Frankfurter Gemeine Zeitung

Geschichte des “Systems Koch” in Rheinmain zwischen 2000 und 2010 – I

Der hessische Ministerpräsident Roland Koch hat am 25.5.2010 seinen Rücktritt erklärt. Bevor man über diese Ankündigung jubelt, sollte man sich die Worte seiner Rücktrittsrede auf der Zunge zergehen lassen: Süffisant zitiert er eingangs aus seiner Geburtstagrede aus dem Jahr 2008, in der er im Gangsterjargon hat verlautbaren lassen, dass er in seiner Arbeit »noch etwas zu erledigen« hätte…. Dann schaut er auf seine »Arbeit« zurück und lässt uns wissen, dass alles »zu meiner vollsten Zufriedenheit geschehen« sei. »Mehr als zwölf Jahre …(und) eine wirklich tolle hessische CDU« liegen bald hinter ihm und ein Wechsel in die Wirtschaft als Belohnung vor ihm. Vom public-private zum private-public-agent. Mittlerweile ein Katzensprung.

Was meinte der hessische Ministerpräsident Roland Koch damit, dass es »noch etwas zu erledigen« gab? Es lohnt sich, dieser sibyllinischen Andeutung einmal nachzugehen.

So schön kann es sein

Rückblick

Obwohl sich die hessische CDU im Wahlkampf 2008 noch steigerte, ihre rassistische Kampagnen (z. B. die Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsangehörigkeit 1999) mit dem Kampf gegen ›ausländische Kriminelle‹ zu krönen wusste, von ›Kuscheljustiz‹ fabulierte und mit ›Warnschussarrest‹1 drohte, musste sie massive Verluste (minus 12 Prozent) hinnehmen. Ihr Wahlkampfmotto: »Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen«, eine Mischung aus Deutschtum und Kommunistenphobie ging nicht auf. Selbst mit der FDP zusammen hatte sie keine Regierungsmehrheit mehr. Die SPD hingegen konnte gegen den bundesweiten Abwärtstrend 7,6 Pozent zulegen und hatte sogleich ein Problem: Auch mit den Grünen zusammen wäre sie auf eine Tolerierung durch die Partei DIE LINKE angewiesen gewesen. Genau diese schloss sie jedoch aus – in der Hoffnung, so den Einzug der LINKEN verhindern zu können. Um dennoch rot-grüne Regierungspolitik machen zu können, brach sie ihr Wort und handelte ein Tolerierungsabkommen mit der Partei DIE LINKE aus.

In der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gab es schon viele Wortbrüche, ohne dass diese den jeweiligen Parteien geschadet hätten. Doch dieses Mal passierte etwas Ungewöhnliches: Eine parteiübergreifende Koalition aus Wirtschafts-, Partei- und Medienunternehmen fand sich zusammen, um den »linken Putsch gegen den Wählerwillen«2 zu verhindern. Die Initiatoren, Unterstützer und Sponsoren der ›Wortbruch-Kampagne‹ reichten von BILD bis FNP, vom wirtschaftsfreundlichen Flügel der SPD bis zu unternehmensnahen Gewerkschaftsgliederungen.

Wenn man also davon ausgeht, dass diese Große Koalition in punkto Wortbruch genug (eigene) Erfahrungen hat, dann liegt es nahe, davon auszugehen, dass es um ein politisches Programm ging, dessen Verwirklichung um jeden Preis verhindert werden musste.

Und in der Tat störten einige SPD-Programm-Punkte einflussreiche Wirtschaftsinteressen und milliardenschwere Unternehmen in Hessen derart, dass sie gegen dieses ›wirtschafts- und standortfeindliche‹ Regierungsprogramm3 mobil machten:

Die geplante Nordbahn am Frankfurter Flughafen sollte erst gebaut werden, wenn die Gerichte über die Rechtmäßigkeit des Planfeststellungsbeschlusses entschieden haben. Auf das Instrumentarium des ›Sofortvollzuges‹ sollte also verzichtet werden.

Am Atomausstieg sollte festgehalten werden, gerade auch im Hinblick auf das älteste Atomkraftwerk in Biblis.

