Frankfurter Gemeine Zeitung

Gedanken zum Fall Drygalla

In den letzten Tagen sind die deutschen Zeitungen voll von einem Bild:

Eine junge Frau mit wasserstoffblondierten Haaren, mit dem Gesicht eines schüchternen Mädchens blickt traurig zu Boden. Daneben finden sich auch andere Bilder der gleichen Frau in einem Sportlerdress mit Schultern wie ein Bauarbeiter, doch auch hier der ernste, gesenkte Blick.

Ein Bisschen Mitleid könnte ich da schon bekommen, selbst wenn mich manche Kontrahenten in Diskussionen schon als zynisches und empathieloses Monster bezeichnet haben.

Und ja, ich gebe es zu: Nadja Drygalla tut mir leid… irgendwie.

Nun wird diese junge Frau, deren Oberarme eventuell größer sind als ihr Intellekt und die nichts anderes wollte, als ihr Land bei der Olympiade zu vertreten, derart in einem negativen Kontext durch die Medien gezogen, dass ihr nicht nur ihre Olympiaträume versagt wurden, sondern sie auch ihr gesamtes künftiges Leben keinen vernünftigen Job mehr bekommen wird.

Das ist schon irgendwie hart.

Schließlich wurden ja nicht einmal ihr selbst Verbindungen in rechtsextreme Kreise nachgewiesen, sondern lediglich ihrem Freund. „Die Sippenhaft ist abgeschafft!“ möchte man da in lautem Protest dazwischenrufen.

Aber diesen Zwischenruf tätigen ja (leider) andere schon.

Für Deutschlands rechtskonservative bis rechtsextreme Bloggerszene ist der Fall nämlich klar: Es findet eine Hexenjagd statt, die von sogenannten „linken Gutmenschen“ betrieben wird, die vor keiner bösartigen Diffamierung gegen ihren politischen Gegner zurückschrecken.
Diese Blogs benutzen die Debatte als Vehikel, den doch glücklicherweise noch weitgehend vorhandenen öffentlichen Konsens der Ächtung rechtsradikalen Gedankengutes weiter zu unterhöhlen, wobei diese Unterhöhlung an vielen Stellen schon weit vorangeschritten ist.

Da ich persönlich allerdings wenig von Deutschlands rechtskonservativer bis rechtsextremer Bloggerszene halte, brachte mich dies dazu, mein Mitleid mit Frau Drygalla in dieser Sache noch einmal kritisch zu prüfen und dies führte mich zu der Frage:
Wie wahrscheinlich ist es, dass eine Frau, die jahrelang Leben und Bett mit einem Rechtsradikalen teilt, dessen Einstellungen missbilligt?

Denken wir einmal ein Bisschen über diese Frage nach:

Es ist durchaus möglich, dass auch Menschen, die lange Jahre in einer festen Beziehung leben, politisch oder religiös voneinander abweichende Einstellungen haben und trotzdem gut miteinander harmonieren.

Ein tolles Beispiel hierfür sind meine Eltern:
Meine Mutter ist eine lutheranisch-protestantische Christin, die nicht nur an Weihnachten in die Kirche geht und sogar eine Zeit im Kirchenvorstand war, während mein Vater atheistisch geprägt ist und von der Institution Kirche ziemlich wenig hält.

Auch meine Beziehung zu meiner Verlobten kann hier als Beispiel herhalten:
Denn während ich an einem politischen Blog mitschreibe und keiner politischen Diskussion aus dem Weg gehe, könnte man sie als vergleichsweise unpolitischen Menschen bezeichnen.
Vielleicht sind wir gegenseitig manchmal davon etwas genervt, aber der Beziehung tut es gewiss keinen Abbruch.

Ich habe sogar schon Veganerinnen kennengelernt, die glücklich mit einem nicht-veganen Freund zusammen sind, wobei dies schon deutlich mehr Konfliktpotentiale beinhaltet.

