Frankfurter Gemeine Zeitung

Die Evaluation der Frankfurter Freien Szene-ein Gutachten mit Geschmäckle


Die “Evaluation” der freien Theaterszene Frankfurts durch die Experten einer “Perspektivenkommission” hat in der evaluierten freien Theaterszene für Empörung gesorgt. Die Frankfurter Presse hingegen überließ sich größtenteils dem ressentimentgeladenen Reflex (mit Ausnahme von Judith von Sternburg in der FR): Endlich hats denen mal einer gegeben! Denn es wurde festgestellt: die Szene hier folgt einer “veralteten Ästhetik” , sie ist “national und international nicht konkurrenzfähig”, wird von alten Zampanos aus den 70ern und 80ern dominiert, während die jungen Wilden ohne Häuser vor sich hin darben. Das muss anders werden: bei drei Theatern, dem Internationalen Theater, der Katakombe und dem Kellertheater legt der Abschlussbericht die Einstellung der Förderung nahe. Bei drei weiteren freien Theatern wird empfohlen, sie unter eine Art Kuratel zu stellen, wie wir das ja aus dem krisengeschüttelten Europa kennen, um ein neues Theater “nach Berliner Vorbild” zu gründen: “Theater 1, 2, 3 (nach entsprechendem Berliner Vorbild genannt) setzt sich im Idealfall aus der Struktur dreier bestehender Häuser (z.B. Naxoshallen, Titania-Palast oder Gallus Theater und einer kleineren Spielstätte) zusammen und schafft damit ein flexibles Raumangebot für die unterschiedlichen Bedürfnisse des freien zeitgenössischen Theaters. Mit neuem Leitungsteam setzt es entscheidende Impulse in der Entwicklung zeitgenössischen Theaters.” Kein Wunder, dass bei dieser Perspektive der Perspektiven Kommission einer der Frankfurter Theater-Macher von “feindlicher Übernahme” sprach, auch wenn das Gutachten schalmeit: “Dabei geht es nicht um die völlige Umkrempelung der Frankfurter Freien Szene, es geht auch nicht um die völlige Neuausrichtung der Off-Theater und es geht genauso wenig einfach nur um eine Erhöhung des Kulturetats”. Um das letztere schon gar nicht, in Zeiten, da den großen Bühnen in Frankfurt zugemutet wird 30 Prozent einzusparen. Es geht um Umverteilung im großen Stil von knapper werdenden Fördermitteln und um Umverteilung der ebenfalls knappen Ressource Prestige in der Frankfurter Freien Kulturszene.Um zu sehen wie das gemacht wurde, machen wir das jetzt das, was die Frankfurter Medien leider versäumt haben. Wir evaluieren die Evaluation:
Wer waren die Experten?
Würden wir der Verfahrensweise des Abschlussberichtes folgen, käme hier ein längerer Fußnotenversehener Exkurs dazu, was heutzutage die Rolle des Experten im internationalen und nationalen Kontext ist, wann Experten in der Moderne wichtig wurden usw. Aber das schenken wir uns jetzt mal (dafür gibts ja das Video oben). Die Experten waren laut Abschlussbericht: “Brigitte Dethier seit 2002 Intendantin des Jungen Ensemble Stuttgart (…)Regisseurin, stellvertretende Vorsitzende der internationalen Vereinigung für das Kinder- und Jugendtheater, Mitglied des Kuratoriums für das Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland und…“reicht schon, es ist klar: die Expertin für Kinder- und Jugendtheater. Weiter: “Prof. Dr. Gerald Siegmund, (…) Professor für Choreographie und Performance am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Gießen. Seine Schwerpunkte sind das Gegenwartstheater und der zeitgenössische Tanz, Theatertheorien, Performance, Intermedialität“. Also der Experte für Performance und Tanz.
Hans-Christoph Zimmermann hat zehn Jahren als Dramaturg an verschiedenen Stadttheatern gearbeitet. Seit 2000 ist er als freier Journalist in Köln mit den Schwerpunkten Schauspiel (Stadttheater / Freies Theater) und Kulturpolitik tätig“. Aha, der Journalist fürs Sprechtheater. Und schließlich: “Fanti Baum: ihre Erfahrungen als Dramaturgin und Kuratorin lassen sich zwischen Freiem Theater, zeitgenössischer Dramatik und Bildender Kunst verorten. Sie begleitete als Promotorin den Nachwuchspreis für Tanz und Theater in der Schweiz” und kuratiert grade”für den Frankfurter Kunstverein das Ausstellungs- und Performance-Projekt „Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen“. Also die Expertin für Crossover zwischen Kunst,Tanz und Theater.
Die Experten sind die üblichen Kultur-Verdächtigen: Dramaturgen, Regisseure, Journalisten und ein Prof. Was auffällt: Der Abschlussbericht hebt hervor: Der Schwerpunkt des Berichtes liegt auf Grund der Größe der Szene beim Schauspiel/Sprechtheater. Die Vorlieben von dreien der vier gelten nach ihrer Selbstbeschreibung aber grade nicht dem Sprechtheater, sondern Performances, Crossover, Tanz und Kindertheater. Und was vermissen sie in ihrem Abschlussbericht in Frankfurt am meisten? Tanz, Performances, Crossover und mehr Kindertheater. Das ist kaum überraschend.  Wenn man einen Kolibri, einen Elefanten und ein Erdferkel bittet, zu sagen, welches dass für ihn perfekte ästhetische Tier ist, sozusagen, the state of the art of an animal, wird man in der Reihenfolge hören: Ein Kolibri, ein Elefant und ein Erdferkel. Ähnliches gilt für dieses Gutachten. Aber betrachten wir zumindest den Kolibri etwas genauer.