Der Ausbau regenerativer Energien sollte zügig und entschieden vorangetrieben werden.

Diese politischen Vorgaben sollten durch einen neuen Wirtschaftsminister unterstrichen werden: Dr. Herrmann Scheer4.

Nachdem alle Parteigliederungen diesen Kurs unterstützt hatten, wählte das Wortbruch-Kartell zuerst die Implosionsstrategie: Durch fast unannehmbare Forderungen an die Partei DIE LINKE sollten die Tolerierungsverhandlungen zum Scheitern gebracht werden. Das Ziel dieser Strategie beschreibt der FAZ-Redakteur Volker Zastrow – im Nachhinein – wahrheitsgemäß: Andrea Ypsilanti sollte aufs Dach gejagt werden, um ihr »dann die Leiter wegzuziehen.«5 Zur Überraschung aller schluckte DIE LINKE alle Kröten. Daraufhin zog man die letzte Karte aus dem Ärmel: Ein Tag vor der entscheidenden Wahl Andrea Ypsilanti zur Ministerpräsidentin entdeckten vier SPD-Abgeordnete in einer Pressekonferenz im Dorinthotel ihr Last-Minute-Gewissen und verweigerten Andrea Ypsilanti ihre Stimme. Der Schaden für die hessische SPD war maximal, eine rot-grüne Minderheitsregierung gescheitert und die Ausbaupläne des Flughafen-Kartells gesichert. Zugleich war der Machtkampf innerhalb der SPD entschieden: Eine SPD-Landespolitik, ein wenig links von ›Agenda 2010‹ und einer ›Genosse der Bosse‹ Politik, sollte es nicht geben.

FRAPORT & Co nehmen die Wahl an

Nach dem Scheitern einer rot-grünen Regierung mit Tolerierung der Partei DIE LIINKE wurden Neuwahlen angesetzt: Der rechte, wirtschaftsfreundliche Flügel innerhalb der hessischen SPD setzte sich durch: Andrea Ypsilanti trat zurück und der blasse, ›flügellose‹, angeblich flügelübergreifende Thorsten Schäfer-Gümbel wurde zum neuen SPD-Ministerpräsidentschaftskandidaten aufs Schild gehoben. Alle markanten, von der Wirtschaft abgelehnten Positionen verschwanden aus dem Programm. Die Flucht ins Allgemeine wurde nur noch von einem Wahl›kampf‹plakat übertroffen, das furchteinflößender nicht sein konnte: »Die Roten kommen wieder!«

Die ›Roten‹ waren drei brave, bärtige Nikoläuse mit Leergut in den Händen…

Die CDU setzte auf bereits Gesagtes, ohne es noch einmal plakativ in Szene zu setzen: Man verzichtete auf laute rassistische Programmatiken und zeigte sich ›lernfähig‹: Die Wiedereinführung von Studiengebühren wurde aus dem Programm gestrichen.

»Zur Rache, Schätzchen«6

Die breit angelegte, parteiübergreifende Kampagne gegen den ›Wortbruch‹ von Andrea Ypsilanti hatte Erfolg: Am 18.1.2009 wählten Hessens BürgerInnen endlich richtig: 37,2 % der abgegebenen Wahlstimmen entfielen auf die CDU. Zusammen mit der FDP bildeten sie die neue hessische Landesregierung.

Vollstrecken – säubern – belohnen

Vollstrecken …

Das schwarz-gelbe Regierungsprogramm liest sich wie eine Darlehensrückzahlung an die Hauptsponsoren des CDU-FDP-Sieges:

Der Flughafen soll zügig ausgebaut werden.

