Frankfurter Gemeine Zeitung

Erklärung aus dem Hintergrund – die ergraute Fraktion des schwarzen Blocks

Der Redaktion ging eine Erklärung zu, die sich mit der Kritik am „schwarzen Block“ auseinander setzt. Es bleibt zu vermuten, dass dies aus jenen Kreisen kommt, die zu Recht als die Mütter und Väter der heutigen Generation dieses Zirkels bezeichnet werden können. Sie betonen diese Tradition und stellen einige Punkte klar.

Wir sind der Meinung, mit dem Abdruck dieser Erklärung einen Beitrag zur Geschichte des Frankfurter Widerstands zu präsentieren, ohne zum Inhalt Stellung zu nehmen. Hier der Text:

Nicht für alles kann der Schwarze Block in Regress genommen werden.

Wir halten die in letzter Zeit schon hysterisch zu nennende Kritik am „Schwarzen Block“ für den Ausdruck einer nervösen Kampagne, die wohl zum Ziel hat tragende Elemente der post-fordistischen Gesellschaft unter Generalverdacht zu stellen. Besonders in Hessen des Systems KOCH lässt die Landesregierung nichts unversucht, ihre Favoriten in Stellung zu bringen. Dies gelingt ihnen immer weniger. In dieser Verzweiflung scheuen sie nicht davor zurück, die Motive des Schwarzen Blocks in spät-pubertärer Manier zu ihrem Vorteil umzuinterpretieren. Dabei scheuen sie nicht davor zurück, mit schlecht verhohlener Verbiegung der Lage ihren Vorteil zu suchen.

Wir meinen es reicht!

Wir halten hier deutlich fest: schon zu Zeiten als das publikums-wirksame Label „Schwarzer Block“ nicht zur Verfügung stand, waren wir Wunschpartner des militärischen Arms der Staatsmacht. Und auch schon damals wurde versucht mittels Konstruktionen wie „Berufsrevolutionär“ oder unterhaltsamer „Demonstrationstourist“ beschwätzen lassen. Nichts hat sich bewegt in dieser Hinsicht.

Wir halten hier deutlich und kategorisch fest: solche Karrieren sind und waren den Angehörigen der Oligarchien vorbehalten. Bei aller Griffigkeit solcher Begriffe ist ihre inflationäre Verwendung lediglich hübsch realitätsblind.

Wir erwähnen dies, um deutlich machen, dass auf Grund der mangelnden Ressourcen eben nicht jede Anfrage betreffs einer Teilnahme an Veranstaltungen positiv beschieden werden kann.Die Lage hat sich trotz aller Hoffnungen und auch Fehleinschätzungen nicht in der gewünschten Weise entwickelt, dass dies für die neue Generation des Schwarzen Blocks eine ernsthafte Option darstellen könnte.

Wir stellen erfreut fest, dass auch heute die Tradition dieser Wunschpartnerschaft hoch gehalten wird und bedauern zugleich, dass dies nicht zu jedem beliebigen Anlass gepflegt werden kann (s. oben).

Wir fordern daher vor allem die Mainstrem-Medien auf, hier mehr Verständnis zu zeigen, dass die alltäglichen Notwendigkeiten dies nur bedingt zulassen, besonders wenn man berücksichtigt, dass die heutigen Politk-Darsteller die Einladungen recht kurzfristig erfolgen lassen.

Wir fordern auch mehr Einsicht, dass auch dies aktuelle lokale Ereignis – trotz ά-City – nicht von allen geschmückt werden kann, die hierzu aufgefordert sind, so sehr wir dies Petra Roth auch wünschen.

Wir möchten jedoch bemerken, dass jetzt schon ein wichtiges Ziel der Partnerschaft erreicht ist: das effiziente Fernhalten subversiver Elemente, wie sie leider in der Bevölkerung massenhaft vermutet werden kann, vor allem jener Empörten, die sich nicht an Spielregeln zu halten gedenken, die gemäß unserer langen Tradition ihre Bewährung mehr als eindeutig bewiesen haben.

