Frankfurter Gemeine Zeitung

Das ist die Oblomowerei!

Zur Neuübersetzung von Iwan Gontscharows großem Roman Oblomow

1849 erschien in der russischen Literaturzeitschrift „Der Zeitgenosse“ ein Text: „Oblomows Traum. Episode aus einem unvollendeten Roman“. Autor: Iwan Gontscharow. Dieser Text beendet dann im Roman als zentrales Scharnier desRomans einen über viele Seiten geschilderten Vormittag, an dem sich Oblomow die absurdesten Wortduelle mit seinem Diener Sachar über Schmutz und Unordnung liefert, vergeblich versucht, endlich aus den Federn und in die Tageskleidung zu schlüpfen und zahlreiche Bekannte empfängt, die einen repräsentativen Querschnitt durch die „bessere“ Gesellschaft St. Petersburgs geben.

Nach diesen Aufregungen schläft Oblomow wieder ein und hat seinen berühmten Traum, der ihn zurückführt auf das elterliche Gut Oblomowka, in seine Kindheit. Dort herrschen Weltabgeschiedenheit, Naturmagie und Aberglaube. Und die gute Küche. Ein Schlaraffenland. Lange vor Freud hat sich Gontscharow damit als Romancier darüber Gedanken gemacht, wie prägend die Kindheit für Charakter und Wesen eines Menschen ist: „Wer vermag schon zu sagen, wie früh ein Körnchen Geist im kindlichen Gehirn zu reifen beginnt? Wie ließe sich die Entstehung der ersten Begriffe und Eindrücke in einer Kinderseele verfolgen? [...] Vielleicht hat sein kindlicher Verstand schon längst den Schluß gezogen, daß man so und nicht anders leben müsse, wie es die Erwachsenen um ihn herum tun.“ Die Erwachsenen in Oblomowka kennen das arbeitsreiche Leben nicht, seelische Aufregungen sind ihnen fremd, „die Flammen der Leidenschaft fürchten sie wie das Feuer“. Ihr Ideal ist Müßiggang und Ruhe, nur bisweilen unterbrochen durch „Krankheiten, Verluste, Streitigkeiten und leider auch Arbeit.“

Nun lebt Oblomow in St. Petersburg, kümmert sich nicht um das Gut mit seinen 700 „Seelen“, das vom Verwalter stetig heruntergewirtschaftet wird. Seine schützende Hand über unseren Helden mit der „schönen, trägen Pose“ und einem „reinen, lichten und guten Wesenskern“, versucht sein Jugendfreund Stolz zu halten. Stolz, dessen Zuneigung zu Oblomow unerschütterlich ist, repräsentiert das vollkommene Gegenteil: Daueraktiv, agil, stets voller Pläne, Anhänger des Fortschritts und des tätigen Lebens. Stolz macht Oblomow mit Olga Ilinskaja bekannt, nachdem er ihr von ihm erzählt und er sie gebeten hat, sich in seiner Abwesenheit um ihn zu kümmern und zu versuchen, ihn nicht wieder in seine Trägheit abgleiten zu lassen. Beide verlieben sich ineinander. Ihre Liebesgeschichte ist eine der großen der Weltliteratur. Natürlich geht sie nicht gut aus. Scheitert die Liebe bei Olga, weil es ihr wahrer Ehrgeiz war, Oblomow dem „Leben“ zuzuführen? Oblomow glaubt, nur dann die Kraft zu haben sein Leben zu ändern, wenn Olga um ihn ist. Gleichzeitig boykottiert er die Beziehung, weil er so ein Leben gar nicht will.

Olga heiratet schließlich Stolz. Oblomow lebt mit einer Witwe zusammen und die beiden schaffen  ein neues Oblomowka. „Kein Homer“, so Gontscharow, sei in der Lage, die vielen Köstlichkeiten aufzulisten, mit denen die Vorratsräume für die Küche vollgestopft sind, Köstlichkeiten, die sich Oblomow wieder leisten kann, seit Stolz sein Gut auf Vordermann gebracht hat. Oblomow verbringt den Rest seiner Tage in diesem wiedererstandenen Oblomowka. Und dann ist er tot. Nur Gottfried Keller hat seinen Helden Heinrich Lee in der ersten Fassung des „Grünen Heinrich“ schneller unter die Erde gebracht.

Die Oblomowerei, diesen Begriff über die Lebenshaltung seines Freundes, erfindet Stolz. Und ist in Rußland sprichwörtlich geworden. Für Pjotr Kropotkin, den Geographen, Revolutionär und bedeutenden Theoretiker des Anarchismus, stand Gontscharow mit seinem „Oblomow“ auf gleicher Höhe wie Turgenjew und Tolstoi. Der „Oblomow“, obwohl durch und durch ein russischer Roman, sei aber (so Kropotkin in „Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur“ von 1905), „gleichzeitig allgemein menschlich, denn er beschert uns mit einem Typus, der fast so allgemein ist wie der Hamlet und Don Quijote.“

Wie soll man leben? Das ist vielleicht die zentrale Frage des Romans, wie so oft in der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Eine große Parabel über Möglichkeiten und Grenzen, den Verlauf seines Lebens bewußt zu gestalten. –  „Wir beide sind keine Titanen [...] wie die Manfreds oder Faust“, sagt Stolz einmal zu Olga. Ja, Gontscharows Helden sind Menschen aus Fleisch und Blut, gemischte Charaktere. Das macht sie nach so langer Zeit immer noch lebendig. Und den Roman bis heute zu einer mehr als lohnende Lektüre, wie die bestens kommentierte Neuübersetzung in der lobenswerten Klassikerreihe des Hanser Verlages nachdrücklich belegt.

Iwan Gontscharow, Oblomow, Roman in vier Teilen, Herausgegeben und übersetzt von Vera Bischitzky, München, Carl Hanser Verlag 2012, 838 Seiten, geb., Ln., 34.90 €.


4 Kommentare zu “Das ist die Oblomowerei!”

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