Frankfurter Gemeine Zeitung

Philosophicum caritativum

Anlässlich der so überaus positiven Berichterstattung in der FR über ein Stückchen sozialen Frankfurts, das an die beste Tradition der humanistischen Stifterpersönlichkeiten dieser Stadt erinnert. Ein durchaus polemisch gemeinter Kommentar.

Die Zivilgesellschaft übernimmt Verantwortung, man sieht sie vor sich, diese Insel der Glückseligen, inmitten der Hochpreiswüste, die da heissen wird „Kulturcampus Bockenheim“, diese schöne neue Welt, in der Gut-Betuchte und weniger Betuchte in vollkommener gegenseitiger Anerkenntnis den ihnen angewiesenen Platz einnehmen sollen, fürsorglich die einen, dankbar die anderen.
Das Projekt Philosophicum – wie es immer wieder angepriesen wird – befindet sich in bester Lage, guter Nachbarschaft, ist Eigentums-kompatibel und des Wohlwollens selbst der Vordenker der Bertelsmannstiftung sicher. So wie jetzt wieder in der FR propagiert, gerät es zum Leuchtturm des etrwas anderen Frankfurt und ist ein Beispiel für den oft behaupteten, bislang jedoch kaum ausgemachten >>trickle-down<< Effekt, nachdem nur dafür gesorgt werden muss, dass es den einen besser geht, damit der Rest davon profitieren kann.

Datei:Frankfurt, Philosophicum.jpg

Das Projekt passt in diese Stadt und setzt die noch junge Tradition fort, die mit der Genossenschaft „Fundament“ auf dem Naxosgelände im Ostend so verheissend begann. Und tatsächlich ist der eigentliche Zankapfel schlicht und ergreifend das Geld. Denn es ist geeignet auf Seiten der ABG Holding die Gewinnerwartungen nach unten zu drücken, auf der anderen Seite allerdings auch die Zahl der Anwärter auf den Status einer/s Genoss*in: Letzteres kann allerdings in Grenzen gehalten werden durch erleichterte Kredite – wie wir dies im Rahmen von Empowerment-Strategien in der Entwicklungshilfe kennen.
Keine Rede mehr von dem Ruf nach dem Staat in Form von sozialen oder besser kommunalem Wohnungsbau, schon gar keinen nach der Dekommodifizierung von Grund und Boden.

So reduziert sich der Konflikt auf zwei mögliche Vertragsparteien, die jeweils ihren maximalen Vorteil für sich herausholen möchten. Das ist übersichtlich. Und wäre das Gebäude „Philosophicum“ nicht an derart strategisch bestimmender Stelle, wäre auch eine Einigung wahrscheinlicher. Zur Zeit müssen da eben noch gewaltige Geschütze zur Untermauerung der Position aufgefahren werden, so „Denkmalschutz“, „Demokratische Architektur“, „Schaffung bezahlbaren Wohnraums“ (unter anderem), alles relevante für sich selbst sprechende Grössen.

Mit dem vor sich her getragenen Banner „Genossenschaft“(1) kann es denn auch überhaupt keinen Zweifel an der Lauterkeit der Absichten geben, wenn auch einiges an einen grossbürgerlichen Haushalt am Ende des 19. Jahrhunderts erinnern mag.
Deshalb findet eine politische Auseinandersetzung nicht statt, dies ist auch weder kurz- noch mittelfristig ein Bestandteil des Konzepts „Philosophicum“, das einfach die Lebenssituation einiger Gut-Betuchter widerspiegelt, denn sich als Bestandteil einer anderen Aufstellung städtischer Politik zu verstehen.
Es sei an die Abgrenzung gegenüber anderen Positionen innerhalb des “Rechts auf Stadt“ erinnert, bei deren Intervention das propagierte Wohnen allzu oft gefährdet erscheinen musste (was nun auch nicht so von der Hand zu weisen ist). Kein Wort auch, wie dieses Projekt in das grössere Projekt Campus Bockenheim einfließt, wie es beabsichtigt ist, die unheilige Dreifaltigkeit aus Land Hessen, Magistrat der Stadt und ABG Holding an der völligen Enteignung des Geländes zumindest zu stören. Auch als Fluchtpunkt für das angegriffene IvI ist es wohl nicht gedacht.
Immer, wenn es opportun erschien, wurde aufgefordert, die Köpfe hinzuhalten, ansonsten aber die Verhandlungen auf höchster Ebene (und Niveau) nicht zu stören.(2)
Bezahlbar ist solches Wohnen für den Teil, der eine Berufsbiographie vorweisen kann, die es gestattete ausreichend Rücklagen zu bilden, befindet sich jemand ausserhalb dieses Spektrums, jenes glücklichen Teils unserer Bevölkerung, verheisst es dagegen eine kleine Erleichterung innerhalb der jeweiligen Prekarität(3)