Trotzdem: wir werden weiter machen.

die ergraute Frankfurter Fraktion des Schwarzen Blocks


Geschichte des “Systems Koch” in Rheinmain zwischen 2000 und 2010 – I

Der hessische Ministerpräsident Roland Koch hat am 25.5.2010 seinen Rücktritt erklärt. Bevor man über diese Ankündigung jubelt, sollte man sich die Worte seiner Rücktrittsrede auf der Zunge zergehen lassen: Süffisant zitiert er eingangs aus seiner Geburtstagrede aus dem Jahr 2008, in der er im Gangsterjargon hat verlautbaren lassen, dass er in seiner Arbeit »noch etwas zu erledigen« hätte…. Dann schaut er auf seine »Arbeit« zurück und lässt uns wissen, dass alles »zu meiner vollsten Zufriedenheit geschehen« sei. »Mehr als zwölf Jahre …(und) eine wirklich tolle hessische CDU« liegen bald hinter ihm und ein Wechsel in die Wirtschaft als Belohnung vor ihm. Vom public-private zum private-public-agent. Mittlerweile ein Katzensprung.

Was meinte der hessische Ministerpräsident Roland Koch damit, dass es »noch etwas zu erledigen« gab? Es lohnt sich, dieser sibyllinischen Andeutung einmal nachzugehen.

So schön kann es sein

Rückblick

Obwohl sich die hessische CDU im Wahlkampf 2008 noch steigerte, ihre rassistische Kampagnen (z. B. die Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsangehörigkeit 1999) mit dem Kampf gegen ›ausländische Kriminelle‹ zu krönen wusste, von ›Kuscheljustiz‹ fabulierte und mit ›Warnschussarrest‹1 drohte, musste sie massive Verluste (minus 12 Prozent) hinnehmen. Ihr Wahlkampfmotto: »Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen«, eine Mischung aus Deutschtum und Kommunistenphobie ging nicht auf. Selbst mit der FDP zusammen hatte sie keine Regierungsmehrheit mehr. Die SPD hingegen konnte gegen den bundesweiten Abwärtstrend 7,6 Pozent zulegen und hatte sogleich ein Problem: Auch mit den Grünen zusammen wäre sie auf eine Tolerierung durch die Partei DIE LINKE angewiesen gewesen. Genau diese schloss sie jedoch aus – in der Hoffnung, so den Einzug der LINKEN verhindern zu können. Um dennoch rot-grüne Regierungspolitik machen zu können, brach sie ihr Wort und handelte ein Tolerierungsabkommen mit der Partei DIE LINKE aus.

In der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gab es schon viele Wortbrüche, ohne dass diese den jeweiligen Parteien geschadet hätten. Doch dieses Mal passierte etwas Ungewöhnliches: Eine parteiübergreifende Koalition aus Wirtschafts-, Partei- und Medienunternehmen fand sich zusammen, um den »linken Putsch gegen den Wählerwillen«2 zu verhindern. Die Initiatoren, Unterstützer und Sponsoren der ›Wortbruch-Kampagne‹ reichten von BILD bis FNP, vom wirtschaftsfreundlichen Flügel der SPD bis zu unternehmensnahen Gewerkschaftsgliederungen.

Wenn man also davon ausgeht, dass diese Große Koalition in punkto Wortbruch genug (eigene) Erfahrungen hat, dann liegt es nahe, davon auszugehen, dass es um ein politisches Programm ging, dessen Verwirklichung um jeden Preis verhindert werden musste.

Und in der Tat störten einige SPD-Programm-Punkte einflussreiche Wirtschaftsinteressen und milliardenschwere Unternehmen in Hessen derart, dass sie gegen dieses ›wirtschafts- und standortfeindliche‹ Regierungsprogramm3 mobil machten:

Die geplante Nordbahn am Frankfurter Flughafen sollte erst gebaut werden, wenn die Gerichte über die Rechtmäßigkeit des Planfeststellungsbeschlusses entschieden haben. Auf das Instrumentarium des ›Sofortvollzuges‹ sollte also verzichtet werden.

