Frankfurter Gemeine Zeitung

Biochemie: die Achse der Finanzkrise?

Der Film ist alt, Gordon Gekko alias Michael Douglas hat uns vor einem Viertel Jahrhundert mit “Wallstreet” die Masters of the Universe und die Gier in den Finanzinsitutionen nahe gebracht. Alle haben gestaunt, einige wollten es nachmachen, geholfen hat es wenig und der zweite Film war schon nicht mehr so doll. Wir hatten nänlich die Folgen zu spüren bekommen.

Wallstreet

Eine Menge Nachrichten über die Finanzwelt haben uns zwischendurch erreicht, eine davon lautet, dass der Austausch zwischen Akademie, respektive Forschung und Finanzwelt selbst hoch ist. Beide stützen einander, meist nicht in dem Sinn, wie uns allen Forschung verkauft wird: Aktivität zum Nutzen des Gemeinwohls.

Ein akademisch Engagierter  aus der Exzellenzschmiede Cambridge gab jüngst seine neusten Erkenntnisse zu den Problemen des Finanzmarkts in London staunender Öffentlichkeit bekannt, nämlich den Lesern des Magazins Prospect, das nahe der Londoner City erscheint. Nun wissen wir inzwischen, dass die Londoner City als Epizentrum von Finanzmarkt-Beben gilt, und hier scheint der richtige Platz für den Finanzforscher John Coates, um uns mit einer geerdeten Nachricht (unter “Unvernünftiges Risiko”) über das Wesen des Unbills zu überraschen.

Er muß es auch wissen, der ehemalige Deutsche Bank Derivate-Händler Coates kennt das Gefühl, dass sich bei naheliegenden Gewinnerwartungen einstellt: Stress und Rausch. Diese Affekte und physiologischen Mechanismen machen machen oft über die Maßen unvorsichtig. irrational. Fehlkäufe durch Wahrnehmungssteuerung treten ein, schließlich die immer wieder zitierten Herdeneffekte auf Finanzmärkten. Ähnliches steht schon in den netten Ratgebern der “Börse für alle”, wir kennen das ja.

Coates spürt dieser vermeintlichen Einsicht nach, kommt dann zu Steroidhormonen, die für (Fehl-)Entscheidungen eine Rolle spielen und zu ganz schlimmen Dingen auf den internationalen Finanzmärkten führen können. Mit anderen Worten: die Metazoa selbst, unsere besondere biologische Organisation als vielzellige Wesen, deren Physiologie und der Umgang mit Aufregung sorgt angeblich für die schlimmen Crashs ums Geld.

Nun möchte ich nicht bezweifeln, dass von Gräsern und Pilzen kein Handel mit Finanzderivaten bekannt ist, glaube aber andererseits nicht, dass gelegentliche Stressreaktionen vor schwach blinkenden Scheiben als relevante Ursache von bedeutenden Finanzkrisen irgendwie für unsere Erklärungen taugen. “Aufgeregte Finanzmärkte” allein machen es nicht, und die Metapher “Aufregung” für die Kurs-Volatilität einfach in persönliche Befindlichkeiten zu übersetzen erscheint doch arg schlicht für die Wissenschaft, möchte man von Frankfurt nach London rufen.

Zudem zeigt die Dauerhaftigkeit der gegenwärtigen Krise und ihre wechselnden Formen auf mehr denn bloß jahrelange Überproduktion von Hormonen und Stressfolgen einiger Wertpapierhändler hier und dort.

Bei Erklärungen lassen sich zumindest relevante und beitragende Ursachen unterscheiden, sowie Präsuppositionen, die als nowendige Voraussetzungen für Erklärungen existieren müssen. So scheint die Finanz-Stresshypothese nach der Art Präsupposition verfasst, so wie sich der vehemente Anstieg an Selbstmorden in Griechenland auch nicht aus der Existenz von hohen Häusern und Leuten, die gelegentlich gut springen können erklären lässt.

Der individuelle Stress scheint über lokale, einzelne Effekte und ökonomische Umverteilungen hinaus nicht einmal viel als beitragende Ursache zu bringen, denn selbst ein “Schmetterlingseffekt” und Rückkopplungen scheint wegen der Dauerhaftigkeit, der Regelmäßigkeiten und vielen Ursachen des Krisensets seit bald 5 Jahren eine schlicht uninteressante Erklärungskomponente.

Da müsste die “Mainstream-Ökonomie” erheblich mehr Substanz und Methodologie auffahren, um an die tiefliegenden Krisenursachen zu kommen. Ich denke aber, dass in der Prominenz solcher Einschätzungen, in der folgenreichen Verbindung von dürftiger Wissenschaft und Marktbedingungen fast noch eine größere Ursache für das gegenwärtige Geschehen liegt, als im individuellen Stress von Händlern in Frankfurt oder London.

Die Betreiber von Firmen und Märkten setzen nämlich systematisch auf betriebliche Verfahren dieses Kalibers, auf eigene mathematische und technologische Hilfsmittel, die ihr Fundment in solchen Arten von Erklärungen nit individuellen Effizienzoptimierungen haben. Damit passen sie sich in ein verbreitetes Bild angeblich allein im Wettbewerb auf Märkten agierender Akteure ein, der damit einen ganz allgemeinen kapitalistischen Herdentrieb auf Trab hält.

Dieser folgenreiche Irrtum über Grenzen ökonomischer Institutionen kommt uns dann alle teuer zu stehen.


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