Frankfurter Gemeine Zeitung

PR für das Böse: “Innocence of Muslims”/ Rechtsradikalismus und Obszönität 1

Gestern bekam ich erstaunliches von einem Facebook-Freund zu lesen, nämlich: „Ich ärgere mich über die ganzen “linken” Pfeifen, die sich alle über “Das Leben des Brian” schlappgelacht haben, und jetzt diesen hirnlosen Mohammed-Film für ganzganz schlimm halten. Muslimische Mordwichser sind ja so schön antiamerikanisch, da hat man/frau dann Verständnis. Die ALLEINIGE Schuld an den Toten trifft die Mörder, und nicht die Vollidioten, die den Film gemacht haben.“

Muslimische Mordwichser

Das erstaunliche daran zunächst: Der Autor ist selbst eine “linke Pfeife”, nämlich libertärer Sozialist- und bekennender Antiklerikaler und Atheist. Er selbst nennt das nur „Atheist“, aber das Atheistsein versteht sich für einen libertären Sozialisten ohnehin von selbst, und man kann ja auch ein Atheist sein, dem das Treiben der Religionen wurscht ist. Das ist aber  hier nicht der Fall. Weiterhin erstaunlich fand ich den Vorwurf des „Antiamerikanismus“, eigentlich ein klassischer Topos der Konservativen und den obszönen Ausdruck: „Muslimische Mordwichser“, der die Ermordung von Menschen stabreimend, aber für mich eher unangemessen beschreibt. Interessanterweise entspricht er aber EXAKT dem, was der Film zeigt, auch wenn der Autor des Postings ideologisch meilenweit von dem Film entfernt ist. Der Film zeigt nämlich “muslimische Mordwichser” im wahrsten Wortsinn. Er ist auch mitnichten in erster Linie ein Film gegen Mohammed, wie die Presse das behauptet hat, sondern wie schon sein Titel verkündet: ein Film über Muslime im allgemeinen (und nebenbei über Mohammed). Ebenso wenig ist er -wie ebenfalls oft zu lesen- eine Satire auf den Islam. Als Satire funktioniert er höchstens unfreiwillig, nämlich als Satire darauf, was in der rechten Szene -und teilweise auch im Mainstream- über Muslime gedacht wird. Muslime werden in dem Film ausschließlich dabei gezeigt, wie sie-weil naturgemäß dauergeil- ihre Frauen betrügen oder gleich sterben lassen, da sie ja noch mehrere in Reserve haben, religiöse Gefühle heucheln oder schlicht lügen, Geld erpressen, saufen, Knochen abnagen, blutbespritzt Christinnen erschlagen, alte Frauen, die sich über Mohammed beklagen, mit sadistischem Grinsen vierteilen, Kinder ficken, Feuer legen, Wohnungen zerschlagen usw.Christen und Juden hingegen erscheinen im Film durchgehend so friedlich, wohlgesittet und wohlgestaltet, als wären sie einem Bibelfilm der 50er Jahre entsprungen. Mit einem Wort, Mohammed und seine wilden Muslime sind die neuen Untermenschen und mit all den Attributen ausgestattet, die dereinst die „Arier“ genüsslich in „die Juden“ hinein projizierten.

Um so bedauerlicher, dass allen Ernstes Grüne und SPD von wg., äh, Meinungsfreiheit für die öffentliche Vorführung dieser Hasspropaganda optieren, ganz zu schweigen von Progressisten, die Gefallen am angeblich antireligiösen Habitus des Films finden. Tatsächlich wurde er nämlich von radikalen rechten Evangelikalen produziert. Und die sind leider nicht einfach „Vollidioten“.

