Frankfurter Gemeine Zeitung

Die Silhouette des Todes

Wie 1911 das Böse in die Welt kam

Finsterer und elender Bandit mit dem schrecklichen Namen, dem tragischen Namen, dem mörderischen Namen. Gauner, finsterer und elender Bandit, Herr und König des Grauens, Verbrechergenie, Erzschurke und Verkörperung des Bösen –  verschlagener und blutgieriger König des Verbrechens … Fantômas ist in der Welt. Im Jahre 1911 erschien der erste Fantômas-Roman von Pierre Souvestre und Marcel Allain (die oben genannten Attribute sind nur einige von unzähligen, die das Autorenduo verwendete, um ihren Helden zu charakterisieren) schlicht unter dem Titel „Fantômas“.  Ursprünglich auf eine Reihe von 5 Romanen hin konzipiert, wurden es am Ende siebenundzwanzig Titel.

Der Reihe war ein fulminanter Erfolg beschieden, und nebenher revolutionierte sie den „trivialen“ Spannungsroman. Fantômas ist die Verkörperung des Prinzips des Bösen, jemand, der ohne Skrupel und mit unvorstellbarerer Grausamkeit handelt, um seine Ziele zu erreichen. Die Romane bieten keine „Happy Ends“ wie die Sherlock Holmes-Geschichten. Meist mit offenem Ausgang schildern sie den unendlichen, manichäischen Kampf zwischen Fantômas und seinem Widersacher Kommissar Juve und dessen „Assistenten“ Fandor.

In der Edition Epoca ist eine Übersetzung des 1912 erschienenen Romans „Ein Zug verschwindet“ erschienen. Und wer jetzt glaubt, das müßte der zweite Band der Reihe sein, der täuscht sich. Es ist der einundzwanzigste (in zwei Jahren). Die Herren Souvestre und Allain sprachen ihre 400 Seiten-Wälzer kapitelweise getrennt auf Wachswalzen. Die wurden dann von Stenotypistinnen abgetippt. So war ein neuer Fantômas-Roman in zehn Tagen fertig. Für Korrekturen blieb keine Zeit.

Auch „Ein Zug verschwindet“ ist rasant erzählt, mit dramaturgischen und dramatischen Wendungen und Kostümwechseln sonder Zahl. Fantômas‘ Tochter wird verdächtigt, in Antwerpen einen Doppelmord und schweren Raub begangen zu  haben und verhaftet. Sie kann jedoch fliehen und findet Unterschlupf im weltberühmten Zirkus des Amerikaners Barzum …

Die Fantômas-Romane, die in der Tradition der Schauergeschichten der Romantik und der Décadence stehen, hatten großen Einfluß auf die großen Amoralisten des Surrealismus: Cendrars, Cocteau, Apollinaire. Und Spuren findet man auch beim deutschen Pendant, dem Dr. Mabuse.

Auch H.C. Artmann, der Liebhaber und Transformater trivialer Mythen hat dem Meister des Grauens ein Gedicht gewidmet:

wenn fantômas mit schrägen schatten,
dieseits der seine aufersteht,
zur zeit, da sich die uhus gatten,
dann wird das gaslicht angedreht.

aus rosaroten kneipen dröhnen
verschiedene akkordeons,
die dirne darbt nach hungerlöhnen,
des löwen anteil speist herr jones.

an ufern leuchten lasterdschunken,
es kreischt ihr damenarsenal,
und in toiletten erzhalunken
entwerfen einen überfall.

die polizei tut nichts dagegen,
ein gentleman legt maske an,
doch in zivil besteigt verwegen
der bleiche mond die abendbahn.

auf selbstmord sinnt im eiffelturme
ein starkverliebter anarchist,
dieweil nach einem wirbelsturme
ein zirkusmensch sein zelt vermißt.

drei neger lieben eine taube,
sie sträubt sich nicht für gutes geld;
quai des orfère, treu und glaube,
in jedem zimmer harrt ein held …

Besser als Artmann kann man die Stimmung der Fantômas-Romane, die mit den berühmten Louis de Funès und Jean Marais-Filmen wenig zu tun haben (und aus Juve einen Idioten machen), nicht einfangen. Wer das ironische Lesevergnügen mag, der hat mit Fantômas seinen Spaß. Es steht zu hoffen, der der kleine Schweizer Verlag, die Edition Epoca, weitere Übersetzungen folgen läßt. Das wäre schön.  Sehr schön böse.

Souvestre & Allain, Fantômas. Ein Zug verschwindet. Roman. Aus dem Französischen von Lea Rachwitz, Bern 2011, Edition Epoca, 400 Seiten, geb., 24.95 €


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