Frankfurter Gemeine Zeitung

Die Sprache der 67er

von Roberto J. de Lapuente

Diese “inoffiziellen Informationen von Behörden” liest man ulkigerweise nur in Diekmanns Zeitung – sonst sind sie nirgends zu finden. Es sind inoffizielle Informationen, die vielleicht ganz offiziös von der BILD-Zeitung selbst stammen. Die lauten nämlich, dass sich das Occupy!-Camp aus “5 Aktivisten, 60 Rumänen, dazu 10 Alkoholkranke, 5 Junkies, 10 geistig Verwirrte” zusammensetze. Gruppen also, die von jeher keinen hohen Stand in der Redaktion dieses Blattes hatten. Man darf ohnehin von Glück sprechen, dass noch von Rumänen die Rede ist – in einschlägigen rechten Webpräsenzen, die so offenherzig schreiben können, wie es die BILD gerne täte, liest man etwas von Zigeunern und Ratten und hygienischen Untragbarkeiten – letztere zogen aber erst ins Camp, als die Zigeuner einzogen; es liegt also nicht am Nagegetier.

Was will uns Diekmann eigentlich sagen? Alkoholiker, Junkies und Verrückte – waren die Occupy!-Aktivisten das nicht von Anfang an irgendwie? Muß man nicht berauscht oder verblödet sein, wenn man die kapitalistische Welt nicht annimmt wie sie ist? Aber jetzt, da der Rückhalt in der Öffentlichkeit immer geringer wird, auch weil es vermutlich tatsächlich ein Hygieneproblem gibt, wie üblicherweise immer, wenn man zeltet, jetzt traut man sich auch, Occupy! derber zu beleidigen, zu verspotten und despektierlich zu machen.

Und dabei gab man sich doch so geläutert. Man wollte die Geschichte der eigenen Zeitung aufarbeiten, bemühte sich, die Zeit der Studentenunruhen zu verstehen, die Rolle des eigenen Mediums darin zu ordnen. Das geschah in den letzten Jahren verklärend, BILD entlastete sich selber, gab irgendwo aber auch zu, nicht immer glücklich agiert zu haben. Mit der Kriminalisierung der Studentenbewegung, den publizistisch verbreiteten Lügen, die Studentenschaft wolle den Terror manifestieren, war das Ambiente der kommenden Jahre bereitet, die Radikalisierung einer Splittergruppe und deren Gewaltbereitschaft unter der Abbreviatur RAF fixiert. So weit ging die Einsicht der letzten Jahre natürlich nicht – die war milder: BILD lag nicht immer richtig, aber auch nicht ganz falsch, lautete die Erkenntnis.

Man könnte sagen, BILD habe aus der damaligen Zeit nichts gelernt. Könnte man. Das wäre aber falsch, denn richtig wäre: Was hätte sie lernen sollen? Sie hat ja wenig falsch gemacht. Aber dieses Wenige wiederholt sie mal zu mal, gerade wieder, da sie das Occupy!-Camp mit einer polemischen, beleidigenden Wortwahl zu etwas macht, das es sich lohnt, auseinanderzuprügeln. Es ist die Wortwahl des Juni 1967, als man im Vorfeld des Staatsbesuches des Schahs von Persien die Demonstranten als Gesindel hinstellte und hernach, als Ohnesorg erschossen und viele weitere Demonstranten durch die Straßen West-Berlins gejagt wurden, die Gewaltbereitschaft der zuvor Verprügelten hervorhob. “… dazu 10 Alkoholkranke, 5 Junkies, 10 geistig Verwirrte” – das ist eine Phraseologie, die zu Ohnesorg weist; eine Sprachgestaltung, die Gewalt penibel vorbereitet, die den Schlagstock rechtfertigt, bevor er gezückt wird.

“Mit Bomben und hochexplosiven Chemikalien, mit sprengstoffgefüllten Plastikbeuteln [...] und Steinen haben Berliner Extremisten einen Anschlag auf den Gast unserer Stadt [Anm.: der damalige US-Vizepräsident Hubert Humphrey] vorbereitet”, schrieb BILD im April 1967 – wahr war aber, dass einige Kommunarden Buttercremetorte, Weizenmehl und Joghurt vermischten, um es Humphrey an den Kopf zu klatschen. Albern vielleicht, aber immerhin sinnbildlich. Ist es nicht nur eine Frage der Zeit, bis die BILD-Redaktion “veranlasst”, dass im Occupy!-Camp Sprengstoff gebastelt wird?

Diese Sprache der 67er in der BILD-Redaktion vergiftet, rechtfertigt es, dass Gewalt als ein probates Mittel gegen Menschen angewandt wird, die man zum Gesindel umschrieb. Den herrschenden Kapitalismus nicht akzeptieren: da muß man doch geistig verwirrt sein! Kann man da nicht zwangseinweisen? Ist da polizeiliche Gewalt nicht quasi geboten? Es war diese Sprache, die Ohnesorg erst erschoss und dann diabolisierte – und es war diese Sprache, die den “roten Rudi” zu einen “toten Rudi” machen sollte. Nikolaus Blome, Journalist bei Springer, tat sich besonders bei der “Aufarbeitung der historischen Rolle” seiner Zeitung hervor – was von der Aufarbeitung übrigblieb: Wir waren unschuldig, die Sprache von ’67 kann ohne Gewissensbisse Programm bleiben!

Erstveröffentlicht am 2. August 2012: http://ad-sinistram.blogspot.de/2012/08/die-sprache-der-67er.html (Alle Rechte beim Autor)


2 Kommentare zu “Die Sprache der 67er”

  1. Florian K.

    Guter Artikel!

    Ich komme ja auf der Arbeit doch immer mal wieder dazu einen Blick in die Bild zu werfen und bin jedes Mal wieder geschockt über den teilweise ins Menschenverachtende gehenden manipulativen Sprachgebrauch dieser “Zeitung”.

    Auf den Verweis auf Benno Ohnesorg hätte ich an Stelle des Autors dennoch verzichtet.
    Denn die Motive aus denen der Polizist und inoffizielle Stasi-Mitarbeiter Karl-Heinz Kurras auf Benno Ohnesorg geschossen hat, werden wohl für immer sein Geheimnis bleiben.

    Dass ein Stasi-Mitarbeiter, der ja selbst aktiv gegen das von der Bild-Zeitung befürwortete System der BRD agierte, sich von der Propagandarethorik der Bild aufstacheln ließ, halte ich tendenziell für eher unwahrscheinlich.

  2. Bernhard S.

    Hi Florian,

    ich glaube, dem Autor ging es darum, die Verbindung aufzuzeigen, dass die Bildzeitung nicht isoliert handelt… Herrschaft muß gesichert werden.

    Vor der Ermordung Rudi Dutscke schrieb die Bildzeitung beispielsweise (7. August 1968): “Man darf auch nicht die ganze Dreckarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen.”

    Anscheinend war Benno Ohnesorg das schlechtere Beispiel. Vermutlich kannte Roberto den Hintergrund nicht, den Du schilderst.

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