Die Macher: Evangelikale, Kopten und Pornoproducer
Der Film wurde ohne Wissen der Darsteller und des Regisseurs, eines routinierter Pornofilmers, von den Auftraggebern namens “Media for Christ” in Teilen nachsychronisiert und wohl dadurch erst mit Islam- und Mosleminhalten ideologisch aufgeladen. Dadurch kommt auch die schwankende Tonspur des Filmes zustande und nicht aufgrund des „Dilettantismus“ der Macher, wie vielerorts zu lesen war. Produzent Nakoula Basseley Nakoula ist ein wegen Bankbetrugs verurteilter Kopte und bezeichnet den Islam als “Krebsgeschwür”. Ein weiterer ägyptische Kopte Morris Sadeck übersetzte den Film ins Arabische, was seine gewaltige Wirkung erst ermöglichte. Sadeck hat am 11.9. 2010 auf dem ground zero mit einem Kruzefix, der Bibel und der amerikanischen Flagge in der Hand protestiert unter dem Ruf:”Islam is evil” Koranverbrenner und Prediger Terry Jones, der den Film in Deutschland für ProNRW präsentieren soll, ist Vertreter einer “Dämonenlehre”, Befürworter der Rutenzüchtigung von Kindern und gleichermaßen Islam-und Schwulenhasser (deshalb kommen ihm die schwulen Muslime im Film zupass). An dem Film war weiterhin der christliche Aktivist Steve Klein beteiligt, ein Exelitesoldat. Er bildet an einer kalifornischen Kirche paramilitärische Milizionäre aus und sucht mit seiner Gruppe “Vereinte tapfere Christen” Abtreibungskliniken und Moscheen heimsucht.

Korrektur und Pachlows Hund
Interessanterweise streuten diese tapferen Christen das Gerücht aus, „hundert israelische Juden“ hätten den Film mit viel Geld finanziert. Tatsächlich gibt es dafür keinerlei Hinweise. Offenbar wollte man den zu erwartenden Zorn der arabischen Länder in erster Linie gegen Israel richten, um auf diesem Wege eine weitere Eskalation und Gegeneskalation zu erreichen. Hier könnte man darüber spekulieren, ob der strukturelle Antisemitismus des Films nicht in eine pragmatische Pointe münden sollte: Sollen sich doch Juden und Muslime gegenseitig fertig machen, das Christentum wird als lachender dritter daraus hervorgehen! Ebenso folgte die Übersetzung ins Arabische nicht der Absicht, Gesinnungsgenossen zu mobilisieren, sondern im Gegenteil: die Feinde, den „Mob“, Al-Quaida: Die Muslime sollten sich als das zeigen, als was sie der Film präsentiert. Das hat bestens funktioniert. Das durch den arabischen Frühling vorrüber gehend irritierte Bild des Westens vom Islam ist wieder hergestellt. Es gab Tote, die Foren  schäumen. Wie der Pachlowsche Hund haben die arabischen Massen auf ein winzige Signal reagiert,wobei man einräumen muss, dass die MEHRZAHL der Muslime gar nicht dauf reagiert hat und es starke Anzeichen dafür gibt, dass Al-Quaida hinter dem Anschlag in Bengasi steckt und der schon lange geplant war, quasi als Gedenkanschlag zum 11.9.. Der Film war also in diesem Fall nur ein willkommener Anlaß. Jetzt reagieren die Kommentatoren der westlichen Talkshows und Medien darauf . Auch hier verläuft der Diskurs entlang der erwartbaren Linie: der Film sei schlecht „gemacht“, würde Religion herabwürdigen, andererseits sei die Reaktion darauf vollkommen unakzeptabel, verlangt nach harter Sanktion….und habe der Film , na ja, letzten Endes nicht auch…ein klein bisschen Recht? Man kann den Machern des Machwerks die Bewunderung nicht versagen. Das ist offensichtlich dilettantisch, aber ein wunderbar gearbeites Stück Öffentlichkeitsarbeit für das Böse. Mit einer Effizienz, die an Al Quaidas große Zeiten denken lässt: sie bringen den US-Präsidenten und seinen Widersacher dazu, sich mit ihrem Amateur-Video und den Konsequenzen zu beschäftigen.Die Teppichmesser im Flugzeug lassen grüßen.

