Frankfurter Gemeine Zeitung

Aus dem propagandistischen Wörterbuch 1 – ‘Krise’?

Langsam erscheint es an der Zeit, die Metaphern ins Visier zu nehmen, mit denen man uns permanent bombardiert und die wir Gefahr laufen, einfach zu übernehmen, ohne weitere Überprüfung, mitsamt ihren Konnotationen, dahinter verborgenen Absichten, um dann einmal herein gefallen, sie zur Richtschnur unserer Entscheidungen zu machen.

Zur Zeit alles überragend: >>Krise<<!

Etwas, das uns alle über die jeweilige individuelle Situation hinaus betrifft, nahezu unterschiedslos sind wir ihr ausgeliefert. Und alle müssen sich bemühen, in aller Differenz unterschiedslos, ihrer „Herr“ zu werden.

Mit Verlaub, liebe Leute, das ist schlicht Blödsinn, hat so viel Realitätstauglichkeit wie z.B. jene „unsichtbare Hand“, von der immer im gleichen Atemzug die Rede ist. Irgendwie sind wir da tief im Repertoire der Illusionisten angelangt (Zauberer gibt es nicht mehr, wir müssen mit der „Light“-Variante vorlieb nehmen). Nicht genug damit, damit es richtig ablenkt, wird es an andere Begriffe angehängt, die ähnlich dubiose Vernutzung erfahren, so getextet aber an jeden persönlich zurück verwiesen werden können.

Doch hier geht es um „Krise“ unbeschadet von spezifischen Zuweisungen (wie etwa Staatsschulden, Identität oder gar Sinn), denen damit eine Legitimation bestimmter Handlungen unterstellt wird.

Κρίσίς: Meinung, Beurteilung, Entscheidung.

Bezeichnet eine Zuspitzung, mit einem Wendepunkt verknüpfte Entscheidungssituation.

Na gut, das bringt uns ein Stück weiter.

Zuvor noch ein Hinweis: hier wird keine Verschwörungstheorie wieder belebt noch gar eine neue zum bekannten Kanon hinzu gefügt. Trotzdem: dieser Beschreibung können Gesichter hinzu gefügt werden und Strukturen, in denen sich diese bewegen, sehr erfolgreich. Ihnen kommt diese Art Diskurs (beziehe sie alle ein und sie werden schon folgen) sehr gelegen und für sie treffen die mit „Krise“ verbundenen Unwägbarkeiten und Folgen auch nur sehr eingeschränkt zu, wenn überhaupt.

Nun meint „Krise“ per se nicht etwas Negatives, jedenfalls nicht für: Meinungsführer*innen, Urteilfällende, Entscheidungsträger*innen. Für sie heisst es bloß: es muss und es kann gehandelt werden. Hier ist zu unterscheiden: die Einen haben eine Meinung, fällen ihre Urteile und haben volle Entscheidungsfreiheit. Kurz: sie befinden sich in einer Situation, die eben nicht von so etwas wie „Krise“ gekennzeichnet ist und schon gar nicht von ihr bedroht. Alternativlosigkeit bezeichnet für sie einfach die Durchsetzungsfähigkeit ihrer Ansichten, ihre Befähigung, dies zum Massstab für alle zu machen (jedenfalls die, von denen sie der Meinung sind, dass sie es sich gefallen lassen), die Alternativlosigkeit ist demnach immer die der anderen.

Die „Krise“ bricht nicht herein, genauso wenig wie ein „freier“ Markt von einer „unsichtbaren Hand“ stets wieder in eine „Gleichgewichtsposition“ geschubst wird. Wie schon gesagt: Zauberer gibt es keine mehr, dafür aber reichlich Illusionisten.

Was uns als „Krise“ entgegen geschleudert wird, ist ganz banal der Ausfluss von Handlungen, die Menschen nach kühler Überlegung vollzogen haben und deren Konsequenzen sie jetzt durch erneutes Handeln von sich abzuwenden gedenken. Auch dies geschieht überlegt, denn gilt es doch, weiter machen zu können, wozu auch der Umstand gehört, dass es aus ihrer Sicht keine Alternative zu diesen Entscheidungen geben darf.

Damit sind wir ein gutes Stück weiter.

In der Medizin bezeichnet „crisis“ einen Abschnitt, in dem sich entschiedet, ob der Mensch, der in ihr sich befindet gesundet oder eben nicht. Der Ausgang der „crisis“ kann in der einen oder anderen Absicht unterstützt werden, bleibt aber prinzipiell unentschieden. Hängt davon ab, wofür eine Entscheidung getroffen wird, aber auch welche Reserven (man kann auch sagen Ressourcen) dem Patienten zur Verfügung stehen, was nicht unbedingt in den „unsichtbaren Händen“ der Vorsehung liegt. Das heisst, sie kann auch zu einer Verbesserung der Umstände genutzt werden. Doch zurück zu dem obigen Aspekt.

