Frankfurter Gemeine Zeitung

Luftige Kommandohöhen globaler Herrschaft

Kürzlich kam ich überraschend nach Riga, im Baltikum gelegen, touristisches Highlight mit viel Jugendstil: 19. Jahrhundert steht schließlich ganz oben im Ranking. Genau um das zu vergegenwärtigen blieb ich in der Gegend. Die „ostelbischen Junker“ betrieben bis letztes Jahrhundert von Deutschland aus bis weit nach Osten in Rußland ein regelrecht feudales Regime, in dem sie von herrschaftlichen Gütern aus große Teile der Bevölkerung und ihre Dörfer fast wie Leibeigene, rechtlos Prekäre schikanierten. Riga war eine Schaltstelle und der Repräsentationsort solchen Großbürgertums. Erst gegen Ende des 1. Weltkriegs kamen diese Latifundien an ihr Ende, bis zum Schluß militärisch verteidigt durch rechtsradikale Freikorps aus Deutschland.

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Eine Reihe solcher deutschbaltischen Güter lassen sich noch heute besichtigen, inzwischen im Besitz von „Geschäftsleuten aus der Hauptstadt“. Besichtigen lassen sich aber auch vereinzelte Abweichungen von diesem Herrschaftsgestus der Freiherrn vom Lande. Die Rede ist von ersten Sozialinstitutionen rund um Fabriken, nämlich Krankenhäuser, Theater und Kulturhäuser, aufgebaut durch ortsgebundene Unternehmer, die mit „dem Sozialen“ zurecht kommen wollten.
Anachronistisch mutet solches „Gutmenschentum“ von Industriellen des 19. Jahrhunderts heute an, eher drückt das „größte Einfamilienhaus der Welt“ die gegenwärtige Stimmung aus, wenn auch etwas unbeholfen. Das Häuschen befindet sich im fernen Indien und gehört dem reichsten Inder, Mukesh Ambani. Es steht mitten in Mumbai, hat 27 Stockwerke, 3 Hubschrauber-Landeplätze und 600 Bedienstete. Die Schriftstellerin Arundathi Roy respektierte jüngst am Haus dieses neuen Herrschers Indiens besonders die Gartenanlage, sie ist nämlich senkrecht angelegt. Genau: Am Haus von unten nach oben verläuft eine senkrechte Rasenfläche, an Metallgittern befestigt.
Ambani gibt sich früh- und postmodern gleichzeitig, er präsentiert sein Haus als Palast, als Machtzentrum mit vielen Bediensteten; gleichzeitig ist es mitten in der Stadt verankert, sogar die Ghettos der Armen Mumbais branden regelrecht an seine Schutzanlagen. Anders als die Deutschbalten, deren Güter schon mal durch revolutionäre Dorfbewohner angezündet wurden, anders als die durch Parks von umliegenden Dörfern distanzierten Güter im Baltikum, erregt der Palast „Antilla“ die Gemüter als Soap Opera. Plötzlich wird die große Verheißung des Erfolgs für alle sichtbar, aus Millionen für Baukosten werden fix Milliarden, und das Ghetto scheint mitten im Spiel zu stehen.

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Voll im Spiel der Macht und Herrlichkeit sind die Ghettos tatsächlich, denn gerade Städte sind heute wichtiger für die Machtverankerungen der Herrschaften als damals, seien sie ökonomisch oder politisch, was nicht nur in Indien gut zusammen läuft. Die wichtigen Städte arbeiten wie „Zitadellen”, als logistische und technologische Knoten mit beweglichen, vielgliedrigeren Schutzeinrichtungen und Scharen kompetenter oder billiger Dienstleister, möglichst gleich beides zusammen. Sie bieten die idealen Transmissionseinheiten für die Klasse der „Verantwortlichen“, Städte sind für sie Objekte wie vielfältige Ressourcen.

