Frankfurter Gemeine Zeitung

Wirtschaftsträume zwischen Feuilleton, Akademie und Politik

Manchmal mupft es zwischen Talkshow und Kulturseiten etwas auf, Missklänge über die Rangfolgen in öffentlicher Wahrnehmung erreichen uns. Es geht um die Reputation aus dem akademischen Kanon heraus, wer darf mit welchem Einfluß sprechen, Gehör finden als Experte und in Entscheidungen reinreden. Oder noch besser: Welcher akademische Zweig hilft am besten bei drängenden politischen Legitimationen und prägt meistens unser alltägliches Verständnis vom Weltgeschehen?

Keine Frage: die Wirtschaftswissenschaften, sei ihr Fokus betrieblich oder national orientiert, laufen mit Abstand vorne weg. Zumindest diejenigen von ihnen, denen ein allgemeiner Segen in Politik wie Medien gegeben wird. Und das betrifft in Deutschland nur einen Ausschnitt wirtschaftlicher Expertise, der aber gesellschaftlich mitentscheidend wirkt.

Vor Wochen reihte sich im ZEIT-Feuilleton Thomas Assheuer in die Riege der journalistischen Wissenschaftskritiker ein, und empfahl dem „Berufsstand der Wirtschaftswissenschaftler“ sich zu besinnen, und sich endlich – wie die Philosophie schon vor langem – „aufzuklären“. Assheuer bemängelt, dass Wirtschaftswissenschaftler sich eindimensional der Sanierung unserer verbreiteten Unvernunft durch Märkte hingeben, die dann angeblich alles vernünftig für alle regeln. Die Grenzen dieser Marktvernunft sei aber in der Krise manifest zu Tage getreten, nur die Wirtschaftswissenschaften haben daraus nicht gelernt. Deswegen sei sie nicht mehr die Königin der Sozialwissenschaften und richtig vertraue ihr auch niemand mehr, nachdem sie noch nicht einmal in der Lage war, uns vor ein paar Jahren rechtzeitig vor dem drohenden Unbill aus den USA zu warnen.

Abgesehen davon, dass diese Klage periodisch, und periodisch folgenlos seit Ende 2008 durch die Kulturseiten flaniert, zeigt sie eine Reihe von Problemen mit ihrem Gegenstand an. Das Geringste scheinen mir noch die Mißverständnisse in diesen Klagen zu sein, dass es in „der Wirtschaftstheorie“ nicht einfach blauäugig um Unvernunft geht, die in Märkten rational korrigiert werde. Gegenwärtig in Deutschland angesehene Wirtschaftwissenschaft kümmert sich auch um Marktschwächen und die Behandlung von Störungen, um Verhaltensökonomie und evolutionäre Entwicklungen in der Ökonomie, bleibt also nicht allein der Karrikatur idealer Märkte verschrieben.

Unbenommen, die Probleme liegen tiefer. Zum einen verdichtet sich der Eindruck, dass die Klagen und Empfehlungen als eine Art schöngeistiges Feigenblatt funktionieren, um substantielle Kritik rund um Krisengezeter und sozialem wie kulturellem Rückbau zurückzuweisen, solche die auch stromlinienförmige Medien selbst betrifft. Zum anderen stellt sich mit der völligen Folgenlosigkeit solcher Artikel die Frage nach ihren Maßstäben, und danach, ob die Selektivität ihrer Kritik nicht gerade einen eigenen Beitrag für unser aller Blickverengung leisten soll. Mitnichten liefert der herrschende Kanon deutscher Wirtschaftslehrstühle das gesamte Repertoire wirtschaftlichen Wissens, weder in Deutschland, und noch viel weniger ausserhalb unserer engen Grenzen. In Frankreich z. B. zeigt sich selbst an den Universitäten ein viel breiteres wirtschaftstheoretisches Spektrum, das hierzulande jedoch völlig ignoriert wird.

Ein erstes Fazit lässt sich ziehen. Mit solchen Artikeln, besser Appellen verdichtet sich eine gewisse Abgehobenheit, die scheinbar alle unsere wirtschaftlichen Dinge antreibt. Zudem ist mangels echter Alternative auf den Vorderseiten der Zeitungen und den anderen Medien der schmale Wortschatz der „Experten“ desto leichter ab zu spulen, Ökonomie kommt als Soap daher.

Bemerkenswerterweise liefern die Wirtschaftswissenschaften für diese Zusammenhänge zwischen Akademie, Medien und herrschende Sprache gleich selbst den theoretischen Hintergrund. Einerseits bieten sie die konzeptionelle Basis für den Umbau der Wissenschaften zum Profitcenter: nur die Forschungen an Universitäten mit der besten finanziellen Ausstattung sollen überleben. Die Institute und Theorien, welche die zahlungskräftigsten Geldgeber gewinnen, woher sie auch letztlich kommen. So lautet das Ergebnis solcher „Wirtschaftspolitik“.

