Frankfurter Gemeine Zeitung

Kreativität und Freiräume in der kapitalistischen Stadt

Neuordnungen

Film & Diskussion | Montag, 2. Juli, 19 Uhr | Studierendenhaus, Campus Bockenheim

Kri­ti­sche Geograph_innen Frank­furt, Offe­nes Haus der Kul­tu­ren, Künstler_innenselbstvertretung und Nitri­bitt Frank­fur­ter Öko­no­mien orga­ni­siert aus dem Netz­werk „Wem gehört die Stadt?“

Krea­ti­vi­tät ist schil­lernd, gla­mou­rös und begeh­rens­wert. Wer könnte dage­gen sein? Gleich­zei­tig wird sie selek­tiv zu öko­no­mi­schen Zwe­cken ein­ge­setzt und besteht aus pre­kä­rer und har­ter Arbeit. Der Film „Crea­ti­vity and the Capi­ta­list City: the struggle for affor­da­ble space in Ams­ter­dam“ zeigt wie die Suche nach Krea­ti­vi­tät mit exis­ten­ti­el­len Aus­ein­an­der­set­zun­gen um bezahl­bare Wohn– und Arbeits­räume in Form von Zwi­schen­nut­zun­gen, Beset­zun­gen, Anti-Squatting oder Brut­plät­zen ver­bun­den ist. Der Film ist mehr als eine Doku­men­ta­tion über Ams­ter­dam. Krea­tiv­po­li­ti­ken sind mitt­ler­weile zu einer Blau­pause neo­li­be­ra­ler Stadt­ent­wick­lung welt­weit gewor­den. Anlass für uns gemein­sam mit Regis­seur Tino Buch­holz über die Situa­tion und Mög­lich­kei­ten in Frank­furt nach­zu­den­ken. Wie und mit wel­chen Prak­ti­ken der Aneig­nung kön­nen wir poli­ti­sche und krea­tive Frei­Räume in Frank­furt schaf­fen und erhalten?


Bilder um das besetzte Philosophicum in Frankfurt-Bockenheim

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Suchbild: wo ist das Philosophicum?

Suchbild: wo ist das Philosophicum?


Was geschieht im Bockenheimer Philosophicum?

Am Sonntag um 12 kamen doch einige zur Prssekonferenz, zu symbolträchtig gibt sich der besetzte Ort auf dem alten Uni-Campus, bereits vor Jahrzehnten von besetzen Häusern umgeben, dazwischen seit 10 Jahren im Leerstand.

Am Samstag, dem Abend der “öffentlichen Begehung”  war es bis in die Nacht mit Musik und mehreren Hundert Leuten entspannt, nur kurz vom ABG-Chef Junker (Eigentümer, gemixt privat-kommunal) und begleitender Polizei-Eskorte unterbrochen. Das von ihm bis 12 Uhr Mittag Sonntag gesetzte Ultimatum zeigte bis zum frühen Nachmittag keine Wirkung, nur 2, 3 Polizeiwagen zeigten sich vor dem Gebäude.

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Ab 12 Uhr erklärten Vertreter der Bockenheimer BI´s vor Ort in Absprache mit den Besetzern die Intentionen und Vorhaben der Besetzung. Ihnen geht es zunächst um den Anstoß einer ernsthaften öffentlichen Diskussion um die Nutzung des Gebäudes, da die “Planungswerkstätten” zum “Kultur-Campus” einigermaßen enttäuschend verlaufen waren. Einige Bockenheimer Initiativen beabsichtigen, als Genossenschaft einen großen Teil des Hauses zum Wohnen zu nutzen und in den unteren Stockwerken für Initiativen offen zu halten.

Die Besetzer und die Initiativen wollen in den nächsten Tagen und Wochen für verschiedene Veranstaltungen zu politischem und wissenschaftlichem Diskurs, Performances und Kultur einladen. Das beginnt bereits am heutigen Sonntag mit den Frankfurter Humangeografen rund um die Frankfurter Mietsituation und soll am Abend mit Musikperfomance weitergehen. Am Dienstag um 18 Uhr wird Wolf Wetzel erstaunliche Dokumente zur Geschichte Frankfurter Hausbesetzungen präsentieren. Am Freitag können wir im Film praktische Aneignungen in anderen Städten verfolgen. Wir werden darüber berichten.