Das Kernkraftwerk Biblis soll bleiben

Das Verfahren zur Genehmigung des Kohlekraftwerks Staudinger soll vorangetrieben werden. 7

Erwartungsgemäß ausgelassen zeigten sich die Hauptsponsoren: »Von der Arbeitsgemeinschaft der hessischen Industrie- und Handelskammern kamen zustimmende Äußerungen … Auch die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände und der Bauernverband zeigten sich zufrieden.«8

Der Jubel war berechtigt. Zumindest diese Versprechen überstanden den Wahlkampf unbeschadet. Nur zwei Tage nach dem Wahlsieg umstellten Hundertschaften der Polizei das Waldcamp im Kelsterbacher Wald und begannen im Schutz von über 1.000 Polizeibeamten und 350 Wachleuten der Sicherheitsfirma ›Kötter‹ mit der Rodungen, obwohl die FRAPORT weder Besitzerin ist, noch die Gerichte über die anhängigen Klagen entschieden hatten.

Eigentlich ist der im hessischen Regierungsprogramm formulierte Treueschwur zum Atomkraftwerk Biblis bzw. zum Energieriesen RWE absurd und ein offener Aufruf, den bestehenden Atomkonsens aus dem Jahr 2001 zu unterlaufen bzw. aufzuheben. Denn das AKW Biblis A ist das älteste Atomkraftwerk in Deutschland. Würde es mit rechten Dingen zugehen, hätte es noch vor der Bundestagswahl im September 2009 stillgelegt werden müssen. Doch dann fand man eine lebensverlängernde Maßnahme: Man drosselte die produzierte Strommenge und setzte auf die CDU als Siegerin der Bundestagswahlen 2009. Das ›Ja-Wort‹ der hessischen Landesregierung und die ›variable‹ Handhabung der festgelegten Restlaufzeiten würden so dem Betreiber RWE Millionen an Euros in die Taschen spülen.

Säubern …

Nachdem 1999 herauskam, dass die hessische CDU Millionen an Schwarzgeldern als ›jüdische Vermächtnisse‹ auf ausländischen Konten getarnt hatte, versprach der hessische Ministerpräsident Roland Koch ›brutalst mögliche Aufklärung‹. Während Roland Koch und die hessische CDU ihr Versprechen nach allen Regeln der Kunst brachen, gab es einige, die genau das sehr wörtlich nahmen, wie z.B. das ›Banken-Team‹ im Finanzamt Frankfurt V. Seine Aufgabe bestand darin, steuerrechtliche Vergehen im Bankensektor zu verfolgen und aufzuklären. Auf diesem Gebiet hatten sie nicht nur z.T. jahrzehntelange Erfahrungen, sie waren Staatsdiener im allerbesten Sinne. Sie waren erfolgreich, gefährlich erfolgreich:

So war Steuerfahnder Marco Wehner dabei, »als Frankfurter Steuerfahnder gegen den ehemaligen Schatzmeister der CDU, Walther Leisler Kiep ermittel(te)n. Das dunkelste Kapitel der Hessen-CDU.« 9 Es ging um über 20 Millionen DM, die als illegale ›Kriegskasse‹ für Parteizwecke genutzt wurden und u.a. in der Liechtensteiner Stiftung ›Zaunkönig‹ anonymisiert, also gewaschen wurden.

Sie ermittelten aber auch gegen Großbanken: »Stapelweise Belastungsmaterial fand das Team bei Commerzbank und Deutsche Bank10, die Kunden geholfen hatten, Geld vor dem Fiskus zu verstecken. 250 Millionen Euro zusätzlich aus Steuernachzahlungen der Banken verbuchte das Land Hessen wegen ihrer Erfolge, rund eine Milliarde der Bund.«11

Doch nicht nur potente Privatkunden (ab einer Million DM) wurden via ›Transferkonten‹ hiesiger Großbanken in Steueroasen wie Liechtenstein geschleust. Auch Großfirmen wie Siemens nutzten diesen Schleichweg, um Schmier- und Bestechungsgelder über Liechtensteiner Konten ›außerbilanziell‹ abzuwickeln: Deren Firmengelände in Offenbach und Erlangen wurden polizeilich aufgrund des Vorwurfes durchsucht, zwischen 1999 und 2002 mindestens sechs Millionen Euro Bestechungsgelder im Zusammenhang mit Auftragsvergaben an damalige Manager des italienischen Stromkonzerns Enel gezahlt zu haben. Im November 2006 teilte die Münchner Staatsanwaltschaft mit, Verantwortliche bei Siemens hätten sich »zu einer Bande zusammengeschlossen« und sich an der »Bildung schwarzer Kassen im Ausland«12 beteiligt.

