Frankfurter Gemeine Zeitung

Joachim Gauck ist der falsche Bundespräsident – auch für progressive Kirchenleute

ERKLÄRUNG zur bevorstehenden Wahl eines neuen Bundespräsidenten

Hartwig Hohnsbein, Pastor i.R., Göttingen
Göttingen, 24. Februar 2012
Helmhard Ungerer, Pastor i.R., Göttingen

Am 18. März soll gemäß eines gemeinsamen Vorschlages der führenden Politiker von CDU/CSU, SPD, FDP und Grünen der Ex-Pfarrer Joachim Gauck zum neuen Bundespräsidenten gewählt werden.

Die evangelische Kirche begrüßte unmittelbar nach dieser Vereinbarung seine Nominierung.
Ihr Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider wusste sogleich, dass der Nominierte „dem Präsidentenamt zu neuem Ansehen verhelfen könne“, weil „er gute Voraussetzungen für das hohe Amt mitbringe“.

Wir erklären dazu:

Die offizielle Kirche hat nicht für uns gesprochen.

Wir bezweifeln auch, dass der Ex-Pfarrer Gauck gute Voraussetzungen für das hohe Amt mitbringt.

Wir beziehen uns dabei auf Äußerungen, die seit seiner ersten Kandidatur 2010 bekannt geworden sind und die durchaus den Charakter von Grundsatzpositionen widerspiegeln:

  • Erschreckend ist für uns, dass er in einem Interview Thilo Sarrazin für dessen unsägliches Buch Deutschland schafft sich ab, das er damals nicht einmal gelesen hatte, „Mut“ bescheinigt. Die „Junge Freiheit“ weiß deshalb, dass „Joachim Gauck ein guter Bundespräsident wird“, weil „Gauck Sarrazin lobte“.
  • Zum Sozialstaatsgebot, das nach dem GG Art. 20 garantiert ist und von unzähligen Menschen in der evangelischen Kirche immer engagiert mitgetragen wurde, fällt ihm dieses ein: „Wir stellen uns nicht gerne die Frage, ob Solidarität und Fürsorglichkeit nicht auch dazu beitragen, uns erschlaffen zu lassen.
  • “Sein Problem mit der polnischen Westgrenze kleidete er in die Worte: „Einheimischen und Vertriebenen galt der Verlust der Heimat als grobes Unrecht, das die Kommunisten noch zementierten, als sie 1950 die Oder-Neiße-Grenze als neue deutsch-polnische Staatsgrenze anerkannten“.Die mühsame Entwicklung einer „Neuen Ostpolitik“ in den 60er/70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, an der die evangelische Kirche mit ihrer „Vertriebenendenkschrift“ von 1965 einen beträchtlichen Anteil hatte und an der auch wir seinerzeit mitwirkten, weil erst dadurch das Tor zu einer Verständigung mit unseren östlichen Nachbarn aufgestoßen werden konnte, sehen wir in seiner Haltung zur polnischen Westgrenze im Nachherein in Frage gestellt.

  • Der evangelischen Kirche im Westen und „westdeutschen Theologen“ in den 70er und 80 Jahren wirft der Ex-Ostpfarrer „Linkslastigkeit“ vor. „Linke in der Bundesrepublik inner- und außerhalb der Kirche hätten mit ihrer Kapitalismuskritik den Begriff Freiheit negativ besetzt“.

In jener Zeit waren wir in den westdeutschen Kirchen wie er in Ostdeutschland als Pastoren tätig. Wir maßen uns nicht an, seine Arbeit von damals zu überprüfen oder zu verwerfen. Wir verwahren uns allerdings dagegen, unsere pfarramtlichen Tätigkeiten, die er nicht kennen kann, als freiheitsfeindlich zu diffamieren.

Wir haben seinerzeit, angeregt durch Theologen wie Martin Luther King, Helmut Gollwitzer und Ernst Käsemann, später Dorothee Sölle, gepredigt, gebetet, demonstriert (und dabei oft üble Nachreden ertragen müssen), und zwar:

  • gegen den amerikanischen Vietnamkrieg und für die Freiheit des vietnamesischen Volkes;
  • gegen die südafrikanische Apartheid, die von mächtigen Banken und Konzernen Westdeutschlands unterstützt wurde, und für die Freiheit der Schwarzen, insbesondere auch für Nelson Mandela;
  • gegen den Putsch in Chile und für die Freiheit des chilenischen Volkes;
  • gegen eine Welt voller Waffen und gegen die atomare „Nachrüstung“ und für die Freiheit von Waffen und Waffenexporten. Zu dieser „Friedensbewegung“ in den 80er Jahren äußerte der Ex-Pastor Gauck, sie hatte „unrecht“. Martin Niemöller, Heinrich Albertz, Dorothee Sölle, Heinrich Böll und viele andere Christen wären danach so etwas wie Deppen gewesen.

