Frankfurter Gemeine Zeitung

Flughafen: “Hunderte wollen in die Gewerkschaft”

Die Gewerkschaft der Flugsicherung steht doppelt unter Druck. Für den Streik am Frankfurter Flughafen erntete sie nicht nur Kritik der Arbeitgeber, sondern auch von ver.di. David Paenson sprach mit Bundesvorstand Markus Siebers

Die Frankfurter Rundschau hat berichtet, dass ver.di seit 2001 800.000 Mitglieder verloren hat. Sie bemängelt, dass sich »Spartengewerkschaften« wie die Gewerkschaft der Flugsicherung GdF herausgebildet haben, »die mit ein paar hundert Mitgliedern den Frankfurter Flughafen lahmlegte, um exorbitante Gehaltsforderungen durchzusetzen«. Wie »exorbitant« sind eigentlich die Forderungen des Vorfeldpersonals?
Markus Siebers: Zum einen muss ich betonen, dass ver.di nicht wegen der so genannten »Spartengewerkschaften« so viele Mitglieder verliert, sondern wegen der anhaltend arbeitgeberfreundlichen Tarifpolitik. Die Leute sehen offensichtlich keine Vorteile mehr in der Vertretung durch ver.di.

Was die Forderungen angeht, sind sie strukturell bedingt höher als in einer üblichen Vergütungsrunde. Wir wollen unsere Struktur, wie sie schon in München und auch in Berlin abgeschlossen ist, auch auf den größten deutschen Flughafen übertragen. Dies würde Zuwächse in der Vergütung generieren, die auch bis zu 40 Prozent ausmachen können, ebenso wie Zuwächse auf Inflationsniveau. Das Ganze verteilt über vier Jahre und abhängig von der derzeitigen Situation der Kollegin oder des Kollegen.

Also insgesamt sehr ausgewogen und weit weg von exorbitant. Wenn dieser eingeschwungene Zustand erreicht ist, werden die weiteren Tarifrunden sich auf dem üblichen Niveau bewegen und die wirtschaftliche Situation des Unternehmens und des Umfeldes berücksichtigen.

Kannst du etwas zu den Arbeitsbedingungen der Vorfeldmitarbeiter sagen?
Die Arbeitsbedingungen unserer Mitglieder in den drei Bereichen sind unterschiedlich zu betrachten. Hervorzuheben sind hier sicherlich die Kollegen der Vorfeldaufsicht. Hier finden wir ein ein Schichtsystem vor, welches den Mitarbeitern nicht nur die üblichen Wechselschichten abverlangt, hier wird in einem 7/3er-System gearbeitet: Sieben Tage Arbeit und dann drei Tage frei.

Dazu kommen Überstunden und Bereitschaftsdienste und das Ganze 365 Tage, 24 Stunden am Tag mit täglich wechselnden Anfangs-und Endzeiten. Über die belastende Umgebung des Flughafens mit seiner Kerosin verpesteten Luft will ich gar nicht reden.

Die Kollegen in der Vorfeldkontrolle erfahren ihren Stress aus der Verantwortung für den Flieger und die Menschen darin. Die sehr komplexen Anforderungen des Flughafens Frankfurt machen diese Positionen zu den heißesten, die wir in der Luftfahrt kennen. Bis zu 750 Funkkontakte in einer Stunde sprechen eine eigene Sprache.

Wie waren die Reaktionen seitens der ver.di-Führung auf euren Streik? Und habt ihr Solidarität aus der Gewerkschaftsbasis sowie von anderen Arbeitern – organisierten wie nichtorganisierten – am Flughafen bekommen?
Zu diesem Punkt ist nur eine mehrteilige Antwort möglich. Der Vorstand, die Funktionäre und die ver.di-Vertreter am Flughafen haben sich mit den Arbeitgebern verbündet und gemeinsame Sache gegen die Mitglieder der GdF und gegen deren Interessen gemacht.

Es gibt aber auch die anderen Ver.dianer, die uns Solidaritätsnoten geschickt haben und uns aufgefordert haben, im Interesse aller Beschäftigten durchzuhalten. Einzelne Mitglieder der ver.di haben sich direkt bei Herrn Bsirske über die Haltung der ver.di-Spitze beschwert.

Die dritte Gruppe sind hunderte von Mitarbeitern des Flughafens, die in die GdF eintreten wollen, um ihre Interessen gut vertreten zu können.

