Frankfurter Gemeine Zeitung

Warum David Graeber und ich keine Freunde werden

Um es wieder einmal zu betonen: Ich sehe mich als Linken.

Meine politische Position würde ich irgendwo zwischen einer echten (!) Sozialdemokratie und einem demokratischen Sozialismus einordnen. In meinen gesellschaftspolitischen Überzeugungen vertrete ich dabei eine relativ klassisch linksliberale Position, die dem Individuum weitestmögliche Freiheit in eigenen Belangen einräumen möchte (z.B. bei der Frage des Rauschmittelkonsums oder bei der Frage der Gleichberechtigung nicht-heterosexueller Lebensmodelle).

Hinzu kommt meine ausgeprägte Sympathie für weite Teile der linken Szene, die ich für ihre Toleranz gegenüber Andersdenkenden, anders Aussehenden und anders Seienden sehr schätze. Auch an den Stellen, an denen die linke Szene sich intolerant verhält, teile ich deren Standpunkte, insbesondere dahingehend, dass Gewaltideologien und Intoleranz (Rassismus, Sexismus, Homophobie u.s.w.) eben nicht tolerierbar sind.
Meine Freunde würde ich ebenfalls weitestgehend politisch links einordnen.

In diesem Sinne fühle ich mich linker Politik und ihren Akteuren auch emotional verbunden. Umso mehr schmerzt mich daher, dass linke Ideen allgegenwärtig auf dem Rückmarsch sind und die Szene selbst zwischen Zerstrittenheit und Ideenlosigkeit schwankt.
Im Mainstream wird linke Politik stets als „gut gemeint aber unrealistisch“ verworfen und die Linken selbst tun meines Erachtens ihr bestes, diesen schlechten Eindruck wieder und wieder zu bestätigen.
Von Freunden wurden mir zu genau dieser Problematik die Werke des amerikanischen Ethnologen und Occupy-Aktivisten David Graeber empfohlen, einem Mann, der zur Zeit medial auch in Deutschland recht große Beachtung findet.
Ich kaufte mir also sein kurzweiliges Büchlein „Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus“, doch was ich darin fand war mitnichten die Lösung der gegenwärtigen Krise linken Denkens, sondern vielmehr ein Substrat der naiv-utopistischen Ansprüche und realitätsuntauglichen Erklärungsmuster, die ursächlich für diese sind.

Dies beginnt alleine schon mit seiner Definition davon, wer links oder rechts sei:

„Die Rechte ist in einer politischen Ontologie der Gewalt verwurzelt, in der realistisch zu sein heißt, dass zerstörerische Kräfte stets einkalkuliert werden müssen. Im Gegenzug dazu hat die Linke kontinuierlich Variationen über eine politische Ontologie der Imagination entworfen.“

Diese Definition teile ich ganz entschieden nicht und ich bin auch nicht gewillt, so lange ich noch denken und schreiben kann, einer derartigen Missdeutung kampflos die Deutungshoheit darüber zu überlassen, wer sich links nennen darf.
Denn natürlich muss auch eine positive Gesellschaftsutopie, wenn sie auch nur in Teilen umgesetzt werden soll, auf die Frage, wie sie mit gewalttätigen Impulsen der Menschen umgehen will, eine Antwort haben. Wer Konzessionen an diesen Umstand in sein Denken einbezieht, wird dadurch kein Rechter, sondern schlicht und einfach Realist.
Dass David Graeber derartige Überlegungen verwerfen muss, hat allerdings mit seinem verkürzten Gewaltbegriff zu tun. Er nämlich sieht in den meisten Fällen von Gewalt ein (missglücktes) kommunikatives Mittel. Allerdings zeichne Gewalt sich im Gegensatz zu anderen Kommunikationsmitteln dadurch aus, dass sie einseitig funktioniere.
„Es ist gut möglich, dass Gewalt die einzige Vorgehensweise ist, durch die ein Mensch das Handeln eines anderen auf relativ vorhersehbare Weise beeinflussen kann, ohne sich auch nur im Geringsten in diese andere Person hineinzuversetzen.“