Das Obszöne: Tu doch nicht so, Du magst es doch auch
Wodurch aber entfaltete das Video seine Wirkung? Durch seine offenkundige Obszönität in einem nichthardcore Sinn. Mit der Oszönität glaubte man „den wunden Punkt“ der Muslime  getroffen zu haben: die maximale Demütigung der  Zielgruppe -und man hat. Nicht umsonst hat „Media for Christ“ einen Pornoregisseur mit dem Dreh beauftragt, mochte er ihnen auch kaum sympathisch sein und auch nicht wissen, worum es sich bei dem Dreh leztlich drehen würde. Die Obszönität besteht zunächst im offenkundigen, d.h. in der Vielzahl obszöner, „perverser Handlungen“, die Mohammed oder seinen muslimischen Anhängern unterstellt werden. Mit dem pubertärem Behagen, das man aus den puritanischen Amikomödien kennt, wird ausgebreitet, dass der heilige Mann Mohammed, der Jesus eigentümlich ähnlich sieht, keine Unterwäsche trägt, machtgeil ist, Minderjährige vögelt, Leute quält und lustvoll ermordet, entgegen seiner eigenen Doktrin säuft usw. Der Vorwurf lautet nicht wie zu erwarten: Muslims sind Fanatiker, sondern: Muslims sind geile Heuchler. Ein Vorwurf, der sich auch schon im Antisemitismus gegenüber den Juden findet. In der Realität hat dies seine Entsprechung in den sexuellen Zwangsstimulationen im irakischen Foltergefängnis Abu Ghuraib: offenkundig ging´s und geht es darum zu beweisen, dass auch Muslims normale, d.h. perverse Männer sind. Männer „wie wir“.Sie wollen das nur nicht wahr haben. Dies folgt der kapitalistischen Logik von : „Tu doch nicht so: Du magst es doch auch“, um das unheimliche zu bändigen.

Das Obszöne zeigt sich aber nicht nur in der Aussage, auch in der Anmutung, äh: Ästhetik. Der clash of culture, das Pathos der Schicksalsgemeinschaft, das Tragische der Alt-Nazis spielt scheinbar keine Rolle mehr. Das radikal Rechte, das radikal Evangelikale goes trash today. Manchmal wirkt das Video so künstlich ktischig wie ein Russ Meyer Film… Aber ebenso wie Russ Meyer trotz trash am Ende doch immer bei notwendigerweise großen Titten landet, landet der Film beim notwendigerweise abzuwendenden Untergang des christlichen Abendlandes.
Tu doch nicht so, Du magst es doch auch.
Oder?


3 Kommentare zu “PR für das Böse: “Innocence of Muslims”/ Rechtsradikalismus und Obszönität 1”

  1. gaukler

    Ein einsichtiger Beitrag!
    Eine Anmerkung zum Spiel mit der “Gewalt”, das sich so bigott von hier in die Welt fortsetzt. Nach Hunderttausenden Toten durch Nato-Länder zwischen Nordafrika und mittlerem Osten in den letzten beiden Jahrzehnten klagen die Meinungsführer zwischen Berlin, Hamburg und München doch über die Gewalt gegen UNS. Diese manifestiert sich tatsächlich in einem, ja genau einem zertrampelten Schild mit der Aufschrift “Bundesrepublik Deutschland”, aufgenommen in Khartoum und hundertfach bei uns als Beweis islamischer Gewalt in Medien dupliziert.

  2. Florian K.

    Hi Bert!
    Ich teile Deine Einschätzung.

    Eine Sache könnte man allerdings kontrovers diskutieren und zwar ob es richtig war, den Hetzfilm via Einbettung in den Artikel zu implementieren.

    Daran erscheinen mir nämlich zwei Dinge fragwürdig:

    1. Kritisierst Du, dass Mitglieder von SPD und Grünen für die öffentliche Verbreitung des Films optieren, schaffst dem Film durch die Einbettung aber ebenfalls eine größere Öffentlichkeit.
    2. Am unteren Rand des Films befindet sich ein rotes Banner mit einer Eigenwerbung von PI.

    Natürlich hat aber auch das Argument Gewicht, dass man nur etwas, das man kennt, effektiv kritisieren kann.
    Außerdem ist der Film hier ganz klar nicht in einen affirmativen Kontext gestellt.

    In dem Sinne spricht wohl genauso viel für wie gegen die Einbettung.

    Trotzdem fand ich es wichtig, diese Gedanken zumindest zu erwähnen.

  3. Wallacerhymn

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