Am Atomausstieg sollte festgehalten werden, gerade auch im Hinblick auf das älteste Atomkraftwerk in Biblis.

Der Ausbau regenerativer Energien sollte zügig und entschieden vorangetrieben werden.

Diese politischen Vorgaben sollten durch einen neuen Wirtschaftsminister unterstrichen werden: Dr. Herrmann Scheer4.

Nachdem alle Parteigliederungen diesen Kurs unterstützt hatten, wählte das Wortbruch-Kartell zuerst die Implosionsstrategie: Durch fast unannehmbare Forderungen an die Partei DIE LINKE sollten die Tolerierungsverhandlungen zum Scheitern gebracht werden. Das Ziel dieser Strategie beschreibt der FAZ-Redakteur Volker Zastrow – im Nachhinein – wahrheitsgemäß: Andrea Ypsilanti sollte aufs Dach gejagt werden, um ihr »dann die Leiter wegzuziehen.«5 Zur Überraschung aller schluckte DIE LINKE alle Kröten. Daraufhin zog man die letzte Karte aus dem Ärmel: Ein Tag vor der entscheidenden Wahl Andrea Ypsilanti zur Ministerpräsidentin entdeckten vier SPD-Abgeordnete in einer Pressekonferenz im Dorinthotel ihr Last-Minute-Gewissen und verweigerten Andrea Ypsilanti ihre Stimme. Der Schaden für die hessische SPD war maximal, eine rot-grüne Minderheitsregierung gescheitert und die Ausbaupläne des Flughafen-Kartells gesichert. Zugleich war der Machtkampf innerhalb der SPD entschieden: Eine SPD-Landespolitik, ein wenig links von ›Agenda 2010‹ und einer ›Genosse der Bosse‹ Politik, sollte es nicht geben.

FRAPORT & Co nehmen die Wahl an

Nach dem Scheitern einer rot-grünen Regierung mit Tolerierung der Partei DIE LIINKE wurden Neuwahlen angesetzt: Der rechte, wirtschaftsfreundliche Flügel innerhalb der hessischen SPD setzte sich durch: Andrea Ypsilanti trat zurück und der blasse, ›flügellose‹, angeblich flügelübergreifende Thorsten Schäfer-Gümbel wurde zum neuen SPD-Ministerpräsidentschaftskandidaten aufs Schild gehoben. Alle markanten, von der Wirtschaft abgelehnten Positionen verschwanden aus dem Programm. Die Flucht ins Allgemeine wurde nur noch von einem Wahl›kampf‹plakat übertroffen, das furchteinflößender nicht sein konnte: »Die Roten kommen wieder!«

Die ›Roten‹ waren drei brave, bärtige Nikoläuse mit Leergut in den Händen…

Die CDU setzte auf bereits Gesagtes, ohne es noch einmal plakativ in Szene zu setzen: Man verzichtete auf laute rassistische Programmatiken und zeigte sich ›lernfähig‹: Die Wiedereinführung von Studiengebühren wurde aus dem Programm gestrichen.

»Zur Rache, Schätzchen«6

Die breit angelegte, parteiübergreifende Kampagne gegen den ›Wortbruch‹ von Andrea Ypsilanti hatte Erfolg: Am 18.1.2009 wählten Hessens BürgerInnen endlich richtig: 37,2 % der abgegebenen Wahlstimmen entfielen auf die CDU. Zusammen mit der FDP bildeten sie die neue hessische Landesregierung.

Vollstrecken – säubern – belohnen

Vollstrecken …

Das schwarz-gelbe Regierungsprogramm liest sich wie eine Darlehensrückzahlung an die Hauptsponsoren des CDU-FDP-Sieges:

Der Flughafen soll zügig ausgebaut werden.

