Frankfurter Gemeine Zeitung

Gedanken zum Nüchternheitswahn

Die Forderungen nach Verschärfungen von Alkohol- und Rauchverboten werden in der Politik mit immer höherer Frequenz auf den Tisch gebracht und diesbezüglich restriktive Gesetzesvorschläge finden Anklang quer durch Parteien und Gesellschaftsschichten.

Und tatsächlich gibt es für solche Verbote durchaus auch nicht von der Hand zu weisende Gründe. Die Schäden, die durch Alkohol und Tabak angerichtet werden, sind messbar und schlagen sich in Statistiken und medizinischen Studien nieder.

Wer raucht und säuft, hat ein höheres Risiko schwere Krankheiten zu erleiden, früher zu sterben oder in prekäre soziale und wirtschaftliche Lagen zu kommen.

Es brennt

Die reinen Zahlen und Fakten sprechen also für die Verbote und gegen den freien Rausch.
Doch trotzdem kann ich mich mit diesen Verboten nicht anfreunden und das nicht nur, weil ich selbst ein Mensch bin, der dem Rausch nicht grundsätzlich abgeneigt ist.
Ich stelle mir auch die Frage, in wie weit menschliches Verhalten in seinem persönlichen Bereich Gegenstand der Gesetzgebung sein sollte und ich denke, an diesem Punkt kommen wir langsam an die Grenze des Erträglichen.

Und warum sollte man die Raucher und Trinker gegenüber anderen Menschen benachteiligen, die ebenfalls gesundheitlich schädliche Angewohnheiten haben?

Denn es gibt viele Verhaltensweisen von Menschen, die definitiv ungesund sind. Beispielsweise bin ich mir sicher, dass die Gesundheitskosten, die durch Unfälle beim alpinen Skifahren entstehen, höher sind, als der messbare gesundheitliche Nutzen dieser Sportart. Eine Frage für ein Verbot?
Wie sieht es denn beispielsweise mit Fettleibigkeit aus?

Nehmen wir einmal an, man würde die Krankenkassenbeiträge für Raucher hinaufsetzen, denn schließlich sollten die Nichtraucher nicht für das gesundheitliche Fehlverhalten ihrer Mitmenschen bezahlen müssen.
Warum sollte denn dann ein Mensch, der sich stets maßvoll und gesund ernährt, für einen übergewichtigen Fastfood-Massenkonsumenten zahlen?
Warum sollte ich dafür bezahlen, dass der dort drüben … macht? Kann man dem das nicht einfach verbieten oder ihn wenigstens so stark negativ sanktionieren, dass er von selbst damit aufhört?

Warum werden ausgerechnet der Rausch und die ihn erzeugenden Rauschmittel so oft in einem negativen Kontext diskutiert und andere gefährliche und schädliche Verhaltensweisen in wesentlich geringerem Maße?
Und warum hört man mehr von den medizinischen Nebeneffekten von Rauschmitteln, als von ihrer gesellschaftlichen Funktion?

Ich habe manchmal das Gefühl, dass sich hinter dem rauschfeindlichen Sicherheits- und Gesundheitswahn eine ambivalente Mischung aus Paternalismus einerseits und antisozialer Gleichgültigkeit andererseits versteckt, die ein Zug unserer Zeit ist und die sich auch an den Debatten um Hartz-IV-Empfänger zeigt:

„Warum sollte ein Hartz-IV-Empfänger auf Staatskosten rauchen dürfen?“
„Warum kann ein Hartz-IV-Empfänger in den Urlaub fahren? Der sollte doch froh sein, dass er überhaupt…“

Es zeigt sich ein Denken, das soziale Leistungen nicht mehr als selbstverständlich und untrennbar mit der Würde jedes menschlichen Individuums ansieht, sondern als eine Leistung, die für gesellschaftlich angepasstes Wohlverhalten gnädig gewährt wird.
Für „Überflüssiges“ oder „Selbstverschuldetes“ sollen keine Leistungen gewährt werden und die Paradebeispiele des, nach der herrschenden Meinung, „Überflüssigen“ und „Selbstverschuldeten“ sind Rauschmittel und ihre Folgen.

Gleichzeitig manifestiert sich immer mehr der Kontroll- und Rationalisierungswahn einer Gesellschaft, die sich von immer mehr Scheinbedrohungen umgeben sieht und dabei nicht erkennt, welche Entwicklungen ihr wirklich bedrohlich werden können.

Der Rauschmittelkonsum, insbesondere der von Jugendlichen ist eine dieser Scheinbedrohungen, die es seit Jahren schafft, prominenteste Beachtung in den Medien zu finden und von Politikern und Öffentlichkeit fast reflexartig mit dem Schrei nach mehr repressiven staatlichen Maßnahmen beantwortet wird.
Von einem Staat, der sein eigenes Handeln gerne in den Dienst wirtschaftlicher Effizienz stellt, werden die geforderten Repressionen nur allzu gerne gewährt, denn wirtschaftlich effizient sind weder Raucherpausen, noch Betrunkene.
Sich aufgrund von Entgrenzung der Arbeit, Stress und Arbeitsverdichtung systematisch seine Gesundheit zu ruinieren, ist hingegen wirtschaftlich effizient. Öffentliche Empörung und nachfolgende gesetzgeberische Reaktionen fallen, wenn überhaupt, weitaus zaghafter aus.

Dabei ist die Zahl der rauschmittelkonsumierenden Jugendlichen seit Jahren rückläufig, während die Zahl der Personen, die sich durch beruflichen Stress geistige und körperliche Gesundheit ruinieren, zunimmt.

Mich jedenfalls langweilt das allerorten gebetsmühlenartig wiederholte puritanische Abstinenzgerede, welches den nüchternen Menschen als einziges Idealbild betrachtet und eine drogenfreie Gesellschaft zum einzigen legitimen Ziel der Drogenpolitik erklärt.

Vielleicht bin ich da aber auch nur ein ewiggestriger Querkopf, der einfach die wissenschaftlich eindeutig nachweisbaren Vorteile einer sozial- und ökokonservativen Wohlfühlrepublik nicht wirklich zu schätzen wüsste:

Helmpflicht für Radfahrer, allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen, 10 Euro pro Zigarettenpäckchen, 0 Promille Grenze, gesetzliche Sportpflicht für Personen mit sitzender Tätigkeit, Drogenscreening für die gesamte Bevölkerung, Anti-Tattoo-Gesetze u.s.w.

Die Möglichkeiten sind noch lange nicht ausgereizt.

Das perfide an Anpassungsdruck ist, dass er irgendwann Konsens wird. Auf dieser Basis lässt sich dann neuer Druck aufbauen, bis jeder passgenau genormt ist.

Hat vielleicht das ganze Brimborium um die Volksgesundheit einen wahnhaft-faschistoiden Aspekt? Empfinde nur ich das so?
Warum verprügeln Nazis manchmal Kiffer und Alkoholiker und saufen dabei doch selbst oft wie die Löcher?


Bisher keine Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Comment moderation is enabled. Your comment may take some time to appear.

 

Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.