Uni-AStA begrüßt Besetzung des leerstehenden Philosophicums als richtiges Signal

In den frühen Abendstunden des 30. Juni wurde das Philosophicum in Bockenheim besetzt. Der AStA begrüßt diesen Schritt. Somit bricht sich einmal mehr der Unmut der Menschen in Bockenheim und Frankfurt über die unzureichende Einbindung in die Stadtgestaltung Bahn.
Mit dem gewählten Objekt handelt es sich um eines jener abrissbedrohten Institutsgebäude die Ferdinand Kramer als einstiger Baudirektor der Universität Frankfurt am Main gestaltete, um nach den Erfahrungen mit dem Faschismus eine demokratische Architektur auszugestalten. Sie wollte die Öffnung der Universität für alle Bevölkerungsschichten zum Ausdruck bringen – anders als die neuen Gebäude der Universität am IG Farben-Campus im Westend und an anderen Standorten. “Auch wenn das Präsidium die Bürgeruniversität ausgerufen hat, so stehen diese mit ihrer klaren Herrschaftsarchitektur und einer Abgrenzung von dem städtischen Leben für eine andere Intention“, bewertet David Malcharczyk, Vorsitzender des AStA, die architektonische Neuausrichtung.
Der angedachte Kulturcampus in Bockenheim darf nach dem im Vollzug befindlichen Wegzug der Universität aus diesem Stadtteil kein pseudoavantgardistisches Großprojekt mit sozialisierten Ausgaben und privatisierten Einnahmen werden. Dies steht jedoch, trotz aller vorgegebenen Bemühungen der Stadt, zu befürchten. “Der Campus muss Ort des selbstorganisierten Lebens, des kulturellen, politischen und bestenfalls auch weiterhin wissenschaftlichen Schaffens bleiben. Hierfür würden sich nicht nur, doch in besonderem Maße die zahlreichen Kramerbauten sowie das zur Redemokratisierung der Studierendenschaft und der Gesellschaft gestiftete Studierendenhaus anbieten“, urteilt Danielle Lichère, hochschulpolitische Referentin des AStA.
Es darf sich nicht die Verwertungslogik durchsetzen. Dass dies auch nicht im Sinne der Gesellschaft und der städtischen Akteur_innen ist, spiegelt sich in den aktuellen Debatten um das seit 2003 besetzte und jüngst an das Immobilienunternehmen Fraconofurt AG veräußerte, ebenfalls von Kramer realisierte Institut für vergleichende Irrelevanz (IvI) wieder. Wie die Universität hierbei alles daran setzt, sich aus der Verantwortung ziehen zu können, ist inakzeptabel.

Diesem Urteil schließen sich auch viele Vertreter_innen der Stadtverordnetenversammlung an. Doch es ist ungewiss, ob die Stadt noch ausreichend Einfluss auf die weitere Nutzung des Kettenhofwegs 130 nehmen kann und wird. Beim Philosophicum handelt es sich hingegen um ein Gebäude der ABG Frankfurt-Holding. AStA-Vorstand Daniel Katzenmaier gibt zu Bedenken: “Es ist im Besitz der Stadt, die aufzuzeigen hat, wie Ernst sie die Anliegen der aufgebrachten Bevölkerung – bei steigenden Mieten, exorbitanten Leerstaöden, der Verdrängung von Freiräumen und unvorgeschriebenem Wirken – wirklich nimmt.”
Kreative und urpolitische urbane Räume, die die Möglichkeiten bieten, sich freier als üblich in den kapitalistischen Zentren und ihrem Alltag zu entfalten und gemeinsame Praxen des Zusammen- statt Gegeneinanderlebens zu erproben, sind zu unterstützen. Die Besetzer_innen wollen zu recht an der Gestaltung städtischen Lebens teilhaben, anstatt bestenfalls zu Berater_innen degradiert zu werden.


Kulturcampus schon jetzt neu belebt: Philosophicum besetzt

Zum Sommerfest der Bürgerinitiativen Offenes Haus der Kulturen e.V. und Initiative Zukunft Bockenheim kamen am heutigen Samstag etwa 500 Menschen auf dem Campus Bockenheim zusammen und feierten in friedlicher und ausgelassener Atmosphäre gemeinsam das Sommerfest „Kulturcampus Mon Amour!“. Um 21 Uhr kam es spontan zur Öffnung des angrenzenden, der Öffentlichkeit seit 10 Jahren entzogenen Philosophicums. Etwa 300 Menschen nahmen die Gelegenheit wahr, das Gebäude von Innen zu besichtigen und eine fröhliche Party zu feiern. Ziel der Aktion war, eine öffentliche Diskussion über das vom Abriss bedrohte Philosophicum zu forcieren und dem Diskurs ein konkretes Gesicht zu geben. Geplant ist ein vielfältiges Programm an Diskussionen, Filmvorführungen, Ausstellungen und Performances.

Gegen 23h erschien der Geschäftsführer der AGB Holding, Frank Junker in Begleitung eines Einsatzleiters der Polizei und forderte die Anwesenden aller Altersgruppen auf, das Philosophicum zu verlassen. Die Aktivist_innen beschlossen trotz dieser Aufforderung, im Gebäude zu bleiben. Die Polizei verzichtete angesichts der friedlichen Veranstaltung auf die gewaltsame Räumung. Herr Junker setzte unterdessen eine Frist bis Sonntag, 1. Juli 12h, um das Gebäude zu verlassen.

Die Bürgerinitiativen Ratschlag Campus Bockenheim, Zukunft Bockenheim, Offenes Haus der Kulturen e.V. und der AstA der Goethe-Universität solidarisieren sich mit der Aktion und laden die Presse am Sonntag um 12h zu einem Gespräch ins Philosophicum ein, um das Anliegen der Aktivisten und Unterstützer darzulegen und das für die kommenden Tage geplante Programm vorzustellen.

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