Der „Wealth Report“ 2012, den die global agierende Immobilienfirma „Frank Knight“ anbietet, gibt uns ein ungefähres Bild über Möglichkeiten und Interessen einer wichtigen Partei der Verantwortlichen, den gut 60.000 global relevanten Vermögensbesitzern. Frank Knight hat sie im Fokus, weil sich nach ihnen die Struktur von großen Städten orientiert, ihre globale Relevanz, ihre Vernetzungen und die Wertentwicklung ihrer Immobilien. Und natürlich vieles von dem was sich an Firmen rund um sie, die Stadt-Logistik und Mobilitätstechnologie, Vermögensanlage oder Investitionschancen, Luxusdienstleistung oder Kulturgeschäft und ähnliches bewegt. Mit global relevanten Vermögensbesitzern werden Städte gemacht, denn diese Leute bewegen mächtig viel Geld.

Der Wealth Report weist auf wie viel ungefähr, und bei solch ganz großen Zahlen drängt es zur Verbildlichung. Manchmal hilft Verbildlichung sogar, Machtverhältnisse zu verdeutlichen. Die gegenwärtig 63.000 Leute auf der Welt betreffen sogenannte „Centa Millionäre“ (UHNWI), also diejenigen Vermögenden, die mindestens 100 Millionen ihr eigen nennen dürfen. Der Club wächst und zwar in den letzten 5 Jahren der Krise um 29 %. Erstaunlich? Eher nicht.
Wirklich bemerkenswert ist allerdings ihr Gesamtvermögen, nämlich 40 Billionen, sprich 40.000 Milliarden Dollar. Gut, sagt einem nichts, aber beim Gedanken an 300 Milliarden Deutschen Bundeshaushalt pro Jahr oder einer deutschen Gesamtverschuldung von 2.000 Milliarden wird klar, das es verdammt viel ist. Es ist so viel, dass die 10 größten Volkswirtschaften der Welt, also die kompletten Bevölkerungen von Ländern wie USA, China, Japan, Deutschland und Indien tatsächlich ein ganzes Jahr lang arbeiten müssten, um die Vermögensansprüche dieser kleinen, aber hervorragend vernetzten und ausgestatteten Gruppe abzudecken. Die anderen, ärmeren bald 200 Staaten müssten sogar noch ein ganzes Stück länger rackern.
Anders gerechnet: jeder dieser Superreichen kann Vermögensansprüche aufbieten, deren Erfüllung über 100.000 Menschen ein Jahr zur Arbeit verpflichten würde. Das heißt jedoch nicht, dass nach einem Jahr die Geschichte egalisiert, vorbei wäre, denn die einfache Aufrechnung von Vermögens- oder Leistungsrechten versus faktischen Leistungen bringt noch nicht die Existenzbedingungen der gegenüber Gestellten ein: die 100.000 aus der Weltbevölkerung, die jedem der UHNWI´s zu Diensten stehen, sind anders als diese auf einen Großteil ihrer erarbeitenden Mittel angewiesen, sei es für Wohnen, Kleidung oder Ernährung, bei einem globalen Durchschnitts-BNP von gut 8.000 Dollar. Trotz des Luxus sind das die Superreichen genau nicht, sie können jeweils (fast) über ihre ganzen Mittel unabhängig von Existenzbedingungen disponieren, sie investieren oder abziehen, und zwar weltweit und oft blitzschnell von Kontinent zu Kontinent. Und genau diese Fähigkeit bestimmt über Preise und Erträge sowie vieles andere wieder die Existenzbedingungen der Vielen, die in vielen Hinsichten erheblich unbeweglicher als die UHNWIs sind. Mit anderen Worten: die haben nicht einfach nur viel, sondern machen damit den ganzen armen Schluckern das Leben noch schwerer!

An dieser Stelle kommen wir zum wichtigsten Unterschied zwischen dem Gutsherrn im Baltikum oder anderswo und der heutigen supermobilen Großinvestorin. Letztere haben ihre Möglichkeiten bei weitem ausgedehnt, und zwar über den bloßen Vermögenszuwachs gegenüber damals hinaus. Besonders sind sie nicht mehr auf eine Art „Stammsitz“, ein Gut oder eine Fabrik an einem Ort angewiesen, um das sich der Kern der Ressourcen früher zentrierte. Sie sind dagegen hochbeweglich, haben viele Standpunkte, Techniken und Vermögensformen, von der Chance auf lohnende Immobilieninvestition bis zur Gated Wellness für sich und den eigenen Clan.

