Frankfurter Gemeine Zeitung

Aufzüge meines Lebens (4): Randgruppenblues

rollator

Ausgerechnet in Bad Homburg, wo sich ein Drittel der Verweilenden auf Krücken, mit Rollator oder Rollstuhl fortbewegen, sind die Aufzüge am Bahnhof außer Betrieb. Seit wann und für wie lange? Ein Blick in die öffentliche Ausschreibung lehrt: Fristbeginn Aufzugbau Bahnhof August 2011, Fristende Mai 2012. Für drei Personenaufzüge und zwei Lastenaufzüge. Ja, so ein Aufzug zu bauen, das braucht Zeit, und dann gar erst fünf Stück auf einmal. Vielleicht will die Kurverwaltung aber auch dafür sorgen, dass die Leute nicht flüchten können, damit die REHAbetten voll bleiben. Besser schaut die Situation am Frankfurter Westbahnhof aus. Dort gibt es keine Aufzüge, und wo es keine Aufzüge gibt, kann man auch keine außer Betrieb setzen.Aus diesem schönen Anlaß mein Randgruppenblues, der allerdings davon ausgeht, dass es jemand bis zur Bordsteinkante geschafft hat:

Ich roll am Morgen zum Bahnhof

der Zug fährt ein.

Kein Mensch auf dem Bahnsteig

ich bin allein

Mein Bufdi hat verschlafen

hier steigt niemand aus

ich hab drei Minuten

sonst muss ich nach Haus

Ich rufe: “Hey! Schaffner!

Ich bin Mobilitätseingeschränkt!

Der Schaffner blickt aus dem Fenster

Und sagt: “Ist geschenkt.

Mann, ich sitz selbst im Rolli

Der ganze Zug ist leer

Ich kann Dir nicht helfen

Ich weiß, das ist schwer

Aber unser Lokführer ist blind

und fährt nur nach Gehör

Wir müssen jetzt weiter

Wir fahren nach Föhr.”

Die Türen gehen langsam zu

Du hast den Zug verpasst

Und Du weißt jetzt kommt

genau, das was Du hasst

Du hast den Randgruppenblues

Du hast den Randgruppenblues, baby!

Nicht zum ersten Mal

Du hast den Randgruppenblues

Zurück in die Bahnhofshalle

hinter dem Schalter eine alte Frau

Du fragst nach dem nächsten Zug

Sie sagt: “Grad wußt ichs noch genau

Aber jetzt hab ichs vergessen

ich bin nämlich dement

aber es ist nicht so schlimm

so lang ich noch weiß, wie man´s nennt.”

Ein Mann stürzt in die Halle

und fragt mich nach dem nächsten Zug

er trägt einen schmutzigen Anzug

und sagt: “Ich hab so was von genug!

Ich hab meinen Job verloren

mich ziemlich verspekuliert

meine Jungs von früher

sehn mich so an, dass mich friert

Fort sind Frau und meine schöne Freundin

Schön ist so was wirklich nicht

Ich hab nicht mal mehr ein Auto

fühl mich fast wie Unterschicht.

Ich leg mich jetzt auf die Schienen!”

Ich sag: “Bruder, hey, keine Hast

vielleicht kann ich Dir dienen

schaun, dass Du keinen Zug verpasst.”

Du hast den Randgruppenblues

Du hast den Randgruppenblues, baby!

Zum ersten und möglicherweise letzten Mal

den Randgruppenblues

Herein kommt plötzlich Kaspar

seine Wangen sind rotgeschminkt

er ist klein und ganz aus Plastik

und lacht und springt und singt:

“TriTraTralala, der mit dem Rolli ist schon da!

Naaaaa, wie gehts uns denn heute wieder?”

Du nimmst eine große Pritsche

und schlägst Kaspar damit nieder:

Halt den Rand!Okay?

Das hier ist nicht der Handpuppenblues,

sondern der Randgrupppenblues, baby

zum bestimmt nicht letzten Mal

der Randgruppenblues

Jedes Getriebe braucht Sand

um nicht zu getrieben zu sein

Jedes Loch braucht einen Rand

um einfach Loch zu sein

doch

manchmal fällst Du darauf rein

und dann da hinein

Du hast den Randgruppenblues

Du hast den Randgruppenblues, baby!

Egal, was Du tust.

Du hast den Randgruppenblues

Du hast den Randgruppenblues, baby!

(geschrieben für das neue Programm von Rene van Roll: “Ich, meine WG und die CIA”)


Das ist die Oblomowerei!

Zur Neuübersetzung von Iwan Gontscharows großem Roman Oblomow

1849 erschien in der russischen Literaturzeitschrift „Der Zeitgenosse“ ein Text: „Oblomows Traum. Episode aus einem unvollendeten Roman“. Autor: Iwan Gontscharow. Dieser Text beendet dann im Roman als zentrales Scharnier desRomans einen über viele Seiten geschilderten Vormittag, an dem sich Oblomow die absurdesten Wortduelle mit seinem Diener Sachar über Schmutz und Unordnung liefert, vergeblich versucht, endlich aus den Federn und in die Tageskleidung zu schlüpfen und zahlreiche Bekannte empfängt, die einen repräsentativen Querschnitt durch die „bessere“ Gesellschaft St. Petersburgs geben.

