Frankfurter Gemeine Zeitung

Libertarismus bei Ayn Rand und Ron Paul- Gegenargumente

Um den Abgeordneten des US-Repräsentantenhauses Ron Paul ist es in deutschen Medien inzwischen wieder recht still geworden, seit sich deutlich abzeichnete, dass er in der Konkurrenz um die Rolle des republikanischen Kandidaten für das Präsidentenamt gegen Mitt Romney wohl eher chancenlos ist.
Trotzdem genießt er auch in Deutschland mit seinen politischen Ansichten weiterhin ein großes Interesse, insbesondere innerhalb der netzaffinen Subkultur. Auf Image-Boards wie 4chan.org lässt sich die ungeheure Anzahl der Ron-Paul-Supporter-Threads kaum fassen.

Tatsächlich hat Ron Paul Ansätze, die auch einem überzeugten Linken durchaus sympathisch sein können, zum Beispiel was seine Positionen zu Legalisierung von Marihuana, persönliche Freiheit im Internet oder die Abschaffung des unseligen Patriot Acts betrifft. Jedoch vertritt Ron Paul, wohl auch aufgrund von Konzessionen an seine konservativen Verbündeten innerhalb der Tea-Party-Bewegung, teils eher konservative bis rechte Positionen.
In der Frage der Legalität von Schwangerschaftsabbrüchen bezeichnete er sich als „Pro-Life“ (also als Abtreibungsgegner).
In Bezug auf die gleichberechtigte Heirat von Nicht-Hetero-Personen vollführte er einen Eiertanz, in dem er sich regelmäßig neu und konträr zu seinen früheren Ansichten positionierte. Letztlich lief es bei ihm darauf hinaus, dass die Bundesstaaten ihre eigenen Gesetze zu dieser Frage ohne Beeinflussung des Bundes erlassen sollten, wodurch er sich vor einer substantiellen Beantwortung der Frage drückte.

Zitate:

I am supportive of all voluntary associations and people can call it whatever they want.

Like the majority of Iowans, I believe that marriage is between one man and one woman and must be protected.

Liberal social engineers who wish to use federal government power to redefine marriage will be able to point to the constitutional marriage amendment as proof that the definition of marriage is indeed a federal matter! I am unwilling either to cede to federal courts the authority to redefine marriage, or to deny a state’s ability to preserve the traditional definition of marriage.

Insgesamt wird Ron Paul weithin als paläolibertär eingeordnet, also als jemand, der libertäre Wirtschaftspolitik mit Teilen konservativer Gesellschaftspolitik verbindet.
Deutlich und unbestritten ist jedenfalls seine grundsätzliche Ablehnung des Sozialstaatskonzeptes.
An diesem Punkt verfolgt er den libertären Ansatz, in dem er stark von den Positionen der russischstämmigen US-Autorin (manche nennen sie auch „Philosophin“- so weit würde ich allerdings nicht gehen) Ayn Rand beeinflusst ist, auch wenn Vertreter ihrer “reinen Lehre” ihn inzwischen als eine Art Verräter brandmarken.

Und obwohl Ayn Rand, wenn sie noch leben würde, gegen einige seiner gesellschaftspolitischen Positionen vehement opponieren würde, ist doch kaum zu bezweifeln, wie sehr Ron Paul ihr geistiges Kind ist. Gerüchten zu Folge soll sogar sein Sohn Rand Paul nach Ayn Rand benannt worden sein, was von diesem allerdings bestritten wird, da er Randal heiße und Rand nur eine Kurzform sei. Er räumte allerdings ein, sich durch einen Vergleich mit Ayn Rand geschmeichelt zu fühlen.

Wer verstehen will, wie sich die sozialstaatsfeindlichen Ideen Ron Pauls generiert haben oder sich insgesamt einmal mit der politischen Richtung des Libertarismus auseinandersetzen will, kommt jedenfalls am literarischen Werk von Ayn Rand kaum vorbei, auch wenn es im deutschsprachigen Raum bisher, verglichen mit seiner Bedeutung in den USA kaum beachtet wurde.
Dies liegt mit Sicherheit auch daran, dass Ayn Rands Hauptwerk „Atlas Shrugged“ in seiner 1997 erschienen deutschen Fassung lange Zeit vergriffen war und im Internet zu absoluten Phantasiepreisen gehandelt wurde. Erst 2012 gab es eine Neuauflage unter dem deutschen Titel „Der Streik“.
In diesem Roman findet die Philosophie des Objektivismus, so wie Ayn Rand sie definiert, ihre geistige Grundlage, vor allem in der „John Galt Rede“ gegen Ende des Buches, in welcher rationaler Eigennutz als universelle Tugend und wahre schöpferische Kraft der menschlichen Geschichte gefeiert wird.
Als moralisches Vor- und Idealbild erscheinen in „Atlas Shrugged“ ebenso reiche wie fleißige Industrielle, die sich ihrer Profession mit einer unvergleichlichen Schaffenskraft widmen und dadurch als Nebeneffekt bleibende Werte und gesellschaftliche Fortschritte erzeugen. Solche Schaffenskraft könne allerdings nur zur Entfaltung kommen, wenn diese herausragenden Persönlichkeiten nicht durch moralische Zwänge an ihrer persönlichen und finanziellen Entwicklung gehindert werden.

Insbesondere ein unverletzliches Eigentumsrecht wird als zwingende Voraussetzung dafür angesehen, dass solche „men of mind“ überhaupt leben und arbeiten können. Eine Umverteilung von Eigentum zugunsten Ärmerer oder weniger Befähigter, wird von Ayn Rand strikt abgelehnt:

Only a ghost can exist without material property; only a slave can work with no right to the product of his effort. The doctrine that “human rights” are superior to “property rights” simply means that some human beings have the right to make property out of others; since the competent have nothing to gain from the incompetent, it means the right of the incompetent to own their betters and to use them as productive cattle.

Sozialstaatskonzepte erscheinen als Ideen von Plünderern (looters) deren politische Vertreter nicht einmal die Bezeichnung „Mensch“ verdient hätten:

Whoever regards this as human, has no right to the title of “human”.

Wie bereits erwähnt, wird von Ayn Rand jeder gesellschaftliche Fortschritt als Produkt der freien Entfaltung herausragender Persönlichkeiten betrachtet, ohne deren Wirken die Menschheit in führungslosem Chaos und letztlich allumfassender Agonie versinken würde.

In „Atlas Shrugged“ werden eben diese besonderen Individuen von einem Mann namens John Galt, der als literarische Figur die Funktion eines Sprechers der objektivistischen Philosophie einnimmt, überredet in den Streik zu treten, was zum technologischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch führt.