Die Gießen-Connection
In dem Abschlussbericht bestätigen sich die Gutachter ihre eigene Unvoreingenommenheit: “Die Herkunft aus Zürich, Köln, Gießen und Stuttgart sorgt zudem für einen unvoreingenommenen Blick auf die Frankfurter Off-Szene, der ungetrübt ist von persönlichen Verflechtungen.” Tja, wenn da so einfach wäre: die “Herkunft” allein garantiert die Freiheit von “persönlichen Verflechtungen”….Gerald Siegmund z.B. ist wie schon festgestellt seit 2009 Professor am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Gießen. In dem allgemeinen Teil des Berichtes über die freie Theaterszene in anderen Städten, der erstaunlicherweise zusammen mit der Vorbemerkung fast die Hälfte der “Evaluation der Freien Frankfurter Theaterszene” ausmacht, findet man immer wieder einigermaßen schamfreie Selbstanpreisungen seines Institutes wie: “Vor allem das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen hat mit der so genannten „Gießener Schule“ für die Sauerstoffzufuhr des Freien Theater gesorgt, die man sich prägender kaum vorstellen kann.” Jetzt folgt das Über-den-Kopfstreicheln des eigenen akademischen Nachwuchses: “René Pollesch, Helena Waldmann, Showcase Beat Le Mot, She She Pop, Rimini Protokoll, Gob Squad, Hoffmann&Lindholm und zuletzt Boris Nikitin haben als Künstler und Gruppen den Begriff des Theaters immer wieder neu verschoben und gehören so zu den wichtigsten Vertretern der Freien Szene.” Diese Begriffsverschieber, Leute aus dem Stall des Gießener Institutes, werden den Frankfurter Freien im Laufe der Studie immer wieder als MUSTS um die Ohren gehauen. Siegmund begleitet auch die Auftritte seiner Gießener Sprößlinge publizistisch durch liebevolle Rezensionen in der FAZ. Selbst der zweite Teil des Abschlussberichtes, der sich exklusiv der Analyse der Frankfurter Szene widmen möchte, kommt nicht ohne ein zweiundzwanzigzeiliges Original-Zitat von Heiner Goebbels, dem Leiter des Studiengangs für angewandte Theaterwissenschaft in Gießen aus. Mit einem Wort: in Frankfurt gibts zu wenig Gießen! Und natürlich suchen die Gießener Studienabgänger andernorts nach mehr Auftrittsmöglichkeiten: wer will als sensibler Künstler schon immer in Gießen auftreten? Eine grausame Vorstellung! Da bieten sich doch die Häuser der freien Szene Frankfurts an… Aber es geht noch weiter: In dem Bericht der Kommission sind der Mousonturm, und, niveaumäßig eine Treppe tiefer, die Landungsbrücken fast die einzigen Theaterhäuser der freien Szene, die ab und an positiv hervorgehoben werden. Wie das Schicksal es will, ist Gutachter Gerald Sigmund eben diesem Mousontum seit vielen Jahren verbunden, auch wenn das in seiner Selbstbeschreibung in der Studie nicht erwähnt wird. So sitzt er mit dem Intendanten des Mousonturmes Nils Ewerbeck und dem Leiter der Hochschule für Musik und darstellende Kunst im dreiköpfigen Leitungsteam des Tanzlabors 21, das zum Mousonturm gehört. Was die Landungsbrücken angeht, so gastieren die Gießener dort diesen Sommer. Mitkurator von Gutachterin Fanti Baum in Frankfurt war Jan Deck. Jan Deck ist gleichzeitig  Geschäftsführer von laProf, einem Verein für freie darstellende Künste (natürlich mit Schwerpunkt: Tanz/Performances), der ebenfalls nach mehr Auftrittsmöglichkeiten und neuen Räumen sucht. laProf haben als einzige Vertreter der freien Szene das Gutachten begrüßt. In ihrer Presseerklärung zum  Gutachten entdeckt man den Passus: “Gemeinsam mit dem tanzlabor21 (sic!) sollte das Kulturamt Möglichkeiten suchen, das künstlerische Potenzial dieser Szene in den nächsten Jahren stärker zu fördern und ihre Erfahrungen mit neuen Arbeitsstrukturen in die Umgestaltung der Förderpolitik miteinzubeziehen“  Soweit zur “Ungetrübtheit von persönlichen Verflechtungen”, es ließe sich sicher noch mehr entdecken. Eigentlich skandalös ist das alles nicht. Im Zusammenhang eines polemischen und  recht tendenziösen Gutachtens hat es aber wie der Schwabe sagt: ein Geschmäckle. Aber  schauen wir jetzt genauer an, was die Kommission eigentlich getan hat.