Von einem „Bürgerrechtler“ wie Gauck befürchten wir, dass er, einmal im Bundespräsidentenamt, so wie er den derzeitigen Afghanistankrieg gerechtfertigt hat, dann auch weitere mögliche Kriegsbeteiligungen Deutschlands, auch um Rohstoffe, mit pastoralem Pathos rechtfertigen wird.

Der Weltrat der Kirchen hat 1948 als Grundaussage proklamiert:

„KRIEG SOLL NACH GOTTES WILLEN NICHT SEIN!“ und damit den Krieg als Mittel der Politik geächtet.

Deshalb sagen wir NEIN zu diesem designierten Präsidenten!

V.i.S.d.P : Hartwig Hohnsbein, 37079 Göttingen, Romstr. 70
Helmhard Ungerer, 37083 Göttingen, Am Hachweg 17

Gefunden in den Nachdenkseiten: http://www.nachdenkseiten.de/?p=12460 .


4 Kommentare zu “Joachim Gauck ist der falsche Bundespräsident – auch für progressive Kirchenleute”

  1. Florian Kleberei

    Mieser Stil! Wahrscheinlich findet sich im Netz auch ein kritischer Leserbrief von zwei Feuerwehrleuten – bitte hier sofort als eigenen Beitrag veröffentlichen, versehen mit der Überschrift: „Joachim Gauck ist der falsche Bundespräsident – auch für den Öffentlichen Dienst“!

    Im Ernst: Es geht nicht an, mittels Überschrift Tatsachen zu verdrehen oder zu verzerren. Wie im vorliegenden Fall das Faktum, dass die Kandidatur von Joachim Gauck bei den Kirchen große Zustimmung erfährt:

    http://www.domradio.de/aktuell/79993/mit-vertrauensvorsprung.html

  2. Bert Bresgen

    Sie haben recht, dass die Überschrift zu allgemein war: wir haben sie dahin geändert, dass Gauck der falsche Bundespräsident für “progressive” Kirchenleute ist. Für konservative Kirchenanhänger ist er der richtige.Die “Tatsachen” werden allerdings nicht “verzerrt” oder “verdreht”, nur weil die von ihnen verlinkte offizielle Position der Kirchenvertreter eine andere ist. Die beiden Pastoren sagen ja in ihrem Brief selbst, dass die evangelische Kirche die Nominierung begrüßt hat und erklären dazu: “Die offizielle Kirche hat nicht für uns gesprochen” Das ist gute protestantische Tradition, würde ich meinen. Miesen Stil sehe ich eher darin, dass sie die beiden Pastoren durch den Vergleich mit Feuerwehrleuten lächerlich machen wollen. Hier geht es nicht um die fachliche Qualifikation von Gauck in allen denkbaren Bereichen, sondern um seine politiscdhen Statements und die Frage, wie sie zur Tradition des politischen Christentums hierzulande passen. Wenn Gauck die Frage stellt, ob “Solidarität und Fürsorglichkeit”, also zentrale Werte des Christentums, uns nicht “erschlaffen” lassen, müsste das so manchen Kirchenmann schlucken lassen-aber die haben ja im Laufe der Geschichte schon viele Kröten geschluckt.

  3. gaukler

    Wie spuckt es doch jetzt schon aus den vielen tausend konservativen Ecken heraus, alle wonnen sich in der Erwartung.

  4. Heide Hirte

    Lasst doch den Gauck die 100 Tage. Zugleich sollte die unsägliche Zitatauswahl beendet werden. Erst hinschauen, dann urteilen.
    Mir fällt wieder mal diese schrecklich-narzisstische Ungeduld meiner Mitkollegen auf. In den aktiven Zeiten meines Dienstes oft erlebt! ( P. i. R. )
    Melanchthon hatte es schon richtig beurteilt: ” Die Befreiung vom Zorn der Theologen mindert die Todesfurcht!”

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