Der Streik richtet sich gegen die, nach Ayn Rands Auffassung verlogenen Werte, die ein öffentliches Interesse über die Interessen von Individuen stellen. Der Begriff des öffentlichen Interesses selbst wird als Konzept der widerrechtlichen Aneignung fremden Eigentums durch Faule und Unfähige betrachtet:

“Public benefit“ is anything given as alms; to engage in trade is to injure the public. “Public welfare” is the welfare of those who do not earn it; those who do are entitled to no welfare. “The public”, to you, is whoever failed to achieve any virtue or value; whoever achieves it, whoever provides the goods you require for survival, ceases to be regarded as part of the public or as part of the human race.

Dieses Denken ist auch die Basis, auf der ein Ron Paul die Einstellung jeglicher Entwicklungshilfe und die Abschaffung staatlicher Sozialsysteme fordert. Einem stärker sozialstaatlich geprägten Kontinentaleuropäer mögen diese Gedanken hingegen auf den ersten Blick recht fremd erscheinen, jedoch beginnen sie auch hierzulande immer mehr hoffähig zu werden und drücken sich in der in Boulevardmedien vielbeschworenen Frage und der dazu prompt gegebenen Antwort aus: „Warum sollen ausgerechnet wir für diese HartzIV-Empfänger/Ossis/Griechen/Asylanten/Afrikaner/Juden zahlen? Sollen Sie doch woanders hingehen/aufhören zu jammern/verrecken/sich einen Job suchen.“

Hierin allerdings zeigt sich auch, warum die amerikanischen Rechten, bei denen Ayn Rand übrigens als Autorin besonders hoch geschätzt wird, die natürlichen Verbündeten eines Ron Paul und seiner Anhänger sind.
Denn das Prinzip des „survival of the fittest“ als Maxime politischen Handelns steht bei rechten Ideologen einerseits hoch im Kurs und ist andererseits auch zwingende Folge einer Politik, in denen dem Staat keine Funktion der Umverteilung von Gütern mehr zukommt.

Und genau wie bei Ayn Rand wird diese Haltung auch von vielen Vertretern der Neurechten als einzig logische und sich aus den Fakten des Daseins ergebende ethische Prämisse postuliert. Der Solidaritätsgedanke hingegen wird als „sozialistische Spinnerei“ oder „staatliche Bevormundung“ abgetan, ein Argumentations- oder eher Diffamierungsmuster, das sich als roter Faden durch gemäßigt rechtskonservative, bis rechtsradikale Publikationen auch in Deutschland, zieht.

Die hervorragende Kompatibilität von Rechtsradikalismus und den Ideologien Ayn Rands zeigt sich auch in ihrem Ausspruch:

[The Native Americans] didn’t have any rights to the land and there was no reason for anyone to grant them rights which they had not conceived and were not using…. What was it they were fighting for, if they opposed white men on this continent? For their wish to continue a primitive existence, their “right” to keep part of the earth untouched, unused and not even as property, just keep everybody out so that you will live practically like an animal, or maybe a few caves above it. Any white person who brought the element of civilization had the right to take over this continent.

Die Überzeugung, dass ökonomisch unproduktives Leben gleichzeitig auch „unwertes Leben“ sei, liegt einem solchen Denken zweifellos zu Grunde.
Da allerdings alle (überaus gerechtfertigten) moralischen Bedenken gegen dieses Menschenbild von seinen Verfechtern als irrelevant oder gar verlogen abgetan werden, gestaltet es sich schwierig, auf einer emotionsbasierten ethischen Grundlage mit ihnen zu disputieren. Ich schreibe hier absichtlich disputieren und nicht diskutieren, da nach Ayn Rands Auffassung, die Findung eines gemeinsamen Nenners nicht möglich ist, sondern es letztlich nur zwei Absolute gibt, nämlich die Position des „Lebens“ (ihre eigene) und die des „Todes“ (alle ihr widersprechenden –altruistischen- Positionen).
Wesentlich effizienter als Appelle an Gemeinschaftsgeist oder Mitgefühl, ist es „Randis“ und „Paulis“ auf dem zu schlagen, was sie als eigenes Gebiet erachten: Der rationalen und logischen Argumentation.

Wenn es uns gelingt, Widersprüchlichkeiten in den philosophischen Überzeugungen eines Anhängers des Libertarismus nach Ayn Rand zu finden, entwertet man damit dessen Position nach ihrem eigenen Standard. Innere Widersprüchlichkeiten (contradictions) sind etwas, das Ayn Rand in ihrer Philosophie niemals dulden wollte, obwohl diese bei genauerem Hinsehen eigentlich voll davon ist.

A contradiction cannot exist. An atom is itself, and so is the universe; neither can contradict its own identity; nor can a part contradict the whole. No concept man forms is valid unless he integrates it without contradiction into the total sum of his knowledge. To arrive at a contradiction is to confess an error in one’s thinking; to maintain a contradiction is to abdicate one’s mind and to evict oneself from the realm of reality.

Wenn wir die inneren Widersprüche von Ayn Rands Gedankenwelt herausstellen wollen, so bieten sich uns 2 verschiedene Angriffspunkte:

1. Argumentativer Angriff auf die Prämissen: Wir setzen die grundlegenden Prämissen in Beziehung zueinander und weisen nach, dass sich diese widersprechen.
2. Argumentativer Angriff auf die behaupteten Effekte: Ayn Rand unterstellt, dass ihre Philosophie, wenn sie konsequent von allen praktiziert würde, bestimmte gesellschaftliche und politische Effekte hätte. Unser Ziel hier, ist nachzuweisen, dass die Anwendung ihrer Prinzipien eben nicht die gewünschten Effekte haben kann.

Wer diese beiden Ebenen geschickt jongliert, wird das Feld des argumentativen Kampfes als triumphaler Sieger verlassen.

Es folgen nun ein paar mögliche Argumentationsmuster, die als Anregung benutzt werden können, in argumentativen Auseinandersetzungen mit rechtslibertären Personen, die sich auf Ayn Rand berufen, zu bestehen.

Das Charity-Argument

In einer Diskussion wurde Ron Paul einmal gefragt, ob er es bei seiner grundlegenden Ablehnung des Altruismus auch gutheißen würde, eine Person die vor seinen Augen einen Herzinfarkt erleidet einfach sterben zu lassen.
Ron Paul verneinte dies mit einem Argument, das sich einerseits auf den kulturellen Hintergrund seines Landes bezog und außerdem das Element der freiwilligen Hilfe in den Vordergrund stellte. Es sei zum einen in den USA nicht üblich, achtlos vorbeizugehen, wenn jemand stirbt.

Zum anderen lobte er die freiwillige Hilfeleistung in Form von Charity. Leider versäumte sein Diskussionspartner es, ihn auf die Frage festzunageln, ob er denn eine Art moralische Verpflichtung zur „freiwilligen Hilfeleistung“ sähe und wie er jemanden moralisch beurteilen würde, der tatsächlich achtlos an einem Verletzten vorbeigeht, beispielsweise weil er eigene Interessen verfolgt (z.B. rechtzeitig bei einem Vorstellungsgespräch zu sein).

