Frankfurter Gemeine Zeitung

Kaum ehrenrührig: schwarzrotgrüngelb

Ich gestehe, dass mich das medial gefütterte Parteienspektakel aus Berlin und die Positionskämpfe der dortigen Karrieristen gewöhnlich nicht sonderlich interessieren. Aber ein kantig vorgebrachter Wegwisch des neuen SPD Kandidaten zu seinem Einkommen, das er eifrig ausgestaltete, ließ mich doch aufmerken. Noch mehr als die SPD „Linke“ Nahles in der Folge gegen Nachfragen über millionenschwere Einkünfte eines Nebenerwerbsparlamentariers namens Steinbrück auftrumpfte.
Ja was denken sich denn solche weltfernen oder politisch intriganten Kritikastereigentlich? Der künftige rot-grüne Kanzler handelt eben wirklich PRAGMATISCH, und welche Wohlmeinende kann das denn nicht kappieren? Es wäre doch althergebracht, regelrecht „19. Jahrhundert“ wenn ein Kandidat beim Verdi-Ortsbezirk Unterliederbach oder der Mietervereinigung Ostend zur klaren Rede ansetzen würde: die können schließlich nicht angemessen zahlen! Und der studierte Wirtschaftswissenschaftler Steinbrück weiß ebenso wie die zweihunderttausend deutschen Studenten der Betriebswirtschaft, dass Leistungen meistbietend einzukaufen sind. Wir leben schließlich unter ganz unideologischen Märkten.

Steinbrück + Ackermann

Deswegen bewegt sich der Kandidat woanders wie ein Fisch, findet seinen Nährboden zwischen Deutscher Bank, Deutscher Börse und Europäischer Zentralbank – immer im Zentrum, bei den richtigen Leuten. In diesem Sinne reiht sich Steinbrück in die Garde der Frühstarter des bezahlten parlamentarischen Personals ein, denjenigen Beratern, die sich schon während ihres repräsentativen Jobs im Consultantgeschäft gut zu nähren lernen. Bei vielen anderen gilt dieser Zeitabschnitt zwischen Parlament und Ausschuss eher als eine Art Berater-Praktikum oder Traineephase, bevor die dort erworbenen guten Verbindungen und Daumenregeln für Verfahren an höchster Stelle wirklich professionell, ertragsoptimierend eingesetzt werden.
Steinbrück gilt nicht als armer Schlucker wie Ex-Kanzler Schröder, der einst für Einlaß am Hoftor trommelte und den zum Wiener Hofball noch der VW-Chef einladen musste, oder gar ein SPD Scharping, der es nach dem Absturz gerade noch den Fahrradlobbyisten hinkriegte. Die fuhren einfach zu eingleisig,
Eher schon ahmt der neue Held der Klaren Kante, der Adlatus des eisernen Schmidt seinen NRW-Vorgänger Clement in Mehrgleisigkeit nach, eine hanseatische Geschäftstüchtigkeit, die auch als Vorbild des SPD-Kanzlers fungierte. Clement gelang es, schon vor, während und nach seinem Job als Super-Wirtschaftsminister in Berlin den Berater der deutschen Energiekonzerne zu geben – immer dicht am Puls der Zeit. Wir kennen ihn hier aus dem Frankfurter Zukunftsrat, in dem er mit dem CDU-VIP Friedrich Merz, einem anderen Consultant der Oberklasse und ganz dickem Konto nebenbei die Geschicke der Finanzstadt Frankfurt in die passende Richtung lenken möchte. In der Stadt sitzen schließlich einige, die manches bewegen und verteilen können, ein guter Nährboden, wie es eben auch Steinbrück neben vielen anderen recht gut weiß.
Überhaupt kommt der Kaste der bestallten parlamentarischen Politiker die Funktion von “Ankerpunkten” in Entscheidungslinien zu, fein, langfristig von ihnen erarbeitet zur besonderen Kompetenz als Berater. Wir leben schließlich in einer Beratergesellschaft, gar im Beraterkapitalismus. Dieses Faktum kennt sogar jeder kleine Kommunalpolitiker, der sich Einsichten des Public Private Partnership nicht ganz verschließen möchte, und sogleich mit einer ganzen Schar von Beratern beglückt wird: Public Management Berater, Rechtsberater, Finanzberater, Marketingberater und Personal Coachs, um wenigstens ein paar zu nennen.
In diesem Klima gibt es viel zu lernen, gegenseitig. Und der künftige Professionelle Ex-Repräsentant lernt, was dort an Gebühren aufgerufen wird, wie sich die Profis selbst verkaufen, wie sie ihre Firmen und Kunden absichern und wie sich das ganze Feld zwischen Jahreshaushalt und Öffentlichkeit gut zureiten lässt, in dem sich Politiker bewegt. Cashflow.
Überhaupt Medienberater, die in Firmen und Kommunalem, zwischen vierter Gewalt und Bilanzkonferenz. Bei den Medien wie im korporativen Beratungsgeschäft herrschen fließende Übergänge, so wie sich die Grünen schon von Jahrzehnten mit dem Frankfurter Medienkonsultant Hunzinger zusammentaten, gegen Bares in die eine und andere Richtung.  Beim blasierten Grünen-Vorsitzenden Özdemir führte die enge Verbindung zu einem kurzen Popularitätseinbruch, heute allerdings passen er und Steinbrück bestens zusammen. Soll sich niemand danach wundern, wenn das rot-grüne Halali zur Agenda 2020 geblasen wird.

Carsten-Maschmeyer_Gerhard-Schroeder
Die Beraterkultur, von der gerade das Politik-Personal mit Hilfe der Medien profitiert, gehört zur Kultur des finanzialisierten Kapitalismus, den Versicherungsberatern, von denen Maschmeyer und Rürup nur die bekanntesten Chefs sind; oder den Verkaufs-, Anlage- und Immobilienberatern, die uns alle, von den Studierenden bis zu den Rentern in eine Welt der Profitcenter, der Ich-AGs verpflanzen möchten. Sie machen den mitziehenden Tross des Kapitalismus aus, der uns bis in die Wohnungen hinein verfolgt, und damit meine ich nicht bloß die letzte Talkshow und den Börsenbericht. Mal auf die monatlichen Abbuchungen schauen.
Mit den Executives und wirklich Veranwortlichen bauen die Consultants und „reformwilligen“ Politiker ihre eigenen Festungen auf, in denen sie einvernehmlich aufmarschieren und aus denen sie uns ganz PRAGMATISCH unter Dauerbeschuss nehmen. In diesem Sinn offenbart sich althergebrachte Korruption als Schnee von gestern. Es geht nicht um ein paar Euro Nachlass, sondern wir sind bei einer systemischen Korruption von Festungen angelangt. Steinbrück gibt eines ihrer Wachkommandos, auch wenn er mit seinen wohldotierten Reden nur in die Stimmungen ihrer Vortragssäle eintaucht und sie zu beflügeln hilft. Was will so einer bei der Mietervereinigung Ostend, da gibt es schließlich gar kein “Potential”.
Warum es trotzdem nur mit Steinbrück geht: weil wir gegen Tante Angelika und ihrem Portemonnaie der schwäbischen Hausfrau eben einen knallharten Consultant brauchen. Einen der uns und unsere Betriebe gegen die anderen in der Welt wie McKinsey durchhaut, mal die Kavallerie durch die Personalabteilungen jagt und die zahlungsunwilligen in die Wüste jagt, hier wir dort.
Halali!


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