Doch könnte die Beziehung zwischen einem Salafisten und einer Zeugin Jehovas gutgehen? Könnte die Beziehung zwischen einem Veganer und einer Pelzhändlerin funktionieren, ohne dass einer von beiden Beruf oder Lebensweise verändern müsste?
Wie viele Investmentbankerinnen suchen sich einen Punker zum Freund?

Es gibt Unterschiede, die für eine Beziehung unschädlich oder sogar belebend sind und es gibt Unterschiede, die für eine Beziehung schwer erträglich sind.
Zu guter Letzt gibt es auch noch echte „deal breaker“, also Verhaltensweisen und Einstellungen, die man in einer Beziehung überhaupt nur dann tolerieren kann, wenn man diese selbst teilt und die eine Beziehung sonst schlicht unmöglich machen würden.

Wenn ich beispielsweise eine Freundin hätte, die sich als Crackdealerin verdingt, so müsste ich wohl damit leben, dass unsere Wohnung von crackabhängigen Personen frequentiert wird und wenn ich ein ernsthaftes moralisches Problem mit dem Dealen von Crack habe, wird mich dies bestimmt auch persönlich tangieren.

Wenn ich eine Beziehung mit einer aktiven Scientologin führen würde, so wäre es kaum wahrscheinlich, dass sie nicht versuchen würde, mich zu irgendwelchen Seminaren und sogenannten „Auditings“ zu überreden.
Und selbst wenn sie es nicht täte, so würden dies zweifellos die anderen Scientologen tun, die fast zwangsläufig in unsere gemeinsame Wohnung kämen.

Jeder wird es wohl einsehen:
Eine Beziehung zu einem Scientologen oder einem Crackdealer zu führen wird schwierig, wenn man nicht selbst mit den betreffenden Milieus zu tun haben will.

Ich denke, dass Ähnliches auch für die rechtsextremen Kreise gelten mag, in denen sich Nadja Drygallas Freund bewegte.

Von daher tue ich mich schwer, ihr abzukaufen, dass sie mit der politischen Szene, in denen sich ihr Freund nicht nur als Randfigur, sondern durchaus federführend bewegte, nichts zu schaffen hatte, selbst wenn sie dies im Interview beteuert.

Zudem macht mich ein Satz in ihrem Interview zu dieser Angelegenheit doch etwas stutzig:
“Diesen Schritt, sich abzuwenden und von dem Gedankengut zu lösen, muss man selber wollen. Es ist nicht ein Schritt von heute auf morgen, aber ihm ist von sich aus bewusst geworden, in welche Richtung er gehen möchte, wie er in geregelten Bahnen weitermachen will.”

Für mich klingt das ein Bisschen so, als habe ihr Freund sich vorgenommen in Zukunft etwas weniger auffällig rechtsradikal zu sein, doch vielleicht interpretiere ich das auch zu bösartig.

Trotzdem mag es durchaus sein, dass Nadja Drygalla die rechtsradikale Einstellung ihres Freundes zumindest so lange nicht so dramatisch fand, bis sie 2011 selbst Probleme bezüglich ihres angestrebten Polizeidienstes bekam und diesen letztlich quittierte.
Denn in Teilen dieser Republik gehören die Rechtsradikalen inzwischen derart zur Alltagsnormalität, dass man sich an deren Auftreten kaum noch stört.

„Seine politischen Ansichten sind vielleicht ein Bisschen komisch, aber wenn man ihn erst kennenlernt, ist er eigentlich ganz anders“ hat sich vielleicht nicht nur Nadja Drygalla gedacht, sondern auch ihre anderen Freunde, ihre Eltern, ihre sonstigen Verwandten, ihre Trainer vor Ort.

Diese jahrelange „gelassene Normalität“ im Umgang mit einem beinharten Nazi aber ist das eigentlich Erschreckende am Fall Drygalla.

In diesem Sinne war es notwendig, die Beziehung einer deutschen Olympionikin zu einem Nazi öffentlich zu thematisieren.


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