“Arbeitsweise / Vorgehen”
Die Kommission hat getan, was jeder Zeitungs-Kritiker tut: sie ist ins Theater gegangen, und hat sich etwas angeschaut und zwar : “mindestens zwei Stücke soweit Spielpläne und kommunale Förderung dies zuließen“-also war’s manchmal nur eins ?” nahezu aller” -also waren es nicht mal alle?”durch das Kulturamt geförderten Gruppen und Theater.”.Tja: welche Theater haben sie nun eigentlich besucht,welche Stücke gesehen, und wie oft? Wie viele Experten der Kommission waren bei einer Aufführung dabei? Haben sie sich mit den Produktionsbedingungen in den jeweiligen Häusern befasst? Mehrere Inszenierungen ausgewertet, eine Inszenierung an mehreren Tagen miteinander verglichen, Interviews mit den verschiedenen Theatermachern geführt? Haben Sie Publikumsbefragungen erhoben oder zumindest eine Analyse des Frankfurter Publikums durchgeführt, das sich sehr wohl von dem in Berlin unterscheiden dürfte? Darüber schweigt sich der Abschlussbericht vornehm aus. Wir dürfen vermuten: Nein. Kann man sich aber etwa eine akzeptierte Diplomarbeit über die Frankfurter Freie Szene am Gießener Institut für angewandte Theaterwissenschaft vorstellen, die auf einer so schmalen und ungenau formulierten empirischen Basis beruht? Hoffentlich nicht. Die Bewertung einzelner Aufführungen der verschiedenen Häuser, die es auch noch gibt, wird aus ungeklärten vor der Öffentlichkeit geheim gehalten, nicht einmal die Theatermacher selbst bekommen sie zu sehen, obwohl aufgrund dieser “Evaluation” ihre Häuser übernommen, ihre Förderung gestrichen werden soll. Ein genuin kafkaeskes Motiv: dem Angeklagten wird die Anklage nicht mitgeteilt, nur der Umstand, dass er angeklagt ist.Über die besuchten Aufführungen erfährt man im Abschlussbericht kein Sterbenswörtchen, stattdessen ausgiebige Betrachtungen über die Inneneinrichtung der Foyers:
Dagegen erwartet den Besucher im schmalen Vorraum des Titania-Theaters die technisch-funktionale Ausstattung eines evangelischen Studienhauses der frühen 80er Jahre. (…) in der Exzesshalle ist es ein antiquierter graffititrächtiger Antifa-Chic, der bis in die Toiletten reicht; das Kellertheater wird seinem Namen mit der heimeliger Atmosphäre geweißten Tonnengewölbes, das mit roten Samtstoffbahnen drapiert sind, unangenehm gerecht; der schlauchartige Eingang der Landungsbrücken sieht nach Wohngemeinschaft aus, die Katakombe dokumentiert mit Produktionsfotos aus den 1960er und 1970er Jahren ihre eigene, längst vergangene Geschichte. Und selbst das Foyer im Gallus Theater strahlt (…) Volkshochschul-Atmosphäre aus.” Der Ton des Gutachtens ändert sich: anstelle der Perspektive von “oben”, den großen Linien, den Fußnoten, der “Positionsbestimmung” des freien Theaters tritt ein hämisch-ironischer Gestus, der ein wenig an Tante Agathe gemahnt, die ihren Schwiegersohn besucht, der nicht so wohnt (“bis in die Toiletten hinein”!) und nicht das geworden ist, was sie sich einstmals vorgestellt hat. Tja: wenn Gutachter mal müssen und Graffitis auf dem Klo entdecken, kann das schwerwiegende Folgen für die Theaterförderung haben. Der Leser versteht: Die Frankfurter Szene ist der ewige Student der 70er und 80er des vergangenen Jahrtausends, obwohl er doch z.B. in Gießen sein Studium der angewandten Theaterwissenschaft längst schon als kühner Hornbrillenträger hätte abschließen können. Mitunter unterlaufen dabei Beobachtungsfehler: so sind die Vorhänge im Kellertheater nicht aus Samt, sondern aus Stoff, aber der “rote Samt”, das passt eben einfach so schön. Warum redet dieses Gutachten, das so wenig über die gesehenen Aufführungen mitteilt, über Foyers, Fotos und Toiletten? Weil das auf simple Art die ansonsten unbewiesene Grundaussage untermauern soll, dass hier theatralisch Antifa,Volkshochschule und evangelisches Studienhaus regieren, statt “aktuellem Stand” oder “jungen Positionen”.

