Frankfurter Gemeine Zeitung

Liebe Pussy Riots, bitte helft uns doch in Frankfurt weiter!

Wir sind in Deutschland wirklich beeindruckt, wie ihr mitten in Moskau mit eurem witzigen, mutigen Auftritt an einer Schaltstelle der Macht ein kleines Beben erzeugen konntet, veröffentlicht in der symbolträchtigen Kirche in der Nähe des Regierungszentrums. Die russische Mischung aus autoritärer staatlicher Herrschaft, Rohstofffirmen und feudaler Kirche stottert gegenüber einigen wütenden Mädchen. Selbst korrupte Gerichte sowie geifernde Öffentlichkeit zu Hause nehmen euch nicht die Courage. Aber ihr habt ja auch Unterstützung rund um die Welt, kein Mainstreammedium bei uns bibbert nicht mit euch, Appelle unserer Kanzlerin eingeschlossen. Immer seid ihr in der Headline.
Hoffentlich kommt ihr bald raus, und eure neuen Zaren ins Wanken.

Dann könnt ihr nämlich ganz schnell zu uns kommen, denn hier am Main ist die Lage auch sehr übel. Zwar geht es bei uns vor Ort nicht um das Heilige der Religion, die Kirche, sondern um das Heilige des Geldes, die Banken. Und von denen haben wir ganz viele in Frankfurt, und sie sind genauso mit staatlichen Institutionen verbandelt wie bei euch die Kirche, vielleicht noch mehr, weil die Banken einfach so verdammt viel Knete haben.

Vor ein paar Wochen wollten wir demonstrieren gegen sie, 4 Tage lang, mit Gesang und Gespräch, noch nicht mal so blasphemisch vorgetragen wie ihr in Moskau. Vielleicht lässt sich „Blockupy“ mit den Moskauer Demos zur gleichen Zeit im Mai vergleichen, aber bei uns in der Stadt wurde alles, nicht weniger als 17 Veranstaltungen auf einmal verboten. Sogar die harmlosen Mönche durften keinen Stand betreiben, ohne Widerrede. Die businessgläubige Stadtregierung wollte die Einkaufsgeschäfte nicht gestört sehen durch unbootmäßige Abweichler. Willfährige Gerichte haben die Polizeiprophezeiungen über drohenden massenhaften Terrorismus einfach nachgeplappert, ihr kennt solche Gewohnheiten ja bestens.
Wie bei euch im Osten haben auch die Zeitungen im Lande die ganz große Bedrohung mit hoch geschrieben, die Stimmung angeheizt. Für das Gefahrenszenario hier mussten nur ein paar Fensterscheiben herhalten und nicht ein Aufruf zum Sturz der Regierung, wie ihr ihn in Moskau vorbrachtet. Es kamen auch nicht ein paar Dutzend locker ausgestattete Polizisten wie vorm Gericht letzte Woche, sondern eine hochgerüstete Brigade von 5000 besetzte gleich die ganze Stadt und erlaubte keinen Muckser mehr. Gar Hunderte wurde verhaftet, vielen anderen wurde der Aufenthalt gleich verboten, obwohl sie in der Stadt wohnen: verordneter Ausnahmezustand.

Oben: Moskau  -  Unten: Frankfurt

Oben: Moskau - Unten: Frankfurt

Geschehen ist hier am Main gar nichts, nichts ging zu Bruch und niemand wurde beleidigt, nur die Demokratie. Aber es kümmert niemanden: unsere handzahme Presse deckt Ausnahmezustand und Massenverhaftungen, die Szene der Stars im Inland und Ausland ist sowieso ruhig, von unseren Regierungen ganz zu schweigen. Eben genau wie bei euch, mit einer Ausnahme: ihr, die Pussy Riots.

Zweifel an unserem Begehren nach Hilfe? Die braucht ihr echt nicht zu haben, denn mit der Demokratie ist es hier wirklich auch nicht weit her. Während man in Moskau aber eine „gelenkte Demokratie“ eingesteht, wird uns das ganze sogar noch als besondere Freiheit verkauft – zumindest solange, wie es nichts kostet und bloß niemand wirklich laut wird. Sonst gibt es auf den Nischel, und zwar ganz heftig.
Bei euch gibt es nur GASPROM und eine herrschende Clique in Moskau, über uns lauern mindestens die 30 DAX-Konzerne und diverse große wie kleinere Herrscher und Fürsten, die den Drehtüreffekt wie die Auftragsvergaben zur Genüge kennen. Da wird viel mehr Geld bewegt, als ihr euch das vorstellen könnt. Schröder und Koch bieten nur bekannte Beispiele, den ersten kennt ihr ja bestens. Die Schar lässt sich in die Hunderte, ja Tausende fortsetzen, ob rot-schwarz oder gelb-grün. Die Medienpfuzzis könnt ihr gleich noch dazu zählen.
Mit Korruption kennen wir uns auch bestens aus, die läuft meist aber nicht so simpel wie bei euch, und betrifft nicht nur nur ein paar an der Spitze oder in der Mafia.

Und mit dem ganzen absurden Theater einverstanden sind auch hier viele, vielleicht nicht so sehr mittels Predigten und nationalistischem Übereifer, sondern eher per Shoppingmall und Public Viewing, das aber richtig

Also, kommt her und mischt die Stimmung in Frankfurt auf, tanzt und singt mal in der EZB, verarscht die Troika und dann die Bagage im Römer. Wir helfen euch dabei, mit aller Kraft!

So gibt’s vielleicht bald ein neues BLOCKUPY, ein wirklich Funktionierendes?

Es donnert dann kräftig durch Europa, Madonna und andere Selbstdarsteller brauchen wir nicht dazu.

Aber macht es bitte, bevor euch der Spiegel ein Excklusivinterview bezahlt und EMI einen Vertrag anbietet.


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