Frankfurter Gemeine Zeitung

Neoliberale Gesten

Skandale rund um den Berufsstand der Ärzte zu verfolgen gilt inzwischen als Volkssport. Ob es falsche Kassenabrechungen oder falsche Leistungen, überhöhte Rechnungen oder überzogene Forderungen sind, meist geht es um die weitere „Optimierung des cash flow“ rund um das Geschäft mit der Heilung. Wir sprechen dabei nicht von armen Schluckern, denn anders als mies bezahlte Assistenzärzte in Krankenhäusern finden sich die rücksichtslosesten Optimierer gewöhnlich unter der Erfolgs-Elite dieses Business. Damit unterscheiden sie sich kaum von Gleichgesinnten aus anderen Branchen, diese „Klassen der Verantwortlichen“ geben sich oft besonders verantwortungslos.
Eine charakteristische Geste zeigt sich allerdings bei der Skandalisierung solcher Geschäftspraktiken, sie offenbart einen bemerkenswerten Funktionsmechanismus unserer heutigen Gesellschaft. Er soll symbolisch wie politisch regulieren, wie wir das unfeine Spiel zu interpretieren haben.

Geldwerte GeschenkeZur Zeit erhärtet sich der Verdacht, dass in München leitende Ärzte die Vergabe von Spenderorganen manipulierten. Es ist nicht der erste Fall, und solches Verhalten im sensiblen Bereich um Leben und Tod schlägt uns direkt auf den Magen, auf das Gerechtigkeitsempfinden durch. Der Standesvertreter der Ärzte, der Präsident der Bundesärztekammer Frank-Ulrich Montgomery äusserte dazu am Donnerstag im Bayerischen Rundfunk, es habe “Auffälligkeiten” gegeben, eine nette Umschreibung. Und dann: „Wegen der Auffälligkeiten in dem Münchner Klinikum kritisierte Montgomery die bayerischen Behörden. “Mich irritiert sehr, dass aus der bayerischen Staatsregierung vor einiger Zeit vermeldet worden war, dass man die bayerischen Programme überprüft und nichts gefunden habe”, sagte der Ärztepräsident.“ (Die Welt)
Die Darstellung in der Öffentlichkeit wird damit umgekehrt: der institutionelle Vertreter der korrupten Gruppe wirft jetzt staatlichen Instanzen Versagen vor, dieses scheint zum eigentlichen Motor des kriminellen Geschehens zu werden. Die Kriminellen aus der eigenen Branche können aus der Schusslinie zurücktreten. Am besten, so seine Empfehlung, sollten Vertreter der eigenen Branche die Kontrolle gleich selbst übernehmen.
Diese Art Argument kennen wir von den Banken oder der Automobilbranche, den Kraftwerkskonzernen oder der Versicherungsindustrie. Mit allen Mitteln werden öffentliche Institutionen für effizienten Wettbewerb madig gemacht („lähmende Überregulierung“), dessen Vorteile wir angeblich genießen könnten. Oder Einflußnahmen wie über den Drehtüreffekt bauen die politischen und administrativen Institutionen gleich so passgenau um, dass staatliche Akteure direkt in das private Business eingebunden werden.
Wenn nun die Empörung über Geschäftspraktiken, kaum noch zu bremsende Rücksichtslosigkeit verantwortlicher Klassen aufwallt, dann schützt sich die Klientel oder gleich eine ganze Industrie durch den Verweis auf andere. Diese wurden jedoch vorher – meist auf ihr Betreiben – so geschwächt, dass Kontrolle, aus der Geschäftsbeschränkungen folgen könnten, kaum noch möglich ist. Das Resultat bei Crashs der freien Geschäftswelt klingt immer gleich: bevor es ganz schiefgeht machen wir alles besser selbst.
Mit anderen Worten: korrupte Geschäftspraktiken, gar ein ganzes Geschäftsmodell auf „korrupter Basis“ kann auf diese Weise gegen starke öffentliche Kritik fast völlig immunisiert werden. Dazu kommt noch eine Gesetzgebung und mediale Sprachregelung, die Praktiken mächtiger Institutionen und ihrer Verantwortlichen schon im Vorfeld sichert. Zusammengenommen liegt in diesem Zusammenhang die „neoliberale Geste“ des Ärztepräsidenten.
Die daran gekoppelte „postdemokratische Geste“ ergänzt erstere so, dass genau dieser Zusammenhang nicht in das politische Feld dringt, sondern ihn durch massenhaft wiederholte Sprechweisen sogar noch abschirmt. Auf diese Weise bleibt es dann bei den „Skandälchen“ um schwarze Schafe, ein Volksport im Geiste der Medienindustrie.


Bisher keine Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Comment moderation is enabled. Your comment may take some time to appear.

 

Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.