Frankfurter Gemeine Zeitung

Sarai: Hl. Leo Quijote

Petrus von Verona. Bild: Dierker (Wiki)

Was haben Petrus von Verona und Leo Trotzki gemeinsam?

Nein, fangen wir so an:

Betrittst Du diese Tage Sarai – und der schwerfällige Merzmensch empfiehlt, sich zu beeilen, da nur bis zum 15.07.  -… Nein, ich fange lieber ganz anders an.

Wer ist Peter Rippl? Autor? Filmemacher? Künstler? Alles zusammen? Mir sagt er: “Ich weiss nicht, was ich bin“. Aber ich weiss, dass dies seine bereits dritte Ausstellung in Sarai ist. Ich weiss auch, dass er bereits mehrere Filme gemacht hat, wie “Leningrad” –  Dokumentation über eine Kult-Band aus Russland, die jetzt grosse Wellen schlägt.

Er hat Hochschule für Gestaltung abgeschlossen – “da habe ich aufgehört, Künstler zu sein“. Da hat er viel erfahren und viel gelernt. Da erfuhr er, beispielweise, dass Künstler sich verkaufen müssen. Sein Glaube an die Kunst geriet in Schwanken (gab es vorhin, diesen Glauben?). Da hat er aufgehört zu malen. Und gemalt hatte er viel – davor – vor dem Studium, “zu der Zeit, als man noch jung war, als man noch als “begabt” galt“. Doch er produzierte alles mögliche, mit seiner Interesse für das Handwerkliche, aber auch für das Skurille und für paradoxe Verbindungen.

Als er mit Nat Skatchkov von Sarai am Film “No trust. No fear. Ask nothing” arbeitete – oder noch früher – wurde er von Nat angesprochen, wegen der unzähligen Skizzen, Zeichnungen etc. So ist die Ausstellung entstanden.

Doch entstanden ist sie noch früher. Als Peter Rippl in Italien war, entdeckte er einen lebensfrohen Mönch, auch Peter, und zwar Petrus von Verona. Der Mönch war überall abgebildet mit einer Axt im Kopf. Der Optimismus des Mönchs mit Axt im Kopf erinnerte Peter Rippl an die Wahnsinnigslaune eines Don Quijote. “Wieso nicht?” – und da war der Petrus von Verona bereits mit Sancho Panza in einer Skizze verewigt. Doch das war nicht alles – und die Axt in Kopf einerseits, romantischer Idealismus andererseits führte zwangsläufig in Richtung von Leo Trotzki.

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Und so entstand dieses skurill-morbide Paar: Leo Trotzki und Sancho Panza.

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Nur einige Zeit später erfuhr Peter Rippl, dass dieses Pärchen bereits zueinander fanden. Im Song “No More Heros“der britischen Punkrockband “The Stranglers

The Stranglers – No More Heroes (1977) von Marvel200001

Synchronismus? Unterbewusstsein? Wer weiss? Wieso eigentlich nicht? Unter dem Podest liegt der Karton, in dem die beiden Helden eingepackt waren. Ja, wieso nicht?

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Genau so ist diese Ausstellung entstanden: durch Assoziationen, die sich mit anderen Assoziationen assoziativ assoziierten.

Da war auch Lichtenstein dabei. Dessen berühmte Zitat “M-Maybe he became ill and couldn’t leave the studio?” zum Titel dieser Ausstellung in Sarai geworden ist.

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Die Rasterpunkte aus den Lichtensteinschen Popart-Hintergründen sind die einzigen Überreste, krankhafte Rötungen, Maser neben dem Peter Rippls Autoportrait. Zumindest getrennt. Quarantäne. Und während die Lichtensteinsche Schönheit irgendwo in Kölner Wallraf-Richartz Museum sich ob der Gesundheit des unbekannten Künstlers bangt, ist der Künstler eventuell genau ihretwegen so vermasert mit ihrem Hintergrundraster? Wer weiss?

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Und wer fragt sich, wer sei die andere Schönheit, die neben dem naturalistisch gemalten Pferd? Nach all den Jahren hatte Peter Rippl kaum gemalt, doch “die Ölfarben waren noch nicht ausgetrocknet“, so fragte er “wieso nicht?” und zeichnete auf einmal naturalistisch. Der Pferd ist namenlos. Die Frau heisst Beate. Beate Zschäpe. Eine Hommage an den apolitischen Gerhard Richter mit seinem plötzlichen RAF-Zyklus aus dem Jahre 1988. Terror als Thema der Kunst. Damals und jetzt. Skandalös. Oder: wieso eigentlich nicht?

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Denn was ist Kunst? Kann sie die Welt verändern? Was kann sie? Als Peter Rippl Biennale in Venedig besuchte, war er wegen der Kommerzialisierung und Verflachung der Kunst wiederum enntäuscht. Und er sagte, “dass die Kunst das Los der werktätigen Massen nicht beeinflusst, sondern kleinbürgerlicher Scheiß ist!“. Und damit brachte er seine Begleitung wiederum in Verwunderung, die sagte:

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Denn Don Quijote glaubte an die Kunst. Trotzki glaubte ebenso an die Kunst mit seiner Aussage:

Der Mensch wird unvergleichlich viel stärker, klüger und feiner; sein Körper wird harmonischer, seine Bewegungen werden rhythmischer und seine Stimme wird musikalischer werden. Die Formen des Alltagslebens werden dynamische Theatralität annehmen. Der durchschnittliche Menschentyp wird sich bis zum Niveau des Aristoteles, Goethe und Marx erheben.

Was für Niveau! Und Trotzki, der mit seinem Speer gegen die – keineswegs – Windmühlen des Sozrealismus kämpfte, bekam eins auf den Deckel. ‘Tschuldigung.

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Und die Besucher der Ausstellung – draussen und drin fragen sich (oder auch nicht) über die Verbindungen, Parallelen, Assoziationen.

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Denn die ganze Ausstellung scheint diese ewige Frage zu stellen: “Wieso nicht?”

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Peter Rippl hat mich gebeten keine Aufnahmen von ihm zu machen. Daher musste ich voyeur-artig durch die Kiste fotografieren, in der Leo Trotzki und Sancho Panza verpackt waren.

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Ja, warum eigentlich nicht?

Was: M-Maybe he became ill and couldn’t leave the studio? von Peter Rippl.
Wo: Platform SARAI, Schweizer Str. 23 HH, 60594 Frankfurt am Main
Wann: bis zum 15.07.2012
Medien: http://nichewo.net/
Was: M-Maybe he became ill and couldn’t leave the studio? von Peter Rippl.
Wo: Platform SARAI, Schweizer Str. 23 HH, 60594 Frankfurt am Main
Wann: bis zum 15.07.2012

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