Und in der Tat ähneln sich die Argumentationen hierzulande: So bedauert die Caritas, dass sie leider gezwungen sei, Immobilien hochpreisig zu verkaufen, damit sie ihren Almosenkasten auffüllen kann.

Wenn Junker als Chef der ABG das Refinanzierungsgebot mit den Genoss*innen erfüllen kann, dann steht dem Projekt auch nichts weiter entgegen (er gibt auch das Studierendenhaus an den Verein offenes Haus der Kulturen, sobald der sich bereit erklärt 60.000 Miete monatlich und ca. 20.000 Umlagen zu berappen). Das ändert aber keinen Jota an der Enteignung städtischen Grundes. Und nichts an der Exklusivität dieser Geschichte. Es fehlt noch, dass für das Projekt Fördergelder fliessen, die für den Popel-Anteil geförderter Wohnungen angeblich verwendet werden sollen, dies allerdings erlaubte Junker, die beim Philosophicum entgangene Profit-Marge andernorts auf dem Campus wieder herein zu holen.

Mit den hier propagierten Spielarten von rechtlichen Eigentumsfiguren ist über deren Inhalte recht wenig ausgesagt und so bleibt es bei der Junkerschen Vorgabe: willkommen ist und gebaut wird für alle – die bezahlen können. Ob Generaldirektor oder Genoss*in, da sind wir grosszügig. Eben, wo Junker Recht hat, hat er recht.

Trotzdem, so von Menschin zu Mensch: wir drücken euch die Daumen. Aber eins noch: wenn es mit der Genossenschaft nicht klappt, wie wär’s mit einer Stiftung!

(1) Zum Genossenschaftswesen gehören der Milliarden-Konzern Migros, einige Banken und kann fortgesetzt werden bis zur Kibbuzim-Bewegung. Es gibt Genossenschaften und Freie Genossenschaften (die heissen so, weil sie mit der Arbeiterbewegung überhaupt nichts am Hut haben). Genossenschaft ist halt eine Rechtsform, damit sie sich einfügt in den Kapitalismus und justitiabel wird. Mehr drückt sich darin nicht aus.

(2) Was sich vor allem in unterbliebenen Diskussionen ausdrückt. Weder wurden die politischen Vorgehensweisen rund um das Bockenheimer Projekt thematisiert noch die berüchtigten Planungswerkstätten, auf denen Leute aus dem Netzwerk als Publikum willkommen waren, solange sie sich nicht zu Akteuren aufschwangen, denn dafür hat man/frau seinen/ihren Expertenstab. Diese Form von Borniertheit dämpfte dann auch die anfängliche Begeisterung erheblich.

(3) Insofern hier der Zugang zu Kredit erleichtert wird, der ansonsten verschlossen bleibt. Damit wird zugleich eben dieses Kreditwesen gefestigt, das mit der Genossenschaft wenigstens zum Teil ausser Kraft gesetzt oder zumindest zurück gedrängt werden soll. Weiter werden dadurch jene Mechanismen unangetastet gelassen, die sich unmittelbar auf Eigentumsverhältnisse und Grundrenten gründen. Auch die Erleichterung der Verschuldung kann nicht mit einer eventuell folgenden Emanzipation begründet werden. Antikapitalistisch ist dies schon gar nicht.


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