Außerdem hätte man ihn fragen können, auf welcher Grundlage er Charity lobt, wenn er doch eigentlich keine Verpflichtung zu altruistischem Verhalten sieht.
Der Diskussionspartner ließ Ron Paul dies allerdings durchgehen, woraufhin Ron Paul zu einem Rundumschlag gegen staatliche Gesundheitsfürsorge ausholte. Er behauptete dabei, es gäbe genug kirchliche oder freiwillige medizinische Versorgung und eine mittellose Person würde bei einem Notfall in den meisten Krankenhäusern auch unentgeltlich versorgt werden.

An diesem Punkt hätte man wieder mehrere Angriffspunkte gegen die Argumentation gehabt:
Man hätte zum einen die Frage stellen können, was in einem Fall wäre, in dem jemand eine fortschreitende Krankheit hat, aber (noch) kein akuter Notfall vorliegt, beispielsweise ein Tumor im Anfangsstadium oder ein Zahn, der beginnt, sich zu entzünden. Wäre es nicht absolut ineffizient zu warten, bis sich erst ein im Sinne der Charity weitaus teurerer und komplizierterer Notfall entwickelt? Wenn man allerdings auch solche Personen im Sinne von Charity behandelt, könnte dies dann nicht in noch stärkerem Maße zu Ausnutzungseffekten führen, als ein staatliches System?
Würde es nicht insgesamt eher zu einem Rückgang der Bereitschaft zu karitativem Handeln führen, wenn durch das Fehlen eines staatlichen Umverteilungssystems mehr wirtschaftlich schwache Personen auf karitative Hilfe angewiesen wären?
Man könnte auch einen simplen ökonomischen Gedankengang anführen. Nehmen wir an, wir haben zwei Krankenhäuser, die mit exakt gleichen wirtschaftlichen Voraussetzungen starten. Nehmen wir nun an, das eine Krankenhaus würde wirklich bedürftige Personen kostenlos behandeln, während das andere dies nicht täte.

Klar ist, dass eine kostenlose Behandlung Manpower bindet und medizinisches Material verbraucht. Das Krankenhaus, welches Hilfe auf der Basis von Charity leistet, hätte also einen klaren Konkurrenznachteil, da es mit gleichem Mitteleinsatz weniger zahlende Patienten behandeln könnte. Das Krankenhaus, welches keine Behandlung auf Charity-Basis bietet könnte im Vergleich sparsamer wirtschaften und deshalb mehr investieren. Durch diese Investitionen könnte es seine Leistungen verbessern und dem anderen Krankenhaus so weitere zahlende Patienten abspenstig machen.
In einem libertären System würde Charity folglich ökonomisch bestraft.

Ayn Rand vertritt hier übrigens eine andere, wenn auch radikalere Position als Ron Paul:

My views on charity are very simple. I do not consider it a major virtue and, above all, I do not consider it a moral duty. There is nothing wrong in helping other people, if and when they are worthy of the help and you can afford to help them. I regard charity as a marginal issue. What I am fighting is the idea that charity is a moral duty and a primary virtue.

Nur nach welchen Standards soll entschieden werden, wer „worthy of the help“ ist? Wie formuliert man einen solchen Standard ohne dabei auf einen allgemeinen oder gesellschaftlichen Nutzen oder aber auf ein persönliches Moralgefühl abzustellen?

Und wie sollte ich erkennen, dass eine bewusstlose Person, die vor mir liegt, diese Standards erfüllt?
Wenn man diese Zweifel einmal beiseite wischen würde und Ayn Rands Standpunkt als konsequent und folgerichtig annähme, so wäre zumindest klar, dass die von ihr gegebene Antwort vor Publikum wenig Sympathiepunkte gewinnen könnte, was uns zumindest in einer öffentlichen Diskussion einen Vorteil verschafft.


Das Konfliktfreiheits-Argument

Ayn Rand behauptet:

There is no conflict of interests among men who do not desire the unearned, who do not make sacrifices nor accept them, who deal with one another as traders, giving value for value.

Auf dieser Basis funktioniert auch Ayn Rands Idee eines reinen Nachtwächterstaates, der als alleinige Aufgabe hat, die Freiheit und die Sicherheit seiner Bürger zu garantieren. Diese Idee wird auch von Ron Paul weitestgehend favorisiert.
Die genannte Behauptung ist allerdings unbewiesen. Wir können uns also zunächst einmal zurücklehnen und von unserem Gegenüber Beweise für diese Aussage fordern. Sollte unser Gegenüber den Spieß umkehren und Beweise von uns dafür fordern, dass es Interessenkonflikte zwischen den beschriebenen Personen geben könnte, ist es uns ein Leichtes, überzeugende Beispiele zu nennen.
Nehmen wir an, wir haben einen reichen Industriellen (nennen wir ihn der Einfachheit halber Hank Rearden) und einen Bauern (nennen wir ihn Billyjoe Bobton).
Hank Rearden hat Land gekauft und errichtet auf diesem ein Stahlwerk. Billyjoe Bobton hingegen gehört die angrenzende Landparzelle, die er seit Jahrzehnten mit seiner Familie als Selbstversorgerhof bewirtschaftet.
Leider ziehen giftige Rauchschwaden von Hank Reardens Stahlwerk über das Land von Billyjoe Bobton und die Abwässer verseuchen das Grundwasser, wodurch dessen ganze Ernte zerstört wird. Schon haben wir einen eindeutigen Interessenkonflikt, obwohl beide Personen eigentlich nur ungestört ihrer Profession nachgehen wollen und keinerlei direkte Ansprüche an den anderen erheben.
Wie löst man dies, ohne dass dabei Zwang auf einen der Beteiligten ausgeübt wird?


Das Nachhaltigkeits-Argument

Wie bereits gesagt, bezweifelt Ayn Rand, dass der Begriff des „öffentlichen Interesses“ mehr ist, als nur eine faule Ausrede, um sich das Eigentum anderer widerrechtlich anzueignen. Doch stimmt das?
Auch Ayn Rand misst dem Überleben der Menschheit einen Wert an sich bei, alleine schon, da sie den menschlichen Geist und die menschliche Zivilisation nach eigenem Bekunden sehr schätzt.
Allerdings ist es so, dass das langfristige Überleben der Menschheit durchaus in Konflikt mit kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen geraten kann.

Fakt ist: Wir leben auf einem Planeten mit begrenztem Platz und begrenzten Ressourcen.
Fakt ist: Die Menschheit benötigt Ressourcen um wirtschaften oder auch nur überleben zu können.
Fakt ist aber auch, dass ressourcenschonendes Verhalten keine kurzfristigen wirtschaftlichen Vorteile bringt. Es ist wirtschaftlich gesehen günstiger, giftigen Abfall einfach in die Landschaft zu kippen. Eventuell machen sich die Folgen von sorglosem Umgang mit den Ressourcen unseres Planeten auch erst in mehreren Generationen bemerkbar.

