Frankfurter Gemeine Zeitung

Über Beschneidungen, Impfungen, angelegte Ohren und Zahnspangen

Das Kölner Urteil, welches die religiös motivierte Beschneidung eines Jungen zum widerrechtlichen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit erklärte, wird aktuell viel diskutiert, wobei diese Diskussion teils ins Polemische und Unsachliche abgleitet, wie dies oft der Fall ist, wenn in unserer Zeit über Konflikte zwischen der Religionsfreiheit und anderen Grundrechten diskutiert wird.
Doch es gibt noch einen anderen und ebenso grundrechtsrelevanten Aspekt wie die Religionsfreiheit, der in dieser Diskussion massiv tangiert ist und der in der allgemeinen Aufregung sträflich vernachlässigt wird.

Dieser ergibt sich aus Artikel 6 Abs. 2 Satz 1 des Grundgesetzes:
„Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.“

Pflege und Erziehung der Kinder umfassen sowohl deren religiöse Erziehung als auch die Gesundheitsfürsorge.

In unserer Bundesrepublik geht dieses Recht der Eltern, die Gesundheitsfürsorge ihrer Kinder eigenverantwortlich zu regeln durchaus weit, was ich in einem freien und demokratischen Rechtsstaat auch notwendig finde.

Ich beispielsweise wollte nicht, dass der Staat meinen Kindern eine Schweinegrippeimpfung zwingend vorschreiben könnte, weil gerade ein Überhang an Impfstoff vorhanden ist, der sonst verderben würde.

Die Entscheidung darüber, ob Kinder geimpft werden, obliegt den Eltern und das soll meines Erachtens auch so bleiben.
Das bedeutet natürlich im Umkehrschluss, dass beispielsweise esoterisch orientierte Eltern sich auch entscheiden können, ihr Kind einer allgemein als notwendig erachteten Impfung (z.B. Tetanus) nicht zu unterziehen.
Die Freiheit zu entscheiden bedeutet eben auch die Freiheit Fehlentscheidungen zu treffen und eine Fehlentscheidung der Eltern in Bezug auf die Gesundheitsfürsorge des Kindes kann durchaus fatale Folgen für das Kind haben, wobei die Folgen einer Tetanusinfektion in den meisten Fällen weitaus dramatischer sind als die Folgen einer Beschneidung.
Trotzdem hat der grundrechtliche Anspruch der Eltern auf diese Entscheidungsfreiheit seinen Sinn, der auch kaum bezweifelt wird.

Auch in Bezug auf kosmetische Eingriffe können Eltern innerhalb gewisser Grenzen von diesem Recht Gebrauch machen:
Einem Kind Silikonbrüste zu verpassen wäre davon natürlich nicht abgedeckt, aber beispielsweise das Anlegen der Ohren oder die Verabreichung einer festen Zahnspange.

Die beiden letztgenannten Eingriffe sind für das Kind durchaus mit Schmerzen und unangenehmen Nebeneffekten verbunden und haben oft keine medizinische Indikation, sondern dienen lediglich einem Schönheitsideal, welches anliegende Ohren und ein symmetrisches Gebiss favorisiert.

Natürlich gibt es Fälle in denen eine Zahnspange auch einen medizinischen Sinn macht, genauso, wie es Fälle gibt, in denen eine Beschneidung medizinisch angezeigt ist.
Doch wie viele feste Zahnspangen werden jährlich aus rein optischen Gründen eingepasst? Wie viele Kinder werden durch diese jahrelang in ihrem täglichen Leben beeinträchtigt?

Beim Anlegen von Ohren dürfte es sogar fast keine Fälle geben, in denen eine medizinische Indikation besteht.
Bei der Beschneidung hingegen könnte durchaus ein positiver medizinischer Effekt vorhanden sein. Zumindest sah die WHO Hinweise dafür, dass eine männliche Beschneidung das Risiko für verschiedene Karzinome, Geschlechtskrankheiten und Infektionen wie HIV und HPV senkt.

