Frankfurter Gemeine Zeitung

Stadtsplitter – in die eigene Frankfurter Geschichte eintauchen

Betrachtungen beim Gang durchs Quartier

Es ist so eine Geschichte mit der eigenen Geschichte, sie weist so manche Biegung und Verbiegung auf, will man sich wirklich erinnern. Dabei tritt dies ab und an ganz spontan ein und ist nicht immer wirklich zufriedenstellend, besonders wenn man sich mit einem Thema herumschlägt, das nicht unbedingt erbaulich ist. nehmen wir mal das Schlagwort ‚Gentrifizierung’. Diese Erinnerungen werden so ganz beiläufig nach oben gespült, ein Gang durchs Viertel, die Erwähnung einer Strasse im “Nordend”.

Ich komme an Häusern vorbei, in denen sich „meine“ Wohngemeinschaften befanden, an weiteren, in denen befreundete WG zu finden waren, entweder besetzt und/oder legalisiert, oftmals auch ganz schlicht gemietet, war nichts besonderes damals, Wohnungen, in denen üblicherweise die UnterzeichnerInnen der Mietverträge längst in alle Winde verstreut waren, mit denen zusammen Mietstreiks organisiert und Räumungsbegehren abgewehrt wurden.

Dann passiere ich solche Häuser, in die „MitkämpferInnen“ als neue Eigentümergemeinschaft einzogen, lange bevor eine solche Tat als >>Gentrifizierung<< bezeichnet werden sollte. Schon hier zog sich ein Riss, waren diese Häuser zum Teil mit kriminellen Methoden entmietet worden, was jedoch ob der Freude am eigenen Heim sehr schnell in Vergessenheit geriet. Ausserdem: die „Neuen“ waren ja die Alten, Teil der eigenen Subkultur.

Schliesslich bleibe ich an jenen Fassaden hängen, die von „Kollektiven“ aus der links-alternativen Szene erworben und umgewandelt wurden. Es sind einige, zumeist verstreut, sie fallen kaum auf und zeigen zum Teil schon eine Patina.

All dies vollzog sich nahezu unbemerkt, auf kleiner Flamme betrieben. Kein abruptes Ändern des Erscheinungsbildes, mehr: ‚mein Haus soll schöner werden’. So unter der Hand vollstreckt, blieb die Reaktion zustimmend, schön sah es halt aus, die frisch gestrichenen Fassaden. Die Umwandlung war eben nicht sichtbar. Allenfalls die Zunahme hochwertiger Fahrräder, das Hinzufügen von Balkonen und eine Häufung der Belästigung durch Baugerüste im Viertel. Parallel dazu verschwanden Stück für Stück die alten Kneipen, um als Szenelokale wieder aufzuerstehen. Aus Kollegs, die dereinst Gesangverein und ähnliches beherbergten wurden „Off-Theater“.

Mit dem Verschwinden der Brachen im Viertel war es dann klar: das Quartier verspricht ausreichend Rendite. Und damit kamen die grösseren Projekte, die mit besserer Ausstattung und mit ihnen „Heuschrecken“ und die Angst der „Pioniere der Bewegung“ hier nicht mehr mithalten zu können.

Neue Bewegung: von links nach rechts

Sie, die dieses Viertel zu erschliessen halfen, die es zum Teil mit eigenen Händen der Aufwertung zugeführt hatten, sehen sich bedroht. Die Bürgersteige zugestellt mit Karossen, die von dem neuen Selbstverständnis zeugen, so dass sie mit ihren Fahrrädern auf die Strassen ausweichen müssen. Schlimmes bahnt sich an. Der Schwung droht sie mitzureissen, sie zu Aussenseiter im Viertel zu degradieren.

Jetzt beklagen sie die Gier der Investoren, die Rücksichtslosigkeit der jungen Garde, die so gar keine Bindung an die liebevoll gepflegten Vorgärten zeigen, im Frühling nicht mit auf die Friedberger Landstrasse ziehen, um Grünstreifen anzulegen, keine Lehrtafeln an die Zäune hängen, um auf die Nützlichkeit der hier zu sehenden Pflänzlein hinzuweisen.