Das Überleben der Menschheit ist als Wert weder direkt monetarisierbar, noch handelbar, besitzt aber auch nach Ayn Rands Vorstellung durchaus einen Eigenwert.
Die Bewahrung dieses Wertes ist (nach meiner Ansicht) öffentliches Interesse.

Ayn Rand schien sich dieses Problems durchaus bewusst zu sein und entzog sich einer sachlichen Antwort durch eine polemische Gleichsetzung. Ökologie sei eine grundlegend technologiefeindliche Ideologie, die den Menschen zurück auf den Status des Höhlenmenschen bringen wolle.

Ecology as a social principle . . . condemns cities, culture, industry, technology, the intellect, and advocates men’s return to “nature,” to the state of grunting subanimals digging the soil with their bare hands.

Sie glaubt lieber daran, dass die Technologie ihre selbstgeschaffenen Nebenwirkungen schon irgendwie auf wundersame Weise lösen könnte.

City smog and filthy rivers are not good for men (though they are not the kind of danger that the ecological panic-mongers proclaim them to be). This is a scientific, technological problem—not a political one—and it can be solved only by technology. Even if smog were a risk to human life, we must remember that life in nature, without technology, is wholesale death.

Dass auch ökologisch interessierte Menschen die Technologie nicht abschaffen, sondern lediglich so begrenzen wollen, dass ihre negativen Nebeneffekte weniger stark zu Tage treten, kommt ihr nicht in den Sinn.
Ron Paul als free-market environmentalist hat hier eine Scheinlösung parat, die vordergründig auch geeignet erscheint, das vorher aufgeworfene Problem mit dem Stahlwerk und dem Bauern zu lösen.
Wenn man mehr öffentliches Eigentum an Landschaft, Flüssen u.s.w. privatisieren würde, so wäre eine Verschmutzung ein Angriff auf das Eigentumsrecht und könnte auch von einem (paläo-) libertären Nachtwächterstaat verfolgt werden und den Betroffenen stünde Schadenersatz vom Verursacher zu.

Doch hat er das richtig und in allen seinen Folgen zu Ende gedacht? Meiner Ansicht nach nein!

1. Nicht alle Dinge, die einerseits lebenswichtig und andererseits verschmutzbar sind, lassen sich privatisieren. Was ist beispielsweise mit Luft?
2. Viele Handlungen verursachen Verschmutzungen. Aber könnte man beispielsweise die Verschmutzungen die durch die Benutzung von Automobilen entstehen, durch Schadensersatzansprüche der Geschädigten regeln? Gegen wen sollten die Geschädigten vorgehen? Die Fahrer? Die Hersteller? Wer darf sich Geschädigter nennen?
3. Verschmutzungen der Umwelt wirken oft schleichend und kumulativ. Dadurch kann es im Einzelnen extrem schwierig sein, konkrete Verursacher auszumachen. Welche der hundert Fabriken am Fluss hat denn nun das Fischsterben verursacht, das einen Fischer um seine Existenz gebracht hat?
4. Die Schadenersatzforderungen der Betroffenen lassen sich nur schwer umsetzen, vor allem wenn sie wirtschaftlich schwächer sind. Der reiche Industrielle kann zahlreiche Gutachter und Anwälte mobilisieren um nachzuweisen, dass er nicht an den schlechten Ernten des Bauern schuld ist.
5. Wer etwas zum Privateigentum hat, kann auch darüber verfügen, wer an diesem Eigentum teilhaben darf und wer nicht. Was wäre beispielsweise, wenn der Eigentümer der örtlichen Trinkwasserreserven beschließt, eine bestimmte Menschengruppe ganz vom Zugang zu diesem Wasser auszuschließen? Könnten auf diese Weise mächtige Gruppen oder Einzelpersonen nicht noch einen viel massiveren Druck auf alle ihre Mitmenschen ausüben, als ein sozialistischer Staat dies je könnte?


Das Argument der ungleichen Startvoraussetzung

Auch der größte Geist kann nicht produktiv sein, wenn ihm die entsprechenden Ressourcen dafür fehlen. So lange Eigentum aber vererbbar bleibt, setzt sich eine Eigentumsakkumulation theoretisch unbegrenzt fort, wenn dieses Eigentum nicht durch falsches Wirtschaften umverteilt wird. Wer in eine Lage geboren wird, in der er kaum das Notwendigste zum Überleben hat, kommt gar nicht in die Lage sein geistiges Potential auszuschöpfen.
Ein armer Somali mag zwar durchaus das Intelligenzpotential eines Albert Einstein mitbringen. Wenn er aber in eine Lage geboren wird, in dem es ihm überhaupt nicht möglich ist, seinen geistigen Fähigkeiten entsprechende Bildung zu erwerben, so wird ihm dies nichts nützen.
Er wird unverschuldeterweise niemals die Fähigkeit besitzen bahnbrechende Erfindungen zu machen. Dies aber führt das libertäre Diktum, jeder sei für seine persönliche Lage selbst verantwortlich, ad absurdum.
Eine libertäre Gesellschaft, die keine anderen Verteilungsmechanismen als den freien Markt kennt, führt nur für jene zu fairen Chancen, deren Eltern es sich leisten können, entsprechende Startvoraussetzungen zu ermöglichen.
Ron Paul setzt hiergegen den Gründungsmythos der amerikanischen Gesellschaft:
Leute, die sich aufmachten, die Freiheit und ihr Glück selbständig zu suchen.
Aus diesem Grund betont Ron Paul gerne, dass er das Amerika seiner Gründerväter wiederherstellen möchte.
Realistisch betrachtet kann dies aber nicht mehr gehen. Da bereits ein überwiegender Teil der Ressourcen in Privathand ist, ist es nicht mehr möglich einfach gen Westen zu ziehen, sich dort einen Claim abzustecken und dort nach Gold zu schürfen.
Es ist nicht mehr möglich unbesetztes Land zu übernehmen und zu bewirtschaften. Das begrenzte Land und die begrenzten Ressourcen sind nun einmal schon anderweitig vergeben.
Wenn man nun argumentieren würde, dass durch Privatisierung wieder für den Markt verfügbare Ressourcen frei würden, so würde dies aber auch nur jenen nützen, die bereits entsprechendes Eigentum haben.
Hinzu kommt, dass, wie viele Wirtschaftstheoretiker erkannt haben, ein freier Markt langfristig und zwangsläufig zu einer Monopolbildung führt.
Denn auch wer über große Mengen an Ressourcen verfügt, kann diese durch Misswirtschaft verlieren. Auch ein großes Unternehmen kann Pleite gehen. Die dadurch frei werdenden Ressourcen können aber kaum von „kleinen Leuten“ erworben werden, die sich daraus dann ihren eigenen Reichtum erschaffen.
Viel wahrscheinlicher ist, dass das Eigentum quasi als Konkursmasse von einem bereits großen Konkurrenten aufgekauft wird, der dadurch noch größer wird und hierdurch wiederum Konkurrenzvorteile gewinnt.
Bei „survival of the fittest“ bleibt am Ende letztlich der Stärkste übrig, wenn es nicht vorher zu einem regulierenden Eingriff (z.B. durch eine Kartellbehörde) kommt.
Wenn dieser nun tatsächlich der Prämisse folgt, in erster Linie dem Eigeninteresse verpflichtet zu sein, so kann und wird er seine Position beliebig ausnutzen.
Außerdem wird hier vollkommen vergessen, dass bestimmte Märkte extrem ausgeprägte Zugangshürden haben und zwar weniger durch staatliche Gesetze, sondern vielmehr durch die Beschaffenheit ihres Marktgegenstandes selbst.
Auch bei einem freien Markt ist es nicht denkbar, dass ein einzelner Bürger ein Mineralölunternehmen aufbaut, welches die Möglichkeit hätte, einem Konzern wie Shell erfolgreich Konkurrenz zu machen, es sei denn dieser Einzelne wäre ohnehin schon geradezu sagenhaft reich.