Diese verkürzte Betrachtungsweise führt ihn auch zu folgendem Fehlschluss:

„Ein Psychopath würde seine Opfer quälen und töten, aber nicht wollen, dass irgendjemand davon erfährt- obwohl auch er höchstwahrscheinlich Spuren hinterlassen und die Berichterstattung in den Medien verfolgen wird. Wenn allerdings Regierungen Menschen foltern und töten, besteht der einzige Zweck darin, dies andere wissen zu lassen.“

Dieses Modell von „Gewalt als Mittel einseitiger Kommunikation“ versagt allerdings an zahlreichen realen Beispielen und für die Behauptung, Staaten wollten andere wissen lassen, wenn sie Menschen töten und foltern entbehrt jeglicher Grundlage.
Die meisten modernen Staaten, die noch immer foltern, versuchen, dies möglichst unter dem Deckmantel des Schweigens zu tun. Die Todesstrafe wird zwar teils auch noch in Form von öffentlichen Inszenierungen sogenannter „Abschreckung“ durchgeführt, doch die meisten staatlichen Gewalttaten finden gewiss im Verborgenen statt.

Die größte und ungeheuerlichste staatliche Gewalttat aller Zeiten, der Holocaust, wurde zumindest unter einer oberflächlichen Täuschung der Öffentlichkeit durchgeführt, indem die Opfer offiziell „zur Arbeit gen Osten“ deportiert wurden.
Auch ging es beim Holocaust nicht darum Juden durch Gewalt zu einer bestimmten Handlung zu zwingen. Die Juden sollten vielmehr aufgrund ihrer Abstammung vernichtet werden, wobei es den Nazis sogar völlig egal war, ob die betreffende Person in irgendeiner Form eine jüdische Identität selbst pflegte.
Es gab keine Handlung zu der man die Juden mit Gewalt hätte zwingen wollen und es hätte keine Handlung gegeben mit der sich ein Jude, der den Nazis in die Hände fiel, von dem ihm zugedachten Schicksal hätte retten können.
Die Gewalt war hier nicht kommunikatives Mittel, nicht einmal ein einseitiges.

Auch für die Gewalt aus Rache greift das Modell zu kurz, da Rache eine vergangene Handlung strafen will und nicht zwangsläufig eine zukünftige Handlung vom Opfer verlangt.

Weiterhin kann Gewalt auch aus reinen emotionalen Fehl- und Überreaktionen herrühren. Die Ursache solcher Gewalt kann durchaus alleine im Täter liegen und ist dabei völlig indifferent zu ihrem Objekt sein.
Ein Beispiel hierfür sind Jugendliche, die in der Absicht rausgehen, den erstbesten den sie treffen zu verprügeln.
Dass es hier nicht um Kommunikation geht, sondern die Gewalt Selbstzweck ist, zeigt sich dann, wenn auf einen Bewusstlosen weiter eingetreten wird, obwohl dieser alleine schon aufgrund seines Zustandes nicht einmal mehr Objekt einseitiger Kommunikation sein kann.

Außerdem bleibt dann noch der Anteil von Fällen, in denen Gewalt aufgrund von geistigen Funktionsstörungen des Täters entsteht. Zumindest die letzteren Fälle werden sich auch unter den besten gesellschaftlichen Bedingungen nicht ausschließen lassen.

Natürlich relativiert David Graeber:
„Ganz offensichtlich leugnen Linke nicht die Realität von Gewalt. Zahlreiche linke Theoretiker setzen sich sogar eingehend damit auseinander. Doch normalerweise räumen sie der Gewalt nicht denselben grundlegenden Status ein, wie die Rechte dies tut.“

Ironischerweise nimmt Graeber sich für die letzte Behauptung ausgerechnet Mao Tse Tung zum Kronzeugen, der sich als Marxist zu dem Prinzip bekannt habe, „dass die gesellschaftliche Realität nicht durch politische Macht, sondern letztlich durch Strukturen und Beziehungen der wirtschaftlichen Produktion bestimmt wird.“