Wir unterstellen weiterhin, dass es Gruppen gibt, deren Entscheidungsfreiheit aktuell unangetastet ist, sie meilenweit von der unterstellten „Krise“ entfernt sind und in Ruhe ihre nächsten Schritte planen können. Das freut uns doch. Da liegt die nächste Frage sehr nahe und es ist merkwürdig, dass sie nicht so recht gestellt wird: warum können die das?

Wir gestehen demnach einem Teil die Freiheit der Entscheidung zu, belegen einen anderen, indem wir über „Krise“ reden, mit dem Stigma, sich diesen Entscheidungen beugen zu müssen, weil, ja, weil diese Alternativlosigkeit in diesen „Krisenzeiten“ dies verlangt. Darin ist ausgedrückt, dass letzterer auf Gedeih und Verderb dem ersten Teil ausgeliefert ist. Wenn „Krise“ so etwas ist wie ein Naturphänomen, dann – und nur dann – kann man daran eben nichts ändern.

Was die „Notwendigkeit von Handlungsentscheidungen“ angeht, die in der „Krise“ so vehement gefordert werden, so ist dies kaum etwas Besonderes, weil dies jeden Tag genauso notwendig ist. Allerdings ändert sich die Geschwindigkeit der Handlungsentscheidungen (wozu auch gehört, eben in bestimmten Feldern nicht zu handeln) und damit auch die Betonung, mit der sich die Entscheidungsträger*innen in die Lage versetzen (ein durch die Entscheidungsträger*innen wahrgenommenes Gefühl der Bedrohung), ihre Meinungen durchzusetzen, was halt am besten geht, wenn aus allen gleichermassen Betroffene gemacht werden können. Einfach hergehen und sagen: „das steht uns zu, das wollen wir haben, das machen wir jetzt auch.“, ist schlicht plump und provoziert. Wie anders klingt da: „wir stecken in einer XXX-Krise!“, schon bricht die mühsam zusammengehaltene Welt auseinander und in Panik aus, weil jede(r) versucht, seinen Teil zu retten. Schon sind substantielle Unterschiede verwischt und was für die einen Unannehmlichkeiten, ist für andere einfach eine Katastrophe, doch bleibt dies aufs angenehmste vereint in der „Krise“.

Die bewusste Verschiebung des Koordinatensystems, innerhalb dessen bisher die verschiedenen Überlebensstrategien sich verorten konnten durch den Teil, der über die entsprechenden Ressourcen verfügt, dies durchzusetzen, ist für den Rest, der dies zu ertragen hat, eben keine „Krise“, sondern eine Katastrophe (καταστροφή „Umwendung“, Wendung zum Niedergang), wobei diese zumindest billigend von denen in Kauf genommen wird, die nicht von ihr betroffen sind (sein wollen). Hier fügt sich das schöne Bild des „Tanz auf dem Vulkan“ bestens ein. Und keiner hat etwas davon gewusst!

Dies hängt damit zusammen, dass die Einzelphänomene äusserst differenziert in Erscheinung treten, so dass die Betroffenheit selektiv bleibt, doch stellen sie ein Frühwarnsystem dar, das allerdings tunlichst ignoriert wird. Doch sind es genau diese (scheinbar) isolierten Momente, die ihre Vernetzung nicht offen mit sich tragen, die das Klima der „Krise“ schliesslich prägen.

Dieses Klima macht sich fest im Entzug bisher als unumstösslich angesehenen Umständen, ihrer Aufweichung, die zunächst nur die anderen heimsuchte. Dann kommt eine Verunsicherung ob der vielen anderen, danach die immer realistischere Möglichkeiten von den Handelnden in den sich nähernden Strudel gezogen zu werden.

Und genau da, da „kriegst du die Krise“.


Ein Kommentar zu “Aus dem propagandistischen Wörterbuch 1 – ‘Krise’?”

  1. Bert Bresgen

    Das sind wichtige Überlegungen gegen die grassierende Katastrophenrhetorik (wenn ich mir auch ein paar mehr konkrete Beispiele aus den aktuellen Geschehnissen wünschen würde…). Daran anschließend fällt mir Naomi Klein ein, die -im Occupy-Kontext- sagte: “Das 1 Prozent liebt die Krise.” Ein Artikel im Freitag hat die Krisen-verarbeitung als “Schockstrategie für Europa” decrouviert und die “zögerliche Haltung” Merkels dahingehend uminterpretiert, dass die Krise am Leben erhalten werden soll, bis sie ihr Werk verrichtet hat:
    http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/schockstrategie-fur-europa.
    Dem steht (ergänzend, nicht widersprechend) eine andere Kriseninterpretation gegenüber, die des grade verstorbenen HardcoreKrisenGurus Robert Kurz. Danach ist die momentane Krise durchaus eine reale und grundsätzliche Krise der kapitalistischen Produktionsweise, d.h. es IST möglich, dass das System kollabiert. Dazu ein bereits zwei Jahre altes, aber noch aktuelles Interview (das natürlich wie bei Kurz immer kein Interview ist, sondern eine monologische darlegung)
    http://www.heise.de/tp/artikel/32/32931/1.html

Einen Kommentar schreiben

Comment moderation is enabled. Your comment may take some time to appear.

 

Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.