Das Kernkraftwerk Biblis soll bleiben

Das Verfahren zur Genehmigung des Kohlekraftwerks Staudinger soll vorangetrieben werden. 7

Erwartungsgemäß ausgelassen zeigten sich die Hauptsponsoren: »Von der Arbeitsgemeinschaft der hessischen Industrie- und Handelskammern kamen zustimmende Äußerungen … Auch die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände und der Bauernverband zeigten sich zufrieden.«8

Der Jubel war berechtigt. Zumindest diese Versprechen überstanden den Wahlkampf unbeschadet. Nur zwei Tage nach dem Wahlsieg umstellten Hundertschaften der Polizei das Waldcamp im Kelsterbacher Wald und begannen im Schutz von über 1.000 Polizeibeamten und 350 Wachleuten der Sicherheitsfirma ›Kötter‹ mit der Rodungen, obwohl die FRAPORT weder Besitzerin ist, noch die Gerichte über die anhängigen Klagen entschieden hatten.

Eigentlich ist der im hessischen Regierungsprogramm formulierte Treueschwur zum Atomkraftwerk Biblis bzw. zum Energieriesen RWE absurd und ein offener Aufruf, den bestehenden Atomkonsens aus dem Jahr 2001 zu unterlaufen bzw. aufzuheben. Denn das AKW Biblis A ist das älteste Atomkraftwerk in Deutschland. Würde es mit rechten Dingen zugehen, hätte es noch vor der Bundestagswahl im September 2009 stillgelegt werden müssen. Doch dann fand man eine lebensverlängernde Maßnahme: Man drosselte die produzierte Strommenge und setzte auf die CDU als Siegerin der Bundestagswahlen 2009. Das ›Ja-Wort‹ der hessischen Landesregierung und die ›variable‹ Handhabung der festgelegten Restlaufzeiten würden so dem Betreiber RWE Millionen an Euros in die Taschen spülen.

Säubern …

Nachdem 1999 herauskam, dass die hessische CDU Millionen an Schwarzgeldern als ›jüdische Vermächtnisse‹ auf ausländischen Konten getarnt hatte, versprach der hessische Ministerpräsident Roland Koch ›brutalst mögliche Aufklärung‹. Während Roland Koch und die hessische CDU ihr Versprechen nach allen Regeln der Kunst brachen, gab es einige, die genau das sehr wörtlich nahmen, wie z.B. das ›Banken-Team‹ im Finanzamt Frankfurt V. Seine Aufgabe bestand darin, steuerrechtliche Vergehen im Bankensektor zu verfolgen und aufzuklären. Auf diesem Gebiet hatten sie nicht nur z.T. jahrzehntelange Erfahrungen, sie waren Staatsdiener im allerbesten Sinne. Sie waren erfolgreich, gefährlich erfolgreich:

So war Steuerfahnder Marco Wehner dabei, »als Frankfurter Steuerfahnder gegen den ehemaligen Schatzmeister der CDU, Walther Leisler Kiep ermittel(te)n. Das dunkelste Kapitel der Hessen-CDU.« 9 Es ging um über 20 Millionen DM, die als illegale ›Kriegskasse‹ für Parteizwecke genutzt wurden und u.a. in der Liechtensteiner Stiftung ›Zaunkönig‹ anonymisiert, also gewaschen wurden.

Sie ermittelten aber auch gegen Großbanken: »Stapelweise Belastungsmaterial fand das Team bei Commerzbank und Deutsche Bank10, die Kunden geholfen hatten, Geld vor dem Fiskus zu verstecken. 250 Millionen Euro zusätzlich aus Steuernachzahlungen der Banken verbuchte das Land Hessen wegen ihrer Erfolge, rund eine Milliarde der Bund.«11

