nicht in den Vorzimmern.
    Das ist wahrscheinlich in Indien nicht viel anders, auch da ließen ihn die Wachposten an den Gated Communities der ach so hoffnungstragenden neuen Mittelschicht nicht durch.

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