Das Argument der unbegründeten Prämisse

Ein eher grundsätzliches Argument, welches die Prämissen von Ayn Rand zumindest unbegründet erscheinen lässt, ist Folgendes:
Warum misst sie ausgerechnet dem menschlichen Geist und dem Eigentum einen aus sich selbst heraus bestehenden Eigenwert zu?
Und warum misst sie beispielsweise dem menschlichen Glücksempfinden oder dem Leben eines materiell unproduktiven Individuums einen solchen Eigenwert nicht zu?
Wobei sie sich beim Wert des Lebens durchaus selbst widerspricht. Denn ihre bereits vorher zitierte Aussage über die amerikanischen Ureinwohner impliziert, dass sie deren Leben keinen oder nur einen geringeren Wert beimisst.
An einer Stelle gegen Ende von Atlas Shrugged erschießt die Protagonistin Dagny Taggert, die im gesamten Buch als positive Lichtgestalt erscheint, einen Wachmann, der sich weigert eine Entscheidung zu treffen. Diese Handlung erscheint im Buch in einem positiven Licht:

Calmly and impersonally, she, who would have hesitated to fire at an animal, pulled the trigger and fired straight at the heart of a man who had wanted to exist without the responsibility of consciousness.

Im Gegensatz zu der Haltung, die darin zum Ausdruck kommt, bezeichnete sie das Recht zu Leben als Quelle aller Rechte. Das Eigentumsrecht sei nur ein logisches Produkt dieses Rechtes.
Dass Eigentumsrechte allerdings durchaus auch in Konflikt mit dem Recht auf Leben geraten können, klammert sie aus.


The right to life is the source of all rights—and the right to property is their only implementation. Without property rights, no other rights are possible. Since man has to sustain his life by his own effort, the man who has no right to the product of his effort has no means to sustain his life. The man who produces while others dispose of his product, is a slave.

Warum galt dieses Recht zum Leben dann aber nicht für die amerikanischen Ureinwohner?

Zum Schluss muss ich anfügen, dass dies nur ein paar von vielen Ungereimtheiten und Schwachpunkten waren, die mir an Ayn Rands Konzept aufgefallen sind. Natürlich sind die genannten Positionen auch alle durch meinen subjektiven Standpunkt geprägt.
Wer auf einem anderen philosophischen Standpunkt stehen würde als ich, würde andere Punkte kritisieren. In jedem Fall lohnt es sich trotz allem, „Atlas Shrugged“ einmal zu lesen und eigene Gegenargumente zu entwickeln.
Denn antisoziale Ideologien treten vermehrt und in vielgestaltiger Weise auf. Oft aber ist ihnen gemeinsam, dass sie von einer Art überpersonalem, „evolutionären“ Standpunkt ausgehen, so wie auch Thilo Sarrazins umstrittenes Buch „Deutschland schafft sich ab“, welches meist als rassistisches Buch kritisiert wurde.
Diese Kritik trifft aber nur zum Teil, denn die rassistischen Positionen eines Sarrazins sind nur in sich selbst folgerichtiges Produkt, der dahinterstehenden antisolidarischen Grundhaltung.


4 Kommentare zu “Libertarismus bei Ayn Rand und Ron Paul- Gegenargumente”

  1. Argumente gegen den Libertarismus « Libertäre Gedanken

    [...] Abwechselung nehme ich mal eher linke Argumente auseinander, wie sie im Artikel Libertarismus bei Ayn Rand und Ron Paul – Gegenargumente präsentiert werden. Ich will mich dabei nicht mit Kleinigkeiten abgeben. (War es je laut in [...]

  2. Florian K.

    Vielen Dank noch einmal für die Erwähnung meines Artikels. Leider scheint mir, dass Sie an manchen Stellen Fragen aufwerfen, die in meinem Artikel bereits beantwortet sind und Argumente vortragen, die in meinem Artikel bereits widerlegt sind.

    Trotzdem gehe ich gerne noch einmal darauf und natürlich auch auf die anderen von Ihnen formulierten Argumente ein.

    Beginnen wir mit Ihren Einwänden gegen das Charity-Argument:
    Dass in einem libertären System (oder besser: Nicht-System) jeder einzelne die Möglichkeit hat, so viel zu spenden, wie er will, habe ich nie bestritten.
    Ich habe aber, wie ich denke recht ausführlich dargestellt, dass ein freier Markt den, der für wirtschaftlich unrentable karitative Projekte spendet, tendenziell bestraft. Ich verdeutlichte dies am Beispiel der beiden Krankenhäuser, auf welches Sie leider nicht eingegangen sind.
    Auf eine einfache Formel gebracht, könnte man sagen:
    Wer seine Ressourcen den Armen spendet, hat weniger Ressourcen für Neuinvestitionen übrig. Darin besteht ein Konkurrenznachteil. Wer auf die Dauer mit einem Konkurrenznachteil wirtschaftet, der hat eine höhere statistische Wahrscheinlichkeit vom Markt zu verschwinden.
    In Ihrem libertären Konstrukt wird karitatives Engagement also wirtschaftlich bestraft, auch wenn es jedem natürlich freigestellt ist, sich vom System abstrafen zu lassen. Wie wirkliche Freiheit sieht mir das nicht aus.
    Kommen wir nun zum Konfliktfreiheits-Argument:

    Was an meinem gewählten Beispiel eines Bauern, dessen Ernteerträge durch Industrieverschmutzung zerstört werden, „nicht berauschend“ sein soll, verstehe ich nicht.
    In der sogenannten „Dritten Welt“ ist genau diese Konstellation alltägliche Realität.

    Recht gebe ich Ihnen natürlich in Ihrer Auffassung, dass dem geschädigten Bauern ein Schadensersatz zusteht.
    Doch es bleibt die Frage, wie der wirtschaftlich ruinierte Kleinbauer seine berechtigte Forderung gegen einen übermächtigen Gegner durchsetzen will?

