Frankfurter Gemeine Zeitung

Unsichtbare Hände: ganz kurz angebrannt

Die „unsichtbare Hände“ der Finanzmärkte haben die Tage wieder einen Minutencrash erzeugt, regelrecht aus der Tiefe des Raums rechnete sich das Markt-Risiko dabei selbst hoch. Solche Geldbeben beschäftigen meist eine Menge Leute in Frankfurt, ein Blick darauf lohnt sich.

Seit Jahrzehnten wird uns eine alte Geschichte aus dem 18. Jahrhundert als größte Weisheit über menschliches Zusammenleben verkauft: „Märkte“ bringen es angeblich aus sich selbst heraus zustande, dass sich unsere ökonomischen Dinge geführt durch eine „unsichtbare Hand“ zum besten für alle regeln. Allerdings ist es in den letzten 250 Jahren trotz vieler Versuche nie gelungen, die unsichtbaren Hände wirklich zu finden oder zu erklären: wie kommt in die Preise für Waren denn soviel Klugkeit rein? Gar: arbeiten diese unsichtbare Hände wirklich zum Wohle aller?
Nun gibt es eine Menge Märkte, bei denen die unsichtbare Hand ihr Spiel treiben kann. Es sei an den afrikanischen Waffenmarkt erinnert, bei dem die unsichtbare Hand z. B. die Geldkoffer von Krauss-Maffei trägt. Auch die fleißigen Lobbyisten in Brüssel haben gehörigen Anteil an den unsichtbaren Händen für die europäischen Verbrauchermärkte. Doch das soll hier nicht Thema sein.

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Besonders folgenreiche Märkte sind die „internationalen Finanzmärkte“. Jeder hört von ihnen, aber selbst hier in Frankfurt bekommt sie kaum jemand zu Gesicht. Bei Finanzmärkten ist allerdings auch eine gehörige Menge Unsichtbarkeit am Werke und die ist meistens noch blitzschnell in Aktion. Der Hände dort sind wirklich viele: fiktive, virtuelle, täuschende und irritierte. Egal mit welchen Unsichtbarkeiten diese Hände arbeiten, viele Leute arbeiten hier vor Ort mit ihnen und ihrer Unsichtbarkeit. Es wird eine Menge Geld damit kassiert, und wir haben alle gehörige Muffe vor ihnen. Wenn sie schlechter verfasst daherkommen, kann es uns schnell übel werden. Wie aber unterscheiden sich die Unsichtbarkeiten?

Wenn mit dem „Fiktiven“ gehandelt wird, ist zunächst gerne die Rede von einem „fiktiven Kapital“, etwa wenn auf Kennzahlen oder Aktienwerte mittels „Optionen“ oder „Derivaten“ gewettet wird. Fiktiv im eigentlichen Sinn wird ein Finanzmarkt vielleicht dann, wenn die wirtschaftlichen Kennzahlen um die sich der Handel in ihm dreht noch nicht einmal mehr Zahlungswerte für Unternehmen sind, sondern zum Beispiel „Risiken“. Die unsichtbare Hand eines solchen Marktes fiktiver Kalkulationen – so könnten wir folgern – bringt also das „Risiko“ in eine für uns alle nützliche Größe?
Die „virtuellen unsichtbaren Hände“ arbeiten nun genau daran weiter. Wir haben in Frankfurt (fast) alle schon davon gehört, dass in der Börse sich keine Händler mehr Orders zurufen, sondern dass der Markt in den Servern und Glaskabeln verschwunden ist, buchstäblich für fast alle unsichtbar. Nahe dran kommt man noch am ehesten in Eschborn, wo jetzt „die Börse“ steht. Rund um die Börse-Server tummeln sich dann smarte Programme, die mit dem Risiko beim Wertpapierhandel umgehen und anderen, ebenfalls ausgeklügelten Programmen mitteilen, was sie kaufen oder verkaufen sollen. Mit anderen Worten: diese Programme sind selbst unsichtbare „Market-Maker“, sozusagen eine Unsichtbarkeit im Quadrat, die etwas anders funktioniert als die Unsichtbarkeit auf dem Waffenmarkt für den Ostkongo, und zudem oft rasend schnell arbeitet („High Frequeny Trading“), fast noch als weitere Unsichtbarkeit einzuordnen.
Zu den geheimen Gesetzen dieser ganzen Markt-Unsichtbarkeiten gehört, dass die „Trader“, respektive die dealende Software voneinander wissen, dass sie alle das Risiko bewerten und ihre zukünftigen Orders entsprechend organisieren. Damit eröffnen sich zwei neue Möglichkeiten der Unsichtbarkeit: zum einen Programme auf das Risiko hin zu trimmen, sozusagen mit dem Risiko gegen andere zu handeln. Die zweite Möglichkeit zieht den konsequentesten Schluß aus den aufgezählten Unsichtbarkeiten: wenn „der Markt immer recht hat“, so lautet schließlich die gängige Beschreibung, dann lässt sich vielleicht eine ganz besondere Unsichtbarkeit auf den vielen anderen aufsatteln, die den „Marktteilnehmern“ etwas blitzschnell vorspielt. So spielt eine elektronische Unsichtbarkeit anderen vor, dass auf dem Markt diese und jene Kaufvorgänge abgehen, sich das Risiko so und so entwickle und entsprechend zu diesem Preis zu kaufen/verkaufen wäre. Mit einem passenden Programm, einer Art Täuschungssoftware als Marktteilnehmer lässt sich eine Menge verdienen, und sie sind tatsächlich im Einsatz, als „täuschende unsichtbare Hand“.