Darum hier einmal ganz offen und ohne jeglichen Bezug zu irgendeiner Religion gefragt:

Warum sollten Eltern über eine Operation zum Anlegen der Ohren entscheiden können, obwohl diese gesichert nur kosmetische Effekte hat, aber nicht über die Beschneidung eines Jungen, die positive medizinische Effekte zumindest haben könnte?


8 Kommentare zu “Über Beschneidungen, Impfungen, angelegte Ohren und Zahnspangen”

  1. Bert Bresgen

    Well, die Antwort darauf heißt: weil die Beschneidung grade eben nicht nur kosmetisches betrifft, sondern den Schwanz…d.h. die sexuelle identität eines Jungen. (inclusive symbolischer Vorstellungen Kastrationskomplex und so) Sollen darüber die Eltern oder die WHO entscheiden? Warum? Andererseits hat die Kampagne was absurdes…denn natürlich baut die sexuelle Identität nicht nur auf dem schwanz auf, und das Lustgefühl wird ja nicht beeinträchtig (anders als bei Klitorisbeschneidung)…Also ein übermaß an politischer korrektheit? I don´t know…aber insgesamt vielleicht einfach ein pseudothema.

  2. Florian K.

    Wie bereits gesagt, können Eltern in Bezug auf die Gesundheitsfürsorge ihrer Kinder sogar Entscheidungen treffen, bei denen es nicht nur um die sexuelle Identität, sondern sogar das Leben des Kindes geht, wie am Beispiel der Impfungen deutlich wird.

    Ich frage mich vor diesem Hintergrund warum ein deutsches Gericht ausgerechnet bei einem Fall der muslimischen Beschneidung einen Maßstab angesetzt hat, den deutsche Gerichte in anderen Fällen, bei denen es um Entscheidungen über die Gesundheit eines Kindes geht, nicht ansetzen.

    Ich denke, dass das Gericht eine Signalwirkung des Urteils beabsichtigte und dass diese Signalwirkung in eine Zeit passt, in der Vertreter des “säkularen christlichen Abendlandes” (ja das ist ein Widerspruch in sich^^) eine Diskussion darüber forcieren, wieviel Religionsfreiheit Muslimen zugestanden werden soll.

    Dass bei dieser Sache diesmal auch noch das gesamte Judentum in Deutschland mit abgewatscht wird, macht die Sache noch bedenklicher.

    Vor allem hat die Entscheidung, wenn sie tatsächlich in dieser Form Schule macht, direkte Auswirkungen auf das Leben einer sehr großen Zahl von Menschen hier in Deutschland.

    Nein… dies ist kein Pseudo-Thema… nichts könnte ferner davon sein.

  3. Micky Dicker

    Spange und Ohren anlegen, dienen dem Kindeswohl, da dies das Risiko der späteren sozialen Ausgrenzung wegen ästhetischer “Andersartigkeit” stark reduziert. Darüber hinaus sind chaotisch wachsende Zähne ein Faktor der schnelleren Abnutzung sowohl von Zähnen wie auch des Kieferknochenmaterials. Der psychologische Vorteil der Maßnahmen aufs ganze Leben des Kindes ist signifikant.

    Pflege beinhaltet solche Entscheidungen, wie auch die Annahme oder Ablehnung einer Impfung. Allerdings erlischt die Entscheidungsfreiheit der Eltern, wenn es sich um eine lebenserhaltungsnotwendige Maßnahme handelt, wie z.B. eine Impfung beim Auftreten einer Pandemie. Dann übergeht die Handlungshoheit auf den Arzt, bzw. den Staat.
    Beschneidung ist eindeutig eine Körperverletzung, die massiver ist als eine “gewöhnliche” körperliche Bestrafung. Trotzdem gilt auch schon eine Ohrfeige als Straftat.
    In Judentum ist im Normalfall die Betäubung verpönt, was das ganze noch schlimmer macht.
    Die WHO-Beurteilung der Beschneidung stützt sich auf bis zu 18 Jahre alten Studien. Die Studien der letzten 5-10 Jahre belegt eindeutig, dass es keine medizinischen Vorteile gibt. WHO behauptet eine Verminderung des AIDS-Infektionsrisikos in Afrika (ja, nur da …). Aber ohne zu erklären, dass die Verminderung durch das leichtere Absterben der Viren an der trockenen Luft als in der sekretverseuchten, feuchten Vorhauttasche. Hygiene war auch bei Juden und Muslimen Hauptgrund. Denn es gab mehr Wüste als Oasen, Wasser zum Reinigen war eine Fata Morgana. Das alles spielt in Europa keine Rolle, Wasser gibt in Überfluss. Und sonst auch Kondome.