Neoliberale Deutungsmuster
Neoliberale Deutungsmuster durchziehen das Gutachten. Das mag erstaunen, vertritt das Gutachten doch die Position eines politisch aufgeladenen, kritischen Theaters, durchaus  mit klaren Sympathien für das Künstlerprekariat. Es läßt sich auch nicht sagen, ob sich der Neoliberalismus, dessen vollkommenes  Versagen man  grade weltweit bestaunen kann,  sozusagen ungewollt in den Text geschlichen hat (etwa als Form der Künstlerkritik im Sinne Boltanskis, um, ahh, endlich auch mal eine  Theoriespur zu legen), oder ob er von den Autoren bewußt als Marker, als “Angebot” für Schwarzgrüne Entscheidungsträger gesetzt wurden.  Allein schon die Begriffe im Gutachten:  “Evaluation“,  ”flexibles Raumangebot”, “Perspektivenkommission”, “prozessorientiertes Arbeiten”, “National und International konkurrenzfähig”, ”Kein Verlängerungsautomatismus”, “klare Zielvereinbarungen”, “Zweite Liga”: Klingen Sie nicht nach…  Riminiprotokollen? Nur  leider von “der anderen Seite”? Aber lassen wir die Begriffe beiseite. Nehmen wir nur zwei der prächtig entwickelte Deutungsmuster heraus.
- Alt vs. Jung. Gemäß dem neoliberalen Diskurs haben die Alten, vor allem die Alt68er hierzulande die Macht übernommen und hindern die Jungen am Aufstieg. Das – und nicht etwa soziale Unterschiede -wäre heute der soziale Hauptkonflikt. Im Gutachten zeigt sich das so: “Die Gründergeneration vieler freier Gruppen und Off-Bühnen aus den 1970er und 1980er Jahren hat inzwischen das Rentenalter erreicht, ist aber aus sozialen, psychologischen oder persönlichen Gründen, nicht bereit oder in der Lage abzutreten. Kulturpolitik gerät hier in ein mehrfaches Dilemma. Einerseits will sich niemand bei verdienten lokalen Theatergrößen den Vorwurf der sozialen Kälte, die wiederum ein Produkt jahrelanger Unterfinanzierung ist, einhandeln. Andererseits sind Theatergründer in der Regel so gut mit Repräsentanten von Politik (oft in den Trägervereinen) und/oder Verwaltung vernetzt, dass das Wort vom Lobbyismus euphemistisch wirkt. “ Man merke auf: hier prangert eine vom Frankfurter Kulturdezernenten bestellte und offenkundig lobbyistisch im Sinne der Frankfurter und Gießener Hochschulen arbeitende Kommission politischen Lobbyismus an. Die “Alten” wie Praml (übrigens 2009 vom Fond darstellender Künste mit einer dreijährigen Spitzenförderung geadelt und Bindingkulturpreisträger wie Heiner Goebbels), Hinzpeter vom Freien Schauspiel oder Fiebig/Körte vom Ensemble 9.November, die seit Jahrzehnten erfolgreich in der Stadt arbeiten und sich ihr Publikum erarbeitet haben, würden laut Gutachten eigentlich nur noch mitgeschleift aus Furcht “vor dem Vorwurf sozialer Kälte”, während in Wirklichkeit alle Frankfurter heiß darauf sind, sich die neusten Diplomarbeiten der Hochschulabgänger an zu schauen. Ach so. Man könnte nun fragen: warum sollte denn ein Künstler, weil er das “Rentenalter” erreicht hat, abtreten? Man muss ja nicht gleich Mick Jagger, Tabori oder Picasso auf den Plan rufen, aber