Doch nicht nur potente Privatkunden (ab einer Million DM) wurden via ›Transferkonten‹ hiesiger Großbanken in Steueroasen wie Liechtenstein geschleust. Auch Großfirmen wie Siemens nutzten diesen Schleichweg, um Schmier- und Bestechungsgelder über Liechtensteiner Konten ›außerbilanziell‹ abzuwickeln: Deren Firmengelände in Offenbach und Erlangen wurden polizeilich aufgrund des Vorwurfes durchsucht, zwischen 1999 und 2002 mindestens sechs Millionen Euro Bestechungsgelder im Zusammenhang mit Auftragsvergaben an damalige Manager des italienischen Stromkonzerns Enel gezahlt zu haben. Im November 2006 teilte die Münchner Staatsanwaltschaft mit, Verantwortliche bei Siemens hätten sich »zu einer Bande zusammengeschlossen« und sich an der »Bildung schwarzer Kassen im Ausland«12 beteiligt.

Man kann nur erahnen, um welche Summen es sich dabei insgesamt handelt, wenn man davon ausgeht, dass die aufgedeckten Fälle nur die Spitze des Eisberges darstellen. Für etwas anderes braucht man hingegen keine Fantasie: Die in Eintracht organisierte Kriminalität durch Parteien, Banken und Großfirmen schweißte zusammen, bei dem Versuch, einen Flächenbrand mit allen Mitteln zu verhindern.

2001 erließ das Finanzamt Frankfurt auf Anweisung des hessischen Finanzministeriums die Verfügung, nur noch Geldtransfers ins Ausland zu untersuchen, die die Summe von 500.000 Mark überstiegen. Damit wurden Geldtransfers unterhalb dieser Grenze für ›steuerrechtlich unverdächtig eingestuft‹13, was einer Einladung gleichkommt, in Zukunft Steuerhinterziehung in gestückelten Teilbeträgen zu praktizieren.

Gegen diese Anweisung protestieren einige Steuerfahnder aus der ›Bankengruppe‹. Sie befürchteten zu Recht, dass damit ein verfolgungsfreies Schlupfloch geschaffen werden sollte.

Daraufhin wurde das in Gang gesetzt, was später als das System ›Archipel Gulag‹ bekannt werden sollte.

Wie groß der Druck nicht nur vonseiten von Großbanken und Großfirmen gewesen sein dürfte, welch massives Eigeninteresse auch die hessische CDU daran hatte, dass ihr das Ganze nicht um die Ohren fliegt, macht ein weiterer ›Skandal‹ deutlich, der 2009 an die Öffentlichkeit drang.

Hier geht es weiter

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1 »Lieber drei Tage Gefängnis als Warnschuss für einen jungen Gewalttäter am Anfang als eine lebenslange kriminelle Karriere!« Roland Koch, BILD vom 3.1.2008

2 Chefredakteurs Di Lorenzo in der Zeit vom 31.10.2008

3 Einen Tag nach der Hessenwahl 2008 wusste die FAZ um die kapitalen Verlierer: ›Die Wahlverlierer heißen FRAPORT und K+S‹. BürgerInnen kommen in dieser Rechnung gar nicht vor.

4 Vorsitzender des Weltrats für Erneuerbare Energien, Vorsitzender des Internationalen Parlamentarier-Forums Erneuerbare Energien

5 Volker Zastrow, Die Vier. Eine Intrige, Rowohlt Verlag 2009: Es gehört zum schmutzigen Spiel der Wortbruchkampagne, dass die FAZ mit an vorderster Front die vier SPD-Abweichler erst zu Musketieren aufgebaut hatte, um sie dann als Schlachtvieh (ver-)enden zu lassen.