    Beschnittene Männer haben unbefriedigendere Sexerlebnisse, gleiches sagen Frauen, die mit beschnittenen Partnern gesegnet sind (klare Statistiken u.a. aus Skandinavien)

    Elternrecht ist – wie oben festgestellt, relativ und begrenzt. Ach ja, die Nichtbeschneidung steht der religiösen Erziehung nicht im Wege. Man darf sowohl die Tora als auch den Koran lesen und beten auch wenn der Penis ein Cm. länger ist. Und niemand hält die Buben ab, mit spätestens 18 sich des Häutchens zu entledigen. Eigentlich wäre es zu hinterfragen, ob man nicht mit 13 Jahren (“Kommunionsalter, bei Juden Bar Mizvah) den jüdischen und muslimischen Jungen überlässt, eine Beschneidungsentscheidung zu treffen. Den mit 13 treten sie ins Erwachsenenleben ein.

    Diese männliche Genitalienverstümmelung ist mit der weiblichen durchaus vergleichber. Denn bei richtig gemachter Entweihung von Mädchen wird nur eine einfacher gerade Schnitt vorgenommen, die sogar schneller heilt als beim Bub. Die Vorhaut hat über FÜNFTAUSENd Nervenendungen, die amputiert werden, eine Wiederherstellung ist nur schwer möglich, wobei die Nervenbahnen nicht mehr auferstehen werden .-)
    Anders bei Frauen: Französischen Ärzte haben über 4.000 weibliche Genitalien wieder aufgepäppelt, mit recht einfachem Eingriff. Und siehe da, die meisten fingen an mehr zu stöhnen, bis hin zum davor nie erlebtem Orgasmus.
    Tja, es gibt zu viele Legenden in der alten Welt …

    Als Abschluss nur so viel: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Diese Aussage des Grundgesetzes hat laut BVerfG Vorrang vor allen anderen Bestimmungen der Sorte Elternrecht :-)
    Und eine beabsichtigte, geplante Verletzung der körperlichen Unversehrtheit ist auch eine Verletzung der Menschenwürde.

    Mit schnittigen Grüßen
    Micky

  4. Florian K.

    Aha… die soziale Ausgrenzung, die jemand in unserer Kultur aufgrund von abstehenden Ohren erleiden könnte, ist ein Argument?

    Warum ist dann die soziale Ausgrenzung, die jemand innerhalb seiner Religionsgemeinschaft erleiden könnte, wenn er nicht beschnitten ist, kein Argument?

    Und was ist mit den psychologischen Nachteilen von Kindern, die wegen ihrer Zahnspange jahrelang gehänselt wurden?

    Der Vergleich der männlichen Beschneidung mit der weiblichen Beschneidung ist lächerlich.
    Die üblichen Praktiken der weiblichen Beschneidung beschädigen die Klitoris derart, dass das weibliche Lustempfinden dadurch stark herabgesetzt ist und die Frau daher oft kein lustvolles Sexualleben haben kann.
    Dass dieses durch einen weiteren operativen Eingriff in manchen Fällen teilweise wiederhergestellt werden kann, halte ich nicht für ein schlüssiges Argument für eine Gleichbetrachtung von weiblicher und männlicher Beschneidung.

    Überall auf der Welt gibt es hingegen Millionen von Männern, die trotz Beschneidung ein lustvolles Sexualleben haben. Die von Dir erwähnten gegenteiligen Studien würde ich gerne mal sehen.

