Frankfurter Gemeine Zeitung

Vom klandestinen Spiel mit Kennzahlen und seinen Wirkungen – I

Märkte, insbesondere Finanzmärkte sind nicht so unschuldig, objektiv bewertend wie sie uns oft präsentiert werden. Interessierte ordnen sie für ihre eigenen Vorteile und zum Nachteil der meisten anderen.

Wir werden inzwischen pausenlos drangsaliert wegen des Lebens auf dem finanziellen Globus, sogar Kinder werden schon auf Möglichkeiten der Geldvermehrung getrimmt. Alles bei uns scheint sich drum zu drehen, manche Fachleute nennen das „Finanzialisierung“. Wir hören von den Schuldenraten und dem DAX, dem Hypothekenmarkt und der aktuellen Exportquote, den Milliardenerträgen oder -Verlusten unserer Leitkonzerne. So die akzeptierte Weltsicht im Lande, und in Frankfurt sind die Leute besonders sensibel für solche Größen. Alle müssen wir an den guten Zahlen arbeiten, damit wir für die Märkte bestehen können, und dabei nicht zuviel an die Erfolgloseren, erheblich mehr für die Erfolgreichen ausschütten.
Nun macht in angelsächsischen und anderen westlichen Ländern eine wenig bekannte Größe in der Öffentlichkeit Karriere: der LIBOR. Beim LIBOR empören sich zwischen New York und London mal wieder eine Menge Leute über bekannte Verdächtige, die Großbanken. Dabei klingt er ganz harmlos: ein Zinswert für das internationale Bankengeschäft, gemessen durch die Marktbedingungen auf Finanzmärkten, wen kümmert´s wirklich?

