Frankfurter Gemeine Zeitung

Hunger in Frankfurt- Ein persönliches Erlebnis

Mititei2

Neulich las ich mal wieder einen Text über die Prekarisierung der Lebensverhältnisse in den finanziell schlechter gestellten Gesellschaftsschichten. Es ging um die unsichtbare Armut in unseren Städten, von der die wachsende Zahl dünner Gestalten, die um die Häuser zieht und die Mülleimer nach Flaschenpfand durchsucht, nur die kleine Spitze des Eisberges ist.

Dabei musste ich an eine Begebenheit denken, die ich selbst hier in Frankfurt (um genau zu sein, in Bornheim) erlebt habe:
Ich hatte einmal von den Eltern meiner Verlobten gefrorene Mititei aus Lammhackfleisch bekommen. Es waren ziemlich viele und so konnte ich sie nicht alle essen und habe sie eingefroren. Leider haben wir irgendwann einmal die Tür der Gefriertruhe nicht zugemacht, so dass alle unsere gefrorenen Speisen halb aufgetaut waren.
Das halb aufgetaute Gemüse haben wir noch für gut befunden. Aber rohes Hackfleisch?!?

Ich konnte mich aber auch nicht dazu durchringen, die Mititei wegzuschmeißen. Und so wählte ich die für faule Menschen typische Entscheidung, nämlich die Entscheidung, das Treffen einer Entscheidung auf unbestimmte Zeit in die Zukunft zu verlegen.
Die Mititei lagen also noch ungefähr ein Jahr wie ein Mahnmal westlicher Verschwendungssucht und Respektlosigkeit gegenüber den Mitgeschöpfen, die für das Hackfleisch sterben mussten, in meiner Gefriertruhe.

Irgendwann stand dann aber der Umzug in eine andere, größere Wohnung an und vor dem Umzug musste die Gefriertruhe abgetaut werden.
Die Mititei, die ich nun wirklich nicht mehr essen wollte, landeten in der geöffneten Packung im Mülleimer. Das war an einem lauen Sommerabend vor dem Umzug.
Beim Umzug selbst hatten wir Glück mit dem Wetter. Es herrschte strahlender Sonnenschein und die Sonne brannte natürlich auch auf die schwarze Restmülltonne mitsamt den darinliegenden Mititei.
Es war früher Nachmittag, als wir mit dem Umzugslaster von der neuen Wohnung an die alte zurückkamen. Dort sah ich eine mir unbekannte Gestalt, die sich an den Mülltonnen des Hauses zu schaffen machte.
Aus einem kurzen Moment des Verantwortungsgefühls gegenüber meiner Exnachbarschaft (ja… ich weiß auch nicht was da in mich gefahren ist) beschloss ich die Gestalt anzusprechen.
Ein gewisses Misstrauen gegenüber Menschen, die Mülleimer von Häusern durchsuchen ist durchaus angebracht, denn es könnten ja auch Stalker, Privatdetektive, BKA-Beamte oder GEZ-Ermittler sein.
Ich fragte: „Kann ich Ihnen helfen?“
Das wirkte in meinen Augen weniger unfreundlich als das investigative „Was machen Sie da?“, erfüllte aber in etwa den gleichen Zweck.

Die Gestalt war ein junger Mann, der unauffällig gekleidet war und einen halbwegs gepflegten Eindruck machte. Er drehte sich hastig zu mir um ich erschrak, als ich sah, dass er mit prall gefüllten Backen am Kauen war, während ihm die rohen Hackfleischbröckchen aus dem Mund rieselten.
In seiner Hand hielt er die offene Packung Mititei in der das Hackfleisch schon einen seltsamen graubläulichen Stich hatte.
Während ich versuchte ihm zu erklären, dass ich ihn gar nicht vertreiben wollte, sondern mir tatsächlich ernsthafte Sorgen um seine Gesundheit machte, stopfte er weiterhin diese Dinger in sich hinein, als ob es um sein Leben ginge.
Ich riet ihm, sich die Packung mitzunehmen und die Mititei wenigstens irgendwo (z.B an einem kleinen Feuerchen im Ostpark) zu erhitzen.
Er entfernte sich hastig unter Mitnahme der Packung, trotz meiner Beteuerung, dass ich ihn wirklich nicht verjagen wollte und er sich aus dem Mülleimer ruhig mitnehmen könne was er wolle.
Vielleicht kam es ihm gar nicht mehr in den Sinn, dass jemand der ihn bei der Nahrungssuche in einer Mülltonne anspricht, tatsächlich keine bösen Absichten gegen ihn hegt. Vielleicht war ihm seine offenkundig verzweifelte Lage auch derart unangenehm, dass es ihm einfach peinlich war und er sich ertappt fühlte.
Ob er sich die Mititei tatsächlich gebraten hat?
Ich befürchte, dass er sie gierig verschlungen hat, sobald er außer Sichtweite war und hoffe inständig, dass er sich davon keine Lebensmittelvergiftung geholt hat.

Am Abend als ich ihn wiedertraf sah er jedenfalls noch in Ordnung aus. Da stand er mit einer Taschenlampe an der selben Mülltonne und suchte weiter nach Ess- oder Brauchbarem.
Ich spendierte ihm ein kühles Becks.

Als ich meiner Wege ging, dachte ich nach:
Man sagt in Deutschland brauche niemand zu hungern. Doch warum war der junge Mann dann so verdammt hungrig?


8 Kommentare zu “Hunger in Frankfurt- Ein persönliches Erlebnis”

  1. Ach Scheisse!

    Schmerzerzerrtes Lachen… Jedes Mal, wenn ich die Story höre…

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