Frankfurter Gemeine Zeitung

Karfreitag/Andante con moto

Das Andante con moto aus dem Klaviertrio op.100 ist eine der letzten Kompositionen Schuberts und eine der schönsten Bangigkeitsmusiken der Welt. Wird gerne immer wieder von einfallslosen Fernsehredakteuren genommen, um “schicksalhafte Verstrickungen auf hohem Niveau” auszudrücken. Also B-Beziehungen.
Ich liebe DIESE Live-Aufnahme mit unbekannten Interpreten auf youtube, bei der der Geiger am Anfang offenkundig uninteressiert auf seinen Einsatz wartet, während die beiden anderen “schon angefangen haben”: er wischt sich vorab den Schweiß ab, entfernt unsichtbare Fusel auf der Hose, betrachtet seinen Bogen . So treten Tod u. Schreckens in unseren Alltag ein: nebenbei.

Ich war heute beim “Karfreitags Kreuzweg” der Evangelischen und Katholischen Studentengemeinde Frankfurt. Wir liefen sieben Stationen hinter einem rot angemalten Holzkreuz her auf dem peinlich sauberen und baulich beeindruckenden Unicampus Westend und im Grüneburgpark. An jeder Station wurde zuerst eine kleine Geschichte zum Ort erzählt, danach ein theologischer Bezug hergestellt und immer der gleiche hoffnungsspendende amerikanische Gospel angestimmt, zuerst nur von den Frauenstimmen (wg. Engelseffekt), dann von allen.
Am Pavillon im Grüneburgpark, wo man jetzt schon Eiscaffee bekommt, handelte die Geschichte von einem Doktoranden, der dort letztes Jahr zusammengebrochen sei mit den Worten: “Ich kann nicht mehr”, weil er erfahren habe, dass er Lungenkrebs hat und nur noch bis Weihnachten zu leben. Die Geschichte hatte genreuntypisch, aber dem Karfreitag angemessen kein Happy End: Der Doktorand starb tatsächlich kurz vor dem vierten Advent, sagte uns die junge Frau von der ESG und er habe hier inmitten all der Leute, die in der sommerlichen Luft unbekümmert im Park spazieren gingen, seinen Zusammenbruch erlebt.

Das seltsame war nun, dass sich die Situation in gewisser Weise wiederholte: während sie diese traurige Geschichte erzählte und während wir zuhörend um ein aufgerichtetes Holzkreuz herum standen, liefen Jogger um uns herum, Mütter mit kreischenden Kinderwägen, Männergrüppchen diverser Nationalität. Niemand nahm von uns die geringste Notiz an diesem sonnigen Tag. Schließlich brachen wir auf zur nächsten Station und verließen den Park wieder Richtung Unigelände.

Der erste Filmemacher, der das “Andante con moto” für sich entdeckte, war ein Genie: Stanley Kubrick. Er verwendete Schuberts Stück leitmotivisch für seinen Film “Barry Lyndon”. Ein Historienfilm nach dem Roman des viktorianischen Autors Thackeray, der Aufsehen erregte wegen seines Hauptdarstellers, dem damaligen Frauenliebling Ryan O Neal, wegen seiner mit der Kamera gleichsam gemalten Bilder und einer neuen Technik, die es erlaubte, Filmaufnahmen bei Kerzenschein zu machen. Der Film erzählt die Geschichte eines romantischen Aufsteigers in der Adelsgesellschaft des 18. Jahrhunderts, der allmählich korrumpiert wird. Er heiratet eine reiche Adelige, entwickelt sich zum Wüstling und verprasst das Vermögen seiner Frau. Schließlich verstümmelt ihn deren Sohn aus erster Ehe, Lord Bullingdon, in einem Duell. Bullingdon zwingt seinen verhaßten Stiefvater England zu verlassen im Tausch gegen eine minimale Leibrente. Die Gesellschaft hat den Unzugehörigen wieder ausgespien. Die Schlußszene zeigt, wie der junge Lord Bullingdon seiner Mutter den Scheck zuschiebt, den sie seinem ehemaligen Stiefvater ausstellen soll. Seine Mutter erstarrt kurz, versinkt in unklaren Gedanken, vielleicht Erinnerungen, an die sich aber keine Hoffnungen mehr knüpfen. Dann unterschreibt sie. Links unten auf dem Scheck ist die Jahreszahl zu erkennen: 1789, das Jahr der Französischen Revolution. Aber die gab es nicht in England

1976 forderte mich meine Deutschlehrerin auf, in den Film zu gehen: er würde mir bestimmt gefallen.
Barry Lyndon gewann Oskars in vier nebensächlichen Kategorien: Beste Ausstattung, beste Kamera, beste Kostüme, beste Musikadaption. Inzwischen ist er weitgehend vergessen.
Was bleibt, sind die Schecks. Der Schrecken. Schubert. Ich kann nicht mehr.


5 Kommentare zu “Karfreitag/Andante con moto”

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