Frankfurter Gemeine Zeitung

Chase-Lauf ’09. Non progredi est regredi

Nein, ich habe gestern nicht die Strassen Frankfurts mit der korporativen Art von #blockupy blockiert. JP Morgen Chase-Lauf 2012 ist ohne mich verlaufen, da bin ich im Reinen mit Herrn Rhein. Doch hier ist mein Bericht aus dem Jahre 2009. Samt Bananenklau, wild um sich herum schiessenden Ministerpräsidenten Koch und einigen halbnackten Südländerinnen (oder ohne sie, je nach dem). Zur Kenntnis. To whom it may concern. Einfach so.

***

ich bin an sich weder sportlich, noch mitläufer. doch diesmal bin ich sportlich mitgelaufen: chase-lauf war angesagt.IMAG0140

zur info: chase-lauf ist eine volksmasseninitiative, während deren verlaufs die firmen und korporationen mit lustigen t-shirt-motivations-sprüchen protzen und asap ans ziel kommen wollen. eigentlich, eine dauerwerbesendung, nur live und zum mitwerben.

wir haben selten glück mit unseren slogans (die leider nicht öffentlich ausgewählt werden). diesmal lautete unser slogan…

Wissen laufend in Bewegung

ein unklares deutsch, entweder fehlen hier die kommata, oder der subjekt, oder einfach alles zusammen. es war jedenfalls besser (vielleicht: avantgardistischer), als der spruch aus früheren zeiten:

Hier läuft was!

so musste ich ständig hinter meinem rücken hören:

- Ach, guck mal, da läuft was!

auf jeden fall, wussten wir, in bewegung laufend, dass unser ziel nicht das ankommen an sich ist, sondern eher das laufen (ans ankommen kommt’s nicht an, es läuft aufs laufen hinaus).

da es zwei starts gab:

  1. für die ganz schnellen (=streber)
  2. für alle anderen

machten wir uns auf den weg zum gemütlichen spät-start-stand-ort.

unterwegs auf den strassen waren bereits tische mit farbig verdünnten mineralewasser zum mitnehmen vorbereitet.
ich habe mir so eine flasche ergattert (Merzmensch – Schleichwerbung! Skandal! FGZ wird von Minerallwasserkonzernen unterwandert!):

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doch dann kam etwas noch wundersameres:

tische. voller. bananen.

und am tisch fispelten, fummelten und haspelten als “staff” gekennzeichneten personen. sie brachten grosse kisten mit bananen und ordneten sie zu einem bacchanalischen gelage

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doch so einfach waren die bananen nicht zu bekommen. als jemand von läufern nach einer banane griff, wurde er gleichzeitig von mehreren personen am tisch angeschrien:

zurücklegen! sofort zurücklegen!

etwas verdutzt lief der kollege weiter, als ob nichts wäre. ich sah eine andere läuferin, die in (wohl illegalen) besitz von einer banane bereits gekommen war, wollte aber frecherweise noch eine banane für ihre kollegin mitnehmen. die personen am tisch johlten:

hey! stop! sie haben bereits eine banane! zurück mit der banane!

rückblickend und die obige aufnahme analysierend, muss ich die über taktik der schleichenden banane sinnieren: am besten muss man sich mit teamgeist und dem skrupellosen überlebensdrang organisieren. während ein mutiger bananen-kämpfer durch ein ablenkmanöver die aufmerksamkeit der mehrköpfigen kerberi auf sich lenkt, können seine mitstreiter von der anderen seite des tisches sich an allgemeingütigen bananen bereichern.IMAG0129

nun waren wir
am start-punkt
angekommen.
die start-uhren
waren start-bereit.
und es begann
das grosse warten.
auf godot

das grosse warten:

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inzwischen waren wir mit schrillender disko-musik beschallt, mit luftballons beworfen und im fröhlichen miteinander vor langeweile geplagt. ich kam mir wie ein zwerg vor, unter lauter wolkenkratzer.

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Doch dann wurde geschossen.

Tja, meine Damen und Herren.
Während unsere Innenminister ihre kostbare Zeit damit vergeuden, die Killerspiele zu verbieten, schiesst unser Ministerpräsident durch die Gegend rum. In aller Öffentlichkeit.

koch

von dieser wendung erschrocken eilten die menschenmengen durch die eingegrenzten strassen in die nebulöse richtung namens “ziel”. wie scheue rehe. pfui wie kitschig. besser: wie eine unkontrollierte hippopotamus-herde.

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normalerweise während eines chase-laufs werden die strassen geschmückt, die zirkusleiter kommen mit elefanten, die hausfrauen bringen ihre firschgebackenen bröte, die kapellmeister, voller elan dirigieren ihre orchester, die feierlichen dandys hören auf zu flanieren, schauen billigend auf die läufer, schielen aber eher auf die hausfrauen mit ihren bröten, die französen bringen käse und wein zu den bröten der hausfrauen, die englander ihre backenbärte und die amerikaner schauen durch die fernröhre auf die regen menschenmassen, auf hausfrauen und auf französen mit elefanten, werden die strassen schon irgendwie vorgefreudet (wenn man es so nennen kann): es spielen samba-bands mit trommel und halbnackten südländerinnen, es stehen bergrüssenden transparente und jeder macht etwas.

diesmal hat man gespart. insgesamt wurde gesichtet:

    • * ein samba-band ohne südländerinnen, dafür aber mit trommeln (das letzente mal waren’s 4 bands)
    • * ein clown auf einem hocker
    • * eine einsame gruppe cheerleaders, die allesamt verschlafen und gelangeweilt wirkten
    • * ab und zu kleinkinder, die ihre hände in die rennenden massen zogen, damit die läufer sie auf ihre kleinen handflächen klatschten (ich fragte mich, wie haben das die kleinen ausgehalten, bei 70.000 läufer an diesem tag)
    • * und ein mann hat sogar… das ist unbeschreiblich. wie man sagt, “ein bild sagt mehr als tausend worte”. daher habe ich mit meiner handycamera diesen mann aufgenommen. Hier ist es!
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    • * gut, ich muss zugeben, vor lauter begeisterung habe ich meine camera falsch gehalten, daher kann man nur bedingt was sehen. aber ich hoffe, ihr habt so den allgemeinen eindruck bekommen.

wir sind ganz gemütlich gelaufen, ich würde sogar sagen, spazierengelaufen. daher hat uns so mancher zuschauer frohen mutes angepfiffen:

läuft doch! schneller!

darauf erwiderten wir ebenso frohen mutes:

lauf doch selber!

doch dann sind wir irgendwie am ziel angekommen

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wir waren nicht einmal müde. lediglich zufrieden und hungrig.

das ist eigentlich alles.


Ein Kommentar zu “Chase-Lauf ’09. Non progredi est regredi”

  1. LanceAdona

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