Die gehen lieber freitags auf den Friedberger Platz, müllen alles zu und lärmen dann durchs Viertel zu ihrem Eigentum. Die Nachbarschaft zerbricht, man streitet sich über Kinderlärm suchen und fällt mit verbissener Polemik übereinander her. Das Einzige, was beständig ist für die Generation der Pioniere ist der Wert ihrer Investition. Wichtig, weil das Rentenalter naht und zum Teil bereits erreicht ist und die Zukunft das Pflegeheim bereit hält. Wer sich nicht um „alternative Wohnmodelle“ gekümmert hat, muss auf diesen Wert zurück greifen, um die letzten Jahre mit Anstand zu überstehen.

Was auffällt: ich treffe kaum noch jemanden, sieht so aus, als wären alle schon im Heim und auch spätabends hat sich die Erscheinung verwandelt: die „Neuen“ gehen früh zu Bett, die Lokale sind leer nach Elf. Und vorher ist das Völkchen, das sich hier die Kante gibt, auch nicht mehr so bunt, oder ist das auf mein Älterwerden zurück zu führen?

Ich meine jedoch, dass diese Beobachtung genau ist, weniger eine Interpretation. Mir fällt auf, dass die kleinen Schilder an den Häusern der ehemals gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften verschwunden sind, sowas entspricht nicht mehr der Lage. Zum einen sind einige Wohnungen wohl verkauft, zum anderen würde dies auf eine Stigmatisierung der MieterInnen hinaus laufen, obwohl es seit längerem nichts mehr mit sozialem Wohnungsbaus zu tun hat. Aber richtig, die Fassaden sind aufgemotzt, innerlich bereinigt, sind sie jetzt für bessere Kreise interessant.

Trotz allem will Nostalgie sich nicht so recht einstellen, die finden wir bei den Neusiedlern der ersten Generation, sind sie doch vor allem hierher, weil sie etwas für den Rest des Lebens wollten, der nun schneller kommt als gedacht. Die Konsequenzen des bürgerlichen Eigentums fragen nicht nach Befindlichkeiten, schon gar nicht nach Bedarfen. Was sich einst als rationale Entscheidung darstellte, entblößt jetzt den Pferdefuss und der schmerzt, wenn er einen trifft.

Und plötzlich sieht man/frau sich auf der anderen Seite wieder, die Pioniere der Bewegung sind eingetreten in den Chor der Konservativen, denn sie haben viel zu erhalten. Wenn das man nicht nach hinten losgeht.


SPIEGELblog- Medienkritik aus fragwürdiger Ecke

Über ein Leitmedium wie den Spiegel kritisch zu berichten und dessen durchaus manipulative Tendenzen aufzudecken ist ein ehrenvolles Anliegen. Diesem Anliegen hat sich der Spiegelblog, der von dem Hamburger Journalisten und Autor Torsten Engelbrecht betrieben wird, verschrieben, welches verspricht „kritische Analysen über ein deutsches Nachrichtenmagazin“ zu liefern.

Das Blog nimmt damit vordergründig den Gedanken des Bildblogs auf, welches bereits seit Jahren Deutschlands größtem Boulevardblatt erfolgreich auf die Finger schaut und auch mit witzigen und kreativen Ideen auf den Stil und die Machenschaften von Bild aufmerksam macht. (z.B. „Wir fotografieren zurück“ oder dem „Schlagzeil-O-Mat“).

Auch das Spiegelblog trifft an einigen Punkten den Nagel auf den Kopf, wie beispielsweise mit seiner Kritik an der peinlich plumpen Art und Weise, in der der Spiegel versuchte, Peer Steinbrück als Kanzlerkandidaten der SPD in Stellung zu bringen.

Wer sich allerdings ein Wenig mehr mit dem Spiegelblog und der Person des Torsten Engelbrecht beschäftigt, kann dabei doch ein ungutes Gefühl bekommen. Denn im Spiegelblog tauchen immer wieder Artikel auf, in denen es nur vordergründig um die Berichterstattung über den Spiegel geht. In manchen Beiträgen scheint die eigentliche Stoßrichtung eine andere zu sein.