6 Titel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung/FAS vom 18.1.2009

7 FAZ vom 1.2.2009

8 FAZ vom 1.2.2009

9 FR vom 21.11.2009

10 Die Deutsche Bank unterstützte 2008 mit einem registrierten Betrag von 200.000 Euro den Wahlkampf der hessischen CDU. (FR vom 10.10.2008)

11 FR vom 9./10.5.2009

12 FAZ vom 22.11.2006

13 FAZ vom 24.7.2009


Fußball: Fortsetzung mit gleichen Mitteln

Die Frankfurter Berger Strasse gibt sich gerüstet: mit ungefähr 100 bis 1000 Flatscreens bauen sie dort die Meile in eine Art Soccer Event Valley um, selbst die anspruchsvolle Buchhandlung mit Cafe weiter unten kann sich dem Sog nicht entziehen und rüstet ebenfalls medial auf. Bevor ich im Rausch der Lifeübertragungen das Lynch-Risiko eines Mohammed-Karikaturisten eingehe, mute ich euch vor Anpfiff ein paar Fußnoten zu Geist und Substanz einer Veranstaltung der Art „Fußball Europameisterschaft“ zu. Gebannt davor hängen werdet ihr eh, aber vielleicht nicht so blauäugig über das Umfeld dieses Aufregers.
Übertrieben? Vor Jahren musste ich mir von diversen „Links-Liberalen“ vorhalten lassen, dass mein Bauchgrummeln über schwarz-rot-gold überall wenig Substanz habe, es seien doch heute nur noch Feten-Gadgets, fern nationalen Gehalts, beliebig austauschbar. Auch wenn ich durchaus glauben möchte, dass nicht jede Verkäuferin in einem Fanshop eine NPD-Sympathisantin hergibt, scheint mir „Deutschland“ in den letzten Jahren gegenüber solchen Instanzen wie „PIIGS“ zunehmend mehr nationalistisch zugespitzt.

radsocke deutschland
Auch wenn ihr es nicht glauben wollt: Fußball-Events haben ihren Anteil daran, quasi als nationale Gemeinschaft mit einem sichtbaren Ziel. Dass das keine bloße Vermutung ist, konnte schon vor Jahren um die empirischen Berichte des Sozialwissenschaftlers Heitmeyer herum („Deutsche Zustände“) klar werden. Diese langjährigen Untersuchungen wiesen zwar eine allgemeine Abnahme von Homophobie und Behindertenfeindlichkeit im Lande nach, sahen aber bereits direkt nach der WM 2006 einen markanten Anstieg des Nationalismus bei uns, der seitdem nicht mehr zurückgegangen ist. Na, was sollen uns schwarz-rot-goldene Radsocken oder Spiegelwärmer auch sonst sagen?
Um ein bißchen Gemeinschaft für uns soll es gehen, endlich mal weg vom Werteverfall und das noch mit Fun. Gut die Islamis können halt keinen Fußball, aber sonst geht alles zusammen.

Schon längst vergessen ist die letzte WM in Südafrika, zumindest der Sachverhalt, dass die Leidtragenden des Spektakels die Armen und Kleinhändler vor Ort waren, und das korrupte Gesocks der FIFA-Funktionäre das Geld wie die Mafia absaugte, dort wie überall auf der Welt. Da hat sich nicht viel geändert, weder im Fußball Business noch bei den Betroffenen.
Die Aufreger über Korruption verschwinden im Umfeld Fußball aber schnell, auch wenn die Bedingungen und Folgen an Widerlichkeit kaum noch zu toppen sind. So auch jetzt: während die deutschen Medien das Empörungsgeschwätz über eine ukrainische Multimillionärin im Knast ventilieren, haben die korrupten Clans, in denen sie sich bewegt, eine Kostenrechnung für die EM aufgemacht, die dem heutigen Europa so elend folgt. Die 10 Milliarden Kosten für den Stadienbau wurden aus dem Staatshaushalt abgezweigt, und teilweise umdirigiert, vor allen in die Großkonzerne des Landes.

Hinter dem Jubel im Stadion stehen jetzt Hunderttausende von Ärmsten im Lande, meistens Kinder, denen die Mittel zum Leben gestrichen wurden. Die 10 Milliarden Miese gehen nämlich zu Kosten der Sozialhaushalte des Landes und damit folgt die Ukraine den bekannten Prinzipien der EU, die mit Spardiktaten und Fiskalpakten das gleiche Spiel macht. In diesem Sinne ist die Ukraine doch ein guter Beitrittskandidat, und in der UEFA sind sie eh schon. Passt also, der Fußball.