Die Städte bilden für sie und andere Gruppen von Verantwortlichen das gemeinsame Medium ihrer Bewegungen und Ressourcen, sie bauen sozusagen ihren globalen Festungsring, bewehrt mit vielen Schutzeinrichtungen und Dienstleistern. Sie sind kaum zu fassen in diesen Festungen, denn Verantwortliche sind nur punktuell identifizierbar und erhalten viel Sicherheit durch globale Links mit lokalen Securityorganisationen.

Gegenüber der Macht dieser beweglichen Festungen über unsere Existenzbedingungen, dem Staunen darüber aus unseren Ghettos drum herum, bleibt nur Unterbrechung übrig, die Blockade oder Umleitung der machtvollen Bewegungen, und das in großem Ausmaß. Damit lässt sich dann die eigene Beweglichkeit verbessern, besonders die Bewegungen zusammen, die der 100.000 gegenüber dem postmodernen, postdemokratischen Fürsten, der dann plötzlich allein, am Ort festgenagelt sitzen würde. Und an diesem Ort interessiert sich eigentlich niemand wirklich für ihn.
Die sozialen und ökonomischen, politischen und technologischen Infrastrukturen der Städte spielen für das ganze Geschehen globaler Machtorganisation eine prominente Rolle, und die Blockaden durch agile Ghettos gegenüber Beweglichkeiten der Festungen bildet sozusagen ein Gegenstück zur allgegenwärtigen Soap Opera, die unsere eigene Beweglichkeit zubaut.

Dass Ambani in sein Antilia gar nicht eingezogen ist, spricht allerdings noch nicht für ein Gelingen von Blockaden, sondern eher für die vorstehende Diagnose: Austauschbarkeit und Bewegung je nach Stimmung, Ambani zog in seine Villa “Sea Wind”. Ein Stückhen Selbstblockade arbeitet aber trotzdem: der Grund seines Mißwillens liegt angeblich im Medienwirbel um das Haus, so daß er in ihm nicht mehr in Ruhe leben könne….


Europäische Occupy Zentralbank – heute geöffnet

Die Europäische Occupy Zentralbank (EOZB) versteht sich als finanz- und wirtschaftspolitisches Organ. Unsere normalen Schalteröffnungszeiten sind an den Tagen, an denen die EZB in Frankfurt die Leitzinsen festsetzt. Dann öffnen wir von 13:00-14:30 Uhr + 16:00-16:30 Uhr (die zweite Öffnungszeit ist optional) neben dem Haupteingang in der EZB, Kaiserstraße 29, Frankfurt am Main. Dort erhalten Sie eine zinslose Refinanzierung in den begehrten 500er ogc-units (occupy global currency). Außerdem veröffentlichen wir dort unsere aktuelle finanz- und/oder wirtschaftspolitische Entscheidung bzw. Stellungnahme.

Heute:

* Die €uro-Formel – was ist der Euro wirklich Wert?

* Gibt es eine gezielte Bilanzverschleierung bei der EZB ?

Die EOZB öffnet Donnerstag, am 5.7.2012 um 13:00 Uhr neben dem Haupteingang der EZB, Kaiserstraße 29, Frankfurt am Main erneut ihren Bankschalter.

Unsere aktuelle Studie erklärt die €uro-Formel, nach der Jede/r berechnen könnte wie viel Prozent der Nominale unsere Währung tatsächlich Wert ist. In den Zusammenhang wird auch die Frage gestellt, ob absichtlich bestimmte Daten nicht veröffentlicht werden.

Repräsentanten der Initiative Occupy Money sind wieder zu Gast bei unserer Bank und stehen InteressentInnen gerne Rede und Antwort.

Europäische Occupy Zentralbank (EOZB) – Homepage
http://eozb.weebly.com/

Eine Datenbank für alle Occupy-Links:
http://occupyuniverse.weebly.com/


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