Die wissenschaftlichen Verfahren weisen über die Universitäten hinaus: das wirtschaftstheoretische Grundlagenkonzept der „Spieltheorie“ und des „Public Choice“ möchte uns nahe bringen, wie Institutionen und politische Akteure in der Welt agieren, um einen maximalen Ertrag aus ihrem Tun zu erzeugen. Sie liefern eine Weltsicht, die Politikberater, Spindoctors und Parteistrategen nur zu gerne aufnehmen, und in denen sich karrieristische Kandidaten wieder spiegeln. Denn: vom maximaler Nutzen für sich selbst ist die Rede, und weniger für ein imaginiertes „Gemeinwohl“. Wer möchte dann solche wirtschaftstheoretischen Erkenntnisse über Parteien und ihre Kandidaten als „Firmen“ im Wettbewerb von sich weisen?

Zwischen den Wirtschaftstheorien und diesem politischen Wettbewerb der Parteien steht die „Öffentlichkeit“, der Nachrichtenfirmen das erfolgreiche Management unserer Betriebe und Politiken nahe bringen. Was wäre dafür besser geeignet als der bekannte Rahmen unseres ökonomischen Verstehens, die eingeübte Redeweise auf Bilanzpressekonferenzen, Pressekonferenzen der Parteikandidaten oder Verlautbarungen der Wirtschaftsinstitute, die uns mit eingängigen Metaphern das als neue Erkenntnis vorstellen, was sich gerade für jeden greifbar abspielte. Wer weiß denn auch nicht, dass man nur das an Geld ausgeben kann, was im Geldbeutel ist? Na, zumindest die Besitzerin einer Mastercard.

Wenn wir nun noch die wirtschaftliche Rolle der Medienunternehmen im Markt der Öffentlichkeit einbeziehen, dann lernen wir schnell, dass Verlautbarungen, „Analysen“, Kommentare insbesondere in der Rubrik Wirtschaft zum Geschäft selbst gehören. Jüngst erboste sich der österreichische Journalist Robert Misik unter dem Titel „Kollegen, ihr habt versagt!“ über die mediale Öffentlichkeit, die jeden Anspruch kritischer Beleuchtung des gesellschaftlichen Geschehens in Deutschland lange hinter sich gelassen hat. (siehe auch: “Wirtschaftsjournalismus in der Krise – Zum massenmedialen Umgang mit Finanzmarktpolitik”)

Mit gängigen Phrasen über den „Sparzwang“ und „unsere“ Verschuldung, den „Notwendigkeiten“ und den „Realitäten“ kommt hier eine Strategie zustande, die dem Medien-Betrieb ebenso wie den Kunden draussen begrifflich auf die Sprünge helfen soll, die quasi das allgemeine Tagespalaver pausenlos unterfüttert. Besonders der großen Verwandtschaft im Hintergrund, den Unternehmen, Instituten und anderen politischen Verlautbarern wird so ein weit sichtbares und eingängiges Podium geboten, auf dem sie das Publikum beackern können. Betriebswirtschaftliches Handeln für alle heißt die große Devise dahinter, mit der das Leben, die Geschäfte laufen und störungsfrei weiter laufen sollen. Daran, am großen Bild der Nutzenoptimierer arbeiten die Erzählungen von Talkshows über Leitkommentare bis Regierungserklärungen und nicht mit mathematischem Rüstzeug an unterschiedlichen Interpretationen „transparenter“ oder „unsicherer“ Märkte.

Kein Wunder, dass die Branche inzwischen die Bild-Zeitung als investigative Speerspitze des Wirtschaftsjournalismus kürte! So kommen schließlich Exzellenzcluster, Edelfedern und Karrieristen wie „Wirtschaftsminister“ Rössler ganz einvernehmlich zusammen, und wir alle tanzen mit ihnen einen Ringelreigen für den Wettbewerb. Klar doch: In dem befindet sich Deutschland, die Stadt Frankfurt, die Deutsche Bank, die Frankfurter Rundschau, der Elektronikmarkt auf der Berger, das House of Finance, meine Ökokette und ich vermutlich auch.

Deswegen gehört zum Marketing einer Zeitung, einer Uni und des Kulturstaatssekretärs gelegentlich ein Besinnungstext „zur Wirtschaft“, der ein bißchen „Aufklärung“ fordert. An der alles beherrschenden Betriebsverfassung unserer Gesellschaft ändert sich dabei rein gar nichts.


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