Ich aber sehe die Frage, wie man mit gewalttätigen Handlungen umgehen soll, als eine der Kernfragen, die jede Gesellschaftsutopie, die diesen Titel verdient, zwingend beantworten muss. Denn genau in der Frage, wie ein Gesellschaftsmodell mit Übertretungen seiner Grenzen umgeht, zeigt sich, wie viel von dem entsprechenden Modell wirklich zu halten ist.
Graeber verlässt sich hier lieber auf die Kraft der Imagination und scheut den Begriff „realistisch“ als gewaltgeprägt.
Etwas sarkastisch betrachtet, hat das natürlich seinen Vorteil. Auf diese Weise kann man jedem, der versucht, einen mit Sachargumenten aus dem imaginierten Wolkenkuckuksheim zu befreien, Verblendung durch die autoritäre Gesellschaft vorwerfen und kann es so gänzlich vermeiden, sich mit dessen Sachargumenten auseinanderzusetzen.
Dies allerdings kann nur zu ausufernden Theoriegebäuden aber nicht zu irgendeiner Form realen (da ist wieder das böse Wort) politischen Handelns führen.
Da der Begriff „Realpolitik“ unter Linken ja als Unwort verschrien ist, möchte ich hier einmal ein anderes aber letztlich weitgehend bedeutungsgleiches Wort in den Raum werfen, welches von radikalen Vertretern politischer Richtungen (sonst wären sie auch nicht radikal) nicht verstanden wird. Es heißt „Kompromiss“!

Ein anderes in linken Kreisen gerne benutztes Schema zur Rettung der eigenen Utopie vor allzu viel Konfrontation mit der harten Realität, ist übrigens die Behauptung, das Gegenüber habe dieses oder jenes nicht verstanden oder dieses oder jenes „kanonische Buch“ nicht gelesen.
An dieser Stelle sei mir die Anmerkung gestattet, dass ich solchen Formen von linkem Scholastizismus oft genug begegnet bin, um ihm jeden geistigen Nährwert abzusprechen. Denn letztlich geht es dabei nur darum, die Widersprüchlichkeiten der eigenen Ideologie und deren Divergenzen mit dem eigenen Leben und Sein argumentativ zu umgehen, indem man sich in Abstraktionen flüchtet.

Bei vielen Linken führt entsprechendes Denken auch zu der irrigen Annahme, man könne alleine durch Schaffung sogenannter „Freiräume“ positive gesellschaftliche Änderungen erreichen, ohne dass man dabei ein Konzept haben müsste, wofür die gewonnene Freiheit genutzt werden soll. Viel eher wird sogar der, der tatsächliche politische Konzepte vorschlägt, die naturgemäß Konzessionen an die politische Realität machen müssen, in Grund und Boden kritisiert.

Hier ist Graeber dankenswerterweise etwas weniger naiv, doch zeigt sich auch er als „Meister der Imagination“ (im negativen Sinne), denn er deutet die Geschichte neuerer linker Bewegungen in eine Erfolgsgeschichte um, indem er behauptet, die Anti-Atom-Bewegung und die Bewegung gegen IWF und Weltbank hätten ihre mittelfristigen Ziele erreicht. Der IWF habe massiv an weltpolitischer Bedeutung verloren und die Anti-Atom-Bewegung habe erreicht, dass Projekte zum Bau weiterer Atommeiler auf Eis gelegt wurden und seit 25 Jahren keine neuen Reaktoren mehr geplant worden seien.
Dabei allerdings lässt er weitaus greifbarere Gründe für diese Entwicklungen außen vor:
Zu einem Umdenken in der Frage der Kernenergie hat nicht alleine politischer Druck geführt, sondern viel mehr das reale Ereignis des Atomunglücks von Tschernobyl und jetzt auch das Unglück von Fukushima.
Der IWF hat seinen Status letztlich auch deshalb verloren, weil inzwischen wirtschaftlich starke Schwellenländer auf dem Weltmarkt als Handelspartner antreten, die bereitwillig Geschäfte mit jedem Staat der Rohstoffe bietet abschließen, ohne dies mit weiteren politischen Forderungen zu verknüpfen. Selbst das eigentlich scharfe Schwert eines Kreditboykottes durch den IWF erscheint stumpf, wenn China für entsprechenden Zugang zu den Ressourcen bereitwillig Kredite gewährt.