Ach so: der Bericht zum Eröffnungsspiel mit Griechenland brachte gerade, dass dort im Lande das Interesse an der EM eher gering ist. Der Reporter zeigte sich darüber wirklich erstaunt, wo doch die Griechen vor ein paar Jahren unter deutscher Führung noch Europameister wurden. Geht doch, wenn´s den Vorgaben folgt.

P.S.: das Land, in dem ich mich ab morgen aufhalte, nimmt übrigens nicht an der EM teil.


Anamnese: Tatort Spektakel

Die inhaltsleere Diskussion über das Spektakel, das heißt über das, was die Eigner dieser Welt treiben, wird so durch das Spektakel selber organisiert: man legt Nachdruck auf die enormen Mittel des Spektakels, um nichts über deren umfassende Verwendung zu sagen. So wird der Bezeichnung Spektakel oft die des Mediensektors vorgezogen. Damit will man ein einfaches Instrument bezeichnen, eine Art öffentlichen Dienstleistungsbetrieb, der mit unparteiischen »Professionalismus« den neuen Reichtum der Kommunikation aller mittels Mass Media verwaltet, der Kommunikation, die es endlich zur unilateralen Reinheit gebracht hat, in der sich selig die bereits getroffene Entscheidung bewundern läßt. Kommuniziert werden Befehle, und in bestem Einklang damit sind die, die sie gegeben haben, und auch die, die sagen werden, was sie davon halten.

Es ist nicht weitläufig bekannt, dass die “Gesellschaft des Spektakels” vom Autor 1973 selbst verfilmt wurde. Deswegen soll der Film noch einmal vorgestellt werden.

Das Spektakel ist die Ideologie schlechthin, weil es das Wesen jedes ideologischen Systems in seiner Fülle darstellt und äußert: die Verarmung, die Unterjochung und die Negation des wirklichen Lebens. Das Spektakel ist materiell »der Ausdruck der Trennung und der Entfremdung zwischen Mensch und Mensch«. Die neue Potenz des wechselseitigen Betrugs, die sich in ihm konzentriert hat, hat ihre Grundlage in dieser Produktion, durch die »mit der Masse der Gegenstände das Reich der fremden Wesen wächst, denen der Mensch unterjocht ist«. Das ist das höchste Stadium einer Expansion, die das Bedürfnis gegen das Leben umgedreht hat. »Das Bedürfnis des Geldes ist daher das wahre, von der Nationalökonomie produzierte Bedürfnis und das einzige Bedürfnis, das sie produziert«.

Das Spektakel, das die Verwischung der Grenzen von Ich und Welt durch die Erdrückung des Ichs ist, das von der gleichzeitigen An- und Abwesenheit der Welt belagert wird, ist ebenso die Verwischung der Grenzen zwischen dem Wahren und dem Falschen durch die Verdrängung jeder erlebten Wahrheit unter der von der Organisation des Scheins sichergestellten wirklichen Anwesenheit der Falschheit. Wer passiv sein täglich fremdes Schicksal erleidet, wird daher zu einem Wahnsinn getrieben, der illusorisch auf dieses Schicksal reagiert, indem er sich mit magischen Techniken behilft. Die Anerkennung und der Konsum der Waren stehen im Zentrum dieser Pseudoantwort auf eine Mitteilung ohne Antwort. Das Bedürfnis nach Nachahmung, das der Konsument empfindet, ist genau das infantile Bedürfnis, das durch alle Aspekte seiner wesentlichen Enteignung bedingt wird. Nach den Worten, die Gabel auf einer ganz anderen pathologischen Ebene anwendet, »kompensiert hier das anormale Bedürfnis, sich zur Schau zu stellen, ein quälendes Gefühl, am Rande des Lebens zu stehen«.


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