    Dieses Problem habe ich in meinem nächsten Argument benannt, als ich schrieb:
    „Die Schadenersatzforderungen der Betroffenen lassen sich nur schwer umsetzen, vor allem wenn sie wirtschaftlich schwächer sind. Der reiche Industrielle kann zahlreiche Gutachter und Anwälte mobilisieren um nachzuweisen, dass er nicht an den schlechten Ernten des Bauern schuld ist.“

    Damit kämen wir dann auch zu meinem Nachhaltigkeits-Argument.

    Um dieses zu entkräften, unterstellen Sie, dass die wirtschaftlichen Interessen eines Eigentümers an seinem Land langfristige Interessen seien. Das Eingreifen von demokratischen Staaten hingegen orientiere sich an kurzfristigen Interessen.
    Hier werden Sie allerdings durch die Realität widerlegt.

    Wenn Sie sich die Verhältnisse in sogenannten „Ländern der Dritten Welt“ und Schwellenländern ansehen, dann stellen Sie schnell fest, dass eben genau dort, wo kein staatliches Eingreifen stattfindet, die größten Umweltsauereien passieren.

    Ihre Annahme, die wirtschaftlichen Interessen seien langfristiger Natur, ist übrigens schlicht falsch.

    Nehmen wir an, ich habe ein Stück Land. Wenn ich nun die Wahl habe, das Land entweder nachhaltig zu bewirtschaften, dass es mich ernährt oder aber es kurzfristig auszubeuten, dass es erheblich mehr Ertrag erzielt und ich mit den erzielten Überschüssen weitere Investitionen tätigen kann, welche Entscheidung wäre dann rein ökonomisch betrachtet sinnvoll?
    Darauf gibt es eine klare Antwort:
    Wenn ich durch die Ausbeutung des Landes so viel verdiene, dass ich mir von dem Erlös mehr Land kaufen kann, als ich durch mein Verhalten unbrauchbar gemacht habe, dann ist mir (zumindest ökonomisch gesehen) scheißegal, ob ich das Land damit für die nächsten 1000 Generationen verseuche.
    Wenn ich mir dann eine größere Menge Land gekauft habe, fahre ich die gleiche Strategie wieder und ziehe dann weiter.
    Dabei würde ich immer reicher, während ich eine Spur der verbrannten Erde hinterlasse.
    Ich glaube dieses „Heuschreckenprinzip“ wird von Libertären unterschätzt, obwohl es sich in der ökonomischen Realität tausendfach wiederfindet, man denke da nur einmal an die Abholzung der Regenwälder.
    Und dieses Prinzip funktioniert nach rein ökonomischen Gesetzen, also unabhängig von jedem staatlichen Eingreifen.

    Die meisten Libertären, die ich bisher mit diesem Argument konfrontierte antworteten darauf, dass durch übermäßige Verschwendung Ressourcen rasch teurer würde, so dass sich das von mir beschriebene Heuschreckenmodell auf einem freien Markt irgendwann selbst unrentabel machen würde.
    Dies mag sein, doch wie viel Land muss erst verseucht werden, damit dieser Effekt sich wirtschaftlich niederschlägt? Und würde die eintretende Verteuerung einer Ressource nicht massiv nachteilige Auswirkungen auf unzählige Menschen haben, die dann in ihrer Freiheit diese Ressource zu nutzen faktisch beschränkt würden?

    In meinen Augen erscheint das von Ihnen favorisierte System als ein System, welches in erster Linie dem Starken die Freiheit gibt, den Schwachen auszubeuten. Dies aber entspricht meinem Begriff von Freiheit nicht.

    An einer Stelle treffen Sie übrigens eine sachlich falsche Aussage, nämlich an dem Punkt wo Sie behaupten, Luftverschmutzung wäre ein lokales Problem.
    Ich will jetzt gar nicht mit dem Klimawandel anfangen, da ich weiß, dass viele Libertäre dieses Konzept nicht akzeptieren können, da es ihrem politischen Weltbild entgegensteht.

    Aber nehmen Sie einmal den sauren Regen.

    Zitat von Wikipedia:
    „Saurer Regen wird durch Transmission (Verteilung der Schadstoffemissionen in der Atmosphäre durch Wind etc.) häufig in weit entfernten Regionen verursacht. Das bedeutet, dass der Verursacher und der Empfänger von saurem Regen oft verschiedene Staaten sind.“

    Denken Sie auch einmal an die radioaktive Wolke nach dem Unglück von Tschernobyl.
    Gerade Luftverschmutzung ist kein lokales, sondern ein globales Problem.

    Ihre Überlegung, Leute denen von einem privaten Besitzer das Wasser entzogen wird, sollten ihr Wasser dann halt woanders kaufen, ist derart zynisch, dass es mich an den berühmten Satz von Marie Antoinette erinnert: „Wenn das Volk kein Brot hat, soll es eben Kuchen essen.“

    Erklären Sie das einmal den Menschen in Indien, deren Wasser von der Coca Cola Company abgezogen wird und die deshalb unter massivster Dürre leiden.

    Und in solchen Fällen kann, so denke ich, ausbeuterisches Verhalten von starken Marktakteuren gegenüber schwächeren Marktakteuren nur auf dem Weg staatlichen Einschreitens eingedämmt werden.
    (Ganz verhindern wird man es wohl nie können)

    In Bezug auf Deutschland hatten staatliche Eingriffe doch schon Erfolg an ökologischen Verbesserungen. Betrachten Sie sich doch nur einmal die Entwicklung der Wasserqualität des Rheins in den letzten 40 Jahren.
    Meinen Sie, diese Veränderungen wären möglich gewesen, wenn es keine Gesetze gäbe, die einen bestimmten Umgang mit Abwässern vorschreiben?

    Und weiter geht’s zum Argument der ungleichen Startvoraussetzung.

    Ich stellte fest:
    „So lange Eigentum aber vererbbar bleibt, setzt sich eine Eigentumsakkumulation theoretisch unbegrenzt fort, wenn dieses Eigentum nicht durch falsches Wirtschaften umverteilt wird.“

    Sie stimmten mir an diesem Punkt zu, fanden es jedoch nicht schlimm.

    Ich muss sagen, ich fände das auch nicht schlimm, wenn die Welt unbegrenzte Ressourcen hätte. Da die Welt aber begrenzte Ressourcen hat, führt die dazu, dass sich bei Verdichtung der Ressourcen auf einzelne Akteure, weniger für die anderen bleibt.
    Wenn es sich hierbei nämlich um vitale Ressourcen handelt versetzt das deren Eigentümer in die Lage, alle zu erpressen, die diese Ressourcen benötigen und selbst kein Eigentum an diesen Ressourcen haben.

