Frankfurter Gemeine Zeitung

Fußball: Fortsetzung mit gleichen Mitteln

Die Frankfurter Berger Strasse gibt sich gerüstet: mit ungefähr 100 bis 1000 Flatscreens bauen sie dort die Meile in eine Art Soccer Event Valley um, selbst die anspruchsvolle Buchhandlung mit Cafe weiter unten kann sich dem Sog nicht entziehen und rüstet ebenfalls medial auf. Bevor ich im Rausch der Lifeübertragungen das Lynch-Risiko eines Mohammed-Karikaturisten eingehe, mute ich euch vor Anpfiff ein paar Fußnoten zu Geist und Substanz einer Veranstaltung der Art „Fußball Europameisterschaft“ zu. Gebannt davor hängen werdet ihr eh, aber vielleicht nicht so blauäugig über das Umfeld dieses Aufregers.
Übertrieben? Vor Jahren musste ich mir von diversen „Links-Liberalen“ vorhalten lassen, dass mein Bauchgrummeln über schwarz-rot-gold überall wenig Substanz habe, es seien doch heute nur noch Feten-Gadgets, fern nationalen Gehalts, beliebig austauschbar. Auch wenn ich durchaus glauben möchte, dass nicht jede Verkäuferin in einem Fanshop eine NPD-Sympathisantin hergibt, scheint mir „Deutschland“ in den letzten Jahren gegenüber solchen Instanzen wie „PIIGS“ zunehmend mehr nationalistisch zugespitzt.

radsocke deutschland
Auch wenn ihr es nicht glauben wollt: Fußball-Events haben ihren Anteil daran, quasi als nationale Gemeinschaft mit einem sichtbaren Ziel. Dass das keine bloße Vermutung ist, konnte schon vor Jahren um die empirischen Berichte des Sozialwissenschaftlers Heitmeyer herum („Deutsche Zustände“) klar werden. Diese langjährigen Untersuchungen wiesen zwar eine allgemeine Abnahme von Homophobie und Behindertenfeindlichkeit im Lande nach, sahen aber bereits direkt nach der WM 2006 einen markanten Anstieg des Nationalismus bei uns, der seitdem nicht mehr zurückgegangen ist. Na, was sollen uns schwarz-rot-goldene Radsocken oder Spiegelwärmer auch sonst sagen?
Um ein bißchen Gemeinschaft für uns soll es gehen, endlich mal weg vom Werteverfall und das noch mit Fun. Gut die Islamis können halt keinen Fußball, aber sonst geht alles zusammen.

Schon längst vergessen ist die letzte WM in Südafrika, zumindest der Sachverhalt, dass die Leidtragenden des Spektakels die Armen und Kleinhändler vor Ort waren, und das korrupte Gesocks der FIFA-Funktionäre das Geld wie die Mafia absaugte, dort wie überall auf der Welt. Da hat sich nicht viel geändert, weder im Fußball Business noch bei den Betroffenen.
Die Aufreger über Korruption verschwinden im Umfeld Fußball aber schnell, auch wenn die Bedingungen und Folgen an Widerlichkeit kaum noch zu toppen sind. So auch jetzt: während die deutschen Medien das Empörungsgeschwätz über eine ukrainische Multimillionärin im Knast ventilieren, haben die korrupten Clans, in denen sie sich bewegt, eine Kostenrechnung für die EM aufgemacht, die dem heutigen Europa so elend folgt. Die 10 Milliarden Kosten für den Stadienbau wurden aus dem Staatshaushalt abgezweigt, und teilweise umdirigiert, vor allen in die Großkonzerne des Landes.

Hinter dem Jubel im Stadion stehen jetzt Hunderttausende von Ärmsten im Lande, meistens Kinder, denen die Mittel zum Leben gestrichen wurden. Die 10 Milliarden Miese gehen nämlich zu Kosten der Sozialhaushalte des Landes und damit folgt die Ukraine den bekannten Prinzipien der EU, die mit Spardiktaten und Fiskalpakten das gleiche Spiel macht. In diesem Sinne ist die Ukraine doch ein guter Beitrittskandidat, und in der UEFA sind sie eh schon. Passt also, der Fußball.

Ach so: der Bericht zum Eröffnungsspiel mit Griechenland brachte gerade, dass dort im Lande das Interesse an der EM eher gering ist. Der Reporter zeigte sich darüber wirklich erstaunt, wo doch die Griechen vor ein paar Jahren unter deutscher Führung noch Europameister wurden. Geht doch, wenn´s den Vorgaben folgt.

P.S.: das Land, in dem ich mich ab morgen aufhalte, nimmt übrigens nicht an der EM teil.


Ein Kommentar zu “Fußball: Fortsetzung mit gleichen Mitteln”

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