Denn wenn es um bestimmte Themen wie Impfungen, 9/11 oder Amerika allgemein geht, zeigt sich, dass der Verfasser erhebliche Tendenzen zur Verschwörungstheorie hat, welche weit über ein Hinterfragen der offiziellen Berichterstattung und kritischen Journalismus hinausgeht .
In einem Artikel namens „9/11: Der SPIEGEL und die Unfähigkeit, die offizielle Version zu denAnschlägen konsequent als Lügengebäude zu entlarven“ ist zu lesen:
„Schlimm nicht zuletzt auch deswegen, weil das Nachrichtenmagazin dabei außer Acht lässt, dass eben die offzielle [sic!] Theorie zu 9/11 die größte, um nicht zu sagen einzige Verschwörungstheorie ist…“
Wenn man diesen Satz wörtlich nimmt, so ergibt sich die kühne Behauptung, dass alle nichtoffiziellen Theorien keine Verschwörungstheorien, sondern wohl die Wahrheit seien. Vielleicht ist aber auch das Wort „einzige“ hier nur unglücklich gewählt. Doch wenn man auf die Links schaut, findet man direkt einen Verweis auf ein Lied der HipHop-Combo „Die Bandbreite“, die wegen ihrer gar zu plumpen Zentralsteuerungshypothesen mit antiisraelischem und antiamerikanischem Unterton zumindest in weiten Teilen der linken Szene nicht mehr gut gelitten ist.

Auch die Titel der anderen Links sprechen für sich und zwar weniger wegen den betreffenden einzelnen Links, sondern mehr wegen deren Gesamtkomposition:
- „Studie: 147 Konzerne Regieren die Welt“
- „Frontal21: Das Pharmakartell – wie Patienten betrogen werden“
- “Mr. Dax” Dirk Müller: Warum unser Geldsystem regelmäßig kollabieren MUSS“
- „Chef der Atlantik-Brücke: “Die USA werden von 200 Familien regiert”
- „Politik und Mobilfunkindustrie: verflochten, verdrahtet, verzahnt“

Aufschlussreich ist auch, dass Torsten Engelbrecht, der Autor des Spiegelblog, einer eigentlichen Lappalie einen ganzen und ausführlichen Artikel widmet. Der Spiegel hat nämlich tatsächlich in einer Publikation auf Spiegel Online auf die, wie Engelbrecht behauptet, illegale Webseite Esowatch verwiesen.

Nun ja…

Auch ich würde Esowatch nicht unbedingt in einer wissenschaftlichen Arbeit zitieren, aber dass Engelbrecht sich darüber dermaßen echauffieren konnte, hatte wohl einen ganz anderen Grund. Schließlich fand er für seine „Erkenntnisse“ auf dem Gebiet der Medizin nicht gerade wohlwollende Erwähnung auf Esowatch.

Dabei mag es durchaus noch nachvollziehbar sein, dass man Spiegel Online vorwirft, aus einer Quelle zitiert zu haben, deren Seriosität nicht gänzlich gesichert ist. Wenn man allerdings im selben Artikel freimütig aus Informationen des Kopp-Verlages (Deutschlands meistgeschätztem Anbieter für krude Literatur) zitiert, so ist das ein eindeutiges Eigentor.
Udo Ulfkotte, ein Autor aus dem Kopp-Verlag, verbreitete schon einmal die Behauptung, muslimische Einwanderer würden einen Fäkalien-Dschihad gegen die Einwohner westlicher Länder führen.

Sowohl Ulfkotte als auch Engelbrecht waren schon Interview-Partner der (rechts-)libertären Zeitschrift eigentümlich frei, ebenso wie Götz Kubitschek.
Großes Lob erntete Torsten Engelbrecht ebenfalls von einem anderen Autor des Kopp-Verlages, Gerhard Wisnewski, der vor allem für seine verschwörungstheoretischen und tendenziell rechtsgerichteten „alternativen Jahrbücher“ bekannt ist.
Naja… jedem seine Meinung…
Das Spiegelblog möchte jedenfalls dazu beitragen, „die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren, selbst Leitmedien wie dem SPIEGEL nicht blindlings Glauben zu schenken“.
Wenn ich mit diesem Artikel dazu beitragen konnte, dass die Leser dem Spiegelblog nicht blindlings Glauben schenken, so habe ich mein Werk getan.


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