    Wenn die weibliche Beschneidung genauso unproblematisch und folgenlos wäre, wie die männliche Beschneidung, hätte ich im Übrigen auch mit der weiblichen Beschneidung kein Problem.
    Leider ist es nunmal nicht so.

    Deine Auslassungen zur Menschenwürde zeigen übrigens Deine Unkenntnis des Verfassungsrechtes. Das Recht der Eltern, die Entscheidungen der Gesundheitsfürsorge für ihr noch unmündiges Kind zu treffen, stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der Menschenwürde.
    Ebensolches gilt für das Recht auf Religionsfreiheit.

    Und die Beurteilung dessen, welche Handlungen zum Ausüben der Religionsfreiheit notwendig sind, obliegt nach bisheriger Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes den jeweiligen Religionsgemeinschaften.
    Dies ist auch logisch, denn sonst könnte man nicht einmal von einer Religionsfreiheit im eigentlichen Sinne sprechen.

    Daher ist dein Verweis man könne den Koran oder die Tora auch mit unbeschnittenem Penis lesen erstens zynisch und zweitens irrelevant.

  5. gaukler

    Wahrlich, eines der vielen Pseudothemen, die durch unsere Flacherregungsrepublik pfeifen.
    Ich möchte nicht an die Wallungen denken, wenn jemand einen päderastischen Sado-Subtext von Kinderspangen mit Passivrauchen zusammenbringt.

  6. Florian K.

    Naja… um ein Pseudothema handelt es sich hier wohl nicht.

    Wenn ein solches Urteil rechtskräftig ist, so hat es erheblichen Einfluss auf die zukünftige Rechtsprechung und damit auch direkten Einfluss auf das Leben zahlreicher jüdischer und muslimischer Menschen in Deutschland.

    Durch ein solches Urteil werden rechtliche Fakten geschaffen.

    Und die ganze Geschichte hat nicht nur eine strafrechtliche, sondern auch eine finanzielle Komponente. Wenn es sich um einen illegalen Eingriff handelt, könnten auch Schadensersatzforderungen auf Eltern zukommen, die ihre Kinder beschneiden lassen oder bereits beschneiden lassen haben.
    Außerdem könnten Krankenkassen anfangen, Ärzte und Eltern, die einen solchen Eingriff verantwortet haben, in Regress für eventuelle Folgen zu nehmen.

    Zudem besitzt die Diskussion über Religionsfreiheit in Konflikt mit anderen Grundrechten zur Zeit erhebliche gesellschaftliche Relevanz, auch auf Grund der Tatsache, dass interreligiöse Konflikte stark durch die Medienlandschaften hochgespielt werden und dies sowohl in den westlichen, wie auch den muslimischen Ländern.

    Außerdem werden in dem Urteil auch grundsätzliche Fragen der Bioethik tangiert. Und der Themenkomplex Bioethik zählt in seiner Gesamtheit gewiss zu den drängendsten Problemen unserer Zeit.

  7. bdush

    @ Florian K.

    Finde ich richtig! Genau das war auch meine erste Reaktion – was ist dann mit den ganzen Ohrenkorrekturen in Deutschland?

    Ich suche jetzt im Internet, ob es Statistiken gibt, wieviele Bescheidungen und wieviele Ohrenkorrekturen pro Jahr in Deutschland stattfinden…

  8. bdush

    Und hier noch eine Zitat aus der Zeitung “Südwest” aus Ulm, zitiert wird Urologe Dr. Albrecht Nonnenmacher, Chefarzt der Urologie im Diak:

    “….Wenn die Beschneidung schwere Körperverletzung sei, dann müsse auch über Ohrringe oder Tattoos diskutiert werden, so Nonnenmacher weiter. Für ihn mache das keinen Unterschied.”

    Ganz nachzulesen hier: http://www.swp.de/crailsheim/lokales/landkreis_schwaebisch_hall/Moegliche-Gefahren-bei-Verbot;art5722,1611578

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