Da freut er sich teuflisch über die Märkte: George Soros

Da freut er sich teuflisch über seine Märkte: George Soros

Es kümmerte besonders diejenigen, die wussten wie damit viel Geld zu verdienen ist: eben internationale Finanzfirmen und Anleger, Kreditgeber und Kreditnehmer, zumindest manche unter ihnen. Der LIBOR spielt nämlich eine ausgezeichnete Rolle in den Zahlungsverpflichtungen, er liegt oft Zinszusagen bei Geschäften zugrunde. Wenn er sich nun von Interessierten manipulieren ließe, könnten diese – falls sie an der richtigen Position sitzen – einiges daran verdienen, z. B. über höhere Erträge, die sich aus der Differenz zwischen einem tatsächlich bezahltem Zins und einem anderen in Rechnung gestellten Zins erzielen ließen.
Genau das ist geschehen: die internationale Gesetzgebung lässt es zu, dass relevante Banken alleine durch ihre Meldungen über Geschäfte den Zinssatz LIBOR selbst bestimmen können, falsche Meldungen – falscher Zinssatz, und zwar zu ihrem eigenen Vorteil. Mit diesem manipulierten Marktzins konnten die Institute dann von den Massen der Kreditnehmer Extragewinne abschöpfen, letztlich von dir und mir. Denn es geht bei diesem Meßwert fallweise auch um Überziehungs- oder Kreditkartenzinsen, Hypotheken oder Festgelder.
Eine Manipulation großen Ausmaßes deckte die amerikanische Finanzbehörde auf, die ersten Rücktritte von Vorstandschefs und Hunderte Millionen Strafe ziehen sich durch die Finanzwelt. Epizentrum ist der Finanzplatz London, auch wenn er durch die britische Regierung geschützt wird. Im Angelsächsischen gibt es eine Menge Unruhe darüber, Ermittlungen, Strafandrohungen, Durchsuchungen.
Bei uns in Frankfurt ist davon wenig zu merken, obwohl die Deutsche Bank AG und andere verdächtigt werden, sich an Manipulationen dieser Art beteiligt zu haben. Keine Durchsuchungen, keine strafrechtlichen Ermittlungen, keine Strafanzeigen hier vor Ort. Bei uns im Lande spielt der EURIBOR eine verwandte Rolle zum LIBOR, und es steht die Vermutung im Raum, dass dieser mit ähnlichen Folgen ebenfalls manipuliert wurde. Trotz möglicher Schäden in Milliardenhöhe für Millionen jagen keine Mannschaftswagen durch die Stadt, stürmt kein SEK die Häuser am Anlagenring rund um die alte Oper. Die Stadt ist nicht in Aufregung, wie bei Blockupy vor ein paar Wochen, als es um die Gefahr zerbrochener Fensterscheiben ging.
Das könnte verblüffen, tut es aber nicht. In Deutschland gibt es nämlich einen bruchsicheren Schutz der Finanzinstitutionen durch die Legislative wie die Exekutive, mit einer hilflosen, machtlosen Finanzaufsicht, gelegentlich eingreifenden Ministerpräsidenten, dazu den recht ruhigen Medien, die nur noch „Staatsschulden“ als Aufreger für uns zirkulieren lassen. Der Schutz der Märkte und derer, die sie antreiben, hat die oberste Priorität aller, gilt quasi als unser demokratisches Aushängeschild. In diesem Sinn sind die rechtlichen Bestimmungen in Deutschland verfasst, Bestimmungen, die sich auf eingespieltes Verhalten auf Märkten, sozusagen auf den „guten Geist des Marktes“, die vielen Vorteile der großen „unsichtbaren Hand des Marktes“ fokussieren.
Was aber meint solch eingespieltes Verhalten, was meint tatsächlich ihre „unsichtbare Hand“ ? Verkauft wird uns über diesen Wunderapparat des Marktes, diese globale Glücksmaschine, dass sie automatisch am effizientesten gewünschte Güter offeriert, zu aller Vorteil, besser für uns als jedes andere Zusammenwirken, und deswegen ein besonders schützenswertes Gut. Bei Finanzmärkten jedoch hat sich schon herumgesprochen, dass „Effizienz zu aller Vorteil“ nicht die ganze Wahrheit trifft.
George Soros ist ein legendärer Fonds-Spekulant mit philanthropischem Selbst-Branding und in seiner Profession besonders erfolgreich: er machte Milliarden. Zwischen Asien-Crash und dem Zusammenbruch des „Neuen Marktes“ vor über einem Jahrzehnt deutete er in einem Buch an wie es funktioniert: um ans Geld der anderen zu kommen, muß man trickreich vorspielen, selbst die Erwartungen und Wünsche anderer, die Märkte mit eigenen Mitteln so einstellen, dass man besonders hohe Preise erzielt. Auf Finanzmärkte einzuwirken ist seit Soros etwas ganz übliches, wir vergessen es bloß zuweilen.
Gelegentlich lesen wir in renommierten Blättern sogar von Maschinen, die das lohnende Manipulationsgeschäft betreiben, eine von Physikern oder „Quants“ geschriebene Software, die Geschäftspartner automatisch über Märkte täuscht. Derart selbstverständlich funktioniert Marktmanipulation inzwischen, viel Geld dort herausholen, wo es am leichtesten, am besten automatisch geht. Diese pfiffigen Wissenschaftler suchen nicht das „Gottesteilchen“ unter der Erde, sondern eine „Gottesmaschine“ von Kauf und Verkauf, die das Geld für sie in Megahertz produziert. Soviel zum Wunderapparat des Marktes.
Rechtlicher Schutz der Märkte und Institutionen, die diese Manipulation, die „Bereicherung“ wie gewünscht lenken, wird uns zudem als „Freiheit“ verkauft, gar eine Freiheit, die ihren unveränderlichen Gesetzen folgt. Sie ist deswegen der Standard, über den wir uns heute gar nicht mehr wundern, oft unbeachtet der Folgen die manchmal daraus resultieren. Eine manipulierte Freiheit, wie es scheint.
Aber das Unerhörte der Geschäfte geht noch weiter, und dann wird es erst richtig spannend.

Wird fortgesetzt


Radio: Aufbegehren gegen Ausverkauf – Die Zukunft der Städte in Deutschland

Im Deutschlandfunk am Montag dem 16. Juli um 19.30: eine Sendung zum Tthema “Recht auf Stadt” mit Schwerpunkt Hamburg/Frankfurt. (Von Ruth Jung)

Städte sind die Lebensorte der Zukunft. Immer mehr Menschen leben in der Stadt. Doch vielen deutschen Kommunen geht es gar nicht gut: knappe Kassen, aber jede Menge Aufgaben. Ganzen Quartieren droht die Marginalisierung, zugleich lässt sich in einigen Stadtvierteln von Metropolen ein harter Verdrängungskampf beobachten. Geld und Herkunft bestimmen zunehmend über die Teilhabe an der Stadt. Gentrifizierung scheint das derzeit vorherrschende Stadtkonzept zu sein, mit dem Politiker hoffen, innenstadtnahe Viertel ‘aufwerten’ zu können. Mit dem Umbau städtischen Raumes in privatisierte und sicherheitsüberwachte Zonen verlieren Städte aber nicht nur ihre Individualität, sie sind auch nicht länger soziale Orte. Dagegen wehren sich Bürger, zum Beispiel in Hamburg das Netzwerk Recht auf Stadt. ‘Eine Stadt ist keine Marke‘, so der Slogan. Auch in der Finanzmetropole Frankfurt begehren Bürger auf, werden Entwicklungskonzepte für eine ‘Stadt für Alle‘ gefordert.

DeutschlandRadio Kultur hört man in Ffm über UKW 91, 2 ganz gut.

Zum Nachhören HIER.


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