Man kann nur erahnen, um welche Summen es sich dabei insgesamt handelt, wenn man davon ausgeht, dass die aufgedeckten Fälle nur die Spitze des Eisberges darstellen. Für etwas anderes braucht man hingegen keine Fantasie: Die in Eintracht organisierte Kriminalität durch Parteien, Banken und Großfirmen schweißte zusammen, bei dem Versuch, einen Flächenbrand mit allen Mitteln zu verhindern.

2001 erließ das Finanzamt Frankfurt auf Anweisung des hessischen Finanzministeriums die Verfügung, nur noch Geldtransfers ins Ausland zu untersuchen, die die Summe von 500.000 Mark überstiegen. Damit wurden Geldtransfers unterhalb dieser Grenze für ›steuerrechtlich unverdächtig eingestuft‹13, was einer Einladung gleichkommt, in Zukunft Steuerhinterziehung in gestückelten Teilbeträgen zu praktizieren.

Gegen diese Anweisung protestieren einige Steuerfahnder aus der ›Bankengruppe‹. Sie befürchteten zu Recht, dass damit ein verfolgungsfreies Schlupfloch geschaffen werden sollte.

Daraufhin wurde das in Gang gesetzt, was später als das System ›Archipel Gulag‹ bekannt werden sollte.

Wie groß der Druck nicht nur vonseiten von Großbanken und Großfirmen gewesen sein dürfte, welch massives Eigeninteresse auch die hessische CDU daran hatte, dass ihr das Ganze nicht um die Ohren fliegt, macht ein weiterer ›Skandal‹ deutlich, der 2009 an die Öffentlichkeit drang.

Hier geht es weiter

———————————————————————————–

1 »Lieber drei Tage Gefängnis als Warnschuss für einen jungen Gewalttäter am Anfang als eine lebenslange kriminelle Karriere!« Roland Koch, BILD vom 3.1.2008

2 Chefredakteurs Di Lorenzo in der Zeit vom 31.10.2008

3 Einen Tag nach der Hessenwahl 2008 wusste die FAZ um die kapitalen Verlierer: ›Die Wahlverlierer heißen FRAPORT und K+S‹. BürgerInnen kommen in dieser Rechnung gar nicht vor.

4 Vorsitzender des Weltrats für Erneuerbare Energien, Vorsitzender des Internationalen Parlamentarier-Forums Erneuerbare Energien

5 Volker Zastrow, Die Vier. Eine Intrige, Rowohlt Verlag 2009: Es gehört zum schmutzigen Spiel der Wortbruchkampagne, dass die FAZ mit an vorderster Front die vier SPD-Abweichler erst zu Musketieren aufgebaut hatte, um sie dann als Schlachtvieh (ver-)enden zu lassen.

6 Titel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung/FAS vom 18.1.2009

7 FAZ vom 1.2.2009

8 FAZ vom 1.2.2009

9 FR vom 21.11.2009

10 Die Deutsche Bank unterstützte 2008 mit einem registrierten Betrag von 200.000 Euro den Wahlkampf der hessischen CDU. (FR vom 10.10.2008)

11 FR vom 9./10.5.2009

12 FAZ vom 22.11.2006

13 FAZ vom 24.7.2009


2 Kommentare zu “Geschichte des “Systems Koch” in Rheinmain zwischen 2000 und 2010 – I”

  1. Judi Togel Singapore

    Frankfurter Gemeine Zeitung » Blog Archiv
    » Geschichte des “Systems Koch” in Rheinmain zwischen 2000 und
    2010 – I http://ps-magic.ru/go?http://18.182.187.26/

  2. kfxnjy

    dzeott genesee mental health why mental health is important free mental health test
    mental health recovery mental health disability
    mental health assesment tools

Einen Kommentar schreiben

Comment moderation is enabled. Your comment may take some time to appear.

 

Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.