wer bestimmt, wann ein Künstler “abzutreten” hat? Etwa diese “Perspektivenkommission”? Und worauf beruhen die Informationen der Gutachter über die “sozialen, psychologischen oder persönlichen Gründe” der jeweiligen Theatermacher, mit denen nicht einmal gesprochen wurde? Und um wen geht es überhaupt genau? Das Kellertheater z.B. , dessen Förderung das Gutachten beenden will, wird mehrheitlich von Leuten betrieben, die bis zum Rentenalter noch einen sehr sehr langen Weg vor sich haben und hat im Schnitt 30 Prozent StudentInnen als Zuschauer. Der große alte Zampano existiert dort auch nicht, stattdessen ein Verein mit mehreren Regisseuren. Die Bühne steht als ambitioniertes Amateurtheater allen offen, auch Gastspielen. Kann man das irgendwo im Gutachten lesen? Nein.
- Lob der globalisierten Konkurrenzgesellschaft. Die Neoliberalen hassen das, was sie als Nischen bezeichnen, denn alles muss der gleichen globalisierten Logik folgen: “Es gibt Kneipentheater, Volkstheater, Boulevard, Literaturtheater, musikalisches Theater, Migrantentheater, fremdsprachiges Theater – jedes theatrale Bedürfnis scheint befriedigt zu werden. (…) Jede Gruppe hat ihre stilistische Nische gefunden; niemand kommt dem anderen ins Gehege, niemand lässt sich allerdings auch in seinem ästhetischen Biotop stören. Konkurrenz gibt es so gut wie nicht, es scheint oft, als ob jede Gruppen ihre eigene Klientel besitzt.”Die Neoliberalen lieben die permanente Umstrukturierung und die kurzfristige Vergabe von Mitteln, die jederzeit wieder aufgehoben werden kann. Der Konkurrenzfimmel läßt sich in dem Gutachten alle paar Seiten wieder finden und treibt bizarre Blüten: So wird das kleine, niedrigfinanzierte Internationale Theater zur Schließung empfohlen, weil es “nicht mit dem English Theater konkurrieren kann.” Dazu ist zu sagen: Das English Theater erhält nicht nur das dreifache an Mitteln der Stadt, sondern auch noch Landesmittel plus Sponsorengelder. Davon abgesehen bedient es eine völlig andere Zielgruppe (nämlich Geschäftsleute) und zeigt wie der Name schon sagt, nur Stücke auf englisch, während man im Internationalen Theater Stücke und Musik auch mal auf russisch, spanisch oder rumänisch erleben kann.
Hinter dem Versprechen, die Freie Szene Frankfurt “national und international konkurrenzfähig” zu machen- was immer das im öffentlich geförderten Kultursektor heißt- steckt die Drohung: wenn ihr das nicht macht, werdet ihr im Konkurrenzkampf der Städte unterliegen.Die angesagten Autoren,die wir Euch nennen,  müssen! überall! gespielt!!! werden!!!!! Die angesagten postdramaturgischen Inszenierungsstile, -die im übrigen keineswegs mehr SO angesagt sind- müssen überall angewandt werden, wie in Köln und Berlin, so in Frankfurt.  Zwar herrscht das postmoderne anything goes, aber im Gestus von: “SO geht das aber nicht”! Sonst wird Frankfurt national und international zu den Abgehängten, den NichtmehrAngesagten gehören. Dies ist ein Diskurs der Angst. Man sollte ihm nicht folgen.