Hier kamen dem Erfolg der linken Bewegung letztlich greifbare und von ihr unabhängige Ereignisse zu Hilfe. Auf Basis dieser Beispiele Prognosen für den allgemeinen Erfolg linkspolitischer Bewegungen ableiten zu wollen, erscheint mir doch sehr zwangsoptimistisch.

Allerdings gibt es noch einen weiteren Aspekt an Graeber Beurteilung linker Bewegungen, die mich sehr stört:

Ich habe nämlich keine Lust, mich für die (in meinen Augen) abwegigen Meta-Ziele einiger radikaler Elemente vereinnahmen zu lassen.
Wenn ich beipielsweise gegen die Errichtung einer Geflügelmastanlage in meiner Nähe demonstrieren würde, da ich diese für umweltschädlich halte und die Arbeitsbedingungen in solchen Betrieben nicht gutheiße, hätte ich doch keine Lust hierbei Mitläufer sogenannter „Tierrechtler“ zu werden, deren Gedanken ich nicht teile.

Ich plädiere daher vehement dafür, utopische Meta-Ziele aus Demonstrationen, die sich gegen konkret benennbare Missstände richten, möglichst herauszuhalten.

Bei Graeber wird allerdings sowohl bei der Anti-Atom-Bewegung als auch bei der Bewegung gegen IWF und Weltbank als langfristiges Ziel angegeben „den Staat zerschlagen und den Kapitalismus zerstören“. Angefügt wurde dabei als Zusatz in Klammern „zumindest für die radikaleren Elemente“.
Dies aber ist in höchstem Maße unredlich und sogar verwerflich von diesen radikalen Elementen (und letztlich auch von Graeber, der sich diesen offenkundig verbunden fühlt), denn es instrumentalisiert Teile der eigenen Bewegung für Ziele, an denen diese gar nicht mitwirken wollen.

Und die Verweigerung der gemäßigteren Kräfte in Bezug auf bestimmte radikale Ziele ist nicht ein Produkt der Spaltungsbemühungen der Mächtigen, sondern Produkt der eigenen Überlegungen und Wünsche, ebendieser gemäßigten Kräfte.

Dass David Graeber Leute wie mich allerdings ohnehin höchstens als unsichere Verbündete sieht, macht er deutlich, wenn er sagt: „Ja das wird dann vermutlich heißen, dass die Mittelschicht aus den Vororten als Letztes mit an Bord kommt. Aber wahrscheinlich wären sie sowieso die letzten, die sich einer Revolution anschließen.“

Und ehrlich gesagt, könnte er da bei mir verdammt Recht haben: Ich komme nicht an Bord eines Schiffes, welches nur aus Luft und guten Wünschen (pardon: Imaginationen) besteht.

Einen Schuh aus Graebers Weisheiten muss ich mir allerdings anziehen:
„Liberale mögen es gar nicht, wenn sie gezwungen werden zuzugeben: Eigentlich bin ich ja schon dafür, den Kapitalismus in der einen oder anderen Form zu erhalten.“

Das Letztere unterschreibe ich. Nur warum sollte ich es nicht zugeben wollen?

Ich persönlich sehe den Sozialstaatsgedanken als eine Art zwangsläufigen Antagonisten zu den Prozessen des Marktes. Das Übergewicht des Marktes in diesem Wechselspiel kommt vor allem daher, dass der Markt bereits den Sprung zur Globalität geschafft hat, sein Gegengewicht der Staat allerdings noch nicht. Wer mehr zu meiner diesbezüglichen Haltung wissen will, kann übrigens diesen Artikel lesen.
In diesem Sinne sehe ich im starken Gegensatz zu Graeber auch die Gründung von übernationalen Konstrukten, die sich meist zuerst in Form reiner Freihandelszonen konstituieren, als letztlich positive Entwicklung, trotz der Ungerechtigkeiten, die diese anfänglich mitbringen.


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