Frankfurter Gemeine Zeitung

Anamnese: Tatort Spektakel

Die inhaltsleere Diskussion über das Spektakel, das heißt über das, was die Eigner dieser Welt treiben, wird so durch das Spektakel selber organisiert: man legt Nachdruck auf die enormen Mittel des Spektakels, um nichts über deren umfassende Verwendung zu sagen. So wird der Bezeichnung Spektakel oft die des Mediensektors vorgezogen. Damit will man ein einfaches Instrument bezeichnen, eine Art öffentlichen Dienstleistungsbetrieb, der mit unparteiischen »Professionalismus« den neuen Reichtum der Kommunikation aller mittels Mass Media verwaltet, der Kommunikation, die es endlich zur unilateralen Reinheit gebracht hat, in der sich selig die bereits getroffene Entscheidung bewundern läßt. Kommuniziert werden Befehle, und in bestem Einklang damit sind die, die sie gegeben haben, und auch die, die sagen werden, was sie davon halten.

Es ist nicht weitläufig bekannt, dass die “Gesellschaft des Spektakels” vom Autor 1973 selbst verfilmt wurde. Deswegen soll der Film noch einmal vorgestellt werden.

Das Spektakel ist die Ideologie schlechthin, weil es das Wesen jedes ideologischen Systems in seiner Fülle darstellt und äußert: die Verarmung, die Unterjochung und die Negation des wirklichen Lebens. Das Spektakel ist materiell »der Ausdruck der Trennung und der Entfremdung zwischen Mensch und Mensch«. Die neue Potenz des wechselseitigen Betrugs, die sich in ihm konzentriert hat, hat ihre Grundlage in dieser Produktion, durch die »mit der Masse der Gegenstände das Reich der fremden Wesen wächst, denen der Mensch unterjocht ist«. Das ist das höchste Stadium einer Expansion, die das Bedürfnis gegen das Leben umgedreht hat. »Das Bedürfnis des Geldes ist daher das wahre, von der Nationalökonomie produzierte Bedürfnis und das einzige Bedürfnis, das sie produziert«.

Das Spektakel, das die Verwischung der Grenzen von Ich und Welt durch die Erdrückung des Ichs ist, das von der gleichzeitigen An- und Abwesenheit der Welt belagert wird, ist ebenso die Verwischung der Grenzen zwischen dem Wahren und dem Falschen durch die Verdrängung jeder erlebten Wahrheit unter der von der Organisation des Scheins sichergestellten wirklichen Anwesenheit der Falschheit. Wer passiv sein täglich fremdes Schicksal erleidet, wird daher zu einem Wahnsinn getrieben, der illusorisch auf dieses Schicksal reagiert, indem er sich mit magischen Techniken behilft. Die Anerkennung und der Konsum der Waren stehen im Zentrum dieser Pseudoantwort auf eine Mitteilung ohne Antwort. Das Bedürfnis nach Nachahmung, das der Konsument empfindet, ist genau das infantile Bedürfnis, das durch alle Aspekte seiner wesentlichen Enteignung bedingt wird. Nach den Worten, die Gabel auf einer ganz anderen pathologischen Ebene anwendet, »kompensiert hier das anormale Bedürfnis, sich zur Schau zu stellen, ein quälendes Gefühl, am Rande des Lebens zu stehen«.


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