Das Gute am Gutachten
Trotz seiner Mängel hat das Gutachten aber auch sein Gutes. Wenn man die tönende Wort-Windmaschine abstellt, kann man möglicherweise eine Diskussion über die freie Szene in Gang setzen, die über die bloße Umverteilung von Pöstchen und Räumen hinausgeht. Ich selbst als Autor verzweifle gelegentlich am Konservativismus der Frankfurter freien Szene . Wieso spielt man so wenig neue Autoren, riskiert man so wenig? Brauchen wir in jedem Sommer gefühlte sieben verschiedene Sommernachtsträume? Oder das Abfeiern der literarischen Kalendergeburtstage durch den Spielplan? Auch ich hätte gerne mehr ungewöhnliches in Frankfurt, eine größere Vielfalt an Stilen jenseits der Lesebuchlektüren. Was die lokalen Zampanos angeht, habe ich wie jeder Autor oder Freie Regisseur in Frankfurt eigenen Erfahrungen gemacht…

Aber andererseits: soll der Eigensinn der Zampanos durch eine Diktatur der Kommissionen und der prestigeversessenen Artcrowd ersetzt werden? Die “Alten” haben sich ihre Häuser  teilweise über Jahrzehnte hinweg erkämpfen müssen trotz der behaupteten “engen Verflechtung mit der Politik”. Wäre es nach dem Liegenschaftsamt gegangen, gäbe es jetzt eine XXL-ReweMarkt in der Naxoshalle. Die postpostmodernistischen Kreativen hingegen hängen sich an die Rockschöße ihrer Profs,entwerfen wie ID-Frankfurt Marketingkonforme Imagebroschüren und setzen auf die Verdrängung ihrer Vorgänger. Ist das politischer, mutiger? I don´t know…

Schön wäre es, wenn es der Frankfurter freien Szene in den kommenden Jahren insgesamt gelingt, wieder ein wenig freier zu werden. Und wenn nicht nur die “Alten”, wie das Gutachten fordert, sondern auch die Leute von LaProf, ID-Frankfurt u.a., die zweifelsohne interessantes zu sagen und zu zeigen haben, ein wenig aus ihrer Nische herauskommen.