Vor Tagen, am 1. August kamen an der weltgrößten Börse (New York, nicht Frankfurt) dann die Unsichtbarkeiten vehement ins Sichtbare, als eine Tradingsoftware der Firma „Knight Capital“ durchdrehte, zu schnell, zu unsichtbar, zu fiktiv, zu viel Geld machen wollte: die “irritierte unsichtbare Hand” tat ihr Werk. Innerhalb von wenigen Minuten kam die NYSE ins Wanken und Knight Capital selbst hatte eine halbe Milliarde weniger in der Tasche, fast jeder konnte die Markthüpfer sehen.
Die Ursache des Knalls wurde in „Loops“ der fixen Trader-Programme verortet, Programmteile, die in ihren Deals auf widersprechende Annahmen setzen. Nehmen wir an, du wolltest etwa eine Wette auf Panzerpreise, mit Optionen auf Aktien von Rheinmetall (Panzer bis Maschinenkanonen) machen, und dann gibt es die anders geartete Unsichtbarkeit der vollen Koffer für den Ostkongo. Da geht dann was schief mit dem Einsatz, Knete weg. So ist das auch bei Loops, nur eben virtuell, vollautomatisch.

Afr Waffen

Ein Frankfurter Professor, Herr Peter Gomber möchte uns trotzdem bei Laune halten, indem er die Nützlichkeit des High Frequeny Trading betont. Gomber bildet jetzt an der Frankfurter Uni den Finanznachwuchs aus, war früher selbst bei der Deutschen Börse AG tätig, und hält die doppelt virtuelle Unsichtbarkeit hoch: genau damit sei auf Märkten „Liquidität“ herzustellen, besonders auf solchen, die wenig liquide sind.
Diesen beliebten betriebswirtschaftlichen Begriff lohnt es sich hier zu übersetzen: es dreht sich bei „Liquidität“ darum, dass der Finanzmarkt flüssig wird, möglichst viel Handel dort stattfindet, wo mit lahmen menschlichen Händlern oder anderen wirtschaftlichen Anzeichen fast nix passiert. Mit anderen Worten: ein illiquider Markt in starkem Sinne, einer auf dem nichts geschieht ist eigentlich gar kein richtiger Markt und die Hochfrequenzprogramme schaffen diese Märkte selbst erst. Denn: auf dem Markt muß getradet werden, egal wie. Damit sind wir beim Virtuell-Fiktiven im Quadrat, den echten „fiktiven Märkten unsichtbarer Hände“ angelangt.

Bleiben  dann doch noch große Fragen offen: Welche Unsichtbarkeit genau ist nun diejenige, die uns allen das große Glück bringen soll? Stammt dieses Glück vielleicht aus einem schnell kalkulierenden Täuschungsprogramm? Was passiert mit unser aller Glück, wenn es sich verrechnet?


Ein Kommentar zu “Unsichtbare Hände: ganz kurz angebrannt”

  1. Allencarty

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