Frankfurter Gemeine Zeitung

Das Frankfurter Bankenviertel: ein passender Ort für politischen Einspruch

Die Berliner taz schlägt in ihrem heutigen Leitkommentar zu Blockupy (“Dabei verbockt es Merkel“) eine alternative Vorgehensweise der kapitalismuskritischen Bewegung vor.

Weil die politischen Entscheidungen Deutschlands in Berlin getroffen werden, und unsere Probleme mit der gegenwärtigen Wirtschaftslage und den drohenden Staatspleiten doch am deutschen Politikkurs liegen, müsse Bewegung vor dem Kanzleramt und dem Reichstag demonstrieren. Da die EZB und die Banken drum herum bei politischen Direktiven eh nix zu sagen haben besetzt Blockupy schlicht am falschen Ort, so die Meinung der taz-Kommentatorin Ulrike Herrmann.
Die Aufforderung, in Berlin zu demonstrieren lässt sich als Ansage an die Berliner gut gelaunt unterstützen: wenn ihr nicht an den Main könnt oder wollt, dann geht doch wenigstens durch Brandenburger Tor zum Kanzleramt, denn die Verbreitung der Bewegung macht sicher Sinn. Gegen die Verhinderung angemessener Mindestlöhne, für die Erhöhung der Spitzensteuer und Eurobonds sollten dort möglichst viele Flagge zeigen.
Mit der „Verbreiterung der Bewegung“ sind wir aber auch schon bei den Problemen des taz-Artikels. Politische Artikulationen haben nicht nur an Orten nationaler Regierungen stattzufinden, sondern an den verschiedenen Stellen, an denen Macht sichtbar wird und „das Volk“ sich artikulieren kann. Eine maßgebliche politische Stimmung wird nicht bloß in einem Parlament oder drum herum erzeugt, sondern gerade an möglichst vielen Plätzen im Lande. Der sich in der Breite verstärkende und öffentlich artikulierte Druck ist in der Folge wiederum in Berlin zu spüren. Sonst könnte gleich vor dem Reichstag eine „bundesdeutsche Demonstrationsstelle“ als feste Einrichtung, passend zur Legislaturperiode eingerichtet werden. Hinter dem taz-Artikel drückt sich eher ein Berliner Tunnelblick von Journalisten mit Regierungsdrall aus.
Zum zweiten ist es gewiß nicht so, dass die Machtverteilung in der Wirtschaftkrise, respektive Finanzkrise sich auf ein paar Hinterzimmer des Kanzleramts reduziert, sondern die unsichtbaren Finanzmärkte tauchen gleichsam wie Eisberge manchmal ein Stück weit auf, und solch ein Pfitzelchen erscheint eben in einer Stadt wie Frankfurt. Immerhin 100.000 Menschen arbeiten hier direkt im Feld der Banken, wenn auch dirigiert durch einzelne Entscheidergruppen. Die ganze Stadt wird vom Feeling und den Bestimmungen des „Financial“ durchzogen, bis in die Uni und Stiftungen hinein.
Das meint keine „Herrschaft der Finanzindustrie“, sondern die Machtpotentiale einer wichtigen Schaltstelle für Entscheidungen, die sich zusammen mit einer Reihe anderer „Global Player“ im Auge des gegenwärtigen Wirtschafts-Tornados befindet. Deren Funktionsmechanismen vor Ort zu besprechen, öffentlich aufzuzeigen, regelrecht greifbar zu machen und – wenn auch eher symbolisch – ein Stück weit zu blockieren, das ist das Ziel von Blockupy. Die ökonomischen und politischen Probleme lassen sich gewiß nicht auf Staatsschuldenkrise reduzieren.
Aus der Perspektive von Berlin werden sie aber wieder „unsichtbare Finanzmärkte“, die für „das Volk“ nicht die Spur sinnlicher Erfahrung bieten und in diesem Sinne als unsichtbare Einheit, fast wie ein inexistenter Hauch von Kalkulationen durch Europa wehen.
Dass sich die Erfahrungen der Öffentlichkeit, das Verständnis der Zusammenhänge zwischen politischen und wirtschaftlichen Institutionen durchaus anders darstellen können, sehen wir im Moment in Frankfurt an der hysterischen Reaktion der Stadt- und Landesregierung, die mit allen Mitteln gegen jeden Widerstand rund um die Türme vorgehen.


3 Kommentare zu “Das Frankfurter Bankenviertel: ein passender Ort für politischen Einspruch”

  1. gaukler

    Freitag um 11.40 Aufatmen im und rund um den Römer. “Hinter den Absperrungen haben die Banken nach eigenen Angaben trotz aller Blockadeversuche auf Normalbetrieb geschaltet. „Unser operatives Geschäft ist nicht eingeschränkt. Wir waren gut vorbereitet“, sagt eine Sprecherin der Commerzbank. Ähnlich äußert sich ein Sprecher der Deutschen Bank. Auch in der staatlichen Förderbank KfW, die etwas abseits vom Bankenviertel liegt, heißt es: „Der Betrieb in der Bank läuft heute ganz normal.“”

  2. Blockupy Frankfurt mit Brett-à-porter rund um die Goethestraße |

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  3. Frankfurt Blockupy | STADTKIND

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