6 Kommentare zu “Die Evaluation der Frankfurter Freien Szene-ein Gutachten mit Geschmäckle”

  1. Sandra Karl

    Mit Erstaunen lese ich heute diesen Artikel….im Kellertheater hat für mich das Theaterspielen eigentlich erst richtig begonnen….meine Ausbildung habe ich beim Leiter der dramatischen Bühne, die in der Exzesshalle ihr Zuhause haben, genossen. Heute bin ich freie Schauspielerin in Trier und in der Tuchfabrik Trier zu Hause. Hier bestehen ähnliche Förderbedingunungen, wie in den obengenannten Häusern. Zu Zeiten der Globalisierung kommen also da ein paar “handverlesene Kunstkenner” und urteilen, was noch als innovativ und und was als verstaubt abzuwerten ist. Kunst ist und bleibt ein Gut im Auge des Betrachters und ist deshalb in seiner Bewertung immer subjektiv. Wenn aufgrund solcher Empfehlungen jedoch Gelder gestrichen werden, ist das ein Schlag für die freie Szene, die ja bei weitem nicht so kommerziell arbeiten muss, wie große Einrichtungen, daher auch nie so horrende Beträge abgesahnt haben. Genau darin liegt doch aber auch der Zauber und der Charme der freien Szene. Hier wird experimentell gearbeitet…viele Künstler machen vielleicht nicht immer sensationell neues…aber in jedem Fall mit Überzeugung und Leidenschaft, nicht so die Künstler, die öde Spielpläne erfüllen müssen. Für junge Künstler bieten sich ungewöhnliche Einstiegs- und Fördermöglichkeiten…nicht immer ist der Schauspielschüler an staatlichen Schulen immer der bessere.
    Was aber noch wichtiger ist, ist dass sich Generationen von Künstlern diesen freien Raum erkämpft haben und nun soll er einfach mir nichts dir nichts versickern und die Häuser sollen alle eine große Suppe werden….warum müssen alle alles anbieten? Was spricht gegen “spezielle” Angebotsbereiche. Offensichtlich gibt es ja nach wie vor in Frankfurt noch genug Nachfrage für diese Art der Häuser und nicht immer sind Dekorationen aus den 70ern als out zu bezeichnen…es gibt ja auch genug Retro-Fans. Hier ist die Frage, ob alles neue schnelllebige oft genauso schnell wieder verpufft, während dessen auch junge Leute immer noch unsere Rockmusik mit Begeisterung hören….es sind ja schließlich unsere Wurzeln.
    Ich gebe natürlich dem Schreiber des Artikels Recht, dass die freie Szene durch solche Aktionen jetzt aufwacht und wieder diskutiert und sich vielleicht auch im Kompromiss neu erfindet…..wir haben diese Dikusionen auch in Trier zur Zeit. Dennoch sollte man sich nicht “platt” machen lassen…die Kleinkust oder freie Szene hat ihre Daseinsberechtigung und es steht den Politikern nicht gut, wenn sie diese Nischen nicht mehr unterstützen. Alles kritische Gedankengut entstammt nicht den etablierten Häusern…es kann im Sine der Gesellschaft sein, wenn alle “gleich” gemacht werden. Daher reizt mich diese Aktion der Gutachter eher dazu, die freie Szene aufzurufen aufzustehen….vielleicht einen “Mäuseaufstand” mit den Verantwortlichen der Freien Szene anzuzetteln. Frankfurt ist für seine aufständigen Wurzeln bekannt….vielleicht muss der Zahn jetzt mal weh tun, damit man sich seiner Wurzeln wieder bewusst wird und mit der Behandlung beginnen kann. Wie gesagt, wir haben zur Zeit in Trier auch mit diesen Strömungen zu kämpfen…ich bin gespannt, wie es bei euch weiter geht.

  2. Oliver Blank

    Das krähwinkelige Vorgehen der Stadt Frankfurt am Main folgt einem bekannt populistischem Schema. Wir fördern das Neue, weil es neu ist, und das bedeutet: Ich bin jung und frisch und hip. Daher missachten wir alles Alte, weil es alt ist, und das bedeutet: Ich bin nicht altbacken oder unmodern oder out. In der Konsequenz bedeutet das kulturpolitisch für die Stadt (hier kann derf geneigte Leser auch den Namen seiner Stadt, z.B. Trier, einsetzen), dass die Bambule mit der Freien Theaterszene innovativ und mutig eingeordnet werden soll. Dem muss die Theaterszene durch eine öffentliche Diskussion entgegen wirken und hat mit der Frankfurter Theaterallianz, ein Zusammenschluss aller Frankfurter Theaterschaffenden mit fester Bühne von Oper bis Landungsbrücken, ein geeignetes Instrument dafür zur Hand. Eine Profilierung des Frankfurter Kulturdezernenten Felix Wer-erinnert-sich-noch-an-Nordhoff? Semmelroth (der geneigte Leser kann hier den Namen des Kulturdezernenten seiner Stadt oder Gemeinde einsetzen) soll offenbar darüber erfolgen, dass er das Altbewährte und Altbekannte in Frage stellt und zerschlägt. In Frage steht aber in diesem Fall, ob sich aus den Trümmern ein eigenes Denkmal erbauen lässt und ob es dann als Freiheitsstatue oder doch eher als Manneken Pis bezeichnet werden muss.