    Hierdurch können Machtstrukturen entstehen, die weit repressiver sind, als die Machtstrukturen in der existierenden Bundesrepublik, weshalb mir die Machtstrukturen der Bundesrepublik noch lieber sind, als ein vollends entfesselter freier Markt.

    Ihre Frage, ob es solche Akkumulationen und letztlich Monopolbildungen tatsächlich auch ohne staatliche Eingriffe gäbe, kann ich nur sagen: Ja!

    Denn Sie können auf bestimmten Märkten aufgrund der hohen technischen Zugangsschranken als kleinerer Akteur selbst gar nicht auf den Markt treten.
    Warum sollten die auf diesem Markt vorhandenen und bereits großen Akteure ihre Macht nicht nutzen, um neue Konkurrenten systematisch zu bekämpfen?
    Schon mal versucht eine neue Mineralölfirma zu gründen?

    Und das Argument, dass durch die Konkurrenz der großen untereinander wenigstens positive Preiseffekte für die Kunden entstehen ist naiv. Für die großen Akteure ist eine Kartellbildung doch viel profitabler, vor allem wenn es keine Kartellämter gäbe, die so etwas mit staatlichem Zwang verbieten würden.

    Wenn jemand in der wirtschaftlichen Position ist, Ihnen Wasser, Heizmittel, Platz zum Wohnen u.s.w. vorenthalten zu können, nützt es Ihnen nichts, dass Sie sich irgendwelche neuen Dienstleistungen ausdenken können.
    Letztlich werden Sie Ihre Dienstleistung zu dem Preis anbieten müssen, den Ihnen der diktiert, der Ihnen vitale Ressourcen vorenthalten kann.

    Und gerade bei vitalen Ressourcen sind die Zugangsschranken für neue Akteure auf dem Markt sehr hoch, weil die Claims eben schon abgesteckt sind.

    Recht gebe ich Ihnen natürlich darin, dass auch Regierungen sehr schlimme Dinge anrichten können. Dies tun sie auch gerne Hand in Hand mit den großen Akteuren der Wirtschaft.

    Ich persönlich denke, dass weder freier Markt, noch politische Steuerung alleinseligmachende Ansätze sind, sondern letztlich nur ein gesunder Mittelweg zum Erfolg führen kann.
    Dies erfordert aber, dass es politische Instanzen gibt, die eine Kontrolle auf die Wirtschaft ausüben können.
    Stutzig gemacht hat mich zu guter Letzt noch folgender Satz von Ihnen:
    „Ansonsten, wie kommt man darauf, dass bei der Durchsetzung von Eigentumsrechten kein Zwang angewendet würde?“

    Wenn Sie das Eigentumsrecht als eine Form von Naturrecht betrachten, für das es legitim ist, Zwang einzusetzen, aber anderen Rechten wie z.B. Gleichheitsrechten nicht diesen Status zugestehen, dann würde mich Ihre Begründung dafür doch sehr interessieren.

    Schließlich ist das, was man als Eigentumsrecht betrachtet alleine schon von Mensch zu Mensch und von Kultur zu Kultur verschieden.
    Manche halten das geistige Eigentum für schützenswertes Eigentumsrecht, während Sie Copyrights ablehnen.
    Nordamerikanischen Ureinwohnern hingegen mag, als die ersten europäischen Eroberer kamen, die Vorstellung, jemand könnte Eigentum an einem Stück Land erwerben, völlig absurd erschienen sein.