Nach diesen Aufregungen schläft Oblomow wieder ein und hat seinen berühmten Traum, der ihn zurückführt auf das elterliche Gut Oblomowka, in seine Kindheit. Dort herrschen Weltabgeschiedenheit, Naturmagie und Aberglaube. Und die gute Küche. Ein Schlaraffenland. Lange vor Freud hat sich Gontscharow damit als Romancier darüber Gedanken gemacht, wie prägend die Kindheit für Charakter und Wesen eines Menschen ist: „Wer vermag schon zu sagen, wie früh ein Körnchen Geist im kindlichen Gehirn zu reifen beginnt? Wie ließe sich die Entstehung der ersten Begriffe und Eindrücke in einer Kinderseele verfolgen? [...] Vielleicht hat sein kindlicher Verstand schon längst den Schluß gezogen, daß man so und nicht anders leben müsse, wie es die Erwachsenen um ihn herum tun.“ Die Erwachsenen in Oblomowka kennen das arbeitsreiche Leben nicht, seelische Aufregungen sind ihnen fremd, „die Flammen der Leidenschaft fürchten sie wie das Feuer“. Ihr Ideal ist Müßiggang und Ruhe, nur bisweilen unterbrochen durch „Krankheiten, Verluste, Streitigkeiten und leider auch Arbeit.“

Nun lebt Oblomow in St. Petersburg, kümmert sich nicht um das Gut mit seinen 700 „Seelen“, das vom Verwalter stetig heruntergewirtschaftet wird. Seine schützende Hand über unseren Helden mit der „schönen, trägen Pose“ und einem „reinen, lichten und guten Wesenskern“, versucht sein Jugendfreund Stolz zu halten. Stolz, dessen Zuneigung zu Oblomow unerschütterlich ist, repräsentiert das vollkommene Gegenteil: Daueraktiv, agil, stets voller Pläne, Anhänger des Fortschritts und des tätigen Lebens. Stolz macht Oblomow mit Olga Ilinskaja bekannt, nachdem er ihr von ihm erzählt und er sie gebeten hat, sich in seiner Abwesenheit um ihn zu kümmern und zu versuchen, ihn nicht wieder in seine Trägheit abgleiten zu lassen. Beide verlieben sich ineinander. Ihre Liebesgeschichte ist eine der großen der Weltliteratur. Natürlich geht sie nicht gut aus. Scheitert die Liebe bei Olga, weil es ihr wahrer Ehrgeiz war, Oblomow dem „Leben“ zuzuführen? Oblomow glaubt, nur dann die Kraft zu haben sein Leben zu ändern, wenn Olga um ihn ist. Gleichzeitig boykottiert er die Beziehung, weil er so ein Leben gar nicht will.

Olga heiratet schließlich Stolz. Oblomow lebt mit einer Witwe zusammen und die beiden schaffen  ein neues Oblomowka. „Kein Homer“, so Gontscharow, sei in der Lage, die vielen Köstlichkeiten aufzulisten, mit denen die Vorratsräume für die Küche vollgestopft sind, Köstlichkeiten, die sich Oblomow wieder leisten kann, seit Stolz sein Gut auf Vordermann gebracht hat. Oblomow verbringt den Rest seiner Tage in diesem wiedererstandenen Oblomowka. Und dann ist er tot. Nur Gottfried Keller hat seinen Helden Heinrich Lee in der ersten Fassung des „Grünen Heinrich“ schneller unter die Erde gebracht.

Die Oblomowerei, diesen Begriff über die Lebenshaltung seines Freundes, erfindet Stolz. Und ist in Rußland sprichwörtlich geworden. Für Pjotr Kropotkin, den Geographen, Revolutionär und bedeutenden Theoretiker des Anarchismus, stand Gontscharow mit seinem „Oblomow“ auf gleicher Höhe wie Turgenjew und Tolstoi. Der „Oblomow“, obwohl durch und durch ein russischer Roman, sei aber (so Kropotkin in „Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur“ von 1905), „gleichzeitig allgemein menschlich, denn er beschert uns mit einem Typus, der fast so allgemein ist wie der Hamlet und Don Quijote.“

Wie soll man leben? Das ist vielleicht die zentrale Frage des Romans, wie so oft in der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Eine große Parabel über Möglichkeiten und Grenzen, den Verlauf seines Lebens bewußt zu gestalten. –  „Wir beide sind keine Titanen [...] wie die Manfreds oder Faust“, sagt Stolz einmal zu Olga. Ja, Gontscharows Helden sind Menschen aus Fleisch und Blut, gemischte Charaktere. Das macht sie nach so langer Zeit immer noch lebendig. Und den Roman bis heute zu einer mehr als lohnende Lektüre, wie die bestens kommentierte Neuübersetzung in der lobenswerten Klassikerreihe des Hanser Verlages nachdrücklich belegt.

Iwan Gontscharow, Oblomow, Roman in vier Teilen, Herausgegeben und übersetzt von Vera Bischitzky, München, Carl Hanser Verlag 2012, 838 Seiten, geb., Ln., 34.90 €.


Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.