Frankfurter Gemeine Zeitung

Ein Monument der “Frankfurter Schule”: Alfred Schmidt ist tot

Vor wenigen Tagen verstarb in Frankfurt mit 81 Jahren Alfred Schmidt, der als Sozialphilosoph bis vor kurzem eine große Schar Zuhörer an die klassische Tradition von Gesellschaftstheorie im Geiste “kritischer Theorie” band.
Von einer “Frankfurter Schule” ist an der Akademie hier vor Ort sonst nicht mehr viel zu vernehmen, das Interesse dreht sich eher um Kommunikation, Anerkennung und Rechtfertigung. Die Bedingungen harter gesellschaftlicher Realitäten rückten dabei in den Hintergrund.
Eine Ausnahme bildete Alfred Schmitt, der sich wenig um solche Reformen oder postmoderne Erregungen kümmerte und eher den Geist von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer hochhielt. Mit diesen erlangte die “Frankfurter Schule” und ihre kritische Gesellschaftstheorie nicht nur akademischen Weltruhm, sondern inspirierte auch unzählige soziale und politische Bewegungen abseits der Universitäten.
Seine vielbesuchten Seminare vermittelten noch einen Hauch von Suche und Umbruch, mit Brücken zwischen Schulen und Generationen, denn bei ihm versammelten sich 18- bis 80-Jährige, Prekäre ebenso wie  Situierte. Sie lauschten etwa seiner Interpretation der “Dialektik der Aufklärung” Adornos und Horkheimers, einem legendären Text, ungefähr in der Mitte des Zeitraums zwischen den letzten Lebensjahren von Karl Marx und heute veröffentlicht. Das Buch brückt die Diagnose von Kapitalismus und Technologie, Vernunft und Kultur bis zu einem bedrohlichen Szenario, dessen Aktualität Alfred Schmitt mit seiner durchdringenden Stimme dem faszinierten Publikum im meist überfüllten Raum fast theatralisch ausmalte. Er wollte als Materialist eher das Unerträgliche plastisch machen als mit gefälligen Milieus von Evaluationen hantieren.

Schmidt 1959
Schmidt wusste wovon er sprach, denn als Horkheimer- und Adorno-Schüler, der in Frankfurt 1960 promovierte und ab 1972 vor Ort als Professor für Philosophie wirkte, kannte er die Enstehungsgeschichte und Voraussetzungen kritischer Gesellschaftstheorie bestens. Seine Doktorarbeit “Der Begriff der Natur in der Lehre von Karl Marx“  erlangte ausserordentliche Bedeutung, inspirierte Gesellschaftskritik und linke Bewegungen zu anspruchsvollen ökologischen Interpretationen. Sie kann fast als wichtiger Impuls für die Entstehung der Partei die Grünen gelten. Seine Analysen haben allerdings wenig mit dem gefälligen Öko-Geplänkel zu tun, mit dem diese Organisation sich inzwischen bürgerliches Branding zulegte. Er versuchte dagegen substantielle Gesellschaftskritik aus marxistischer Perspektive mit materialistischer Naturinterpretation zu koppeln, und griff dabei sogar auf Marx selbst zurück.

Die kritische Theorie suchte immer nach dem “Eingedenken der Natur” in gesellschaftlichen Bedingungen, und Alfred Schmidt ging diesen Wurzeln im 19. Jahrhundert nach, von Goethe und Feuerbach über Schopenhauer bis zu Freud. Dabei erkundete er wechselnde, innovative Gestalten von “Materialismus”, deren Ideenreichtum uns vielleicht heute noch, in Zeiten des Internet inspirieren können. So gelang es ihm ein Stück weit, die historische Brücke zum 19. Jahrhundert anders denn als Soap oder “Deutsche Leitkultur” kritisch zu bauen.

Alfred Schmidt, der dem Hedonismus nicht abgeneigt war, reiste seit langem gerne nach Bad Orb, ein abgelegenes Örtchen im Walde am Rande des Spessarts unweit von Frankfurt. Es vermittelt noch etwas die Stimmung des Wechsels vom 19. ins 20. Jahrhundert und dort ereilte ihn auch letztes Wochenende ein Herzinfarkt.

Einen Eindruck seiner Seminare lässt sich in Videos hier gewinnen.


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