Frankfurter Gemeine Zeitung

The End of Innigkeit

Gefühle vergehen. Das ist kein individuelles Schicksal. Und es bezeichnet auch nicht allein, dass das Objekt nicht mehr vom Gefühl getroffen wird. Das Gefühl wird ab einem gewissen Zeitpunkt von keiner nennenswerten Anzahl an Personen weiter empfunden. Zurück bleibt eine Ruine. Eine Gefühlsruine der Deutschen ist die „Innigkeit“, ein Begriff, der kaum in andere Sprachen zu übersetzen ist, eine ehemalige bekannte deutsche Spezialität wie Labskaus. Das Gefühl für dieses Gefühl ist ebenso verschwunden wie das Gefühl selbst.

Wie so viele deutsche Gefühle entstammt es der Romantik. Sein perfektester Ausdruck: die Lieder von Franz Schubert.
Auch die Innigkeit hatte -paradox genug- ihre „Hymne“: „Der Lindenbaum“ von Schubert, ein herausgerissenes Stück aus der finsteren „Winterreise“, das in der gefälligen a capella Bearbeitung von Friedrich Silcher unter dem neuen Titel-Label „Am Brunnen vor dem Tore“ das ganze 19. Jahrhundert aus ungezählten Männerkehlen erscholl und für feuchte Frauenaugen sorgte.

Am Brunnen vor dem Tore,
Da steht ein Lindenbaum:
Ich träumt’ in seinem Schatten
So manchen süßen Traum.

Ich schnitt in seine Rinde
so manches liebe Wort;
Es zog in Freud und Leide
Zu ihm mich immer fort.

Ich mußt’ auch heute wandern
Vorbei in tiefer Nacht,
Da hab ich noch im Dunkel
Die Augen zugemacht.

Und seine Zweige rauschten,
Als riefen sie mir zu:
Komm her zu mir, Geselle,
Hier findst Du Deine Ruh!

Die kalten Winde bliesen
Mir grad in’s Angesicht;
Der Hut flog mir vom Kopfe,
Ich wendete mich nicht.

Nun bin ich manche Stunde
entfernt von jenem Ort,
Und immer hör ich’s rauschen:
Du fändest Ruhe dort!

Die düsteren Schatten Schuberts hatte die A capella Bearbeitung zugunsten von German Gemütlichkeit zurückgedrängt. Erst so wurde Innigkeit zu einem Massengefühl. Noch Hans Castorp lauscht im Zauberberg ergriffen dem Lied. Es wird im Roman schon nicht mehr live gesungen, sondern als Zeichen der Moderne von einem Grammophontrichter hervorgebracht Später zieht Castorp mit dem Lied auf den Lippen in den ersten Weltkrieg.

Eben dieser machte der Innigkeit den Garaus. Im Berlin der 20er war das Gefühl als Massenerscheinung zum ersten Mal erloschen-bis die Nazis es wiederbelebten, als Kehrseite des Weltbeherrschungspathos. Das zeigt dieser Filmausschnitt mit dem Startenor der damaligen Zeit, Richard Tauber:

http://www.youtube.com/watch?v=Bq5fAJBHEF0&feature=youtu.be

Tauber, der als glamouröser „Mann mit Monokel“ legendär wurde, steckt hier hervorquellend in Seppelhosen, renaturiert als Bauernbursche Toni, der etwas einfältig scheint, aber wunderbar singen kann. Er wird von einem Manager, der in der Nähe seines Kärntner Dorfes eine Autopanne hat, entdeckt (der trägt nun das Monokel) und nach Berlin mitgenommen. Toni macht Opernkarriere und lernt die mondäne Cora kennen. Als seine Mutter und seine Freundin Leni aus dem Heimatdorf ihm zur Premiere in Berlin einen Besuch abstatten wollen, verhindert die eifersüchtige Cora ein Zusammentreffen. Später erfährt Toni dass Leni einen anderen Bauernburschen heiraten will. Er eilt zurück nach Kärnten, aber es ist zu spät. Tauber singt mit österreichischem Zungenschlag zur Zitter, die schubertsche Innigkeit hat sich in „Volksmusik“ verwandelt, die von dem feisten Monokelträger („feines Liedchen“) und den beiden Berliner Schicksen halb amüsiert, dreiviertel fasziniert angestaunt wird. Der Film ist von 1930 (Musik: Paul Dessau) und keineswegs Nazi, denn er betrachtet alles gleichermaßen ironisch, auch das Volkstümliche, aber er nimmt die Nazialternative: „unverdorbenen Natur“ gegen „verdorbenen Stadt“ vorweg.
Drei Jahre später, 1933, wird Tauber vor dem Hotel Kempinski von einem SA-Trupp mit den Worten „Judenlümmel, raus aus Deutschland“ niedergeschlagen. Er will sofort emigrieren, bleibt aber in Deutschland, um an seiner Operette Der singende Traum zu arbeiten. In London entsteht im gleichen Jahr dann als Werbeclip für eine deutschsprachige Aufführung von Schuberts Dreimäderlhaus diese Aufnahme eines anderen „SchubertHighlights“: „Leise flehen meine Lieder“.

Der kleine Film hat etwas diabolisches. Tauber tritt als beängstigend ähnlicher Schubert-Avatar auf. Die Innigkeit hat sich gegen das Lied ins schmetternd Hochdeutsch-Heldentenorhafte verwandelt, obwohl der Sänger selbst am Klavier sitzt. Die Hüften auf dem Klavierhocker wirken Teekannenhaft verbreitert, ein höhnisches Lächeln umspielt den schön beschworenen Schmerz. War Taubers “Brunnen vor dem Tore” die volkstümliche “Karl-Valentin-Version” der deutschen Innigkeit, dann wäre das die “NaziGründgensversion” , gesungen von einem Juden 1933.
Mit den Nazis ging die Innigkeit zum 2. Mal unter.
Die Hüte flogen mit den Köpfen hinunter.
Das, was man ehemals die Kulturindustrie nannte, versorgt und besorgt den Rest.
Übrig geblieben von der Innigkeit ist der Wunsch, in den eigenen Zimmern zu sterben, bloß nicht im Krankenhaus.
Komm, beglücke mich!


5 Kommentare zu “The End of Innigkeit”

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