Der Flughafenbetreiber Fraport gliedert immer mehr Sparten aus und überträgt die Arbeit Subunternehmen. Wie sind die Arbeits- und Lohnbedingungen dort? Und die Arbeitgeberseite, die so erpicht ist, Lohnausschläge nach oben zu verhindern – ist sie mit gleichen Eifer dabei, wenn es darum geht, Lohnabschläge nach unten zu stoppen?
Ich kann über die Bedingungen in den ausgegliederten Unternehmensbereichen nicht im Detail Auskunft geben, aber was dort gemacht wird, ist sicher nicht zum Vorteil der Beschäftigten. Die Einstiegslöhne sind drastisch gesunken, das Betriebsklima ist schlecht und krank werden ist verboten. Das sind zumindest die Aussagen derer, die mit uns reden. Über den zweiten Teil der Frage brauchen wir nicht reden, einen besonderen Eifer in diese Richtung findet man nicht. Auch die Bewahrer des Betriebsfriedens halten sich vornehm zurück oder lassen dieses Lohndumping über sich ergehen.

Kannst du etwas zu den drohenden Schadensersatzansprüchen von Lufthansa und anderen Dritten sagen? Was wären die Konsequenzen, wenn sie damit durchkämen?
Die Schadenersatzklagen, die zurzeit laufen, sind ja noch aus vergangenen Auseinandersetzungen, haben also erstmal nichts mit der Fraport-Angelegenheit zu tun. Die Konsequenzen sind aber übertragbar und für alle Gewerkschaften von großer Bedeutung.

Sollten die Gerichte einer solchen Klage stattgeben, also Dritten erlauben Schadenersatz zu fordern, dann wäre machtvolle Gewerkschaftspolitik nicht mehr möglich. Alle müssten immer mit dieser Existenzbedrohung leben und ihre Arbeit daran ausrichten.

Wer will dann noch mit Streik bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen? Wird ver.di dann noch den kompletten ÖPNV lahmlegen oder die IG Metall einen Arbeitgeber wie Airbus bestreiken, wenn sie nachher von zig Airlines verklagt werden wegen Umsatzausfällen nichtgelieferter oder zu spät gelieferter Flugzeuge?

Mit welchen Mitteln versucht Fraport, euch vor Gericht in die Enge zu treiben und eure Sache in der Öffentlichkeit zu diskreditieren? Und wie reagieren die Fraport-Kollegen darauf?
Hier wird mit Lügen und anderen Tricks gearbeitet. Zahlen werden verfälscht oder aus dem Zusammenhang gerissen. Ob das alle Mitarbeiter der Fraport gut finden? Ich glaube nicht, wie sonst würden sich die hundertfachen Anrufe mit Bitte um Aufnahme in die GdF erklären lassen.

Die Fragen stellte David Paenson

Zur Person:
Markus Siebers ist 44 Jahre alt und seit 1988 in der Flugsicherung tätig. Im Hauptberuf Fluglotse auf dem Tower in Frankfurt/Main, im Ehrenamt Bundesvorstand Tarif/Recht in der GdF, der Gewerkschaft der Flugsicherung und damit zuständig für die Tarifarbeit der Organisation. Die GdF schließt Tarifverträge für die Mitarbeiter der DFS, der Regionaltower, der Vorfeldkontrollen in Frankfurt und München sowie in Kürze der Mitarbeiter der Verkehrszentralen und Dispatches der Lufthansa und der Lufthansa Cargo.


2 Kommentare zu “Flughafen: “Hunderte wollen in die Gewerkschaft””

  1. Bernhard

    Man sollte beachten, ver.di ist immer noch SPD-dominiert.

    Man kann sich sogar fragen seitens SPD-dominierter Gewerkschaften, ob diese wiederum (hauptamtliche) Mitarbeiter frei stellen, um als Trojaner in der Partei DIE LINKE. eine Annäherung an die SPD durchzusetzen. Halten Sie das für eine Verschwörungstheorie?

  2. gaukler

    Klingt etwas nach Verschwörungstheorie.
    Zum einen wird die Vermutung auch dadurch nicht gestützt, weil die SPD nicht mit der Partei Die Linke zusammenarbeiten möchte; und zum anderen, weil sie diese medial eher in eine linksradikale Richtung schieben möchte: “grosse Gefahr für unser Land …”

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