Frankfurter Gemeine Zeitung

Es jazzt die Troika – ohne Zwergenweitwurf

Es sei seit Wochen ausverkauft erfahren zu spät Kommende beim 43. Deutschen Jazzfestivals 2012 in Frankfurt. Gestern Abend begann es im Hessischen Rundfunk, Großer Sendesaal auf Sichtweite des Polizeipräsidiums. Diese Nähe ist eher Zufall, wiewohl fast ein Omen für die Wahlverwandtschaften in der Stadt am Main. Die Begrüßungsworte einer Ikone der Jazzkompetenz, Guenter Hottmann vom Hessischen Rundfunk am Donnerstag Abend zirkelten deren Hotspots ab.

Natürlich zuerst die Verbindung des Hessischen Rundfunks zum Kulturamt der Stadt Frankfurt, fast selbstverständlich will man meinen, quasi amtlich gesicherte Jazz-Kultur. Doch diese amtlich gestärkte Medienkultur wird getragen vom Hotspot EZB, der ganze Eröffnungsabend fand in Kooperation mit den „Europa-Kulturtagen der Europäischen Zentralbank 2012“ statt. Natürlich: wenn in Frankfurt jemand Kultur hat, dann die Finanzwirtschaft, Finanzkultur eben. Und die Stiftungen und Räte nicht zu vergessen: die Universität wird jetzt über eine Stiftung in richtige Bahnen geführt, und die Stiftung Polytechnische Gesellschaft als Gründerin der Frankfurter Sparkasse fungiert beim Jazzfestival.

Dieses Ensemble passt genau so zusammen, wie das einflußreiche „Frankfurter Kulturkomitee“ den „Ruf des Großraums Frankfurt als kulturelles Zentrum mit adäquater Lebensqualität auszubauen und zu festigen“ beabsichtigt. Alles soll sich auf eine profitable Zukunft ausrichten, möglichst den Prinzipien des „Frankfurter Zukunftsrat“ („gegen Verteilungsgerechtigkeit“) folgen. Diese „Elite“-Einrichtungen für Frankfurter Kultur und andere Dinge passen besonders deshalb, weil sie unter einem Ex-Vorstand der Deutschen Bank agieren und ihre Mitgliederliste sich wie ein Who-is-Who des deutschen Lobbyismus liest, natürlich mit Kulturgesichtern garniert.

Aber halt, da fehlt noch etwas Zivilisatorisches bei Guenter Hottmanns Begrüßung am Donnerstag, die Autoindustrie. Deswegen musste der Jazzer seine Begrüßung mit Dankesworten an Skoda („also VW“) beenden, das dem ganzen Event erst die echte Mobilität verleiht.

Soviel zu geistigen Nährboden kreativer Kulturpolitik, in Frankfurt eine besondere Melange. Gewiß weder verwunderlich noch erschreckend, aber vermutlich würden wir uns am Main auch nicht mehr wundern, wenn Orga und Zugangsberechtigungen des alljährlichen Museumsuferfest im Verbund von Deutscher Börse AG und dem Polizeipräsidium kontrolliert würden. Wer sonst kann besser kulturelle oder sportliche oder… Großspektakel verwerten?

Und wenn erst die beliebte Troika europäischer Finanzwirtschaft vom Dach der Commerzbankzentrale Griechenweitwurf fürs geneigte Publikum anbietet, kommt Freude auf. Unter geschätzten 12 Millionen Zuschauern am Wochenende werden sich genug Wurfmeister finden, der Main zur weichen Landung der Sturzflieger ist auch nicht weit (schlappe 320 Meter), und Zwergenweitwurf ist schließlich wegen Behindertenfeindlichkeit untersagt.

Besser her mit finanzschwachen Griechen!

All das wird das Frankfurter Kulturempfinden kaum ernsthaft belasten, besonders wenn bei der Eröffnung des Fests noch Ex-OB Petra Roth mit Ex-Kanzler Gerhard Schröder auf dem neusten Porsche Cayenne drei volle Runden über den Eisernen Steg jagen.

Jazzfestivals regen eben auch Hintergedanken an, besonders in Frankfurt, aber jetzt noch etwas Musik und Bilder vom Eröffnungsabend.


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