  3. Anonymous

    Apropos Verpflechtungen. Auch die Dritte Gutachterin schaut nicht ganz unbedarft von außen auf die Frankfurter Szene: bereits 2008 war Brigitte Dethier als Referentin bei einem Symposium mit dem Kurator Jan Decl (LaProf) eingeladen:
    http://www.myspace.com/jandeck/blog

  4. gaukler

    Schöne Beschreibung vehementer kulturpolitischer Begradigungsversuche in Frankfurt. Der Ausbau zur internationalen Event-Stadt (“Creative City”) für zahlendes Publikum mit charakteristischen Erwartungen scheint mir gerade im grün-schwarzen Umfeld “zielführend”.
    Bemerkenswert sind sicher die Rollen der Universitäten dabei, von dir angedeutet und mit einer Reihe weiterer Links in Expertengremien, Stiftungen etc versehen.
    Z. B. kuratiert Evaluatorin Baum die “Demonstrationen” im Steinernen Haus für das “Exzellenzcluster normative Ordnungen” der Frankfuter Uni. Zu dieser Art Exzellenz passt ein bestimmter Stil, der sich in der kuratierten Ausstellung so ausdrückt, dass 100 Meter von der Paulskirche entfernt, ihre dokumentierte Demonstrationsgeschichte Frankfurts tatsächlich vor 150 Jahren endet. Danach Stille, gehört vermutlich in die politisch-kulturelle Abstellkammer. Das passt gut zusammen mit der propagierten Kulturpolitik und der Nivellierung ehemals kritischer Institute im Westend.
    Diesen Duktus der Stadt Frankfurt konnten wir die letzen Monate schon auf verschiedenen Spielfeldern beobachten.

  5. Bert Bresgen

    Paradoxerweise verschickte die Grüne Vorsitzende des Kulturausschusses einen Brief an die Theaterallianz, in dem sie der freien Szene allen Ernstes vorwarf, nicht auf die Schließung des Ivis oder die Occupies theatralisch reagiert zu haben-so als würden die Grünen nicht mit denen in der Stadtregierung sitzen, die während Bloccupy sämtliche politisch-kulturelle Veranstaltungen verboten und das Ivi zum Abschuß freigegeben haben. Das ist schön schizophren. Wobei es im Umkreis der von Baum kuratierten Ausstellung nach meiner Erinnerung interessante Veranstaltungen gab. Aber der jargon des exzellenzclusters durchzieht auch das Gutachten.

  6. gaukler

    Das ist ein gewisser Institutionalisierungs-Duktus, der mit etwas “kritischem” Vokabular arbeitet um möglichst viele Ressourcen für ihre Vorhaben einzubeziehen. Und die sind sicherlich im genuinen Kultur-Geschäft zu sehen, mit allen seinen Milieuausfranzungen. Hauptsache “professionell” gemanagt und das Erzeugen relevanter Aufmerksamkeit garantiert. So zwischen Tigerpalast und Mousonturm.
    Ich denke, da gibt es im grünen Umfeld aber auch Risse, die zu nutzen wären. Ein Beispiel möglicher Links findet sich in der Verknappung kultureller Orte (für Präsentation, Arbeit etc) durch die exorbianten Preissteigerungen hier vor Ort, mitgetragen von den Grünen in der Stadtregierung und Verwaltung und gegen Teile des eigenen Klientels.

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