  3. Robert Michel

    @Florian K: Einige deiner Punkte muss ich dann doch kritisch kommentieren.
    „Ich habe aber, wie ich denke recht ausführlich dargestellt, dass ein freier Markt den, der für wirtschaftlich unrentable karitative Projekte spendet, tendenziell bestraft.“
    Karitative Projekte werden aus dem freien Einkommen von Privatpersonen finanziert, die würde von solchen Ausgaben keine Nachteile erleiden. Auch ein Unternehmen könnte sich karitativ Betätigen ohne davon Nachteile zu haben, da der Finanzbedarf in vielen Branchen unter den durch den laufenden Betrieb erwirtschafteten Mittel liegt. Das Argument krank also daran, dass es davon ausgeht, dass es einen unbegrenzten Finanzbedarf gibt, dem ist aber nicht so. Gut geführte Unternehmen werden versuchen, die notwendigen Investitionen zu minimieren um den Free Cashflow zu steigern.
    „Doch es bleibt die Frage, wie der wirtschaftlich ruinierte Kleinbauer seine berechtigte Forderung gegen einen übermächtigen Gegner durchsetzen will?“
    Der Kleinbauer wird nicht der Einzige sein der geschädigt wurde, also kann er sich mit anderen zusammen tun, um seine finanzielle Schlagkraft zu erhöhen. Zur Not kann er seine Schadensersatzansprüche an ein Unternehmen verkaufen, das auf das eintreiben von Forderungen spezialisiert ist, also eine Art Faktoring betreibt.
    „Wenn Sie sich die Verhältnisse in sogenannten „Ländern der Dritten Welt“ und Schwellenländern ansehen, dann stellen Sie schnell fest, dass eben genau dort, wo kein staatliches Eingreifen stattfindet, die größten Umweltsauereien passieren.“
    In den Entwicklungsländern bestehen keine gesichteten Eigentumsrechte. Das ist ja gerade der Grund warum es zu keiner wirtschaftlichen Entwicklung kommt. Das wirkt sich auch so aus, dass die Bevölkerung um ihre berechtigte Entschädigung gebracht wird. Die Umweltverschmutzung ist also gerade ein Produkt schlecht gesicherter Eigentumsrechte.
    „Nehmen wir an, ich habe ein Stück Land. Wenn ich nun die Wahl habe, das Land entweder nachhaltig zu bewirtschaften, dass es mich ernährt oder aber es kurzfristig auszubeuten, dass es erheblich mehr Ertrag erzielt und ich mit den erzielten Überschüssen weitere Investitionen tätigen kann, welche Entscheidung wäre dann rein ökonomisch betrachtet sinnvoll?“
    Das Kalkül das du hier vorschlägst, geht nicht auf, weil die Überbewirtschaftung den Wert des Lands zerstört und den relevanten Bereichen der Wertverlust des Lands den zusätzlichen Ertrag der Überbewirtschaftung übersteigt. Wenn man das Land schnell zu Geld machen wollte wäre es am ertragreichsten, es zu verkaufen, damit es weiterhin nachhaltig bewirtschaftet werden kann. Der Begriff Nachhaltigkeit stammt übrigens aus der privaten Forstwirtschaft und wurde geprägt, als man erkannt hat, dass man ein Forst dann am wirtschaftlichsten nutzt, wenn man genau soviel Holz entnimmt wie nachwächst. Würde dein Argument zutreffen gäbe es in Mitteleuropa schon längst keine Wälder mehr. Das Problem das die Regenwälder abgeholzt werden, liegt daran, dass die Eigentumsrechte unklar definiert sind, so dass niemand ein Interesse an einer langfristigen Nutzung hat.
    „In meinen Augen erscheint das von Ihnen favorisierte System als ein System, welches in erster Linie dem Starken die Freiheit gibt, den Schwachen auszubeuten. Dies aber entspricht meinem Begriff von Freiheit nicht.“
    Meinen Begriff von Freiheit würde das auch nicht entsprechen, aber die Voraussetzungen sind falsch: Die Vorstellung das die wirtschaftliche Freiheit es erlaubt, das die Starken die Schwachen ausbeuten hält einer näheren Betrachtung nicht stand.
    „Denken Sie auch einmal an die radioaktive Wolke nach dem Unglück von Tschernobyl.
    Gerade Luftverschmutzung ist kein lokales, sondern ein globales Problem.“
    Das ist der erste Stichhaltige Punkt, es kann Fälle geben in der die Verschmutzungsrechte so weit verteilt sind, das es kein geeignetes Verfahren gibt, um zu einer Verhandlungslösung zwischen den beteiligten Interessen zu kommen. Daraus jedoch zu schließen das ein Staat notwendig sei halte ich für voreilig, da die Probleme die man sich mit einem Staat einhandelt, die Probleme die sich aus dieser Thematik ergeben weit übersteigen.
    „Erklären Sie das einmal den Menschen in Indien, deren Wasser von der Coca Cola Company abgezogen wird und die deshalb unter massivster Dürre leiden.“
    Es liegt doch auf der Hand, das das Wasser für die Menschen aus Indien einen höheren Wert hat, als das was Coca herstellt für Cocas Kunden. Das Problem ist also, dass es ein Massives Ungleichgewicht in der Kaufkraft der „Menschen aus Indien“ und Cocas Kunden gibt. Ohne künstliche Barrieren könnte dieses Ungleichgewicht keinen Bestand haben. Hier rufst du also den Staat, um ein Problem zu lösen, das wir ohne Staat gar nicht hätten.
    „In Bezug auf Deutschland hatten staatliche Eingriffe doch schon Erfolg an ökologischen Verbesserungen. Betrachten Sie sich doch nur einmal die Entwicklung der Wasserqualität des Rheins in den letzten 40 Jahren.
    Meinen Sie, diese Veränderungen wären möglich gewesen, wenn es keine Gesetze gäbe, die einen bestimmten Umgang mit Abwässern vorschreiben?“
    Das kommt darauf an, ob es genügen Wertschätzung dafür gibt einen sauberen Rhein zu haben um der Industrie ihre Verschmutzungsrechte abzukaufen.
    „Ich muss sagen, ich fände das auch nicht schlimm, wenn die Welt unbegrenzte Ressourcen hätte. Da die Welt aber begrenzte Ressourcen hat, führt die dazu, dass sich bei Verdichtung der Ressourcen auf einzelne Akteure, weniger für die anderen bleibt.
    Wenn es sich hierbei nämlich um vitale Ressourcen handelt versetzt das deren Eigentümer in die Lage, alle zu erpressen, die diese Ressourcen benötigen und selbst kein Eigentum an diesen Ressourcen haben.“
    Dem liegt eine falsche Vorstellung zugrunde, was die Ressourcen einer Volkswirtschaft ausmacht. Nur 10% aller Einkommen sind reine Kapitaleinkommen der Rest stammt aus selbstständiger und unselbstständiger Arbeit. Von diesen 10% sind wieder nur ein Bruchteil Bodenrenten, der Rest stammt aus reproduzierbarem Kapital. Solange es niemand schafft in eine besonders günstige Strategische Position zu kommen kann also niemand den Großteil der Volkswirtschaftlichen Ressourcen kontrollieren. Was uns zum nächsten Punkt führt:
    „Ihre Frage, ob es solche Akkumulationen und letztlich Monopolbildungen tatsächlich auch ohne staatliche Eingriffe gäbe, kann ich nur sagen: Ja!

    Denn Sie können auf bestimmten Märkten aufgrund der hohen technischen Zugangsschranken als kleinerer Akteur selbst gar nicht auf den Markt treten.
    Warum sollten die auf diesem Markt vorhandenen und bereits großen Akteure ihre Macht nicht nutzen, um neue Konkurrenten systematisch zu bekämpfen?“
    Technische Zugangsschranken heißt ja nicht, dass ein Zugang unmöglich ist, sondern das er sich nicht lohnt. Wenn das Oligopol versuchen würde seine Vormachtstellung in der geschilderten Art auszunutzen, wäre es auf einmal wieder sehr lohnenswert, in den entsprechenden Markt einzutreten.
    Wenn ein Akteur einmal auf den Markt ist, sind die Zugangskosten versunkene Kosten, der neue Akteur könnte also zu den gleichen Bedingungen produzieren wie die alten. Egal wie die alten den neuen also bekämpfen es wäre ihnen nicht mehr mögliche ihn vom Markt zu drängen.
    „Schon mal versucht eine neue Mineralölfirma zu gründen?“
    Exploratoren sind in der Regel sehr klein. Wenn die Bedingungen im up-stream Geschäft entsprechend günstig sind, würde es sich unter Umständen eher lohnen in dieses Geschäft einzusteigen, als die Funde zu verkaufen.
    „Für die großen Akteure ist eine Kartellbildung doch viel profitabler, vor allem wenn es keine Kartellämter gäbe, die so etwas mit staatlichem Zwang verbieten würden.“
    Noch profitabler wäre es für das einzelne Unternehmen die Kartellabsprachen zu unterlaufen. Kartelle sind inhärent instabil.
    „Und gerade bei vitalen Ressourcen sind die Zugangsschranken für neue Akteure auf dem Markt sehr hoch, weil die Claims eben schon abgesteckt sind.“
    Eigentlich ist gerade bei vitalen Ressourcen die Konkurrenz sehr hoch. Ein Wohnungsmonopol hat es meines Wissens noch nie gegeben. Du musst bedenken, dass so ein Monopol nicht nur die Güter selbst kontrollieren müsste, sondern auch alle Güter mit denen sich die vitalen Ressourcen substituieren lassen.
    „Dies erfordert aber, dass es politische Instanzen gibt, die eine Kontrolle auf die Wirtschaft ausüben können“
    Das Prinzip ist zwar löblich schlägt jedoch zurück. Gerade diese politischen Instanzen werden doch von den Einflussreichen und gut organisierten Interessen dazu verwendet, um wirtschaftliche Vorteile zu gewinnen. Allein das der Fortschritt durch das Patenrecht massiv behindert wurde wiegt alle denkbaren Kartellgewinne mehr als auf.

  4. Ilja

    So, ich bin nun im Artikel Grundrechte in einer rationalen Ethik auf mein Verhältnis zum Naturrecht genauer eingegangen. Sicherlich immer noch nicht ganz das, was dich interessiert, aber ich hoffe doch dass es einiges erläutert.

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